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Techno in Berlin

Interview mit Tobias Rapp

Tobias Rapp, Musikredakteur bei der taz, porträtiert in seinem neuen Buch „Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjet“ die Techno-Szene der deutschen Hauptstadt. Im E-Mail-Interview spricht er über den Techno-Tourismus, die Mobilisierung gegen Mediaspree-Investoren und das Scheitern des Prinzips „Celebrity“ in den Berliner Clubs.

In Ihrem Buch „Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjet“ widmen Sie sich der Berliner Techno-Szene und behaupten, dass diese Musikszene noch nie kreativer und interessanter war als heute. Mit welcher Kreativität haben wir es hier zu tun?

In den 1990er Jahren mag die Techno- und House-Szene sichtbarer gewesen sein als heute, und Stichworte wie die „Ravende Gesellschaft“ verliehen ihr eine Anmutung von Größe. Heute findet diese Musik eher in einer geräumigen Nische statt. Was sie so interessant macht, ist die Durchlässigkeit, die sie in Berlin für diverse Diskurse hat: Stadtentwicklung, neue Technologien, neue Ökonomien nach dem Ende des Urheberrechts, wie wir es bisher kannten. Außerdem ist die elektronische Musik eines der Felder, an dem sich das Entstehen einer europäischen Öffentlichkeit beschreiben lässt.

Minimal Techno hat in den letzten Jahren sukzessive Detroit Techno abgelöst und viele DJs haben kurzerhand ihren Wohnsitz nach Berlin als neue „Club-Hauptstadt“ verlegt. Wie lassen sich diese Entwicklungen erklären?

Ich glaube nicht, dass Detroit Techno von Minimal Techno abgelöst worden ist. Zum einen ist Minimal Techno als Spielart des Detroiter Techno entstanden. Zum anderen halte ich diese Abfolgen von Genres für falsch. Alles ist immer da. Was sich gegenüber den Neunzigern verändert hat, ist, dass sich die elektronische Musik aus einer polyzentrischen Szene in eine Musik verwandelt hat, deren Zentrum in einer Stadt ist: Berlin. Das liegt vor allem an zwei Dingen: dem Umstand, dass entgegen aller Hauptstadtplanungen Berlin ökonomisch nach wie vor am Boden ist und dementsprechend viele Freiflächen in zentralen Lagen zur Verfügung stehen, die sich mit Zwischennutzungsverträgen bespielen lassen. Zum anderen haben die Billigflieger es einfach und günstig gemacht nach Berlin zu kommen. Dass die Behörden liberal sind, weil sie gemerkt haben, dass dies Geld in die Stadt bringt und außerdem gut für's Image ist, kommt dazu.

Die jungen Leute, die aus ganz Europa nach Berlin kommen, um an den Wochenenden am Berliner Spreeufer abzufeiern, müssen ja jede Menge Geld haben, denn der Besuch von Clubbings ist kostspielig und selbst die Billigflüge wollen bezahlt werden. Welche Publikumsschicht trifft sich auf diesen Berliner Partys? Ist die Berliner Techno-Szene eine Partykultur für die weiße heteronormative Mittelschicht, die sich das urbane Partyhopping leisten kann?

Es ist sehr schwer, genau zu sagen, aus welcher sozialen Schicht das Easyjetset kommt. Und wer gehört nicht zur „heteronormativen Mittelschicht“? So viel vielleicht: Die Szene fühlt sich bunter, als sie real wahrscheinlich ist. Arbeiter- und Migrantenkinder sind unterdurchschnittlich repräsentiert. Genau wie Leute, die Kinder haben. Und: Es gibt eine deutliche Überschneidung von schwulem Tourismus und Techno-Tourismus. Grundsätzlich spreche ich in meinem Buch von einer „europäischen Techno-Öffentlichkeit“, die sich in den letzten Jahren gebildet hat.

