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  Politik der Angst

Im Großen wie im Kleinen: Von migrantischen Drogendealern, Gewalt in Linz und Strandräubern in Portugal.

Seit 9-11 ist "Angst" im Großen ein Dauerthema der politisch-medialen Diskurse im globalen Norden. Krieg, Terror und Katastrophen, im Süden in unvergleichbarer Intensität seit längerem Bestandteil des ganz normalen Alltags, bestimmen nun auch hier (wieder) den Erwartungshorizont.

Die Diskurse und Politiken um die welterschütternden Groß-Ängste können dabei auf ein Fundament aufbauen, das sich aus einem um Mikro-Ängste und –Anlässe im Alltag kreisenden Angstgeflecht zusammensetzt. "Angst ist die Objektivität der Subjektivität im Spätkapitalismus", konstatierte der Gesellschaftstheoretiker Brian Massumi Anfang der 90er Jahre. Den Hauptgrund dafür sieht er im Zerbrechen der Emanzipations- und Fortschrittshoffnungen, das sich in den 70er und 80er Jahren einstellte, um einer marktliberalen Offensive Platz zu machen. Die gesellschaftliche Erwartungshaltung hat sich seither geändert. Man rechnet nicht mehr mit der Rückkehr ins gelobte Land, sondern mit einer Zerrüttung. Veränderung ist unter den Bedingungen allgemeiner ökonomischer und politischer Verunsicherung von einem Versprechen zu einer Bedrohung geworden. Wo Visionen und Hoffnungen entsorgt worden sind, wird das Geschäft mit Aufmerksamkeit in Medien und Politik mit der Modellierung und Steuerung von Angst betrieben. Angst als Gefühl wird durch ständige Übermittlung angsterzeugender Bilder zum Permanentzustand ohne genaues Ziel, das dadurch umso besser durch steuernde Eingriffe kanalisiert werden kann. Es gibt viele Bereiche, die völlig berechtigterweise Angst auslösen – schließlich sind die Lebenslagen und räumlichen Zonen, die von Prekarisierung und Gewalt heimgesucht werden, beständig im Wachsen begriffen. Die politisch-mediale Modellierung von Angst ist jedoch äußerst selektiv. Gewisse Ängste werden von dominanten politischen und medialen Strukturen legitimiert, verstärkt und angesprochen, andere nicht.

Die Politik der Angst interveniert in dieses Klima mit bestimmten Interessen. Da ist zum einen das Management von Normalität und das Bezeichnen und Denunzieren von Abweichenden: Fremde, sozial Schwache (z.B. Obdachlose) und Jugendliche sind traditionelle Objekte von Angstdiskursen, in denen ihnen Gefährdungspotenzial zugeschrieben wird.

Zum anderen geht es in der Politik der Angst um die Durchsetzung gesellschaftlicher Veränderung. Ängste werden zu Bedrohungsszenarien verdichtet, um bestimmte Lösungen und Veränderungen zu legitimieren (Dabei darf nicht bloß an den Staat gedacht werden - zunehmend treten diesbezüglich neben staatlichen Akteuren auch "Quasi-Staaten" wie etwa Terrorgruppen auf den Plan, wie es der nigerianische Literat Wole Soyinka nennt, die in der Verbreitung von Angst ihr Machtmittel der Wahl erkennen).

Der Sozialforscher Mike Davis sieht etwa die Lage in New Orleans vor dem Hintergrund eines seit Jahren anhaltenden Versuchs, die hohe Kriminalitätsrate dazu zu benutzen, eine Art ethnischer Säuberung durchzusetzen. Die in der Stadt gegen jede Warnung verbleibenden Armen spüren, dass der Wiederaufbau von den Bauunternehmen und gentrifizierungsorientierten Kräften als Gelegenheit genutzt werden wird, ihre Vision zu realisieren, die Stadt in einen von Slums bereinigten Themenpark zu verwandeln. Solche Mechanismen sind auf niedrigerer Stufe der Dramatik auch andernorts zu beobachten. Ein Beispiel ist die Stadt Linz, wo der öffentlichen Hysterie über angebliche jugendliche Gewaltkulturen die Funktion eines Instruments zur Durchsetzung eines anderen Stadtbilds zukommt, wie Anatol Bogendorfer in seinem Artikel in MALMOE 28 ausführt. Ein anderes Exempel jüngeren Datums ist die mediale Konstruktion organisierter Massenüberfälle auf portugiesischen Stränden, die diesen Sommer die Runde machte. Auf Basis von nicht viel mehr als Rassismus, wie Christian Sperl in MALMOE 28 erklärt.

Diskurse und Ängste um Kriminalität werden auch sehr häufig dazu benutzt, ausgeweitete Polizeibefugnisse zu legitimieren und zivilen Widerstand zu brechen. Ein Paradebeispiel dafür ist die so genannte "Operation Spring" im Jahr 1999, die den Kulminationspunkt einer Kampagne zur Verknüpfung von Rassismus und moralischer Panik gegenüber Drogen darstellte, und sowohl zur Bekämpfung migrantischer Selbstorganisation als auch zur Einführung erweiterter Abhörbefugnisse beitrug. Eine neue Filmdokumentation zum Thema nehmen wir in MALMOE 28 zum Anlass, um mit den RegisseurInnen über ihre diesbezüglichen Recherchen zu sprechen.


Texte des MALMOE Schwerpunkts "Politik der Angst":

"Operation Spring" - Interview mit den RegisseurInnen

Nichts Neues aus Linz

Strandräuber-Stories aus Portugal




online seit 20.09.2005 14:37:54 (Printausgabe 28)
autorIn und feedback : Redaktion




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