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born to be free-lance Architekturarbeit Nun, der obszöne Paarlauf ökonomischer und politischer Interessen hinterlässt neben der Devastierung von Lebensräumen auch gefälligere Spuren: wo ein neues, besseres, aufregenderes oder aber auch sicheres Lebensgefühl suggeriert und damit Profit gemacht werden soll, kommt oft auch hübsche Architektur zum Einsatz. Architektur ist eine Kulturalisierungs-Gewinnerin. Sie hat sowohl vom Kulturell-Werden des Wirtschaftlichen als auch vom Kulturell-Werden des Sozialen profitiert, vom Zwang und Drang zur Selbstdarstellung von Unternehmen ebenso wie von Kommunen und von vollrechts fähig gemachten Institutionen — die zu einer großen Zahl von Neu- und Umbauten geführt haben, zu deren Funktionsprogramm eben auch eine etwas sorgfältiger erarbeitete, imagepolitisch nutzbare Form gehört. Und auch bei der Warenpräsentation im Einzelhandel, in der Werbung, in Gastronomie und Tourismus wird Architektur als Bedeutungsspray eingesetzt und lässt auf ein diesbezüglich steigendes Interesse und trainiertes Differenzierungsvermögen vieler Menschen schließen. Nur: diese Art der Vergemeinschaftung durch ähnliches Begehren verfehlt wiederum knapp, aber eben doch das –u.a. von Walter Benjamin versprochene– konstituierende Vermögen von Architektur: neben der Bestärkung gesellschaftlicher Hierarchien (indem der ästhetische Kanon der hegemonialen Gruppen bestätigt oder grad nur ein bissel gekitzelt wird), wird nun ein etwas größeres Segment angesprochen — mithin auch jene, die den Willen und die Möglichkeit haben, durch selektiven Konsum ihr Selbstgefühl zu steigern. Warum auch nicht? (siehe auch: Sehnsucht) Es verlieren dabei aber alle (mehr oder weniger). “Das Schizophrene ist folgendes: Architekturführer aus den 70er und 80er Jahren sind dünn und klein. Heute gibt es Architekturführer für fast jede Region, es gibt sichtbar eine dichtere Qualität in der österreichischen Architektur. Zugleich kämpfen viele Büros wirtschaftlich ums Überleben, was es früher einfach nicht gab.” (András Pálffy) “Gleichzeitig hat aber in der Öffentlichkeit die Diskussion über Architektur enorm zugenommen, auch in den Medien. Es gibt Institutionen wie Architekturstiftung und Architekturhäuser. Es leben also ganze Branchen vom Thema Architektur ganz gut — nur nicht die Architekten selbst.” (Else Prohazka) Fehlendes Verständnis oder Interesse für den Hintergrund der in den beiden Zitaten angesprochenen Probleme sowie deren Nachbarn soll hier mal bitte nicht den ArchitektInnen angelastet werden: denn lässt man Stadtplanung und Design beiseite, gehören zum engeren Tätigkeitsbereich dieser Berufsgruppe die Vorentwurfs-, Entwurfs-, Einreich-, Ausführungs- und Detailplanung, Koordination mit Behörden, Vergabeverhandlungen, Bauleitung, Kostenkontrolle und Abrechnung; dazu braucht es Kreativität und kommunikatives Geschick ebenso wie juridische, buchhalterische und logistische Kentnisse und –neben dem Beherrschen diverser CAD- und Ausschreibungsprogramme– umfassendes technisches Wissen betreffend Statik, Vermessungskunde, Verkehrsplanung und Tiefbau (davon nur ein bisschen), Städtebau, Hochbau, Bauphysik (inkl. Baubio-, und -ökologie), Stahlbau, Glasbau; Zimmermanns-, Dachdecker-, Spengler-, Schlosser-, Maler- & Anstreicher-, Tischler-, Estrich- und Fliesenlegerarbeiten; Beleuchtungs-, Heizungs-, Klima-, Sanitär-, Elektro-, Kunststoff- und Beschichtungstechnik… je nach Bauaufgabe und Ort noch einiges anderes mehr — und natürlich jeweils am Letztstand. Wie auch bei anderen freien Berufen sind zwar Berufszulassung, Tätigkeitsfeld sowie Honorar durch eine zuständige Berufsvertretung (Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten) gesetzlich geregelt — nichtsdestotrotz haben ArchitektInnen mit “neuen Selbständigen“ manches gemeinsam: 1. unangenehme Abhängigkeiten: sowohl von privaten als auch von öffentlichen Auftraggebern werden oft wochen- oder monatelange unentgeltliche Vorarbeiten für in Aussicht gestellte Projekte gefordert, welche dann aber weder realisiert noch entsprechend honoriert werden; 2. geringer Berufsschutz: einerseits drängen tw. neue Berufsgruppen in ehedem ArchitektInnen vorbehaltene Entscheidungsbereiche (Feng-Shui-Adepten, Developer, Bauunternehmen und andere „Planer“), andrerseits hat die Architektenkammer dabei versagt, den qualitativen Unterschied zur Arbeit z.B. von planenden BaumeisterInnen