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  "Jede Figur hat etwas von mir selbst"

Veronika Minder, Regisseurin des Dokumentarfilms "Katzenball", im MALMOE-Interview (in der Langversion).

Mit "Katzenball" erhielt Veronika Minder den Teddy Award für den besten Dokumentarfilm bei der diesjährigen Berlinale und den Jury-Preis für den besten Doku-Film bei identities 2005. MALMOE traf die Schweizer Regisseurin zum Gespräch.

Wie bist du zum Filmemachen gekommen?

Veronika Minder: Ich habe eine Frauenbiografie, die rauf unter runter geht. Ich habe mal studiert, Platten verkauft, ein bisschen Mode gemacht, allerdings erfolglos. Dann hat mich eine Frau gefragt, ob ich ein kleines Off-Kino, ähnlich wie das Schikaneder-Kino, für sie führen würde. Da habe ich 12 Jahre lang alternatives Kino programmiert. In dieser Zeit habe ich auch begonnen, lesbische und schwule Filmreihen und Frauenfilmreihen zu organisieren. Ende der 90er sind die Kinos nicht mehr gegangen, da haben sie mich entlassen und ich war am Stempeln und wusste nicht, was tun.

Zu dieser Zeit hatte ich schon Kontakt zur Fotografin Liva Tresch, die in "Katzenball" zu sehen ist. Ich wusste, dass sie Fotografien in diesem frühen Frauenclub in Zürich und bei Festen in den späten 50er/60er Jahren gemacht hat. Als ich sie angerufen habe, war sie am gerade am Wegwerfen der Fotos, und ich dachte, das darf nicht wahr sein! Ich wollte zuerst ein Buch über Liva machen, aber sagte ich mir dann, dass eigentlich Film das Medium ist, das die meisten Leute sehen. Ich bin ja nicht ausgebildet und habe außer einem kleinen experimentellen Video noch nie einen Film gemacht. Über die Geschichte der Schweizer Schwulen- und Lesbenbewegung gibt es auch nur ganz, ganz wenig, und über die lesbische Geschichte hat in der Schweiz sowieso niemand was gemacht. Also: Volltreffer.

In "Katzenball" lässt du fünf verschiedene Frauen unterschiedlicher Generationen zu Wort kommen – nach welchen Kriterien hast hast du diese ausgewählt?

Ich hatte zunächst die Inspiration so etwas wie "Before Stonewall" zu machen, wo ganz viele Leute Auskunft geben, fast nur wie Stichwortgeber. Ich habe insgesamt etwa 50 Leute interviewt, um diese Geschichte zusammenzusetzen. Liva Tresch war Mitbegründerin des ersten Frauenclubs in Zürich 1968, aber sie sie kann nicht diese Schweizer Geschichte erzählen, nur einen Aspekt davon. Also habe ich diese vielen Interviews geführt, das war eine unglaubliche Herausforderung einen Film zu machen, in dem du all diese vielen Geschichten miteinander verknüpfst. Dann hab ich mich auf diese fünf Personen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft konzentriert: Johanna Behrens ist 93, Samira Zingaro, die jüngste, 25. Die Geschichte, die sie erzählen können, ist ja immer verschieden. Da erklärt sich auch der Unterschied von damals zu heute von selber.

In deiner Doku ist viel altes Filmmaterial von den 1950ern bis 1970ern zu sehen, wo hast du diese aufgestöbert?

Wie in Österreich sicherlich auch gab es in der Schweiz diese Filmwocheschauen in den Kinos, bevor der eigentliche Film begann, das gab’s ja bis in die 70er Jahre. Das ist natürlich ein unglaubliches Reservoir an lustigen Bildern. Es ist auch ziemlich viel von der Frühgeschichte des Fernsehens dabei, z.B. die erste Fernsehschau in der Schweiz von 1954, wo eine Frau bei der Achterbahnfahrt mit Damenstrümpfen belohnt wird, wenn sie genügend Männernamen aufzählt.

