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  Rock me Amadeus

Die Rockoper ist zurück – wie konnte das passieren?

Animal Collective tun es. David Byrne tut es. The Knife, die Sparks, Gonzales tun es. Und Pink Floyd tun es schon wieder: Alle umkreisen derzeit mit unterschiedlichen Zugängen das Format "Rock-Oper".

Manche sind beinahe schon im "ernsten" Opernfach gelandet, wie The Knife mit "Tomorrow, In a Year", das als Auftragswerk für die Charles-Darwin-Oper der Performancegruppe Hotel Pro Forma bereits zur Aufführung kam. Die Sparks liegen mit ihrem im Auftrag des schwedischen Radiotheaters erstellten musikalischen Hörspiel rund um einen fiktiven Ausflug des Regisseurs Ingmar Bergman in Hollywood ("The seduction of Ingmar Bergman") nur knapp daneben. Das Opernhafte der neuen Werke von Animal Collective ("Oddsac") und Gonzales ("Ivory Tower") liegt in der Kopplung eines Konzeptalbums mit einer filmischen Umsetzung. David Byrnes' und Fatboy Slims "Here lies love"-Songzyklus über die philippinische Ex-Präsidentengattin Imelda Marcos hat Rockopernpotenzial und -ambition, liegt aber bislang bloß als CD vor. In diesem Umfeld haben Pink Floyd (bzw. der verbliebene Frontman Roger Waters) ihr gigantomanisches Rockopern-Spektakel "The Wall" wieder ausgegraben und diesen Herbst eine Welt-Tournee gestartet.

Ein Quickie mit Tommy

Ihre ersten Gehversuche machte die Rockoper vor 45 Jahren mit einem Mini-Songzyklus über einen Seitensprung im Fernfahrermilieu auf der LP "A quick one" von The Who. In den späten 1960ern und ihren blühenden psychedelischen Fantasien bis in die Progressivrock-Hochphase der 1970er wurden dann die Popnummern immer länger und füllten schließlich ganze Alben, die einem Thema gewidmet waren – von Konzeptalben wie Moody Blues' "In search of the lost chord" und Pretty Things' "SF Sorrow" bis zu effektiven Rockopern mit visueller Umsetzung wie The Whos "Tommy" und schließlich "Quadrophenia".

Das hatte einen durchaus wirtschaftlichen Hintergrund: Mit wachsendem Teenager-Publikum, das einen Gutteil seines historisch außergewöhnlich hohen Einkommens für Musik ausgab, überflügelte die LP in den Sechzigern die Single. Während LPs früher nur im Marktsegment Klassik und Jazz dominierten, im Pop aber vorwiegend Sammlungen von Hit-Singles waren, wurde nun die Single zu einem Marketinginstrument, eine "Auskopplung", die für die LP Werbung machen sollte. Im Gegensatz zur Kurzlebigkeit von Singles entwickelten LPs nun eine zunehmend längere Verweildauer in den Pop-Charts. Diese kommerzielle Beständigkeit machte sie für die Plattenfirmen attraktiv. Ende der 1960er stellten LPs über 80% der Verkaufseinkünfte der US-Musikindustrie.

Kunst oder Pop?

Mit der Dominanz des LP-Formats veränderten sich die Rahmenbedingungen für die darauf präsentierte Musik. Die Entwicklung neuer Ausdrucksformen in der Popmusik hin zu Konzeptalbum und Rockoper war die Antwort, die sich mit musikimmanenten Motiven gut vertrug, wie Musikjournalist Boris Jordan erhellt:

"Pop ist ja per Definition ein kurzes, situationistisches Format, das rasch, unmittelbar, andeutungshaft und vergänglich sein soll und das durch die dazu geeignete Single in der Anfangsdefinition bestimmt wurde. Die ersten Alben waren ja Singles-Compilations (daher der Name 'Album').

Die Hippies, und Dylan voran, die sich anders als noch Elvis oder die Beach Boys/Beatles (beide am Anfang, später haben sie ja Programmmusik und Konzept fast in den Mittelpunkt des Schaffens gestellt) als Kunstschaffende in einer erzählerisch-literarischen Tradition verstanden haben, wollten dieses als Korsett empfundene Miniatur-Kunstwerk namens Single durch die große Erzählung namens Konzept-Album ersetzen.

Es sind auch viele Konzept-Alben an literarische Erzählungen, historische Episoden ('Six wives of Henry VIII') angelehnt oder um erfundene fiktive Personen gebaut ('Aqualung' von Jethro Tull, 'Tommy' von The Who und 'Arthur' von den Kinks um Figuren, 'Ruben and the Jets' von Zappa und 'Sgt. Pepper' von den Beatles um fiktive Bands), was eher literarische als künstlerische oder musikalische Rahmen sind … für musikalische Ausuferungen würde ich auch eine gewisse 'bewusstseinserweiternde' Erfahrung verantwortlich machen – wer LSD nimmt, mag nicht in drei Minuten davon erzählen, dass Papi so gemein war, ihm das Auto nicht zu borgen, oder dass sein 'Baby' ihn verlassen hat, sondern er will seine grenzenlose Gotterfahrung auch in 64-taktige Soli kleiden.

