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Phänomen Gratis Journalismus Von der Bedingung für Kritik zum allgemeinen Berufsmerkmal 2004 schwappte eine Gründerwelle über den deutschsprachigen Zeitungsmarkt. Nach dem massierten Auftreten von Kulturmagazinen wie Dummy, Monopol und anderen in Deutschland gab es auch in Österreich überraschende Neustarts mit Titeln wie Datum, Fleisch und spike. Die Gemeinsamkeit der meisten dieser Printprodukte: Sie sind das Ergebnis der Initiative von Privatleuten - JournalistInnen und/oder Kulturschaffenden, ohne Unterstützung durch ein Verlagshaus. Ein erfreuliches Indiz für frischen Wind im Zeitungswesen? Die bunte Krise Paradoxerweise ganz im Gegenteil: Diese Zeitungen sind ein Produkt einer Krise - der Medienkrise. Die Medienbranche in Westeuropa steckt in der schwersten Situation seit dem 2. Weltkrieg, hauptsächlich verursacht durch den Rückgang der Werbeeinnahmen, den der Zusammenbruch der medienfreundlichen New Economy ausgelöst hat. Der Berufsstand Journalismus bekommt das brutal zu spüren: Gab es in den Neunzigern besonders für Popkultur-affine NewcomerInnen die tollsten Jobs, setzt es seit Jahren Entlassungen, Konkurse, Ressortverkleinerungen und Streichung von Kulturbeilagen. Medienhäuser putzen ihre verspielten Nischen aus, und wer bleiben darf, muss noch einen Gang marktschreierischen Banal-Sensationalismus zulegen - das ganze für weniger Kohle und unter unsichereren Bedingungen. Die Verlage greifen immer mehr auf freie MitarbeiterInnen zurück, unter denen schlechte materielle Rahmenbedingungen und Konkurrenzkampf um eine Anstellung herrschen. Das hat Konsequenzen auf die Inhalte: "Je mehr freie Mitarbeiter, desto weniger können es sich leisten, kritisch zu sein. Oft wird häufig Auftragsjournalismus betrieben", schlussfolgert Journalistengewerkschafterin Astrid Zimmermann. Die voranschreitende Pressekonzentration spielt bei der Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse eine wichtige Rolle. Trotz offiziellem Jammern hat die Regierungspolitik der letzten Jahre daran nicht unbeträchtlichen Anteil: Neben der ausbleibenden Kartellkontrolle sind diesbezüglich vor allem die Kürzung der vorwiegend für kleine Medien interessanten "besonderen" Presseförderung, die Erhöhung des zulässigen Werbeanteils für Presseförderung (wodurch kommerziell erfolgreiche Blätter begünstigt werden), sowie die Streichung des begünstigten Postversandtarifs, der Medien ohne eigenes Vertriebssystem benachteiligt, und solche mit einer Auflage von nur wenigen hundert Stück vom Postversand bisweilen existenzbedrohend verteuert, zu nennen. Wo sich vereinzelt nichtkommerzielle Freiräume ohne Konzernhintergrund auftun, sind diese meist subventionsabhängig und werden bald politisch "kassiert", wie etwa die jüngsten Entwicklungen bei Radio Orange 94.0 und dem Offenen Kanal Wien zeigen. Beide wurden von der Stadt Wien unter Kontrolle gebracht, die sich offenbar als letzte rote Bastion von der VP-Machtpolitik im Medienbereich (v.a. ORF) unter Zugzwang gesetzt sieht, auch in ihrem Einflussbereich klare Medien-Fronten zu schaffen. Wenn nur wenige Medienkonzerne den Markt dominieren, ist der Wechsel des Arbeitgebers nur schwer möglich, es steigt daher die Abhängigkeit. Und während die jahrzehntelang unterentwickelte institutionelle Journalistenausbildung zuletzt in neu gegründeten Fachhochschulen blüht (und zu einem Überangebot an