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Kess, zärtlich, frei

„Lesbierinnen“ im westdeutschen TV der 1970er

BRD, Anfang der 70er Jahre. Mehrere Wochen lang berichtet die
BILD-Zeitung in einer beispiellosen Hetze über die „Verbrechen der lesbischen Frauen“ – Anlass dafür war die Verhaftung eines lesbischen Paares, das den misshandelnden Ehemann einer der beiden Frauen per Auftragsmord hatte umbringen lassen. Die Anfänge der Lesbenbewegung in Deutschland und ihrer öffentlichen Artikulation waren demnach bereits vom Kampf gegen herrschende Medienbilder und für alternative Repräsentationen geprägt. Zugleich war die homophobe und sexistische BILDKampagne Katalysator für die gezielte politische Mobilisierung „schwuler Frauen“ in Westdeutschland, die sich bislang eher innerhalb der Schwulenorganisationen organisiert hatten.

Deutlich wird dieses Bemühen um neue Repräsentationsformen auch anhand einiger TV-Produktionen, die in der ersten Hälfte der 1970er entstanden sind und beim diesjährigen identities Queer Film Festival neu entdeckt werden können: Sowohl der Spielfilm „Anna und Edith“ (1975) als auch die beiden Doku-Filme „Zärtlichkeit und Rebellion“ (1973) und „Und wir nehmen uns unser Recht!“ (1974) wurden – ganz im Sinne des Bildungsauftrages der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten – einst vom ZDF bzw. WDR bestellt und sogar im Hauptabendprogramm gesendet.

Ein bisschen Zärtlichkeit

Die in Berlin 1973 gedrehte Reportage „Zärtlichkeit und Rebellion“ war die erste Doku über „Lesbierinnen“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Aus heutiger Sicht wirkt der eigentümliche Mix aus kritischer Gesellschaftsanalyse, populärwissenschaftlichem Aufklärungsfilm und exploitativer Doku (in bed with Stripteaserinnen-Pärchen Gabi und Brigitte) eher komisch – angefangen von den hölzernen Erklärungsversuchen über das „Phänomen der kessen Väter“ bis hin zur Feststellung, dass sich Lesben „auf der Suche nach ein bisschen Zärtlichkeit“ in die Frauenlokale der Stadt flüchten (begleitet vom triefenden „Je t‘aime“-Soundtrackschmalz von Jane Birkin und Serge Gainsbourg).

Bemerkenswert erscheint allerdings der Versuch, möglichst unterschiedliche soziale Herkünfte und Lebensrealitäten einzubeziehen: Von der Krankengymnastin über die Kunststudentin bis hin zur Arbeiterin sprechen in der Dokumentation von Eva Müthel „homosexuelle Frauen“ über ihre Erfahrungen im Alltag und Berufsleben, die Rollenverteilung in lesbischen Beziehungen, lesbische Mutterschaft und Sexualität. Sichtlich bemüht, ein möglichst „normales“ Bild der „Lesbierinnen“ zu zeichnen, wurden die Interviewpartnerinnen bevorzugt am Frühstückstisch, beim Picknick im Park oder im Wohnzimmer gefilmt – denn zu diesem Zeitpunkt galt es, vor allem der herrschenden Pathologisierung und der damit einhergehenden Kriminalisierung von Lesben entgegen zu steuern.

"Schwul" und frei

Tatsächlich gab Müthels Film lesbischen Frauen in der deutschen Öffentlichkeit erstmals Stimme und Gesicht – wesentlich expliziter trat jedoch das neue politische Bewusstsein der frühen Lesbenbewegung in der BRD in „Und wir nehmen uns unser Recht!“ zutage. Erstmals im Jänner 1974 ausgestrahlt, fragte die WDR-Reportage gar nicht erst nach den Ursachen weiblicher Homosexualität, sondern nahm eine radikale Analyse der Homophobie in der deutschen Gesellschaft vor: Die persönlichen Probleme lesbischer Frauen resultierten nicht aus persönlichen Ursachen, sondern aus dem Konflikt mit ihrer Umwelt, ebenso wie Homophobie aus dem unterdrückten Begehren und der Angst vor Minderwertigkeit entstünde.

Ein Grund für diesen kämpferischen Tenor der von Claus F. Siegfried gestalteten Doku war, dass die Aktivistinnen der HAW (Homosexuellen Aktion Westberlin) selbst in die Gestaltung des Films miteinbezogen wurden. „Die Verbrechen der lesbischen Frauen“, wie sie von der BILD-Zeitung systematisch in ihren hetzerischen Artikeln herbeigeredet wurden, analysierte die Lesbengruppe der HAW als „Verbrechen an lesbischen Frauen“ und trat, zusammen mit dem Frauenzentrum, mit öffentlichen Protestaktionen gegen die BILD auf. Outspoken wie selbstkritisch reflektieren die HAW-Frauen in den Filminterviews vor allem die politische Bedeutung des Lesbischseins, mitsamt ihrer Auswirkungen auf Arbeit, Erziehung und herrschende Beziehungsformen.
Geschickt nutzte die HAW die Dokumentation auch zur Eigenwerbung, indem ihre Anschrift mehrmals eingeblendet wurde. „Habt den Mut eure Lage zu verändern!“, lautete die Botschaft zur besten Sendezeit im WDR-Abendprogramm. Auf der Straße lautete hingegen die lautstarke Parole der Lesben- Demos des Homosexuellen Aktionszentrums Westberlin: „Wir sind dabei – schwul und frei!“


Filmtermine:
„Anna und Edith“: 10.6., 21.30 Uhr im Top-Kino
„Zärtlichkeit und Rebellion“ & „Und wir nehmen uns unser Recht!“: 11.6., 19.30 Uhr im Top-Kino


Siehe auch den MALMOE-Schwerpunkt "Queer Histories" in Heft 46

online seit 12.06.2009 11:35:47 (Printausgabe 46)
autorIn und feedback : Vina Yun


Links zum Artikel:
www.identities.at
www.malmoe.org/artikel/erlebnispark/1873Lesbisches Leben im Wien der Nachkriegszeit



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