Du selbst gehörst ja zur Nachkriegsgeneration wie Ursula Rodel, die auch in "Katzenball" zu sehen ist. Entsprechen ihre Aussagen auch deiner eigenen Wahrnehmung "deiner" Generation von lesbischen Frauen?

Ja, Ursula ist ein Stück weit auch ich selber, etwa mit der Geschichte mit den versteckten Kleidern und dem heimlichen Hosentragen, das war auch meine Jugend. Ich komme auch aus einem Dorf und aus einer ähnlichen Mittelklasseschicht wie Ursula. Aber jede Figur in "Katzenball" hat etwas von mir selbst – man würde das ja sonst nicht spannend finden, wenn sich das nicht auch ein wenig spiegelt, angefangen mit Johanna Behrens, der allerältesten, die auch die militanteste und ganz klar eine Linke und Feministin ist und auch dieses Tabufreie hat in Bezug auf die Rollenverteilung von Butch-Femme, was ja Ursula überhaupt nicht taugt. Ursula flucht über diese männlich wirkenden Lesben, das ist für sie etwas ganz negativ besetztes, obwohl sie ja selbst auch so eine ist! Ursula ist nicht nur drin, weil sie eine tolle Modemacherin ist und eine interessante Vergangenheit hat, sondern auch, weil sie als einzige diese Widersprüche in ihr, die wir anderen ja auch haben und haben dürfen, artikuliert.

Interessant ist ja auch, wie sich bestimmte Wahrnehmungsmuster und Codes verändert haben. Bei Johanna ist es etwa stark darum gegangen, überhaupt als Lesbe wahrgenommen zu werden, während Samira einen ganz anderen Identitätsentwurf hat, den man "queer" nennen könnte.

Ja, Samira definiert sich zum Beispiel nicht über die Kleider wie viele Lesben aus Johannas Generation, sondern sagt, sie sucht sich ihre Identität aus, wie's ihr gerade passt.

Du verbindest die Lebensgeschichten der interviewten Frauen auch sehr selbstverständlich mit der Geschichte der Frauenbewegung.

Ich wollte eine Entwicklung zeigen, angefangen von der Zwischenkriegszeit in den 20er, 30er Jahren, wo es in Paris, Berlin und New York diese große Frauenszenen gab – unglaublich, da wird man richtig eifersüchtig. Und dann kommt der 2. Weltkrieg und der Faschismus, was sich auch in der Schweiz ausgewirkt hat, obwohl wir keinen Krieg hatten, aber das war ein weltweiter Riesenbacklash. Ich musste das einfach ins Bewusstsein bringen, dass die Geschichte nicht einfach von A nach B geht, sondern Kurven macht, und das drückt sich in der Geschichte der Frauenbewegung ja deutlich aus. Lesbische Frauen sind in der 1. und 2. Frauenbewegung auch immer ganz vorne gestanden, weil sie so andere Frauen kennenlernen konnten und auch weil sie eben nicht in diesen Versorgerehen steckten, in denen der Mann für sie aufkommt – da gab es ja ganz viele Gründe, dass sie so engagiert waren. Der Film ist in gewissem Sinne eine Geschichtslektion, aber eben nicht eine "Geschichtslektion". Es gibt ja mehrere solcher Frauenfilme, da hat mich immer dieses dramatisierte gestört. Mein vielleicht größtes Anliegen bei diesem Film war es, diese Geschichte auch auf lustige Weise zu erzählen, da hat man dann nicht einfach diese riesige Gruppe von Opfern.

Die Schweizer Geschichte ist auch interessant, weil man hat schon vor dem Krieg begonnen hat, ein gesamtschweizerisches Strafgesetzbuch zu machen, vorher gab es nur kantonale Regelungen, auch in Bezug auf Homosexualität. Während des Kriegs, 1942, hat man dann diesen Strafparagrafen abgeschafft – eigentlich unglaublich, dass durchgesetzt wurde, Homosexualität für straffrei zu erklären, ganz unbemerkt vom Rest der Welt. Von den Frauen hat man allerdings nicht gesprochen, was ja auch Johanna Behrens thematisiert. Sie und ihre Geliebte hatten nie Probleme gehabt, weil Frauen einfach unsichtbar waren, und diese Sichtbarkeit von lesbischen Frauen ist ja bis heute nicht ganz erreicht.