JungjournalistInnen beiträgt), verabschieden sich die Verlage tendenziell von der Ausbildung im Haus. Denn wozu in die Nachwuchspflege investieren, wenn die arbeitslosen Profis vor der Tür Schlange stehen? Volontariat at home In dieser Situation greifen die Betroffenen notgedrungen zur Selbsthilfe. Wer ein bisschen gespart hat oder sonstwo Kohle auftreiben kann, macht ein eigenes Magazin, um dort dem ganz gewöhnlichen Beruf nachzugehen. Zum Teil in der Hoffnung, dass irgendwo ein großer Verlag aufmerksam wird und sie ins Boot holt, zum Teil in der Hoffnung auf ökonomischen Erfolg in der Unabhängigkeit. Letztere ist mit ziemlicher Sicherheit unbegründet. Denn um im Mainstream wirklich konkurrieren zu können, braucht es sehr viel Geld, vor allem für das Marketing, und am besten einen Verbund mehrerer Medien in einer Hand, um Marktmacht zu bündeln. So hat die Zeitungskrise einen eigenen Sektor hervorgebracht, der teils von den großen Verlagshäusern ausgelagerte, selbstverwaltete und unbezahlte Lehrredaktion, teils Fingerübung unausgelasteter JournalistInnen auf Jobsuche, teils Kanal für das Ausleben unterdrückter Kreativität von Medienleuten ist, deren Brotberuf mit seinen fortschreitenden Banalisierungszwängen sie unterfordert. Was sie mitzuteilen haben, sind weniger bestimmte Inhalte, sondern ihre Liebe zum Beruf - dem Zeitung machen. Teils werden hier auch auf Selbstausbeutungsbasis Sparten am Leben erhalten, die von Kommerziellen aus dem Angebot gestrichen wurden. Diese Magazine sind eine Demonstration des Berufsstands gegen die Zustände in der Medienlandschaft. Von der Nische ... Gratis-Journalismus ist nichts Neues – es gibt bereits einen ganzen Sektor, der so arbeitet, aus den verschiedensten Motiven. Von der erwachsen gewordenen Schülerzeitung bis zum spaßorientierten Output aktivitätslustiger Energiebündel stapeln sich in Wiens Lokalen die Medienprodukte: Gap, Guru, Indie Go, Melange, Skug, ST/A/R etc. Vor allem bei politischen Medienprojekten hat unbezahltes Arbeiten Tradition: Die Beteiligten arbeiten gratis, entweder weil ihr Engagement keine Bezahlung erfordert, oder weil Gratisarbeit redaktionelle Unabhängigkeit von Subventionsgebern und Inserenten bedeutet, und deshalb bewusst eingegangen wird. Aber ist das nicht problematische Selbstausbeutung? Nirgendwo wurde dieses Thema so eingehend diskutiert wie in feministischen Medien: Die an.schläge z.B., ab 1983 zweimonatlich gratis erstellt und mit Hilfe von Presseförderung gedruckt, schafften 1988 den Sprung zur Monatszeitschrift, da eine Frau über Gelder aus der Arbeitsmarktförderung angestellt werden konnte. "Immer, auch wenn eine bezahlte Stelle da war, was nicht ständig der Fall war, haben die übrigen gratis gearbeitet", so Mitarbeiterin Beate Soltész vor einigen gegenüber der Zeitung demontage. Mitstreiterin Gudrun Hauer über die wichtigsten Diskussionen in einer mittlerweile länger zurückliegenden Reflexions- und Umbruchphase: "Ein Argument war, dass Projekte, bei denen sich Frauen selbst ausbeuten und dabei nicht selten auch gesundheitlich vor die Hunde gehen, inakzeptabel sind. Dass frau Schluss machen soll mit der Selbstausbeutung. Ein anderes Argument war, dass so ein Projekt auch Arbeitsplätze für Frauen schaffen kann und dass es nur legitim wäre, wenn Frauen für diese Arbeit bezahlt bekommen." Einige Frauen hätten auch aus demokratiepolitischen Argumenten für staatliche Förderungen