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MC Spaßbremse Garantiert humorfrei: das Deutschrap-Dilemma Nachdem Sido, Bushido, Fler und Konsorten aus dem Aggro Berlin Umfeld jahrelang mit ihren notorisch humorfreien Raps rumgenervt haben, feierten jüngst K.I.Z. mit der ironischen Brechung gängiger Klischees Erfolg. Hierzulande bewegten sie die journalistischen Kleinformate vor allem mit dem Track „Straight Outta Kärnten“, in dem sie Leben und Tod von Jörg Haider mit einem Autounfall-Sample einläuten und aus Perspektive des sich einfältig wiederbetätigenden Fanboys reflektieren („Mach beim Begräbnis den Gruß und seh Licht aus der Gruft / und der Rest der SA schießt für dich in die Luft“). Dazwischen haben ein HC Strache Diss („Dieser Strache will uns wohl veräppeln / er denkt er könnte Rappen“) und – nahezu selbstverständlich beim Thema Haider – Heterosexismus Platz. Diese permanente Grenzüberschreitung ist dabei exemplarisch für die Arbeitsweise von K.I.Z., in der auf alles mit dem Vorschlaghammer eingedroschen wird: vom szeneinternen Mackergehabe, Polizisten und Richter über gesellschaftspolitische Themen bis hin zum Banker („Hier oben weht ein rauer Wind / Keiner hört uns wenn wir traurig sind / Ich verkauf noch dieses Wertpapier / Mach den Computer aus und spring aus dem Fenster hier“). Verstehen Sie Spaß? Die spaßpolitische Strategie ihres aktuellen Albums „Sexismus gegen Rechts“ liegt im Einnehmen permanent wechselnder Perspektiven. Sie performen, was sie persiflieren und übersteigern in einem fort die Stimme, die sie einnehmen. Das funktioniert auf zwei Ebenen: Einerseits über eine starke selbstironische Abgrenzung vom Gangster-Kitsch, wie ihn etwa die schon erwähnten Aggro Berlin Brüder vertreten, aber ohne dabei in moralisierende Kritik zu verfallen. Entgegen der positiven Lesart in TAZ und Falter bleibt ihr Themenstakkato, soweit es über den Szenetellerand hinauskommt, agendafrei – außer im genauso gut als rechts-populistisch verortbaren Zetern gegen „die da oben“. Im Gegensatz z.B. zu Abiturienten-Rappern wie Freundeskreis (humorlos) oder Ali G, dessen Rude Boy Persiflage zumindest ursprünglich gleichzeitig lustvoll und interventionistisch war. Das Bild verstärkt sich vor allem angesichts des K.I.Z.’schen Sounddesigns, das den Schluss nahelegt, es weniger mit einer harmlosen Kiddie-Punk Band a la WIZO zu tun zu haben, als mit der Bloodhound Gang, mit der K.I.Z. neben dem Männer-bündelnden Toilettenhumor auch ihre erste Tour verbindet, die sie in deren Vorprogramm bestritten haben. Türlich, türlich Anders als Sacha Baron Cohen (Ali G.) versuchen K.I.Z. nicht gezielt, auf gesellschaftliche (Repräsentations-) Verhältnisse hinzuweisen, sondern reiten die „Es darf wieder gelacht werden“-Welle, die von den Schunkelbrüdern Stefan Raab und Co. bereits in den Neunzigern vorbereitet und etabliert wurde. Unter dem Banner des „befreienden“ Moments von Anti-Political-Correctness wurden einst emanzipatorische Diskurse systematisch von rechts bzw. Mitte unter Verwendung von Abgrenzungsgesten besetzt. Dazu meinte der Poptheoretiker Günther Jacob: „Rap hat sich in Deutschland fast vollkommen von den US-amerikanischen Vorbildern gelöst. (…) Seit den neunziger Jahren hat sich auch hierzulande eine spezielle Art von Proll-Kultur etabliert, eine Kultur, die man in den USA als White Trash bezeichnet. Ein bekanntes mediales Format sind die Mittagstalkshows im Fernsehen, in denen Leute kurz davor sind, aufeinander loszugehen, wo