Technisch wurden sicher die Entdeckung des Studios und die Möglichkeit, das Vier-Minuten-Format zu überschreiten, auch eine Voraussetzung für die Album-Innovation.

Punk hat (ganz situationistische Bewegung, die er laut Greil Marcus sein wollte) dann die Single, das Livekonzert, die Aktion und Medieninszenierung anstatt der großen Erzählung wieder in den Vordergrund gestellt.

Neben ökonomischen Faktoren glaube ich also, dass auf künstlerischer Seite die Spannung zwischen Musikschaffenden, die sich als LiteratInnen (oft auch als eine Art 'klassischeR' KomponistIn – daher die ganzen Fugen und Suiten von Emerson, Wakeman und den seinen) versus die MusikerInnen, die sich als AktivistInnen/EntertainerInnen verstehen, hier ziemlich viel Einfluss auf diese Auf-und-ab-Popularität des Konzeptalbums ausgeübt hat."

Dinosaur Junior

Was interessiert aktuell Musikschaffende plötzlich wieder am Saurier-Format Rockoper? Möglicherweise wallt bloß der Wille zur Kunst in den Reihen der MusikerInnenschaft wieder einmal auf. Eine andere rezente Episode der Rockoper-Veteranen Pink Floyd verweist jedoch auch auf ökonomische Faktoren: Die Band hat im März 2010 eine Klage gegen ihre Plattenfirma EMI gewonnen. Demnach darf EMI nicht mehr ohne Einverständnis der Musiker einzelne Songs im Internet verkaufen. Pink Floyd wollen damit verhindern, dass ihre als Gesamtwerke konzipierten Alben "zerrissen" werden. Nicht zufällig wuchten sie jetzt "The Wall" von 1980 wieder auf die Bühnen dieser Welt.

Das vermehrte Aufkommen von Rockoper-Formaten ist also auch eine künstlerische Antwort auf veränderte ökonomische Rahmenbedingungen: Es ist ein Versuch, sich dem Tod des Albums zu widersetzen, der durch die Zersplitterung auf einzelne Songs im Zuge der Verlagerung von Popmusik ins Web droht und sowohl eine künstlerische als auch eine ökonomische Einschränkung mit sich bringt.

Das Einbrechen des Tonträger-Verkaufs rückt im Musikgeschäft in der Regel die Live-Performance als Einnahmequelle (wieder) in den Vordergrund: MusikerInnen müssen heute auf Dauer-Tournee gehen und dort Abend um Abend authentischen Schweiß und Gefühle vorführen. Ganz schön anstrengend. Der Wechsel ins Opernformat als Alternative birgt für die AutorInnen das Versprechen, mit einem imposanten Gesamtkunstwerk entweder das Stammpublikum zum Kauf traditioneller Tonträger (attraktiviert mit zusätzlichen Interpretations-Beigaben etc.) zu animieren oder sich den Zwängen der Rock-Authentizitäts-Performance zu entziehen, indem sie den Schaueffekt fürs Publikum an SchauspielerInnen oder Filmdarbietungen delegieren.

Am fernen Horizont winkt vielleicht für Einzelne auch der Wechsel ins Genre der bürgerlichen Hochkultur – das Feindbild von einst hat zwar viel von seinem gesellschaftlichen Status eingebüßt, aber im Gegensatz zur mittlerweile kulturell siegreichen Popkultur ist es nach wie vor üppig mit Subventionen ausgestattet. Nicht umsonst finden wir heute viele Indie-MusikerInnen, die ihren Bohème-Bonus in Literatur und Theater exportieren und dort für ihre Erzählungen vom wilden Leben endlich das Geld sehen, das ihnen in ihrem Stammberuf (längst) nicht (mehr) versprochen wird.

War die erste Rockopern-Welle ein Ausdruck von Entfaltungsmöglichkeiten angesichts neuer ökonomischer Horizonte, ist die jüngste Welle also eher eine Fluchtbewegung angesichts verengter ökonomischer Horizonte. Vielleicht schützen diese nüchternen Motive die aktuelle Rockopern-Welle vor dem Schicksal ihrer Vorgänger in den 1970ern, dem Abgleiten in künstlerisch dünne Bombast-Orgien.


online seit 30.10.2010 17:22:39 (Printausgabe 51)
autorIn und feedback : Pinguin


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/tanzen/2087Arien der Eliten. Wird die Oper wieder zum Brennpunkt sozialer Auseinandersetzungen?



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