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Atypische Beschäftigung

– Prekäres Leben?

"Nicht jedes atypische Arbeitsverhältnis führt automatisch zu prekärem Leben!“ Nur allzu oft wird „der IT-Experte“ aus dem argumentativen Zauberhut gezogen, der gar keine Anstellung wünscht, weil er so unabhängig und flexibel seiner gut bezahlten Tätigkeit nachgehen kann. Bei den aktuellen Daten zur Atypisierung von Beschäftigungsverhältnissen stellt sich jedoch die Frage, wie viele IT-ExpertInnen von Nöten wären, um den Zusammenhang von atypischer Arbeit und prekärem Leben tatsächlich auszuhebeln.....

Atypisch

Unter atypische Arbeitsverhältnisse fallen - je nach Abgrenzung - Teilzeit- und Leiharbeit, Freie Dienstverträge, geringfügige Beschäftigung und die so genannten „Neuen Selbständigen“ (Ich-AGs). Abgesehen vom Bereich der Leiharbeit – und auch hier ist die Tendenz stark steigend - sind zum überwiegenden Teil Frauen atypisch beschäftigt.

Dazu zwei Beispiele: 2005 waren in Österreich lt. AK Wien 230.000 Menschen geringfügig beschäftigt, d.h. unter einem Ausmaß von 333 Euro monatlichem Honorar und daher ohne jeglichen Sozialversicherungsanspruch. Davon waren 160.000 Frauen. Was die Zahlen nicht verraten, ist die Tatsache, dass Frauen zum Großteil ausschließlich geringfügiger Beschäftigung nachgehen, im Gegensatz dazu üben Männer diese Tätigkeit meistens als Zuverdienst zu ihrer Pension oder Arbeitslose aus und haben somit Anspruch auf Versicherungsleistungen.

Bei der Teilzeit, der aufgrund des geltenden Arbeitsrechts best abgesicherten Form der atypischen Arbeit, verhält es sich ähnlich: Von den ca. 750.000 teilzeitarbeitenden Menschen in Österreich sind über 90% Frauen, wobei sich ein enger Zusammenhang zwischen betreuungspflichtigen Kindern und der Teilzeitarbeit von Frauen beobachten lässt: Bereits 38% der Frauen mit einem Kind arbeiten Teilzeit, wobei sich der Anteil mit der Kinderanzahl erhöht. Bei den Männern ist der Anteil mit etwa 4% bedeutend niedriger und nahezu unabhängig vom Vater-Dasein.

Hier zeigt eine weiterführende Untersuchung von SORA vom Juli 2006, dass lediglich 22% der Teilzeitarbeitenden sich diese Form der Beschäftigung wünschen, 60% der Betroffenen sind demgegenüber überzeugt, dass „Teilzeit nichts anderes ist, als die selbe Arbeit in kürzerer Zeit und für weniger Geld“ zu verrichten, und daher verwundert das Urteil „nur Vollzeit garantiert ein Einkommen, von dem man leben kann“ auch nicht weiter. Somit beginnen prekäre Lebensumstände oft früher als vermutet!

Prekär

In einer Lohnarbeitsgesellschaft wie Österreich ist eine starke Abhängigkeit zwischen Lohnarbeit und Lebensumständen zu verzeichnen. Die fehlende Sicherheit an durchgehender Erwerbstätigkeit bei atypischer Beschäftigung sowie die mangelnde finanzielle und soziale Absicherung wirken sich nachteilig auf fast alle Lebenslagen aus. Brüche in der Erwerbsbiografie und das Ausbleiben eines adäquaten Einkommens führen zu prekären Lebensverhältnissen. Resultierend daraus sind Lebensentwürfe schwer zu planen bzw. mit atypischer Beschäftigung kaum vereinbar. Dies betrifft vor allem das Problem, der finanziellen Verantwortung im Falle von familiären Verpflichtungen längerfristig und garantiert nachkommen zu können.

Aufgrund dieser Unsicherheitsfaktoren zeigt sich dieses Phänomen auch in einer Abnahme der Geburtenrate, in einem Rückgang von (Lohn-)Steuereinnahmen und Einnahmen aus der Sozialversicherung, in einer Zunahme von privaten Konkursen sowie in einem generellen Anstieg von relativer als auch absoluter Armut. Angesichts der voranschreitenden Entkopplung von Erwerbsarbeit und Existenzsicherung werden Stimmen laut, die ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ fordern….

Bedarfsorientiert?

In den Koalitionsverhandlungen zwischen SPÖ und ÖVP wurde stattdessen eine „bedarfsorientierte Mindestsicherung“ ausverhandelt. Hauptziel ist die Harmonisierung der Sozialleistungen der Länder bis 2010 auf eine Höhe von voraussichtlich 726 Euro. In diese Mindestsicherung fallen dann auch Sozialleistungen wie Heizkostenzuschuss oder Mietkostenbeihilfe, sodass sich die Frage stellt, ob damit tatsächlich eine Verbesserung zum bisher bestehenden Sozialversicherungs- und Sozialhilfesystem geschaffen wird. Die Auszahlung der Mindestsicherung ist stark an „Bedarfsorientierung“ und „Arbeitswilligkeit“ gebunden. Ein zentraler Punkt ist der Einsatz des eigenen Vermögens: Dieses muss veräußert werden, um einen Antrag auf Mindestsicherung stellen zu können. Das bedeutet, dass alle Rücklagen zuerst aufgebraucht werden müssen, bevor der Staat einspringt. Auch die „Arbeitswilligkeit“ ist ein heikler Punkt: BezieherInnen der Mindestsicherung sollen so rasch wie möglich in den Arbeitsmarkt integriert werden, wobei die Zumutbarkeitsbestimmungen verschärft und Arbeitslose zu gemeinnütziger Arbeit herangezogen werden können. Dass diese Verschärfungen bisher kein größeres Echo in Medien und Öffentlichkeit hervorgerufen haben, kann wohl nur mit der derzeit bestehenden Unsicherheit, was nun wirklich kommen wird, erklärt werden.

Weder kann zum derzeitigen Zeitpunkt die Haltbarkeit einer großen Koalition vorhergesehen noch die Finanzierung der Mindestsicherung garantiert werden, da bei diesem Punkt die Länder bereits Einsprüche angemeldet haben. Käme die derzeit diskutierte Form der Mindestsicherung, würde die Entwicklung aber eher hin zu Harz IV, den umstrittenen Arbeitsmarkt- und Sozialhilfereformen in Deutschland, gehen. Sollte es nicht eine Frage des politischen Willens und Interesses sein, an einem Modell der gesellschaftlichen Teilhabe von allen in Österreich Lebenden zu arbeiten, in der steigende Armut sowie prekäre Lebensverhältnisse keinen Platz haben?

Doris Bammer, Petra Völkerer und Petra Ziegler arbeiten in der Forschungswerkstatt IN_FEM, die sich mit der Thematik Prekarisierung auseinandersetzt und ab März öffentliche Lesekreise abhalten wird. Bei Interesse: forschungswerkstatt@gmx.at


online seit 28.02.2007 12:46:54 (Printausgabe 36)
autorIn und feedback : Doris Bammer, Petra Völkerer und Petra Ziegler




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