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Per Zeitmaschine in den Boom

Das enge Verhältnis der japanischen Popkultur zur Krise

Noch 70 Tage, bis Japan wegen Überschuldung zusammenbricht. In einem war room, auf der eine LED-Anzeigentafel den Schulden-Countdown zählt, wie von weiland „Nulldefizit“-Grasser einst auf der Kärntnerstraße installiert, greifen ein paar Experten des japanischen Finanzministeriums zu einer letzten verzweifelten Notmaßnahme: Sie schicken erst eine Mutter, und dann noch ihre Tochter per Zeitmaschine in die „goldenen 80er Jahre“ zurück, als Japan im Spekulations- und Konsumrausch versank. Ziel der Mission: Die Verhinderung einer Gesetzesmaßnahme, die Immobilienkredite einschränkte, und im Rückblick für den Zusammenbruch der Börsen- und Immobilienblase 1990 verantwortlich gemacht wird.

Mit diesem Plot versuchten die japanischen Macher von „Bubble fiction: Boom or bust“ („Baburu e go!!“) 2007 vergeblich in Cannes zu punkten. Im Lauf des Films finden die Botschafterinnen der Zukunft noch heraus, dass der damalige Finanzminister nicht wider besseres Wissen, sondern mit voller Absicht und in Absprache mit ausländischen Finanzhaien den Kollaps herbeigeführt hat, um mit spekulativen Aktientransaktionen daran zu verdienen (was ihm auch gelingt, denn er ist in der Gegenwart als erfolgreicher Fondsmanager bekannt). Die Verschwörung wird zwar vereitelt, aber der integre Nachfolger des Finanzministers hat wenig Trost zu bieten: Er kann den unvermeidlichen Zusammenbruch auch nicht verhindern, aber offeriert mit seiner Mahnung zur Rückbesinnung auf Arbeit und Familienwerte eine alternative Interpretation des Booms als moralischer Verfall.

Der Film basiert auf einem populären Manga und schöpft seine Attraktion aus der Konfrontation der boom-bedingten Euphorie des Japan der späten 80er und der depressiven Nüchternheit und ökonomischen Prekarität der Nuller-Jahre. Bestückt mit in Japan bekannten Schauspielern und Kurzauftritten von diversen japanischen Stars zeigt er, wie die Abarbeitung an der großen Wirtschaftskrise nach wie vor die japanische Popkultur beherrscht. Dabei werden populäre Erklärungen für die Krise (Korrupte Politiker, ausländische Mächte, Verfall traditioneller Werte) aufgenommen und verhandelt, die noch immer die Gemüter bewegt.

Eine andere rezente filmische Abhandlung zum Thema des wirtschaftlichen Verfalls hat es letztes Jahr sogar in europäische Kinos geschafft: Die fake-Doku-Komödie „Der große Japaner“ („Dainipponjin“) zeigt einen Mann, der seine Identität und Bekanntheit auf die Fähigkeit zum Wachstum auf Superheldengröße und -kraft baut, mit der er das Land frei von Monstern hält, aber der seine großen Zeiten hinter sich hat. Einst ein Star, lebt er heute ökonomisch prekär, und muss seine Verwertung unter immensem Quotendruck im Reality-TV-Unterhaltungsfernsehen sichern. Nur durch seine Erniedrigung und Niederlage können die Quoten noch einmalig in die Höhe getrieben werden. Seine Familie ist zerbrochen, er lebt vereinsamt und von seiner Umwelt als abgehalftertes Ärgernis verachtet vor sich hin. Der Film parodiert die traditionelle nationale Identifikation mit (wirtschaftlichem) Wachstum und das Festhalten an konservativen Werten. Sie erscheinen hilflos, mit den kriseninduzierten Umbrüchen hin zu einer Dominanz der kommerzialisierten Unterhaltungsindustrie, neuen Konkurrenten auf dem Weltmarkt (der große Japaner wird von einem koreanischen Teufel-Monster gedemütigt) und veränderten Geschlechterrollen zurechtzukommen.

Während also die heutige Popkultur in Japan die Krise als Stoff benützt und sich als Bearbeitungsmedium der damit verbundenen Sorgen und Probleme anbietet, sind Krise und Popkultur in Japan noch auf eine andere Art und Weise verknüpft: Der globale Siegeszug der japanischen Popkultur setzte nämlich just zu dem Zeitpunkt ein, als die japanische Wirtschaft „im verlorenen Jahrzehnt“ durch ein Tal der Tränen schritt. Manga-Comics, Video- und Computer-Spiele hatten zwar schon länger eine starke Stellung im Land selbst. Auch auf dem Weltmarkt reüssierten japanische Pop-Produkte stellenweise. Aber lange Zeit hatte man für den Export an „kulturell geruchlosen“ Werken gearbeitet, denen wie z.B. Super-Mario ihre japanische Herkunft nicht anzusehen war. Das änderte sich in den 90er Jahren, als spezifisch japanische Bildprodukte im Westen den Sprung vom Kultobjekt in Insiderkreisen und Nischen-Jugendkulturen zum Mainstream-Erfolg schafften, und Japan zum popkulturellen Gütesiegel wurde. Pokemon markiert den Höhepunkt dieses Prozesses.