Wie waren bisher die Reaktionen des Publikums auf deinen Film?

Ich hatte eigentlich immer guten Response. Wenn Liva Tresch von ihrem ersten Kuss von einem Mann erzählt, dass sich das anfühlte wie eine schlecht gekochte Kartoffel, die man ihr da ins Gesicht drückt, und sie macht dann so "wäh"und die ersten Lacher kommen, habe ich das Publikum natürlich schon ein bisschen im Sack. Die deutschen Frauen haben auch viel gelacht über die deutschfeindlichen Sprüche, etwa wenn Liva über diese Lesbenbar in Stuttgart erzählt mit den "deutschen Eichen", die sie angrapschen.

Beim identities-Filmfestival ist mir wieder aufgefallen, dass auch bei Schwulenfilmen immer sehr viele Frauen im Publikum sitzen, während das umgekehrt nicht der Fall ist. Machst du dieselbe Erfahrung?

In Mailand zum Beispiel war das ein Horror, bei meinem Film war kein einziger Mann drin. Dabei gab es gerade in Mailand, in dieser großen Stadt, damals gar nichts, die gingen alle nach Zürich auf die Maskenbälle, das sieht man auch auf Livas Fotos im Film. Die Männer lassen sich da was entgehen. Ich glaube auch, dass es die Lesben sind, die sich mehr um die Community kümmern. Da, wo es Kohle und Förderungen gibt, sind meistens die Schwulen dran, während die Frauen die kleineren, aber auch sympathischeren Events organisieren. Da drücken sich nach wie vor das gesellschaftliche Ungleichgewicht und die patriarchalen Strukturen aus.

Du warst ja auch Mitbegründerin des Queersicht-Filmfestivals in Bern, ist das in seinem Programm vergleichbar mit identities?

Damals wurde gerade dieser Queer-Begriff im deutschsprachigen Raum aufgenommen, also dass es um Identitäten geht, die über diese Zweiteilung rausgehen. Das hat, wie auch bei identities, mehr Programmationsmöglichkeiten geschaffen, also Themen wie Transgender oder überhaupt Geschlechterfragen reinzunehmen, oder auch, dass man lesbische, schwule, transgender Nebenfiguren thematisieren kann. Also nicht nur dieses "rein" Lesbische oder Schwule, sondern einen "queeren Blick" zu haben.

Neben Coming-Out-Filmen beschäftigen sich derzeit sehr viele queere Doku- und Spielfilme mit dem Thema Homo-Ehe, Familiengründung und Kinderwunsch. Was hältst du von all dem?

In der Schweiz wurde ja vor kurzem das Partnerschaftsgesetz beschlossen, was schon erfreulich ist. In "Katzenball" sagt die Älteste klar nein zur Heirat und verfolgt diese alte Idee, die Ehe und das traditionelle Familienmodell überhaupt abzuschaffen, während die jüngste schon diesen romantischen Kinderwunsch in sich hat. Ich muss ehrlich sagen, mich langweilt das ein bisschen, diese Familienwerte, die uns derzeit um die Ohren gehauen werden – ob das eine Hetero- oder lesbische Familie ist, macht wenig Unterschied. Diese Kernfamilien-Ideologie wirkt auf mich wie ein Schutz gegen die Rastlosigkeit und das Unglück des modernen Lebens.

Arbeitest du schon an neuen (Film)Projekten?

Jetzt mache ich mal ein Jahr gar nichts, reise mit Katzenball um den Globus und mach' mich überall wichtig!


Interview: Vina Yun





online seit 11.07.2005 12:14:17 (Printausgabe 27)
autorIn und feedback : Vina Yun


Links zum Artikel:
www.identities.at



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