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Hear the Colors!

Don’t see the Colors, Feel the Colors

Die derzeit in Berlin lebende DJ Mieko Suzuki war im vergangenen Dezember im Wiener Rhiz zu hören. MALMOE traf sie zum Interview und sprach mit ihr über ihre Arbeit und das Zusammenspiel unterschiedlicher Sinneswahrnehmungen.

Mieko Suzuki schält Clubbesucher_ innen gerne Schicht für Schicht wie Zwiebeln, damit sie sich ganz der Musik öffnen. Die Räume, die sie bespielt, nimmt sie als Leinwand wahr, die sie mit Klanglandschaften zwischen Clubsounds und elektro-akustischer Musik bemalt. Mit ihren eigensinnigen DJ-Sets mischt sie seit 1998 Clubs, Ausstellungen und Modeschauen in Ost-Asien, Australien und Europa auf. Mittlerweile erobert die aus Japan stammende DJ die Plattenteller von Berlin aus.

Die Musikerin, DJ und Veranstalterin lässt sich nicht gern in eine Genre-Schublade stecken. Die Nacht ist für sie farbenfroher als der Tag und Musik hat ganz besondere Farben – als Synästhetin nimmt sie Musik und Klänge auch in Farben wahr. Mieko Suzuki arbeitet mit einer „Farbtheorie“ und übersetzt bei ihren Auftritten die von ihr empfundenen Farbszenerien in Klangräume.

MALMOE: Wie bist du zur Musik und zum DJing gekommen?

Mieko Suzuki: Eigentlich begann meine DJ-Karriere schon als Schülerin. In den Pausen und zum Schulschluss habe ich die Gänge und den Schulhof mit Musik beschallt und dazwischen Kommentare eingestreut. Diese Art von Schulradio ist sehr gebräuchlich in Japan. Meine Musikauswahl war abhängig von der Plattensammlung der Schule, und die bestand hauptsächlich aus klassischer Musik, aber auch aktueller Pop war dabei.

Mein erstes „richtiges“ DJ-Set war dann auf der Uni, anlässlich einer Präsentation meiner Mode. Ich habe selbst die Musik für die Modeschau ausgewählt und auf der Party anschließend das erste Mal vor Publikum aufgelegt. Damals war das hauptsächlich Rock- und Punk-Musik.
Die Kombination der eigenen Mode mit Sounds war nur logisch, weil mein Bild von Mode in direkter Verbindung mit Musik steht, das inspiriert sich gegenseitig.

Woher kommt deine synästhetische Farbtheorie und welchen Einfluss hat sie auf deine Arbeit?

Meine Mutter war Malerin, immer wenn ich von der Schule nach Hause kam, war sie am malen. Mein Vater war ein großer Musikfan, er hat viel Jazz gehört und ich habe gerne japanischen Pop gehört. Die Musik und die Farben waren also permanent um mich herum. Manchmal habe ich mit meiner Mutter gemeinsam gemalt, dabei habe ich bemerkt, dass es mir leicht fällt, mir ein Musikstück als Farbe einzuprägen.

Zu der Zeit habe ich angefangen Farb-Sticker auf meine Platten zu kleben. Natürlich enthält jeder Song in seinen Schichten viele unterschiedliche Farben, aber für das Gesamtbild eines Musikstücks entscheide ich mich für eine Farbe. Wenn ein Track etwa sehr „weit“ klingt und mich an einen nebe- ligen Wald erinnert, bekommt er einen blauen Aufkleber. Für sehr leidenschaftliche Beats verwende ich Pink. Diese Farbschemata stehen für mich auch in enger Verbindung mit Stimmungen. Wenn ich bei einem DJ-Set in eine andere Richtung gehen, andere Emotionen ausdrücken will, dann helfen mir die Farben die passende Platte auszuwählen.

Deine Vorstellung von Musik ist also eng verknüpft mit Stimmungen und Farben. Als DJ geht es aber auch um das Publikum. Bist du eher die DJ, die die Crowd in eine Richtung treibt oder wartest du eher auf die Resonanz der Menschen?

Beides. Manchmal schlage ich mit meiner Musik eine Richtung vor, in die es als nächstes gehen soll. Gleichzeitig kommt jede Sekunde Feedback von der Tanzfläche. Darauf lasse ich mich gerne ein. Ich bin also nicht der Kontrollfreak, der die Crowd unbedingt in eine Richtung pushen will. Es geht mir darum, Momente, Stimmungen, Farben und Temperaturen zu teilen.

Wenn ich den Dancefloor sehe, nehme ich ähnliche Bilder wahr, wie sie etwa von einer Wärmebildkamera sichtbar gemacht werden. Ich nehme die Individuen wahr, aber nicht vorrangig die Gesichter, sondern die Farb-Temperaturen der Einzelnen und die der Menge.

Bei deiner speziellen Verknüpfung von Musik und Farbe liegt die Frage nahe, ob und wie du mit Visual Artists zusammenarbeitest?

