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Arbeitskraft zu versteigern



In der liberalen Wirtschaftstheorie spielt eine Kunstfigur eine zentrale Rolle: Der Auktionator. Um zu erklären, warum das eigennützige Handeln der UnternehmerInnen und KonsumentInnen im Kapitalismus letztlich zum besten Ergebnis für alle führe (und somit das System zu rechtfertigen), griff Adam Smith im 18. Jahrhundert auf die Metapher der „unsichtbaren Hand“ des Marktes zurück, die alles zum gesellschaftlichen Besten lenkt. Um die Wende zum 20. Jahrhundert wartete Leon Walras mit einer mathematisch-formalen Darstellung dieses Arguments auf, unter Zuhilfenahme einer Annahme: Der Marktprozess wird als eine Auktion verstanden, wo ein Auktionator die Angebots- und Nachfragepreise einholt und schließlich in einem Gleichgewichtspreis zur Übereinstimmung bringt. Dann ist alles im Gleichgewicht und alle sind glücklich. Das ist einer der Kernpunkte der so genannten „neoklassischen“ Wirtschaftstheorie.

Dass es diesen Auktionator in Wirklichkeit gar nicht gibt, war das augenfälligste Argument für die breite Kritik, die den Siegeszug dieser als Rechtfertigungsideologie für den Kapitalismus geschmähten Modellkonstruktion begleitete.

Diskursanalysen wie jene von Foucault gehen jedoch davon aus, dass die wirksamsten Effekte dieser Theorie nicht in der zutreffenden Beschreibung der Wirklichkeit, sondern in ihrem Charakter als Referenzmodell zur Herstellung von Wirklichkeit liegt: Vereinfacht gesagt reformiert die Theorie (gestützt auf Interessen, die sie legitimiert) nach und nach die Wirklichkeit. Das gilt für den alles nach seinem persönlichen wirtschaftlichen Vorteil beurteilenden homo oeconomicus (eine weitere Grundannahme der Neoklassik) ebenso wie für den oben erwähnten Auktionator.

Weltweit fallen in den letzten Jahren und Jahrzehnten die Barrieren für Preisvergleiche, große Unternehmen lassen Zulieferer in globalem Wettbewerb antreten und ermitteln per online-Auktion den Billigstbieter. EndverbraucherInnen kommen seit dem globalen Siegeszug von ebay ebenfalls als AkteurInnen eines intensivierten Vergleichs ins Spiel. Manche von ihnen erwirtschaften mit dem virtuellen Flohmarktwesen sogar ein sattes Einkommen: In Europa leben angeblich zigtausend Leute vom An- und Verkauf auf ebay.

Der Erfolg reißt nicht ab und zieht weitere Nachahmer nach sich: Unlängst hat mit „willhaben.at“ sogar noch ein neuer online-Shop aufgemacht, während der einstige Österreich-Marktführer onetwo.at die erstarkte ebay-Konkurrenz offenbar locker wegsteckt.

Der Kannibalisierungseffekt dieser virtuellen Auktionshäuser schien auf den ersten Blick ein Indiz für den sinkenden Stern materieller Produkte und Produktionsprozesse in den konsumgesättigten Industriestaaten zu sein: An physischen Gütern herrscht Überangebot, folglich setzt ein Preisverfall ein, der die Hersteller unter Druck setzt, ihre Gewinne schmälert, und die Produktion zunehmend in Billiglohnländer verdrängt. Im Gegensatz dazu, so der Tenor der wirtschaftspolitischen Diskussion, läge die Zukunft für reiche Staaten in den Dienstleistungen, wo der Preissetzungsspielraum größer ist als bei materiellen Produkten: Wegen dem persönlichen Charakter vieler dieser Leistungen; weil Dienstleistungen Kontakt zwischen AnbieterIn und EmpfängerIn erfordert, die über große Distanz meist nicht zu haben ist und deshalb der Wettbewerb beschränkt ist; und weil Dienstleistungen oft nicht so standardisiert und vergleichbar sind wie die meisten materiellen Produkte.

Doch das Auktionswesen greift vermehrt auch auf Dienste über: In letzter Zeit gehen insbesondere in Deutschland reihenweise Internetportale online, auf denen Arbeitskraft per Versteigerung gehandelt werden kann. Der moderne Sklavenmarkt trägt Namen wie „JobDumping“, „Cheapjob“ und „jobazaar“. „Sie wollen nicht erst Bewerbungsschreiben und Lebensläufe durchsehen, Sie brauchen nur jemanden, der Ihren Rasen mäht? Dafür haben wir jobazaar entwickelt“, umwirbt ein Portal potenzielle ArbeitgeberInnen. Dass der Ökonom Hilmar Schneider vor wenigen Wochen bei einer Tagung der Hanns Martin Schleyer Stiftung zum Abbau der Arbeitslosigkeit vorgeschlagen hat, die Tätigkeit von Arbeitslosen vom Sozialamt versteigern zu lassen, sorgt zwar für Aufregung, legt aber in Wahrheit nur noch bei einer gängigen Praxis einen Gang zu. Es scheint, als würde das Auktionsprinzip sich letztlich doch in einem ungeahnten Siegeszug durchsetzen, und Zug um Zug alle Wirtschaftssubjekte einem „permanenten ökonomischen Tribunal“ (Foucault) unterwerfen.

Damit ist freilich noch nicht gesagt, dass das sinnvoll, gesamtwirtschaftlich nützlich oder auch nur im Interesse der AuftraggeberInnen ist: Zu den Grundannahmen des Auktionator-Modells als Wohlstandsmaximierungsmaschine gehört, dass allen Beteiligten vollkommene Information vorliegt, dass die Waren standardisiert sind, keiner betrügt, keine Machtungleichheiten unter und zwischen Anbietern und Nachfragern vorhanden sind und vieles andere mehr. Gerade der Arbeitsmarkt zeichnet sich aber insbesondere dadurch aus, dass die Ware Arbeitskraft der toten Materie materieller Produkte dermaßen unähnlich ist, dass sie eine aufwändige Reihe von institutionellen Einbettungen (gesetzliche Regelungen, spezifische Motivationsangebote, kollektive Vertretung, Verhandlungen etc.) hervorgebracht hat, die sie erst effektiv nutzbar machen. Wer das vergisst, könnte beim Auktionieren so manche Enttäuschung erleben.



online seit 03.04.2006 14:01:38 (Printausgabe 31)
autorIn und feedback : Pinguin




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