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Netzkritik, Version 0.2 Im Internet tobt ein neuer Klassenkampf, “Dark fiber” von Netzkritik-Ikone Geert Lovink liefert die Theorie dazu. Über Jahre hinweg hat Geert Lovink seine Arbeit als Netzkritiker entwickelt und sich dabei zwischen den Gebieten bewegt, wo das Netz auf die Ökonomie trifft, auf die Politik, die soziale Aktion, die Kunst. Jahre des schnellen Schreibens in Mailinglisten, Analysen, Polemiken, Antworten, Berichte, die in “Dark fiber” (MIT-Press) wieder aufgeworfen und umgearbeitet wurden, mit einer Schreibe, die den Rap-Stil behält, in dem EMails geschrieben werden. Kurze Sätze, ironische Slogans, ständige Schnitte und Wendungen, Andeutungen, Zitate. Aber was aus diesem Mosaik hervorgeht, ist ein kohärenter Überblick über das erste Jahrzehnt der digitalen Gesellschaft. Dieses Buch ist die erste umfassende Untersuchung der globalen Netzkultur, eine Analyse der Entwicklungen und der Rückbildungen, die das Netz im Laufe seines ersten Jahrzehnts der Massenverbreitung erfahren hat. Aber Lovink beschränkt sich nicht auf eine soziologische, ökonomische oder anthropologische Untersuchung. Viele der hier enthaltenen Essays umreißen die theoretischen Standpunkte der diversen AnimateurInnen der Cyberkultur-Szene. Die libertäre Ideologie der Zeitschrift “Wired”, ihre ökonomistische und neoliberale Entwicklung, der radikale Pessimismus der Philosophien europäischer Prägung. Und jenseits dieses Gegensatzes ist die Position von Geert jene radikale und pragmatische eines Intellektuellen nordeuropäischer Prägung, in der Nähe der autonomen und Cyberpunk-Bewegungen, der über ein Jahrzehnt die Cyberkultur-Szene mit seiner vielseitigen Aktivität als Essayist belebt hat, als Animateur und Moderator von Vernetzungsfeldern wie nettime.org, als Organisator internationaler Konferenzen. Dieses Buch erscheint fast gleichzeitig in den USA und in Italien. Bald erscheinen auch die spanische und die japanische Ausgabe (Anm. d. Red.: in Bälde auch die deutsche im Triton-Verlag). Es erscheint mit einer außergewöhnlichen Rechtzeitigkeit, gerade während das Weltwirtschaftssystem eine beispiellose Sturmphase durchmacht. Und im Zentrum dieses Sturms, im Auge des Orkans ist das System der Netze, das die Energien des Massenkapitalismus in den 1990er-Jahren vervielfacht hat und das sich heute am Punkt der radikalen Neudefinition seiner Perspektiven befindet. Die Wirtschaftskrise ist nicht ganz zu erklären, wenn man die Krise der Ideologie der New Economy nicht mit einbezieht, die das Phänomen des Massenkapitalismus der 1990er-Jahre gestützt hat. Dieses Buch, sowie ein weiteres, das unlängst in Italien erschienen ist (Carlo Formenti: Mercanti del futuro, Verlag Einaudi), erlaubt uns das aktuelle Geflecht zwischen Netz und Ökonomie zu analysieren und Aussichten für die Zukunft zu erahnen. Im Oktober 1987 unterbrach ein Absturz der Aktienkurse an der Wall Street den Aufschwung, der den anfänglichen Erfolg der monetaristischen und neoliberalen Politik von Ronald Reagan begleitet hatte. Während des Sturms, der die Märkte einige Wochen lang erschütterte (der aber nichts war im Vergleich zu dem, was zwischen 2000 und 2002 passierte), boten die AnalystInnen eine interessante Erklärung: Ein Teil des internationalen Finanzsystems war dabei, sich zu informatisieren und sich ans Internet anzuschließen. Lange Zeit bevor die Telematik in den Alltag Einzug hielt, begannen einige Zweige der internationalen Finanzwelt ihre interdependenten Informationen in Echtzeit zu übertragen. Aber da nicht das ganze internationale Finanzsystem vernetzt war, behaupteten die ExpertInnen, störten die Unterschiede und die Inkompatibilitäten im Kommunikationssystem den Fluss der Geschäfte und verhinderten ein koordiniertes schnelles Eingreifen der amerikanischen Banken. Um diese Trägheit der Koordination in Zukunft zu vermeiden, musste man die Informatisierung des Finanzwesens