Mit der „Mediaspree“ sollen am Spreeufer „günstige Lagebedingungen für übergeordnete Investitionsvorhaben“ (www.mediaspree.de) geschaffen werden. Gleichzeitig bevölkern aber auch jedes Wochenende viele junge Leute das Spreeufer mit ihren Techno-Parties. Kommt es dort zu Interessenskonflikten zwischen den (zukünftigen) Investoren und den Techno-Parties?

Sicher. Da gibt es größere Konflikte. Das Bürgerbegehren, das im Sommer 2008 mit erstaunlich großer Mehrheit die Pläne der Investoren für die Umgestaltung des Spreeraums ablehnte, hätte ohne die massive Unterstützung des Ausgehpublikums sicher nicht diese Durchschlagskraft entwickeln können.

Es werden immer wieder kritische Stimmen laut, dass Techno all seine politischen Ansprüche zur Überwindung sozialer Ausschlüsse über Bord geworfen hat. Wie schätzen Sie das ein? Gibt es in der Berliner Techno-Szene noch politische Ansprüche, die sich abseits von „Friede, Freude, Eierkuchen“ manifestieren?

Ich bin sehr skeptisch, wenn es um die „politischen Ansprüche“ von Techno geht. In meiner Beobachtung werden und wurden diese immer von Außen an die Szene herangetragen. Mit größerem oder kleinerem Erfolg. Ich habe das Gefühl, dass gerade die Mobilisierung gegen die Mediaspree-Investoren gezeigt hat, dass in dem Augenblick, wo Leute das Gefühl haben, dass ihnen jemand die Tanzfläche wegnehmen will, durchaus in der Lage sind, politisch sehr intelligent zu handeln. Radikal und pragmatisch. Ich glaube, dass es falsch wäre, '76on einer Subkultur mehr zu erwarten.

Techno bzw. die Clubkultur ist mittlerweile ein wesentlicher Teil der Creative Industries, der unterschiedliche Lebensrealitäten vereint. Zum einen haben wir die Club- BesucherInnen, zum anderen arbeiten in der Clubkultur viele, vor allem junge Menschen. Diese Beschäftigungsverhältnisse charakterisieren sich u.a. durch die Auflösung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, was letztlich auch dazu führt, dass junge Menschen bereit sind, lange Arbeitszeiten für geringe oder ohne Bezahlung zu akzeptieren, in der Hoffnung auf den Glamour, den sie erlangen, wenn sie „es schaffen“. Wie schätzen Sie die Clubkultur als Arbeitsmarkt ein?

Es gibt Leute, die für ein paar Jahre einen Namen als DJ haben. Es gibt Leute, die abstürzen, weil sie ihren Drogenkonsum nicht mehr im Griff haben. Ein Aspekt, der mir an der Berliner House- und Techno-Szene immer wieder positiv auffällt, ist die tiefgehende Abneigung gegen das Prinzip Celebrity, das einen großen Teil der restlichen Popkultur regiert. Ich habe den Eindruck, als wäre gerade der Umstand, dass sich das Publikum der Clubs so radikal selbst feiert, einer der Gründe, die das Ausgehen in Berlin so attraktiv macht. Berlin war in den vergangenen 40 Jahren immer eine Stadt, in der vor allem das soziale Experiment funktioniert hat. Ich glaube, dass die Clubs vor allem in dieser Tradition stehen. Das sind aber Gegenden des sozialen Feldes, in denen sich gewerkschaftliche Forderungen schon immer schwer getan haben, wo schon immer eher in sozialem und kulturellem Kapital gezahlt wurde als in fairen Löhnen.



Tobias Rapp: „Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset“, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2009


online seit 01.06.2009 10:05:34 (Printausgabe 45)
autorIn und feedback : Interview: Rosa Reitsamer


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/tanzen/1858Cluster des Kreativen: Clubkultur in Wien
www.malmoe.org/artikel/tanzen/1869Kampfplatz Tanzfläche? Ein Gespräch mit Fluc und quote über deren Umzug ins brut



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