auch dem Gesetzgeber ausreichend zu verdeutlichen; 3. unsicheres Einkommen: steigendem Planungsaufwand und steigenden Planungskosten stehen seit Jahren stagnierende Baukosten gegenüber — und an eben diese ist das Honorar gebunden; da nun eine große Zahl an Planungsbüros einer weitaus weniger großen Zahl an Planungsaufträgen gegenübersteht und ein erster Auftrag als späteres Referenzprojekt wichtig ist, sind Forderungen nach Unterschreiten der Gebührenordnung von 30% und mehr üblich geworden — nachdem die Architektenkammer dabei versagt hatte, die bestehende Honorarordnung aufrecht zu erhalten. Nun sind ArchitektInnen aber gerade jene, denen es im Bauprozess nicht vorrangig oder gar ausschließlich um Gewinnmaximierung geht. Charakteristisch für diesen Beruf ist eine zweifache Verpflichtung, die unausweichlich, oft und gerne zu Konflikten mit den anderen am Bau Beteiligten führt — mit den ausführenden Firmen ebenso wie mit den Investoren, den –zumeist– Herren Bauherrn. Einerseits gegenüber etwas das hier “Gesellschaft im Allgemeinen” heissen soll: als Auseinendersetzung mit einer ein paar tausend Jahre alten menschlichen Ausdrucksform namens Architektur — in der soziale Strukturen, Beziehung zu Transzendenz, Vorstellungen von Schönheit, technische Möglichkeiten und Sehnsüchte, etc. dargestellt und bearbeitet oder bestätigt werden. Und andererseits gegenüber jenen Menschen, die vom jeweiligen Gebäude etwas direkter betroffenen sind, den verschiedenen, mehr oder weniger mitspracheberechtigten, mehr oder weniger gewollten NutzerInnen — betreffend Anordnung der Räume und Funktionsbereiche zueinander, Wege- und Sichtbeziehungen, Aneigen- bzw. Veränderbarkeit, Belichtungsart, haptische Qualität der Materialien, Geruch u.a.m. — und auch wiederum: auf welchen und auf wessen Schönheitsbegriff bezug genommen wird. Man sieht schon: die beiden Seiten dieser zweifachen Verpflichtung sind miteinander verbunden — dennoch werden sie meist als gegensätzlich dargestellt: hie die bösen Architekten, die auf Kosten der NutzerInnen nur ihrer Profession huldigen wollen, da die nur zu penetrant-klischeehaften Formen führenden, öden partizipativen Prozesse. Aber es heisst ja, Kapitalismus beruhe auf Trennungen... Erstaunlicherweise ist es vor allem der Architekturbetrieb, der diese dumme Entgegensetzung gedankenlos vorplappert –nicht so sehr die täglich in diesem Spannungsfeld agierenden Architekturschaffenden–, und es sind gerade auch jene kurzsichtigen Architekturjournalisten (oft haben sie zwar Architektur studiert, üben diesen Beruf aber nicht aus), die –encore, encore– Einzigartigkeit und individuelle Autonomie als Merkmal erfolgreicher Architekten propagieren. Und dabei immer wieder ganz artig und unreflektiert die jeweils dominante Ideologie übernehmen: wie zuletzt eben den tollen Typ des Künstlers: authentisch! kreativ! ach, ein Star! so schick! und arbeitet immer! Nur ab und zu muss –wie es scheint– dann wieder die ganze Profession hinter dem selbsterzeugten Bild der Vernachlässigung des Sozialen abgewatscht werden (vgl. z.B. Dietmar Steiners Rede auf der Pressekonferenz zur Eröffnung der Ausstellungs von Lacaton & Vassal im Architekturzenrum). Und das wird m.E. nicht nur an der Logik einer am Spektakel ausgerichteten Öffentlichkeit liegen, sondern wohl auch an der Persönlichkeitsstruktur der Akteure. Zugegeben: die Behandlung dieser Themen wäre Aufgabe des Architekturdiskurses, ebenso wie eine Analyse der Zusammenhänge zwischen den ökonomischen Rahmenbedingungen für die gestiegenen „Nachfrage“ nach Architektur und dem zunehmenden Preisdruck und Verdrängungswettkampf innerhalb der Profession. Dennoch soll hier auch eine Aufforderung an jene gerichtet werden, die die Repolitisierung der Kunst im letzten Jahrzehnt theoretisch begleitet und befördet haben, sich doch bitte, bitte gleichfalls mit der –zugegebenermaßen unübersichtlicheren– Materie Architektur zu befassen. Dies gerade eben auch, weil Architektur eine Kunstform ist, die im Prinzip alle betrifft (und deren Wahrnehmung “in der Zerstreuung und durch das Kollektivum erfolgt”, wie Benjamin betont), und die auch eine lange, reiche und theoretisch leider kaum erfasste Tradition als Schauplatz und Mittel der verschiedensten Formen politischen Handelns hat. Und deren kleine Möglichkeiten bei der Konstitution einer weniger auf Mehrwertproduktion denn auf dem Streben nach Gerechtigkeit basierenden Gesellschaft