perfektionieren und die Telekommunikationssysteme ausweiten. Das passierte dann in den Jahren darauf. In den 1990er-Jahren hat sich der Umfang des Informationsaustausches und der Finanzgeschäfte so verbreitert, dass eine kapillare Teilnahme der Massen am Fluss der Finanzinvestitionen ermöglicht wurde. Die Telematik des Netzes wurde zur wichtigsten Grundlage für den Massenkapitalismus, der die lange Expansionsphase des letzten Jahrzehnts unterstützte. Zig Millionen von AmerikanerInnen und EuropäerInnen begannen ihre Ersparnisse zu investieren, indem sie online Aktien kauften und verkauften. Das gesamte Finanzsystem hat sich eng vernetzt. Aber heute, wo jene lange Expansionsphase in die Krise geraten ist, wird man sich der Tatsache bewusst, dass im Gegensatz zu 1987 gerade die alles durchdringende Vernetzung die größte Gefahr für das Weltsystem darstellt. Das Netz, fantastischer Multiplikator der Beteiligung des Volkes am Markt, läuft Gefahr, Multiplikator der Krise und zum Fluchtpunkt im medial-finanziellen Kontrollsystem zu werden. Aber es gibt einen anderen Gesichtspunkt in diesem Prozess. Dank der massenhaften Teilnahme am Finanz-Investitionszyklus in den 1990er-Jahren konnte sich ein breiter Prozess der Selbstorganisation der kognitiven ProduzentInnen vollziehen. Kognitive ArbeiterInnen investierten ihre Kompetenzen, ihr Wissen, ihre Kreativität, und fanden an der Börse die Mittel, um Unternehmen zu gründen. Für einige Jahre wurde die Form des Unternehmens der hochproduktive Treffpunkt zwischen Finanzkapital und kognitiver Arbeit. Eine neuartige Form des SelbstunternehmerInnentums, die die Autonomie der Arbeit und die Abhängigkeit vom Markt gleichzeitig verherrlichte. Die libertäre und liberale Ideologie, die die (US-amerikanische) Cyberkultur der 1990er-Jahre dominierte, idealisiert den Markt, indem sie ihn als eine reine, fast mathematische Dimension darstellt. So natürlich, wie der Überlebenskampf des Stärkeren die Evolution vorantreibt, finde die Arbeit in dieser Dimension die notwendigen Mittel, um sich selbst zu verwerten und sich zum Unternehmen zu machen. Seiner reinen Dynamik überlassen, sei das ökonomische Netzsystem dazu bestimmt, die wirtschaftlichen Ergebnisse für alle zu optimieren, für EigentümerInnen und ArbeiterInnen, auch weil die Unterscheidung zwischen EigentümerInnen und ArbeiterInnen immer weniger wahrnehmbar werde, sobald man in den virtuellen Produktivkreislauf eintritt. Dieses Modell, von Autoren wie Kevin Kelly theoretisiert und von “Wired” in eine Art digital-liberale, verächtlich und triumphierend vorgetragene Weltanschauung verwandelt, ist in den ersten 2 Jahren des neuen Milleniums gescheitert, gemeinsam mit der New Economy und einem Großteil der Schar kognitiver SelbstunternehmerInnen, die die dotcom-Welt belebt hatten. Es ist gescheitert, weil das Modell des vollkommen freien Markts eine praktische und theoretische Lüge ist. Was der Neoliberalismus über lange Zeit gefördert hat, ist nicht der freie Markt, sondern das Monopol. Und während der Markt als freier Raum idealisiert wurde, in dem sich Wissen, Kompetenzen und Kreativität treffen, hat die Realität gezeigt, dass die entscheidenden Gruppen in ganz und gar nicht liberaler Weise agieren, indem sie neue Technologien einführen, sich mit Hilfe der Macht der Medien oder jener des Geldes durchsetzen und schließlich die KleinaktionärInnen und die kognitiven ArbeiterInnen schamlos berauben. Die Lüge des freien Marktes ist mit der Präsidentschaft von George W. Bush unverhüllt zu Tage getreten. Die Politik der Bush-Regierung ist eine Politik der expliziten Begünstigung der Monopole (beginnend mit der skandalösen Absolution der Macht von Bill Gates, im Austausch gegen eine politische Allianz und angemessene Wahlkampffinanzierung). Die Politik der Bush Regierung ist eine des Protektionismus, die den schwächeren Staaten die Öffnung ihrer Märkte aufzwingt, aber es den USA erlaubt, Stahlimporte mit Zoll zu