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  Wechsel der Kampfstrategien

Das Sarajevo Queer Festival lebt weiter

Bis Mitte August fand das Sarajevo Film Festival statt, in dessen Mittelpunkt Produktionen standen, die sich – wenig überraschend – mit der Aufarbeitung des Krieges beschäftigen. Der Gewinnerpreis ging an den Film „Ordinary People“ des serbischen Regisseurs Vladimir Perisic, der einen Tag im Leben eines jungen Soldaten beschreibt und den Zuschauer_ innen die Sinnlosigkeit seines Auftrages vor Augen führt. Die Dokumentation mit dem Titel „Sarajevo Queer Festival 2008“ zeigte hingegen eine andere, oft ausgeblendete Seite der Gastgeberstadt: Gewalt und Intoleranz gegenüber Queers in der jungen Haupstadt Bosnien-Herzegowinas.

Das Sarajevo Queer Festival sollte im September 2008 zum ersten Mal stattfinden, doch es endete bereits in der Eröffnungsnacht nach gewalttätigen Angriffen einiger Hooligans und Islamisten. Masa Hilcisin und Cazim Dervisevic, das Regieteam des Films, waren eigentlich damit beauftragt gewesen, ein Video-Archiv über die vier Tage mit vollem Programm zu erstellen. Stattdessen entstand ein Dokumentarfilm, der als Zeugnis darüber funktioniert, wieviel Mut es braucht, um in Sarajevo überhaupt ein queeres Festival auf die Beine zu stellen. Svetlana Durkovic, deren Brainchild das Festival ist, will es auch dieses Jahr wieder organisieren. Allerdings soll es diesmal nicht mehr während des Ramadan stattfinden, was ihr im Nachhinein als Provokation vorgeworfen wurde. Durkovic hat ihre Konsequenzen aus der Gewalt gezogen, die „Kampfstrategien habe sie gewechselt“: Diesmal möchte sie „in erster Linie Ideen verbreiten“, um nicht wieder Opfer von Gewaltattacken werden – „we are not going to give you our bodies; we are giving you our ideas!“

Wenn man den Regisseur Dervisevic nach dem Eröffnungsabend 2008 in der Kunstakademie von Sarajevo fragt, berichtet er über den eingeschränkten Schutz durch die Polizei. Er habe die Nase voll von der Scheinheiligkeit der Gesetzeshüter von Sarajevo: „Verurteilt wurde am Ende nur einer, und der hatte einen Polizisten angegriffen. Die anderen laufen immer noch frei herum.“

Kein Undergroundfestival

Minderheitenschutz ist in Bosnien-Herzegowina ein heikles Thema: Dass eine Gruppe von Aktivist_innen diesen für Schwulen, Lesben und Queers fordert, geht vielen zu weit. Diese kämpfen gegen ein Klima der Ignoranz an: Homophobe Tendenzen sind laut Festivalorganisatorin Durkovic im Rückenwind des ausgreifenden Nationalismus im Anstieg. Nach dem Angriff war sie zu TV-Debatten eingeladen worden, bei denen sie sich mit Aussagen wie „diese Menschen sind krank und gehören ins Spital“ konfrontiert sah. Danis Tanovic, Regisseur des mit einem Oscar ausgezeichneten Films „No Man’s Land“, fügt hinzu: „Ich kann das Wort „Toleranz“ nicht mehr hören – wir sind so viel gewohnt in diesem Land, dass wir selbst die Gewalt „tolerieren“, sie einfach als normal akzeptieren“. Die von ihm gegründete Partei „Unsere Heimat“ ist die einzige, die sich öffentlich und nachhaltig hinter die Festivalleitung stellt. Svetlana Durkovic pflichtet ihm bei: „Das haben wir deutlich in der Vorbereitung des Festivals gemerkt, als wir vier Organisatorinnen aggressive Kommentare und Morddrohungen viel zu wenig ernst genommen haben. Wir dürfen diese homophobe Gewalt nicht weiter tolerieren, denn wir haben ein Recht auf Leben und auf Freiheit, wie alle anderen Minderheiten in diesem Land auch. Wir wollen kein Undergroundfestival sein. Deshalb müssen wir darauf achten, dass das, was wir an Arbeit reinstecken, Wirkung zeigt. Insofern haben wir uns entschieden, dieses Jahr unsere Kräfte auf eine Billboard-Kampagne zu fokussieren.“ Zwei Wochen lang sollen in Bosnien 15 Plakate die Menschen zur Diskussion anregen.

Durkovic ist, wie sie selbst sagt, nach einem weiteren Jahr Kampf am Ende ihrer Kräfte: „Es wurde von offizieller Seite kein einziges Mal mehr bei uns nachgefragt, wie es uns eigentlich geht, wie es um unsere Sicherheit bestellt ist.“ Ihre Vision für die Zukunft liegt in der Aufklärungsarbeit und im Mainstreaming der begonnenden Aktivitäten. Durkovic hofft, dass sich mehr Organisationen dem Festival anschließen werden und es nicht in einer „Kulturnische“ verhaftet bleibt. Cazim Dervisevic wird aus Sarajevo wegziehen. Er will seine Dokumentation – die bereits auf der Berlinale lief – noch so häufig vorführen wie es geht, „um die Wahrheit zu zeigen“. Darin sieht er seine Verantwortung, aber von Sarajevo, seiner Geburtsstadt, brauche er erstmal eine Pause.


online seit 26.11.2009 12:10:48 (Printausgabe 48)
autorIn und feedback : Daphne Büllesbach




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