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Ich als Frau auf einer Bühne:

"I am just a concept!" Gustav a.k.a. Eva Jantschitsch im MALMOE-Interview.

Auf dem CD-Cover von Gustavs erstem Album "Rettet die Wale" sieht man ein kitschiges Landschaftsbild, in dem ein Wal aus einem Bergsee auftaucht und auf einem Hügel die österreichische Fahne in Flammen steht. Gustav a.k.a. Eva Jantschitsch greift sowohl Postkarten- als auch musikalische Klischees auf, um sie mit radikalen politischen Symbolen zu konfrontieren, denn "das Grausliche spielt sich doch meistens ganz knapp unter der Schicht des Überkitsches ab" - wie etwa in der "alles renkt sich wieder ein"-Mentalität des Schlagers. Damit sich Wut ausdrücken kann, braucht es radikale Symbole, meint Eva im Interview. "Ich greife zum Sujet der Flaggenverbrennung, welche mir ganz geeignet scheint, um diese Scheinidylle zu brechen. Natürlich auch in Anbetracht des kommenden Gedankenjahres, in dem wir wieder zugeschissen werden, mit was eine Nation nicht alles einmal war, ist und sein könnte." Gustavs tolles Album "Rettet die Wale" erschien im November auf mosz.

Dein erstes Album "Rettet die Wale" beginnt mit dem Song "We shall overcome". Die Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung verkörperte Hoffnung auf eine bessere Zukunft einer Bewegung. Du hast sozusagen neue Verse für den Protestsong geschrieben. In welchem Herrschafts-Zusammenhang siehst du deinen Text heute?

Was mich zu der Zeit, als ich die neuen Verse geschrieben habe enorm wütend gemacht hat, waren nicht nur die unfassbaren politischen Ereignisse (9/11 und die kurz darauf geschwungenen Patriotismuskeule mit "night for the heroes" – wo am Ende von Neil Young bis Barbara Streisand "We shall overcome" intoniert wurde), sondern u.a. auch die zynische wirtschaftliche Verwertung dessen, in Form der damaligen Diesel-Kampagne, die das Sujet jugendlicher Revolte (Friedensdemonstrationen gegen die Irakinvasion) stilisierte und mit Transparenten auf denen "Love your mom, free every goldfish, bowling is beautiful!" geschrieben stand, ausschlachtete und somit denunzierte. Zwar ist diese Methode nicht neu, aber sie hat sich mir so unverfroren offenbart und das schien so zynisch und schizophren. Ich wollte dem ganzen Wahnsinn etwas Ehrliches zurückschleudern und den ursprünglichen Botschaften der Bürgerrechtsbewegung wieder Aktualität verleihen.

Bevor du mit dem Soloprojekt Gustav begonnen hast, hast du in mehreren Kollektiven Musik gemacht. Was hat dich dazu bewogen allein zu arbeiten und warum benutzt du ein männliches Pseudonym?

Wir produzierten in den erwähnten Kollektiven gemeinsam, alle spielten Instrumente, jeder von uns komponierte und arrangierte. Ich machte den Fehler, dass ich zusätzlich ab und an sang. Fortan wurde ich plötzlich ausschließlich als Sängerin kommuniziert, während die anderen die Musiker, die Programmierer, die Laptop-Magier waren. Meine Arbeit wurde auf meine Tätigkeit als Vokalistin reduziert und das hat mich dermaßen beleidigt, dass ich beschloss: wenn, dann nur noch alleine Musik zu produzieren, damit ich nicht mehr degradiert werde, auf dieses ekelhafte Klischee. Also war für mich das Projekt Gustav eigentlich durchaus geprägt von einer emanzipatorischen Idee bzw. Notwendigkeit. Und der Name Gustav barg für mich die Möglichkeit zumindest anfangs mein Geschlecht in den Hintergrund zu setzten, mein Frau-sein, oder die Rolle, die ich als Frau, die Musik macht, einnehme, zu neutralisieren.

Wie erlebst du in diesem Kontext deine Arbeit im vorwiegend männlich dominierten Feld der Elektronischen Musik?

Ich mach halt mein Ding und verstehe mich als eine unter vielen. Die Struktur erschüttert mich aber immer wieder. Wenn ich Konzerte spiele, werde ich zu 90% von männlichen Veranstaltern gebucht, am Mischpult sitzen sowieso immer nur Typen, selbst die Plattenlabel/Vertriebe in Österreich sind zumeist in männlicher Hand. Die JournalistInnen, denen ich ein Interview gegeben habe/gebe sind zu 80% männlich, die Rezensionsschreibenden auch und das wirkt sich natürlich auch auf die Art wie man/frau behandelt bzw. wie frau verhandelt wird aus. Man/frau arrangiert sich mit diesem herrschenden Zustand, aber ehrlich gesagt: Er geht mir mächtig auf den Sack. Deshalb verstehe ich auch Veranstaltungen wie Ladyfestivals und Frauenbandenfeste als ganz essentielle und notwendige Gegenentwürfe zum Common Sense der Kulturindustrie.

In einem Falter-Interview bezeichnest du deine Live-Coverversion des X-Ray-Spex-Songs "Obsessed with you" als Bekenntnis einer Postfeministin. Würdest du dich selbst als Postfeministin bezeichnen und was bedeutet das für dich?

Ja, ich denke Postfeminismus ist wohl die geeignetste Bezeichnung für mein Gemurks. Postfeminismus ist für mich eine Strategie an den Festschreibungen von Männlichkeit versus Weiblichkeit zu rütteln und mit all ihren anerzogenen konstruierten Verhaltensmustern (Sozialisation) zu brechen. Weiters will ich mich nicht zwischen den zwei Lebenskonzepten "Karrierefrau" oder "Mutter", die man für die Frau entworfen hat, entscheiden müssen, sondern ich will mein Leben nach meinen eigenen Parametern gestalten. Ich bin keine Frau, ich bin kein Mann, ich bin ich, um nach Mira Lobe zu sprechen: radikal individualistisch. Aber ich werde auch immer wieder auf einer Bühne oder in den Medien, als Frau mit all den Konnotationen des Begriffes "Frau" verhandelt. Ich beanspruche Subjektstatus, aber fühle mich wieder und wieder auf das Objekthafte zurückgeworfen. Ich befinde mich als Performerin und Musikerin also in einer äußerst schizophrenen Position. Ich als Frau auf einer Bühne: I am just a concept.


Interview: Eva Egermann



online seit 11.01.2005 18:08:51 (Printausgabe 24)
autorIn und feedback : Eva Egermann


Links zum Artikel:
gustav.0rf.at
www.mosz.org



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