belegen. Mit dem Sieg von Bush ist die libertäre und liberale Ideologie besiegt und reduziert auf eine heuchlerische Wiederholung von Gemeinplätzen ohne Inhalt. Aber Geert Lovink wütet nicht gegen die liberale amerikanische Ideologie, den besiegten Feind. Vielmehr regt er uns an zu verstehen, was auf der produktiven Ebene in den Jahren der dotcom mania geschehen ist. Wir haben keinen Grund, uns über den dotcom-Crash zu freuen, sagt Geert Lovink. Die Ideologie, die die dotcom mania begleitet hat, war eine etwas fanatische Vorstellung des obligatorischen Optimismus und der ökonomistischen Zuversicht. Aber der reale Prozess, der sich in den dotcom-Jahren abgespielt hat, enthält auch Elemente sozialer Neuerungen, nicht nur technologische: Elemente, die es nutzbar zu machen und wiederzubeleben gilt. In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre hat sich ein wahrer Klassenkampf im Inneren des produktiven Kreislaufs der Hochtechnologie abgespielt. Das Werden des Netzes war geprägt durch diesen Kampf. Der Ausgang des Kampfes ist im jetzigen Moment nicht klar. Jedenfalls hat sich die Ideologie des freien und natürlichen Marktes als Täuschung erwiesen, als trügerische Schmeichelei. Die Idee, dass der Markt eine reine Dimension sei, in der die Ideen, Projekte, die produktiven Qualitäten und der Nutzen der Dienste gleichberechtigt aufeinander treffen, wurde hinweggefegt von der bitteren Wahrheit eines Krieges, den die Monopole gegen die Multitude der kognitiven selbstunternehmerischen ArbeiterInnen und gegen die leicht rührselige Menge der microtrader führten. Im Kampf ums Überleben hat nicht der Beste gewonnen. Es hat der gewonnen, der die Kanone gezogen hat. Die Kanone der Gewalt, des Raubes, des systematischen Diebstahls, der Verletzung aller rechtlichen und ethischen Normen. Die Allianz zwischen Gates und Bush hat die Aufhebung des Marktes sanktioniert, und an diesem Punkt endete eine Phase des Kampfes innerhalb der virtuellen Klasse. Ein Teil der virtuellen Klasse hat sich aufgemacht, um Teil des technomilitärischen Komplexes zu werden, ein anderer Teil – die überwältigende Mehrheit – wurde vom Unternehmen ausgeschlossen und an die Schwelle der expliziten Proletarisierung gedrängt. Auf kultureller Ebene entstehen die Bedingungen für die Ausbildung eines sozialen Bewusstseins des Kognitariats, und dies könnte das wichtigste Phänomen der kommenden Epoche sein, der einzige Schlüssel, der eine Lösung für das Desaster liefern könnte. Die dotcoms waren Laboratorien für die Ausformung eines produktiven Modells und eines Marktes. Am Ende wurde der Markt erobert und erstickt durch die Monopole, und das Heer der SelbstunternehmerInnen und Mikro-WagniskapitalistInnen wurde ausgeraubt und vertrieben. Es beginnt somit eine neue Phase: Die Gruppen, die im Zyklus der Netz-Ökonomie die Oberhand gewonnen haben, verbünden sich mit der dominierenden Gruppe der old economy (dem Bush Clan, Repräsentant des Öls und des Militärs), und das bedeutet eine Blockierung des Globalisierungsprojekts. Der Neoliberalismus hat seine eigene Negation produziert, und jene, die seine enthusiastischsten UnterstützerInnen waren, werden zu AußenseiterInnen oder Opfern. Der Fokus des Buches liegt auf dem Internet.Was war es, was ist es jetzt, und vor allem, was geschieht damit in Zukunft? Mitte der 1990er-Jahre begann eine Diskussion, die die Cyberkultur im Inneren spaltete und die theoretischen und kreativen Wege ihrer verschiedenen AkteurInnen trennte. Kaum hatte das Netz begonnen, sich zu verbreiten und seine kulturellen, technischen und gemeinschaftlichen Synergien zu zeigen, da waren auch schon die GeschäftemacherInnen und Werbefritzen da, und die ganze Kohorte der ProfitfanatikerInnen. Sie hatten natürlich nur eine Frage: Kann das Internet eine Maschine zum Geldmachen werden? Die “ExpertInnen” (also eine bunte Schar von KünstlerInnen, HackerInnen und technosozialen ExperimentatorInnen) antworteten auf