Das mag damit zu tun haben, dass die wirtschaftliche Stagnation den Stellenwert der bislang exzessiven Arbeitskultur untergrub, und der Ausbau von Freizeit und Konsum auch als Konjunkturbelebungsmaßnahme aktiv gefördert wurden, was den Umbruch zu einer postindustriellen Wirtschaft und Gesellschaft vorantrieb. Gleichzeitig half die Krise möglicherweise auch dadurch, dass sie das in den 80er Jahren in den USA und Europa kursierende Image von Japan als bedrohliche überwältigende Wirtschafts-Supermacht zerstörte, und so den Weg frei machte für eine positive Rezeption japanischer Popkultur. So ging das wirtschaftlich verlorene Jahrzehnt paradoxerweise mit einer kulturellen Renaissance einher, die auch Medien, Mode und Musik betraf. Japans „Gross National Cool“ schien bald das „Gross National Product“ (Bruttoinlandsprodukt) in den Schatten zu stellen.

Doch nicht alle Pfeiler des traditionellen japanischen Nachkriegs-Wirtschaftswunders stürzten mit der Krise ein: Das im Zuge der US-Besatzung nach 1945 als Bollwerk gegen aufstrebende linke Kräfte gebildete extrem veränderungsresistente und politische System mit der jahrzehntelang mit einer kurzen Ausnahme 1993 ungebrochen regierenden konservativen LDP am Steuer, überlebte bislang alle Veränderungen. Zahlreiche Korruptionsfälle, die im Zuge des Krisenmanagements in den 90er Jahren auftauchten, konnten daran nichts ändern, steigerten aber die Politikverdrossenheit der japanischen Bevölkerung in exorbitante Höhen. Erst beim jüngsten Urnengang Ende August 2009 wurde die LDP schließlich abgewählt.

Verweigerung als Reaktion auf Veränderungsfeindlichkeit ist auch in der Jugendkultur präsent: Trotz Ausbreitung prekärer Arbeitsbedingungen und geringer Jobaussichten vermitteln Eltern und Ausbildungsinstitutionen offenbar vielfach nach wie vor Leistungs- und Erfolgserwartungen, die mit den Realitäten völlig inkompatibel sind. Viele vor allem männliche Jugendliche reagieren darauf mit völligem Rückzug von der Außenwelt und verbarrikadieren sich Monate oder Jahre in der elterlichen Wohnung. Das Phänomen der „Hikikomori“ hat auch im Westen viel Aufmerksamkeit erfahren. Cultural Studies-Legende Dick Hebdige (vgl. Interview in MALMOE 46) ließ im Frühjahr auf seinem Wien-Vortrag zu Murakamis Japan Faszination durchblicken. Als der autonome Theoretiker Franco „bifo“ Berardi unlängst die Hikikomori vor japanischen Linken als widerständige Subjekte adelte, kam das allerdings laut Berichten nicht so gut an. Aber da das politische Subjekt ja überall in der Krise ist, könnte man von Japan als „Krisenzentrum der westlichen Welt“ möglicherweise doch etwas lernen.

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Party at MALMOE’s Yakuza Spielhölle

Samstag, 31. Oktober 2009, 20h
im lokativ, Arnezhoferstrasse 12, 1020 Wien (Prater Nähe!)

Karaoke!
Dance Competition!
Game boy music!
Sake!

DJs San-Ta Claus, Mario Moon und Luigi-San

MALMOE verwandelt die freundliche Lokativ-Schnapsbar in ein Mekka japanischer Pop- und Spielekultur – Yakuza Spielhölle! Berühmte Persönlichkeiten aus der Welt von Super Mario und Co. stehen am DJ-Pult und treiben Dich mit Gameboy-Beats auf die Stepmania-Tanzmatte, vor das Singstar-Mikro und an den Taiko Drum Master. Ein bunter Party-Rausch-Parcours erster Güte!



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online seit 27.10.2009 14:00:16 (Printausgabe 47)
autorIn und feedback : BW




Förderung, Wahrung, Hebung, Schaffung

100 Jahre Vereinigung Bildender Künstlerinnen Österreichs
[20.08.2010,Iris Borovčnik]


Was wurde eigentlich aus...?

Ein Update zu MALMOE-Themen in früheren Ausgaben. Folge 8: Queer Hip Hop
[08.08.2010,Katharina Morawek]


Mixtape

mit Isili (Technokränzchen/Wien)
[20.07.2010]


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