sie ihre Dummheit und Prollhaftigkeit offen präsentieren dürfen. (…) Aggro Berlin fand dieses Angebot der Unterhaltungsindustrie fertig vor und konnte sich da reinsetzen, irgendwo zwischen Sangria-Party am Ballermann und »Vera am Mittag«. Vor der Etablierung dieser Formate wäre Bushido nicht denkbar gewesen. Zugleich darf nicht übersehen werden: Es sind Formate und Genres, also mediale Angebote für real Deklassierte. (…) Bushido & Co. sind auch eine Art späte Rache an den politisch korrekten, linksnationalistischen »Deutschrappern mit Abitur«, die vom Goethe- Institut als Kulturbotschafter zu Welttourneen eingeladen werden.“ Fuck Parental Advisory Rapper wie Bushido haben es allzu einfach in einer Medienlandschaft, die reflexartig auf die moralische Ebene der „Sittenverrohung“ anspringt und es oft nicht fertigbringt, klar sexistische und homophobe Inhalte in ihrer hegemonialen Verankerung ernst zu nehmen und auf sie zu antworten. Strategien wie der Hinweis auf das ambivalente Konzept des „Jugendschutz“ oder lokale (Auftritts-)Verbote zeigen nur die Hilflosigkeit des moralischen Kulturklassenkampfs von oben. Dass dem deutschen Index, der diverse Tracks von Bushido und Aggro Berlin gesperrt hat (diese dürfen bei Konzerten nicht gespielt werden) der Mittelfinger entgegengestreckt wird ist leider nur so lange lustig, bis tausende 14-jährige die Hassparolen über die beim Konzert gespielten Instrumentals mitgröhlen. Eine Strategie übrigens, die „auch die Toten Hosen oder die Böhsen Onkelz bei ihren Konzerten anwenden“, so Bushido in einem Auftritt bei Johannes B. Kerner im ZDF 2007. Gleichzeitig erfüllt der Index in etwa die Funktion wie das von Tipper Gore mittels der „Record Industry Association of America“ (RIAA) forcierte Label „Parental Advisory, Explicit Lyrics“, das im US-Rap in den achtziger Jahren wiederum zu einem Authentizitätsmerkmal hochstilisiert wurde. Basta Reim ‘s Wer nun die Hoffnung hegt, dass sich wenigstens in Remakes deutscher Hip Hop Tracks auf YouTube Humor jenseits unfreiwilliger Selbstironie findet, wird leider enttäuscht. Meistgeclonet ist sicher „Sonnenbank Flavour“ von Bushido, der in bester Fantastische 4 Tradition („MfG“), statt Akronymen Substantiva aneinander kettet, um in diesem Fall nicht die deutsche, sondern seine kleine Welt abzustecken. Eigentlich eine aufgelegte Sache, doch der „Spermabank Flavour“ kommt über Fantasien pubertierender Jungs nicht hinaus, besticht aber dafür mit treffsicher anti-türkischem Rassismus. Dem hat der „Türkenland Flavour“ nicht viel entgegenzusetzen, außer der unglaublichen Punchline, dass „sogar unsere Väter Goldketten tragen“. Dass auch die radikale Linke an humortechnischen Kiddie-Krankheiten laboriert, zeigt dann die armselige antideutsche Antwort auf die Deutschtümelei von Fler: „Antideutsche Welle“, statt „Neuer Deutscher Welle“. Weder das peinlich-pathetische Sounddesign, noch die Bildsprache wird persifliert, sondern wholesale übernommen, lediglich die Parolen ausgetauscht. Bezeichnenderweise gelingt die Brechung der Berliner Aggro Hip Hop Klischees ausgerechnet dann am besten, wenn die Großstadt – und somit alles Kontroversielle – außen vor bleibt, und die Szenerie aufs Land verlegt wird. Unübertroffen immer noch die Landei-Hymne „Mein Dorf“ (ein Remake von Sidos „Mein Block“). Aber eben auch bar jeder kritischen Position. online seit 12.10.2009 16:03:37 autorIn und feedback : km & cp Links zum Artikel:
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