sibyllinische Art und Weise. Die kalifornischen digerati von “Wired” antworteten, dass das Internet dazu geschaffen sei, die Potenz des Kapitalismus zu vervielfachen, immense immaterielle Märkte zu eröffnen und die Gesetze der Ökonomie selbst umzustoßen, die Krisen, Wachstumsverlangsamung, abnehmende Skalenerträge und fallende Profitraten vorhersagen. Niemand widersprach den digitalen Handelsreisenden wirklich. NetzkünstlerInnen und MedienaktivistInnen hatten anderes zu tun, und ihre Kritik und ihre Vorbehalte erschienen wie das Grummeln von VerliererInnen, die nicht in der Lage sind, in das große Spiel einzusteigen. Digerati, Cyberpunk-DigitalvisionärInnen und NetzkünstlerInnen ließen die Luftblase wachsen. Was in die Kreisläufe des Netzes hineinströmte, war Geld, das nützlich war zur Enfaltung jeglicher Art von technologischem, kommunikativem und kulturellem Experimentieren. Jemand nannte das funky business. Die kreative Arbeit hatte einen Weg gefunden, einer Unmenge von großen, größten und auch kleinsten KapitalistInnen Geld abzuzapfen. Aber die Wahrheit, die niemand aussprach (bzw. die nur wenige aussprachen), ist, dass das Internet keine Maschine zum Geldmachen ist. Das war es nie und das kann es nicht werden.Das bedeutet durchaus nicht, dass das Netz gar nichts mit Ökonomie zu tun hat. Im Gegenteil, es ist eine unverzichtbare Infrastruktur für die Produktion und Verwertung von Kapital geworden. Aber das bedeutet nicht, dass seine spezifische Kultur auf Ökonomie reduziert werden könnte. Das Internet hat ein völlig neues Kapitel in den Produktionsprozessen aufgeschlagen. Die Entmaterialisierung des Produkts, das Prinzip der Kooperation, der untrennbare Zusammenhang zwischen Produktion und Konsum haben die traditionellen Definitionskriterien für den Wert der Waren aufgehoben. Wer ins Netz eintritt, fühlt sich nicht als Kunde bzw. Kundin, sondern als TeilnehmerIn, und will deshalb nichts zahlen. AOL, Microsoft und all die anderen Haie können machen, was sie wollen, aber diese Tatsache werden sie nicht ändern können; sie ist nicht nur ein leicht anarchischer kultureller Zug, sondern der Kern der digitalen Arbeitsbeziehung. Wir dürfen auch nicht glauben, dass das Internet eine eigenartige Insel ist, in der das Verwertungsprinzip in die Krise gerät, während es den Rest der menschlichen Beziehungen beherrscht. Vielmehr hat das Netz ein konzeptionelles Leck gerissen, das dazu bestimmt ist, sich auszuweiten. Das Prinzip der Kostenlosigkeit ist kein marginaler Ausnahmefall, sondern kann das universelle Prinzip des Zugangs zu materiellen und immateriellen Gütern werden. Mit dem dotcom-Crash hat sich die kognitive Arbeit vom Kapital getrennt. Die digitalen HandwerkerInnen, jene, die sich in den 1990er-Jahren als UnternehmerInnen ihrer eigenen Arbeitskraft gefühlt haben, werden nach und nach bemerken, dass sie hintergangen, beraubt und enteignet worden sind, und das wird die Bedingungen für ein neuartiges Bewusstsein der kognitiven ArbeiterInnen schaffen. […] Aber diese können sich von der juristischen und finanziellen Festung des Semiokapitalismus lösen und eine direkte Beziehung zur Gesellschaft aufbauen, zu den UserInnen: Und dann setzt vielleicht der Prozess der autonomen Selbstorganisation der kognitiven Arbeit ein. Ein Prozess, der übrigens bereits stattfindet, wie die Erfahrungen des Medienaktivismus und die Schaffung von Solidaritätsnetzwerken für die migrantische Arbeit zeigen. Ausgehend von diesen Erfahrungen müssen wir heute die alte Frage der Intellektuellen wieder stellen. Im Buch von Geert Lovink taucht diese Frage des 20. Jahrhunderts wieder auf. Sein Porträt der virtuellen Intellektuellen, das sich im ersten Abschnitt des Buches findet, ist sowohl eine autobiografische Synthese als auch eine Beschreibung der verschiedenen intellektuellen Haltungen, die die Herausbildung der vernetzten Sphäre begleitet haben. Zwischen dem/der organischen Intellektuellen der Unternehmen