plädiert, Gudrun Hauer aber: "Ich habe dann argumentiert, eigentlich wäre Feminismus etwas Staatsfeindliches und warum soll der Staat seinen eigenen Gegnerinnen Cash dafür geben, das wäre doch medienpolitischer Schwachsinn ...". Seit Jahren halten sich die an.schläge als Monatszeitschrift, aber die Beschäftigungsverhältnisse sind immer noch prekär, die freien Autorinnen können kaum bezahlt werden, und unter Schwarz-Blau wurden die Förderungen des Bundes schließlich zur Gänze gestrichen. Der jüngste Schub politischer Neugründungen war 2000 zu beobachten. Die "Wende" zu Schwarz-Blau war begleitet von Protest, verbunden mit einer wahren Flut von neuen Medien: die Emailzeitung MUND, das MigrantInnenblatt Die Bunte Zeitung, MALMOE, die feministischen Pop-Magazine nylon (Vorgänger von fiber) und female sequences, die Stadtforschungszeitschrift dérive, Webforen wie ballhausplatz.at erblickten das Licht der Welt. Diese Gründungen waren mehr Sprachrohre und Kommunikationsorgane als Produkte. Hier ging es darum, Sachen zu Gehör zu bringen, für die es anderswo keinen Platz gab. Hier wurde über Dinge geschrieben und diskutiert, die "in der Luft lagen" und die Beitragenden waren von einem Mitteilungsbedürfnis getrieben, berufliche Überlegungen spielten kaum eine Rolle, und gratis arbeiten war ein klarer Fall. Meist hat das geringe Lebensdauer der Projekte zur Folge – dass etwa MALMOE schon 5 Jahre alt ist, wundert uns selber. ... zum Modell Die Tradition der engagierten Selbstausbeutung mag früher ein originelles Gegenmodell zur Sicherung medialer Freiräume gewesen sein. Heute hat sie sich in anderem Gewand verallgemeinert. Dass jetzt auch bereits professionelle JournalistInnen mit selbstorganisierten Medien auftreten, ist neu, und ein Indiz für eine allgemeine Tendenz: Gratisarbeit zählt in Kreativbranchen wie dem Journalismus nicht mehr zur Besonderheit alternativer Projekte, sondern ist zur allgemeinen Berufsanforderung über weite Strecken der persönlichen Laufbahn geworden. Es wird erwartet, dass die Berufstätigen am Anfang ihres Arbeitslebens durch freiwilliges Engagement Kompetenzen sammeln und sich darum bemühen, sich einen Ruf erwerben - nur dann haben sie Aussicht, irgendwann bezahlte Arbeit zu erhalten. Auch zwischendurch können Karriereunterbrechungen immer wieder dafür sorgen, dass Phasen der Gratisarbeit zum Erhalt des eigenen Marktwerts in Auftragsflautephasen eingeschoben werden müssen. Die Sorge um die eigene Karriere unter derart prekären Bedingungen macht kritischen Journalismus natürlich immer stärker zum Risiko. Es ist deshalb kein Wunder, dass gesellschaftskritische Medien einer gewissen Größe in Österreich zur Zeit vorwiegend Projekte sind, die irgendeine Institution "gekapert" haben oder auf einem institutionellen Ticket geschickt Trittbrett fahren: Die Zeitungen der linken ÖH, Obdachlosenzeitungen wie Augustin und Die Bunte Zeitung in Wien, 20er in Innsbruck, seit neuestem auch Moment (Zeitschrift von SOS Mitmensch), sind politische Medienprojekte, die dank einer tragenden Infrastruktur bzw. einer geschickten Vertriebsidee auf hohe Verbreitung kommen, die unter anderen Umständen für diese Inhalte nicht zu erreichen wären. Um journalistische Freiräume zu schaffen, ist Einfallsreichtum mehr denn je gefragt. online seit 09.03.2005 13:00:56 (Printausgabe 25) autorIn und feedback : Die Redaktion |
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