ebenfalls unterschätzt und untererforscht sind — im krassen Gegensatz zur allzu beliebten Fixierung von Architektur in der Rolle des panoptischen Züchtigungstheaters. Es verlieren dabei aber alle (mehr oder weniger). Dass es im Unterschied zu anderen “alten Selbständigen” – wie ÄrztInnen oder JuristInnen – also nicht gelungen ist, die Relevanz der Tätigkeit von ArchitektInnen in der Gesellschaft aufrecht zu erhalten, mag in einem Zusammenhang stehen mit der fehlenden Verankerung des Gesellschaftsbezugs in der Konzeption dieser Tätigkeit. Und das trifft nun vor allem jenen Teil der Berufsgruppe, der bemüht ist, dieser doppelten Verpflichtung nachzukommen, und mit Sorgfalt und, ja: Liebe ein Projekt entwickelt, dessen Ästhetik nicht bloss den gerade vorherrschenden Geschmack zu bestätigen sucht, und das in seiner baulichen Ausformung nicht vor allem der bestmöglichen Bewirtschaftung der NutzerInnen dienen will, sondern auch und gerade eben diesen. Denn das alles ist auch mit einem weitaus grösserem Zeitaufwand verbunden, bei gleichbleibendem Honorar und aber vielleicht grösserer Freude an und Identifikation mit der Arbeit — wenn auch dieser kreative, d.h. aufreibende aber beglückende Teil vielleicht gerade mal 10% der Tätigkeit ausmacht. Ach ja: die ist zumeist mit übergrossem zeitlichen und finanziellen Druck verbunden... Die Situation für MitarbeiterInnen ähnelt der in anderen Branchen: es gibt mehr Arbeitswillige als Arbeitsangebote, und also kann der ökonomische Druck recht leicht an die halt doch abhängigen ArchitekturbüromitarbeiterInnen delegiert werden. Insbesondere für Studierende und JungabsolventInnen wird die Situation durch Leonardo verschärft — jene 100 € monatlicher Förderung für Auslandspraktika der EU, die deutschen Studierenden ein wenig aus ihrer Praxisnachweis-Misere hilft, von manchen hiesigen Architekturbüros aber als Legitimation missbraucht wird, diese unbezahlte Mitarbeit generell als Maßstab heranzuziehen. Für Architekturarbeit charakteristisch ist die oft starke Identifikation mit dem jeweiligen Projekt. Verstärkend wirkt dabei ein –real oder nur imaginiertes– „feindliches“, weil vielfach ohne oder gegen architektonischen Sachverstand agierendes Außen, und die bei diesem obsessiven, gemeinsam-einsamen Kampf um adäquate und schöne Lösungen oft zwischen Euphorie und Masochismus schwankende, familienähnliche Atmosphäre der –meist kleinen– Architekturbüros. Auch der Umstand, dass der Zugang zu diesem attraktiven Beruf (gestalten dürfen!) mit schlechten Arbeitsbedingungen (Dauerstress bei oft über 50 Wochenstunden, um ca. 11-20 € brutto, und immer bis auf Widerruf) fast nur über Büromitarbeit zu haben ist, begünstigt Selbstausbeutung. Sehnsucht. Aber einer „Selbstausbeutung“ geht die Zustimmung zu einer ungerechten Tauschbeziehung voraus. Zugegeben, die Situation am Arbeitsmarkt lässt oft wenig anderes zu. Ein Zusammenschluss der Architekturarbeitenden ist derzeit unwahrscheinlich — das allseits propagierte kompetitive Verhalten wird bereits an den Architekturfakultäten trainiert, und die Aussicht darauf, selbständigeR ArchitektIn werden zu können, mag ein zusätzliches Hemmnis sein. Auch eine Verbindung mit anderen Prekären bzw. eine Politisierung der Tätigkeit scheint derzeit ebenfalls fern zu sein, obgleich es naheliegend wäre: resultiert doch ein Teil der Schwierigkeiten dieser Profession daraus, dass sie ein Gegengewicht bildet zum feisten Streben von Investoren und Bauindustie nach bestmöglicher Bewirtschaftung späterer NutzerInnen. Bis aber hier Allianzen gebildet werden, kann man als MitarbeiterIn unverbesserlich unverschämte Chefs und unveränderbar unbefriedigende Arbeitsverhältnisse bloß: verlassen. Dies mag, bei der derzeitigen Arbeitsmarktlage durchaus verunsichernd sein, aber bei der Tätigkeit in einem Büro muss man ja auch einiges an Risiko tragen. online seit 22.11.2005 10:59:57 (Printausgabe 29) autorIn und feedback : Eine Zeichenfee |
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Was wurde eigentlich aus...? Ein Update zu MALMOE-Themen in früheren Ausgaben. Folge 15: Hardt/Negri [24.08.2010,BW] Was wurde eigentlich aus...? Ein Update zu MALMOE-Themen in früheren Ausgaben. Folge 13: Grundeinkommen [11.06.2010,Marion Stoeger] Die Kinder vom AMS Ein Bericht zum Arbeitsmarktservice Jugendliche in Wien [31.05.2010,Philip Taucher] die nächsten 3 Einträge ... |
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