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  Poetischer Widerstand

Mit ihrem Buch „Woman Native Other“ sprengte Trinh Thi Minh-ha 1989 die Grenzen zwischen Wissenschaft und Kunst – 2010 erschien die deutsche Übersetzung

Wissenschaftliche Texte folgen meistens dem gleichen Muster: Titel, Forschungsfrage, Thesen, Conclusio. Die Filmemacherin, Komponistin, Feministin und postkoloniale Theoretikerin Trinh Thi Minh-ha widersetzt sich mit ihrem Werk den (androzentrischen) Normen wissenschaftlichen Arbeitens und verfolgt eine Herangehensweise, bei der die Trennlinien zwischen Wissenschaft und Kunst verschwimmen. Ihr Buch „Woman Native Other“ (1989) ist längst zum Klassiker eines sogenannten postkolonialen Postfeminismus geworden. Zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen unternahm Kathrina Menke das schwierige Unterfangen, diesen Text in all seiner Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit ins Deutsche zu übersetzen. Im Oktober kommt Trinh T. Minh-ha nun gemeinsam mit ihrer Übersetzerin nach Wien, um das Buch zu präsentieren.

Sprachliche Subversion

„Woman Native Other“ ist eine Abhandlung über kulturelle Hybridität und globale Dominanzverhältnisse, der es gelingt, die Verschränkung von postkolonialen und (post-)feministischen Perspektiven in ihrer vollen Komplexität zu beleuchten. Trinh T. Minh-ha stellt dabei grundlegende Fragen nach der Repräsentation und den Handlungsmöglichkeiten von „Dritte-Welt-Frauen“, indem sie sich mit der Verschränkung von Ethnizität und Weiblichkeit sowie mit Differenz(en) und Identität auseinandersetzt.

Das Buch bewegt sich damit an der Schnittstelle von Anthropologie, Cultural Studies, Literaturkritik und feministischer Theorie und entwirft auch auf sprachlicher Ebene einen Gegendiskurs zu androzentrischer Literatur und Theorie. Denn Sprache ist für Trinh T. Minh-ha ein zentraler Bestandteil ihres widerständigen Projekts. Klare Sprache, lineare Texte, stringente Erzählweisen und Autorität identifiziert sie als Mittel der Dominanz, durch die schreibende Frauen marginalisiert werden. Dies gilt umso mehr für „Dritte-Welt-Frauen“. Doch paradoxerweise müssen auch sie sich dieser Sprache bedienen, um gehört zu werden. Trinh T. Minh-ha sucht deshalb nach alternativen Strategien und Erzählweisen, die sprachliche Subversion ermöglichen. „Finding a voice, searching for words and sentences: say something, one thing, or no thing; tie/untie, read/unread, discard their forms; scrutinize the grammatical habits of your writing and decide for yourself whether they free or repress. Again, order(s). Shake syntax, smash the myths, and if you lose, slide on, unearth some new linguistic paths.“

Der Text macht es den Leser_innen nicht leicht, die Autorin will nicht klar und eindeutig sein, sondern arbeitet stattdessen mit Mitteln der De- und Rekontextualisierung. Sie verschiebt Bedeutungen, schafft so neue Signifikanz, lässt Fragen offen oder greift sie an ganz anderer Stelle wieder auf. Ihr Werk ist oft collagenartig, kombiniert Poesie mit analytischem Text und ist durchsetzt von zahlreichen Bildern aus ihren eigenen Filmen. Es ist multivokal, viele Stimmen kommen darin zu Wort, was es mitunter schwer macht, Trinh T. Minh-has eigene Position zu identifizieren. Aber genau diese Offenheit für Interpretationen ist gewollt.

Orientierungen

Neben ihren Büchern wurde Trinh T. Minh-ha vor allem durch ihre vielfach ausgezeichneten Filme bekannt. Ihr erstes und berühmtestes filmisches Werk ist „Reassemblage“ von 1982. Der im Senegal gedrehte Film wirkt im ersten Moment wie eine ethnografische Dokumentation, ist aber eine Kritik eben jenes anthropologischen Blickes, den er zitiert. Im Gegensatz zu klassischen ethnografischen Dokumentationen möchte sie keinen Film „über“ Kultur machen. „I do not intend to speak about, just speak nearby“, sagt sie gleich zu Beginn des Filmes. Die scheinbar zusammenhanglosen Szenen, die manchmal von Musik unterlegt sind, werden deshalb weder erklärt noch kommentiert und hinterlassen eine gewisse Orientierungslosigkeit bei den Zuschauer_innen. Eine Orientierungslosigkeit, die sie auch mit ihren Texten ganz gezielt hervorrufen will und die so ihr gesamtes Schaffen auszeichnet. Denn nur so wird Neuorientierung möglich.


Anmerkungen

www.trinhminh-ha.com

Trinh Thi Minh-ha: „Woman Native Other. Postkolonialität und Feminismus schreiben“, Turia und Kant, Wien 2010

Der Text erschien zuerst in: an.schläge, 10/2011

online seit 13.10.2011 11:04:13 (Printausgabe 57)
autorIn und feedback : Isabelle Garde


Links zum Artikel:
germanistik.univie.ac.atTrinh T. Minh-ha in Wien (10/2011)



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