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Next time it’s for real Pop als offenes Schlachtfeld der britischen Klassengesellschaft. Robert Rotifer über die Realität des Musikmachens in seiner Wahlheimat. Es begann mit einem verkaterten Morgen und einer kleinen Geschichte für die FM4-Homepage. Nach unserem Gig in Dublin Castle hatte mein Schlagzeuger, ein in London als Online-Promoter lebender Deutscher, mich gefragt, ob ich nicht einmal irgendwas über die Realität des Musikmachens in unserer Wahlheimat schreiben wolle. Kurz zuvor waren wir von den Pub-Besitzern, die einen guten Teil ihrer Einnahmen von den Konzerten im Hinterzimmer beziehen, rüde weggestänkert worden, weil unsere Verstärker den Notausgang verstellten. Die Brandschutzverordnungen sehen eben nicht vor, dass Bands irgendwo unnütz verweilen. Freundlichkeiten gibt es keine, Freigetränke schon gar nicht. London lässt seine Bands unmissverständlich wissen, dass es sie nicht nötig hat. Alles ist korrekt, jede Lizenzgebühr ordnungsgemäß bezahlt, Security vor der Tür, und Verträge für die Bands, die mehr oder weniger besagen, dass wer hier spielt, sich die Gage besser aus dem Kopf schlagen sollte. Jeder hat hier seinen Mindestlohn, bloß nicht die Bands. Was ist auch anderes zu erwarten, wenn die MusikerInnengewerkschaft es noch immer als ihren größten Triumph abfeiert, dass man fürs Spielen in London nicht bezahlen muss? Ich setzte mich also an den Computer und schrieb einen kleinen Kommentar fürs Netz, der sinngemäß erklärte, warum Pop-MusikerInnen, die sich – wie von David Bowie in seiner Auseinandersetzung mit dem drohenden, Internet-bedingten Ende des Tonträgergeschäfts suggeriert – ihre Brötchen mit dem Live-Spielen verdienen wollten, die dümmsten cultural entrepreneurs aller Zeiten sein müssten. Aber was dabei noch zum Vorschein kam, war ein alter Gedanke, den ich seit allzu langer Zeit verdrängt hatte: Natürlich lässt sich dieser materialistische Ansatz genauso gut bis zu seinen musikalischen Konsequenzen verfolgen. Daraus folgt dreierlei: 1) Natürlich ist es kein Zufall, dass die britische Gitarrenpop/Rock-Szene sich seit den frühen 1990er-Jahren von mit wenigen Ausnahmen (wie den in ihren “typischen” Working-Class-Wurzeln tatsächlich untypischen Oasis) fast durchwegs aus der behüteten Welt der Middle Class rekrutiert hat. Die meisten britischen Bands setzen sich immer noch aus StudentInnen zusammen, aber angesichts drakonischer Studiengebühren und steigender Lebenskosten bedeutet das Londoner Uni-Leben für die Mehrheit ein Rangeln mit Schulden und Nebenjobs. Wer findet da noch die Zeit zum Proben und Aufnehmen? Wer hat da noch das Geld, Manager und Plattenfirmen mit aufwendigen Demos einzudecken, in “wichtigen” Clubs gratis zu spielen und alle mit einer Band verbundenen Unkosten selbst zu tragen? Selbst mit einem Fulltime-Job lassen sich in London kaum Bäume ausreißen. Da brauche ich bloß an meine Freundin Anna Schulte denken, die noch vor ein paar Jahren mit ihrem feministischen Avant-Pop-Duo Schulte Eriksson Airplay bei John Peel bekam, nach ihrem Umzug von Liverpool nach London einen Job bei Mute Records annahm und seither den Verstärker in ihrem kleinen Zimmer in Camden geparkt hat. Eine Frage der Selbstachtung, der ich mich selber lieber nicht stelle. 2) Natürlich hat die dominierende Rückwärtsgewandtheit des Sounds der Londoner Live-Szene auch etwas damit zu tun, dass von Leuten wie meinesgleichen eine längst versunkene Welt künstlich am Leben erhalten wird. Nicht ohne Grund hatten sich die Techniker des Dublin Castle gleich beim Sound check mit uns zu verbrüdern versucht, indem sie eine Tirade gegen die “computer boys” losließen, die einfach mit der Maus das schnöde Playback starten. Wenn in einer Kultur so viel Wert auf “Echtheit” gelegt wird, liegt dem zumeist eine fundamentale Fiktion zugrunde. “Let’s all just pretend that next time it’s for real”, singt die sonst nicht gerade für Diskurspop bekannte Salzburger Band The See Saw so treffend auf ihrem neuen Album “After Sunset”. Mir fällt kaum eine Band ein, die ihren Traum mit derartig missionarischer Beharrlichkeit gegen jede materielle Logik bis zu eigenen Amerika-Reisen für unbelohnte, aber ideell wertvolle Club-Auftritte durchgezogen hätte. Alles mit dem in obiger Zeile geäußerten Wissen, dass dies nicht das echte Pop-Leben sein kann, sondern höchstens dessen – wenn auch fraglos mit authentischer Leidenschaft hergestelltes – perfektes Replikat. Einen solchen Traum muss man natürlich erst bezahlen können, und darin liegt kein grundsätzlicher Vorwurf. Aber die in den Songs durchklingende wehmütige Nostalgie ist integraler Teil dieses Selbstverständnisses. Nicht zufällig ist sie das Echo jener Zeit, als Bands noch Gigs spielten, um sich was dazuzu verdienen, und die Working Class Heroes noch mit der Gitarre (Woody Guthries alter “Machine”) die Faschisten killten. 3) Natürlich hat die Homerecording-Revolution seit den frühen 1990er-Jahren den Zugang zu wesentlichen Produktionsmitteln demokratisiert. Aber auch Hardware kostet Geld. Die Vorstellung, dass ein jeder Punk sich ein Laptop zulegen könnte, ist immer noch absurd. Musik machen zu können, bleibt trotz aller erleichternden Technologien immer noch ein elitäres Privileg. Was also bleibt vom alten Working-Class-Traum von der Popkarriere? Was würde das zeitgenössische Äquivalent des Davy Jones aus den Slums von Brixton von den weltfremden Parolen seines millionenschweren Alter Egos David Bowie halten? Wäre er ein Garage DJ, der seine Platten und Azetate immerhin mit den Clubgagen finanzieren kann, der aber weiß, dass er die großen Gigs in der vom Marketing dominierten ersten Liga der Club Culture ohne eigene Produktion und teure PR-AgentInnen nie und nimmer angeln können wird? Jenseits der Dance Culture, im Reich des Pop, liegt die letzte Bastion der britischen Working Class jedenfalls längst wieder im Mainstream, ob im Girl/Boy-Pop, im Major-Label-HipHop oder im so genannten R&B. Romantische Vorstellungen einer in der Verwandlung zum Popstar transzendierten Klassenexistenz bleiben dabei allerdings unerfüllt, denn die Ausbeutungsmaschinerie übertrifft in ihrer Effizienz selbst noch die schlechten alten Zeiten der späten 1950er und frühen 1960er. Von der industriellen Methodik, mit der heute das singende Proletariat aufgesammelt, kostümiert, abgesaugt und wieder ausgespuckt wird, hätte ein Larry Parnes nicht zu träumen gewagt. online seit 06.10.2002 15:48:35 (Printausgabe 8) autorIn und feedback : Robert Rotifer |
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