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Kann Armenkapitalismus erfolgreich sein? Was Mikrokredite bewirken (können) Wer kein regelmässiges Einkommen hat und nichts besitzt, ist nicht kreditwürdig, ist nicht bankable oder bezahlt sehr hohe Risikozinsen. So lautet die Formel der konventionellen Banken. Muhammad Yunus, der Gründer der Grameen Bank in Bangladesh sieht es anders rum: Arme bleiben arm, weil ihnen ein paar Dollars fehlen. Folglich muss man ihnen diese Kleinstsumme als Starthilfe zur Selbsthilfe ausleihen. Die Grameen-Bank hat das umgesetzt und daraus eine Erfolgsgeschichte gemacht, die ihrem Gründer zuletzt den Friedensnobelpreis beschert hat. Wie schafft es die Bank, Arme bankable, will sagen rückzahlungsfähig und -pflichtig zu machen? Im Prinzip gibt es zwei Alternativen zur staatlich-juristisch abgesicherten Kontrolle via Haftung mit Eigentum: mafiöse Gewalt oder andere Formen informeller sozialer Kontrolle. Wer von Grameen einen Kredit will, muss sich mit vier anderen Personen in einer Gruppe zusammentun, welche sich regelmässig trifft und wöchentlich in den lokalen Kreditzentren öffentlich im Beisein anderer Kreditgruppen Rückzahlungen tätigt und/oder Kreditauszahlungen entgegennimmt. Weil alles öffentlich ist, braucht es keine Verträge, keine Kreditbuchhaltung, ausser in der Zentrale der Bank. Die Rückzahlungen und obligatorischen Fondseinlagen sind standardisiert. Einen Kredit bekommt pro Gruppe zuerst nur eine Person. Wenn diese regelmässig die wöchentlichen Raten zurückbezahlt, wird eine zweite Person kreditberechtigt. Zuletzt Anrecht auf einen Kredit hat die Vorsitzende der Gruppe. Wer nicht wie vorgesehen die Rückzahlung leistet, fliegt raus. Meistens handelt es sich dabei um Männer. Frauen, das hat Grameen bald festgestellt, sind viel zuverlässiger. Die Grameen Bank will nicht nur KreditnehmerInnen zu einem Minimaleinkommen verhelfen, sondern sie organisiert auch Kapitalbildung. Im Gegensatz zur Women's World Bank beispielsweise, welche eine Art Garantie für Kreditnehmerinnen abgibt, damit sie reguläre Bankkredite bekommen, sorgt Grameen dafür, dass der Surplus bei ihr bleibt. Sie fördert und erzwingt Ersparnisse.. Sie sollen der Erweiterung der Armenkredite dienen oder für entwicklungspolitische und kollektive Belange investiert werden. KreditnehmerInnen können (und sollen) sich an der Bank und ihren Entscheidungen beteiligen. Gegenüber dem viel gelobten Projekt wird jedoch die Kritik lauter. Sie bewegt sich auf drei Ebenen: Zum einen wird in Frage gestellt, ob die emanzipatorische Wirkung auf die Frauen so gross ist, wie von der Gemeinde der "Kleinkreditgläubigen" heute gerne oft behauptet. Studien haben ergeben, dass, wenn auch Frauen die Kredite bekommen, in 95 Prozent der Fälle, männliche Familienangehörige über die Verwendung des Geldes entscheiden und dieses manchmal zweckentfremden. Um ihren Rückzahlungsverpflichtungen nachzukommen, müssen dann die Frauen bei Clanangehörigen um Geld bitten und handeln sich dadurch noch mehr familiäre Verpflichtungen ein. Der vielgepriesene Erfolg von Grameen, so sagen einige KritikerInnen, sei nur Ausdruck für die zunehmende Verschuldung der Armen. Im übrigen seien arme Frauen so hervorragend zuverlässige Kreditnehmerinnen, weil sie einer enormen sozialen Kontrolle unterworfen sind. Ein anderes wesentliches Argument dreht sich um die entwicklungspolitische Dimension des Projekts. Yunus setzt auf die Akkumulationsfähigkeit der Armen. KritikerInnen weisen darauf hin, dass damit die brisante Frage nach der Verteilung ökonomischer Ressourcen auf nationaler und internationaler Ebene ad acta gelegt werde. Der Wohlstandseffekt sei genau gesehen gering, die Armen würden nie aus der Falle der Kleinstproduktion herauskommen. Inzwischen dienen zunehmend die Erfolge von Kleinkreditprogrammen rechtskonservativen PolitikerInnen dazu, gegen staatliche Entwicklungs- und Sozialprogramme zu polemisieren. Auch steigen Citibank, MasterCard und andere kommerzielle Großunternehmen zunehmend ins Mikrokreditgeschäft ein, spätestens seitdem die UNO 2005 das Jahr der Mikrokredite ausgerufen hat. Der Grund: Es rentiert. Wenn auch eine 2%-Rendite hierzulande nicht sehr groß zu sein scheint, so ist es doch eine Rendite, welche die Armen erarbeiten müssen, ohne dass der erarbeitete Reichtum bei ihnen bleibt. Vor Ort bedeutet eine 2%-Rendite angesichts von Inflation oder möglichen Währungsverlusten einen wesentlich höheren Zins als 2%, der nicht lokal reinvestiert oder für Beratung ausgegeben wird, sondern eben ins Ausland abfließt. Trotzdem argumentieren heute verschiedene VertreterInnen der europäischen entwicklungspolitischen Szene für die Finanzierung von Mikrokreditsystemen durch europäische Anlagefonds. Ihre Begründung: Laut Schätzungen werden jährlich 500 Mio. bis 1 Mrd. US-Dollar Neukapital für Mikrokredite benötigt. Das könne durch die Entwicklungshilfe allein kaum aufgebracht werden. Diese Argumentation ist ein ökonomischer Unsinn, weil eine groß angelegte Finanzierung von Mikrokrediten durch ausländische Kredite die Auslandsverschuldung der Entwicklungsländer vergrößern würde. Die Hilfe zur Selbsthilfe der Armen würde damit zum Exportzwang für die armen Länder, weil nur durch Mehrexporte zunehmende Schuldendienste finanziert werden können. Der Kapitalbedarf von Mikrokreditsystemen sollte deshalb im großen Stil nur durch ausländische Entwicklungshilfe à fonds perdu finanziert werden oder dann durch das Land selbst – beispielsweise mit einem Gegenwertsfonds nach einer Schuldenstreichung oder durch inländische Ersparnisse via Regional- oder Armenbanken. online seit 15.05.2007 09:53:49 (Printausgabe 37) autorIn und feedback : Mascha Madörin |
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