Ehrlich gesagt, arbeite ich nie mit Visual Artists zusammen. In der japanischen Clubszene ist das zwar sehr populär, aber mit meinem Zugang zum Auflegen finde ich es äußerst schwierig mit Bildern zu arbeiten. Wenn ich z. B. in einer sehr heftigen Stimmung bin und eher aggressive Musik spiele und ein_e VJ dazu so etwas wie „Wald“ spielt, dann funktioniert das einfach nicht zusammen. Was ich sagen will und was er_sie sagen will lässt sich nur schwer miteinander verknüpfen, es ist ein Problem des Timings und der Kommunikation. Außerdem sind Bilder viel eindrücklicher als Musik. Hört die Farben! Seht sie nicht, fühlt sie!

Bei deinen Auftritten arbeitest du nicht nur mit Schallplatten, sondern auch mit Found Footage und Field Recording. Was hat es damit auf sich?

Neben aktuellen Sachen sammle ich alte Musik und kuriose Audioaufnahmen. Ich mag es, unterschiedliche Stile und Soundelemente zu verknüpfen. Ich nehme auch meine eigene Stimme auf und bin immer auf der Suche nach spannenden Sounds aus Filmen oder Werbeclips. Das alles integriere ich dann in meine DJ-Sets. Wenn ich in Wien bin, besuche ich jedes Mal den Secondhand-Laden „Teuchtler“, weil es dort haufenweise ungewöhnliche Schallplatten zu finden gibt.

Was schätzt du am meisten an der Ausdrucksform des DJing?

Beim DJing dreht sich für mich alles um menschliche Wesen und Emotionen. Emotionen haben für mich Farben – Trauer: Blau, Glück: warme Farben – sie stehen also in enger Verbindung mit meiner „Farben-Theorie“. DJing ist das Teilen von Emotionen durch Farben und Musik, und das Suchen eines Weges, den wir gemeinsam beschreiten. Das ist ein besonderes Gefühl, wenn ich die Resonanz der Menschen auf meine Sounds direkt spüre, wenn sich die Leute der Musik öffnen, wenn jede einzelne Person sich auf die Musik einlassen kann.

Es ist großartig, wenn jemand Geist und Gefühl für die Musik öffnet, und dieses Gefühl mit mir und den anderen Personen rundherum teilt. Manchmal muss ich mich abmühen, um den richtigen Weg dorthin zu finden, aber das ist es. Es ist nicht das Erzeugen einer konstant fröhlichen Partystimmung, die mir am DJing Spaß macht, es muss keine große Crowd sein, ich möchte mit Musik etwas sagen. Wenn sich die Leute mitreißen lassen, beflügelt das meine Phantasie, ich kann mich öffnen und kommuniziere mit den Menschen durch die Musik. Sobald diese Kommunikation funktioniert, ist es ein gelungenes DJ-Set.

Vor ein paar Jahren warst du Teil der female:pressure Japan Tour. Wie kam es dazu? Wie bist du mit dem female:pressure-Netzwerk in Berührung gekommen?

Als ich Freunde in Europa besucht habe und auf der Suche nach Auftritten war, wurden Electric Indigo und ich miteinander bekannt gemacht. Das war bei meinem ersten Gig im Flex. Indigos DJ-Set an diesem Abend hat mich so sehr beeindruckt, dass ich fast weinen musste. Sie ist eine besondere Person für mich, ich habe großen Respekt vor ihr und sie ist eine meiner Heldinnen. Schlussendlich hat sie mich dann auch zu female:pressure gebracht. Dieses Netzwerk ist eine tolle Möglichkeit mit anderen kreativen Frauen in Kontakt zu treten. Es ist eine feine Community und eine gute Ausgangsbasis um neue Projekte zu starten, wie etwa die female:pressure Japan Tournee vor drei Jahren.

Glaubst du, dass dein Geschlecht eine Rolle spielt wenn du hinter den Plattentellern stehst? Hat es einen Einfluss auf deine Bookings oder auf die Reaktion des Publikums?

Natürlich macht es einen Unterschied, ob ich als Frau einen Track auflege, oder ob das ein Macho-Typ tut. Auch wenn es dasselbe Musikstück ist, wird es vom Publikum anders wahrgenommen, vor allem weil ein größerer Teil der DJs männlich ist. Am Anfang meiner Karriere gab es einige Vorfälle, in denen angezweifelt wurde, ob ich als Frau wohl eine „richtige“ DJ sein könnte, ob ich mich gut genug mit der Musik und dem Mixen auskennen würde. Aber mir war und ist das egal, ich gehe nicht mit dem Bewusstsein auf die Bühne eine weibliche DJ zu sein.

Trotzdem finde ich es wichtig, dass sich Leute mit dieser Thematik in ihrer Musik auseinandersetzen, es gibt z. B. Platten von DJ Sprinkles [Terre Thaemlitz, Anm. d. Autorin] mit einem Focus auf Sex und Gender, seine_ihre Texte sind großartig.

online seit 10.04.2012 19:51:45 (Printausgabe 58)
autorIn und feedback : Interview: Rosa Danner


Links zum Artikel:
www.myspace.com/djmiekojpMieko Suzuki im Netz I
www.dj-mieko.jp/Mieko Suzuki im Netz II
mnm.humatic.net/Mieko Suzuki im Netz III



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