und dem radikalen Pessimisten/der radikalen Pesimistin des nostalgischen Humanismus (die zwei dominanten intellektuellen Figuren in den 1990er-Jahren) schlägt Lovink eine Figur des Netzkritikers/Netzkritikerin vor, die frei von Dogmatismen ist, neugierig auf das, was geschieht, und widerspenstig gegenüber jeder Form von ideologischer und vor allem ökonomischer Hegemonie. Aber auf dem Spiel steht etwas mehr als eine kulturelle Haltung, die sich einer anderen entgegenstellt. Auf dem Spiel steht das Zurücklassen der politischen Szenerie des 20. Jahrhunderts, die Schaffung einer völlig neuen Szenerie. Das 20. Jahrhundert war von der Figur des/der “Überbau”-Intellektuellen geprägt, um die Engelssche, Leninsche und Gramscianische Formulierung zu verwenden. Für die revolutionärkommunistische Bewegung war der/die Intellektuelle eine präindustrielle Figur, deren Funktion sich im wesentlichen aus der jeweils gewählten organischen Zugehörigkeit zur einen oder anderen Klasse ergab. Die leninistische Partei dient demnach der professionellen Bildung von Intellektuellen, die die Wahl getroffen haben, der Sache des Proletariats zu dienen. Antonio Gramsci hat entscheidende neue Elemente in die Leninsche Konzeption eingebracht, indem er das Thema der kulturellen Hegemonie eingeführt hat, die Besonderheit einer ideologischen Arbeit, die es im Prozess der Erlangung der politischen Macht zu entwickeln gilt. Aber im Grunde bleibt Gramsci einer Idee des/der Intellektuellen als unproduktiver Figur verbunden, und einer Idee von Kultur als reiner Zustimmung zu ideologischen Werten. Die Industrialisierung der Kultur, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelt hat, hat diese Figuren verändert, und das kritische Denken wurde sich dessen bewusst, als es von Frankfurt nach Hollywood hinüberwanderte. Benjamin und Marcuse, Adorno und Horkheimer, Brecht und Kracauer bemerkten diese Passage. Aber erst sobald das digitale Netz den Produktionsprozess völlig umgestaltet, nimmt die intellektuelle Arbeit die Ausprägung an, die Marx in seinen “Grundrissen” mit dem Ausdruck “general intellect” belegt hat. Pierre Levy spricht von kollektiver Intelligenz, und Derrick De Kerkhove präzisiert, dass es sich eigentlich um konnektive Intelligenz handelt. Das unendlich fragmentierte Mosaik der kognitiven Arbeit wird ein fließender Prozess dank des universalen telematischen Netzes, und auf diese Weise verändern sich die Züge von Arbeit und Kapital. Das Kapital wird ein vereinheitlichter semiotischer Fluss, der in den Venen der Weltwirtschaft fließt. Und die Arbeit wird zur ständigen Aktivierung der Intelligenz von zahllosen semiotischen AgentInnen, die untereinander verbunden sind. Indem es in den 1990er-Jahren das Konzept des “general intellect” wieder aufgeworfen hat, hat das kompositionistische italienische Denken (Paolo Virno, Christian Marazzi, Carlo Forment) den Begriff der Massenintellektualität eingeführt, und hat die Interaktion zwischen Arbeit und Sprache hervorgehoben. Aber man musste das Fegefeuer der dotcoms durchmachen, die Illusionen einer Fusion zwischen Arbeit und kapitalistischem Unternehmen, und dann das Inferno der Rezession und des Krieges ohne Ende, damit das Problem schließlich in klaren Begriffen hervortreten konnte. Auf der einen Seite ein System, das nutzlos und besessen von finanzieller Akkumulation und Privatisierung des öffentlichen Wissens ist, ein Erbe der alten Industriewirtschaft. Auf der anderen Seite die immer mehr in die kognitiven Funktionen der Gesellschaft eingeschriebene produktive Arbeit: kognitive Arbeit, die sich als Kognitariat zu erkennen beginnt und vom Kapital unabhängige Institutionen errichtet, Institutionen des Wissens, der Schöpfung, der Fürsorge, der Erfindung und der Bildung. Übersetzung: Gerlinde Egger und Pinguin online seit 27.09.2002 12:44:29 autorIn und feedback : Franco Berardi ("Bifo") Links zum Artikel:
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