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Befreiung von Arbeit? “Unter den gegebenen Bedingungen wäre ein Grundeinkommen für Frauen nicht zielführend.” - Die Ökonomin Gabriele Michalitsch im MALMOE-Gespräch. In einem Handout für eine Podiumsdiskussion in Graz schreiben Sie, die Argumentationslinien in der Debatte um ein Grundeinkommen hätten sich in den vergangenen Jahren verschoben. In welchem Kontext wird aus Ihrer Sicht derzeit über dieses Thema diskutiert? Zunächst befürwortete schon in den 1960er Jahren Milton Friedman, heute bekannt als einer der führenden neoliberalen Ökonomen, ein Grundeinkommen auf Grundlage einer negativen Einkommenssteuer, von der sich Friedman nicht zuletzt die Minimierung des Einflusses des Staates auf die Ökonomie erhoffte. Etwa in der Art: Einmal im Jahr fliegt “der Staat” mit einem Helikopter über das Land und verstreut Geld – um die Geldmenge dem Güter- und Leistungsvolumen anzupassen – und das wär dann auch schon alles an Wirtschaftspolitik, mehr brauche es nicht. In den 80er Jahren wurde das Grundeinkommen dagegen vor allem unter dem Aspekt “Befreiung von entfremdeter Arbeit” diskutiert, wobei das Grundeinkommen Wahlmöglichkeiten zwischen Erwerbsarbeit und unbezahlter, selbstbestimmter Arbeit eröffnen sollte. Derzeit wird das Grundeinkommen hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt der Armutsbekämpfung und der Schaffung eines Minimums an sozialer Sicherheit diskutiert. Insofern lassen sich an der Grundeinkommensdebatte nicht nur diskursive Konjunkturen in der Gesellschaft nachvollziehen, sondern auch die Verschiebung gesellschaftlicher Problemstellungen. Wenn das Grundeinkommen derzeit vor allem unter dem Aspekt der Armutsbekämpfung und der Absicherung gegenüber zunehmender Prekarität debattiert wird, müsste die Diskussion vor allem in feministischen Zusammenhängen präsent sein, da doch offensichtlich sowohl von neuer Armut als auch von Prekarität überwiegend Frauen betroffen sind? Meines Erachtens wird das Grundeinkomen relativ wenig unter einem spezifisch feministischen Blickwinkel thematisiert, was auch daran liegt, dass es eine stark ökonomisch orientierte Fragestellung ist und es in diesem Land relativ wenige Ökonominnen gibt und entsprechend noch weniger feministische Ökonominnen, die auch öffentlich Gehör finden. Darüberhinaus blendet der öffentliche Diskurs über Wirtschaftspolitik die Geschlechterproblematik ohnedies zumeist aus. Wobei ein Grundeinkommen - unter den gegebenen Bedingungen - aus einer emanzipatorischen Perspektive für Frauen nicht grundsätzlich als zielführend angesehen werden kann. Und zwar aus mehreren Gründen: Soweit Grundeinkommen im Hinblick auf Armutsbekämpfung als Form der Grundsicherung gedacht wird, verbindet sich damit ja noch keine Systemveränderung und die wäre gerade für Frauen wichtig. Ich halte es zwar für zentral, dass Mindesteinkommen, Mindestpensionen etc. garantiert werden, ein Grundeinkommen aber, das dazu führt, dass die Integration von Frauen in den Erwerbsarbeitsmarkt gerade nicht gefördert wird, weil Frauen damit ja ohnehin “versorgt” wären, halte ich für problematisch. Derart würde ein Grundeinkommen die Politik aus der Verantwortung entlassen. Insofern denke ich, dass unter den gegebenen Bedingungen ein Grundeinkommen kaum existenzsichernd wäre und folglich seinen emanzipatorischen Charakter verlieren würde. Ein Grundeinkommen, so wie ich mir das vorstelle und wie es auch in den 80er Jahren diskutiert wurde, halte ich dagegen für gut und wichtig. Was wären aus Ihrer Sicht Eckpfeiler eines solchen Grundeinkommens-Modells? Es muss eine Höhe haben, die tatsächlich gesellschaftliche Partizipation ermöglicht, eingebunden sein in Gleichstellungs- sowie emanzipatorische Arbeitsmarktpolitiken. Grundeinkommen ohne gleichzeitige spezifische Regelungen zur Erwerbsarbeit – wie etwa die Einführung eines Mindeststundenlohns – halte ich für nicht zielführend. Insofern braucht es also gleichzeitig eine völlig andere Arbeitsmarktpolitik, die die Arbeitszeit generell verkürzt und flexibilisiert, aber dabei nicht eine Unzahl prekärer Arbeitsverhältnisse schafft. Darüber hinaus brauchen wir Mindeststandards für das Sozialsystem wie auch die Integration aller Beschäftigungsformen in das Sozialsystem. Das wäre wohl auch die Voraussetzung für einen wirklichen Umbau des Sozialsystems anstelle der Reduktion, die wir derzeit unter dem Titel “Reform” erleben. Ein Aspekt in der Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen ist aber auch der Versuch, den Arbeitsbegriff neu zu definieren, also etwa den Bereich der – fast ausschließlich von Frauen geleisteten – Reproduktionsarbeit einzubeziehen. Unter den gegebenen Bedingungen halte ich das allerdings für besonders problematisch. Ein Grundeinkommen von zum Beispiel 800 Euro würde nämlich kaum gesellschaftliche Partizipation ermöglichen und am zentralen Stellenwert von Erwerbsarbeit kaum etwas ändern, aber möglicherweise dazu führen, dass die Politik erklärt, jene Personen, die die Versorgungsarbeit im privaten Bereich leisten – '75nd das sind vor allem Frauen – wären damit ja ohnehin abgesichert. Folglich müsste der Staat bestimmte Versorgungsleistungen nicht mehr zur Verfügung stellen, etwa im Gesundheits- oder im Pflegebereich bzw. in der Kinderbetreuung. Da diese Bereiche aber traditionellerweise den Frauen zugeschrieben werden, würde das bedeuten, dass damit über die Einführung eines Grundeinkommens die traditionelle Zuständigkeit von Frauen für Reproduktionsarbeit weiter festgeschrieben würde. Gabriele Michalitsch ist Politikwissenschafterin und Ökonomin und hat derzeit die Aigner-Rollett-Gastprofessur an der Universität Graz inne. online seit 30.11.2006 11:22:51 (Printausgabe 35) autorIn und feedback : Fragen: Günther Hopfgartner Links zum Artikel:
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Was wurde eigentlich aus...? Ein Update zu MALMOE-Themen in früheren Ausgaben. Folge 15: Hardt/Negri [24.08.2010,BW] Was wurde eigentlich aus...? Ein Update zu MALMOE-Themen in früheren Ausgaben. Folge 13: Grundeinkommen [11.06.2010,Marion Stoeger] Die Kinder vom AMS Ein Bericht zum Arbeitsmarktservice Jugendliche in Wien [31.05.2010,Philip Taucher] die nächsten 3 Einträge ... |
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