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Cluster des Kreativen

Wie partizipieren Wiener Clubkulturen an der Öffentlichkeit?

Die Partizipation der Wiener Clubkulturen an der Öffentlichkeit wird wesentlich von der Selbstdarstellung Wiens als „Musikstadt“ geprägt. Aber auch die Stadt Wien unterstützt bzw. reglementiert mit ihrer Position als dominante Landbesitzerin sowie mit ihrer Kultur-, Migrations- und Stadtpolitik den Zugang zur Öffentlichkeit. Gleichzeitig nutzen ClubbesitzerInnen, Barbetreiber_innen und Organisator_ innen von Musikfestivals ihr kulturelles Kapital für die Verhandlung von Ein- und Ausschlussmechanismen. Aus historischer, geografischer und demografischer Sicht lassen sich in den Wiener Musikszenen und Clubkulturen u.a. drei Cluster mit Veranstaltungsräumen und Musikfestivals identifizieren. Wie sich zeigt, ist die Qualität und die Quantität für die Partizipation dieser Cluster an einer „demokratischen Öffentlichkeit“ durch unterschiedliche Faktoren und Diskurse bestimmt.

Subkulturelle Unternehmen

Der erste Cluster aus Veranstaltungsorten umfasst die vormals besetzten Häuser Arena, Flex (damals noch im 12. Bezirk), WUK sowie neu erbaute Veranstaltungsräume wie Fluc oder Club Passage, deren kleinster gemeinsamer Nenner ihre geografische Nähe zum Stadtzentrum und ihre heute ökonomisch erfolgreichen Veranstaltungstätigkeiten sind. Der erste Schritt in Richtung einer Do-It-Yourself-Ökonomie ist die Umwidmung der besetzten Häuser in Kulturvereine und die Verhandlungen mit der Stadt Wien, die sich nach anfänglichem Widerstand doch für den Umbau der Häuser in Veranstaltungsorte und die Subventionierung des laufenden Veranstaltungsbetriebs (z.B. Arena, WUK) entscheidet. Seit damals nutzen die (teilweise) wechselnden Vorstandsmitglieder der Kulturvereine ihre Kontakte zur Stadt Wien und ihr „subkulturelles Kapital“, um die selbstverwalteten, autonomen Non-Profit-Kulturinitiativen in ökonomisch rentable Clubs zu verwandeln und selbst zu „subkulturellen Unternehmer_innen“ zu werden.

Die Transformation der Kulturvereine in kommerzielle Veranstaltungsräume steht im Kontext einer umfassenderen Umorientierung der Wiener Kulturpolitik, die sich lange Zeit u.a. durch ihre Ignoranz gegenüber der Populärmusik charakterisierte und mit der Forcierung der Creative Industries auch langsam die Clubkulturen und Musikszenen als Teil der Kreativwirtschaft entdeckt. Die Idee der vormals besetzten Häuser von Autonomie und Selbstverwaltung werden durch ihre Transformation in ökonomisch rentable Veranstaltungsräume in die Diskurse der Creative Industries eingefügt, denn Kultur und Wirtschaft sind für die Clubmanager_ innen keine entgegengesetzten Pole (falls sie es jemals waren):

Veranstaltet werden Partys und Konzerte, die ökonomisch ertragreich sind. Diese veränderten Vorstellungen von Autonomie und Selbstverwaltung zeigen sich beispielsweise an der Management-Führung des Flex, die keine Kosten und Mühen scheut, um den Club in nur alle erdenklichen Richtungen zu vergrößern und zu verbessern. Dass hierzu auch die Überwachung des öffentlichen Raums vor dem Flex und eine rassistische Türsteherpolitik gehören, wird mit einem Rekurs auf die Sicherheit der Club-Besucher_innen und die Aufrechterhaltung der guten Beziehung zur Stadt Wien argumentiert. Eine andere Strategie verfolgt das Fluc am Praterstern mit seinem Konzept des „offenen Raums“. „Offenheit“ bedeutet hier jedoch nichts weiter als allen Menschen Zugang zum Barbereich des Clubs (nicht jedoch zur Fluc Wanne) zu gewähren. Dass mit dem Wegfallen einer strikten Türsteherpolitik ein Clubraum nicht zwangsläufig egalitär wird, liegt nahe (siehe auch das Gespräch Fluc-Quote in MALMOE #45 auf S. 20)

Im Unterschied zu den ehemals besetzten Häusern kann die Passage, der von Sunshine Enterprises geführte Club am Burgring, eine andere Entwicklungsgeschichte vorweisen. Sunshine Enterprises begann in den 1990er Jahren als Kulturverein mit der Veranstaltung von Partys an unterschiedlichen Veranstaltungsorten, bis die Betreiber 1998 die Meierei mieteten und dort bis 2002 regelmäßig Clubbings veranstalteten. In den Verhandlungen mit der Stadt Wien erhielt die damals „obdachlose“ Veranstaltungscrew den Zuschlag für den Umbau der unter der Ringstraße gelegenen Babenberger- Passage in der Innenstadt mit der Zusage, den Club Passage nach seiner Fertigstellung zu bespielen.

Der ehrgeizige Plan hat sich für das Sunshine- Team ebenso bezahlt gemacht wie für die Vorstandsmitglieder der Kulturvereine Flex, Fluc oder Arena. Während letztere den „Mainstream der Minderheiten“ verkörpern (wollen), ist es das vorrangige Ziel von Sunshine Enterprises, eine „Spaß- und Partygesellschaft“ in der Wiener Innenstadt zu etablieren und damit einen (für sie) wichtigen Teil in die Wiener Clubkulturen einzubringen, der unter dem Motto „Weniger Kultur, mehr Kommerz und Geld“ rangieren könnte. Heute besitzen Sunshine Enterprises neben der Passage und dem Plattenlabel Sunshine Records zudem den Roxy Club, das Vienna Sequence Network Festival (zuletzt 2001 veranstaltet) und seit 2008 auch den Radiosender Superfly.

Obwohl sich die Entwicklungsgeschichten der einzelnen Clubs wie auch ihr Selbstverständnis unterschiedlich gestalten, lassen sich entscheidende Faktoren festmachen, die die Beziehung zwischen dieser Clubkultur und der Öffentlichkeit regeln. Das ist einerseits die Wiener Politik zu Jugendkultur und die Forcierung der Creative Industries, andererseits die Nachfrage nach pop- und jugendkulturellen Veranstaltungsorten.

Multikulturelle Meilen

Der zweite Cluster der Veranstaltungsräume findet sich im 8. und 16. Bezirk entlang des Gürtels, der die „innere Stadt“ und die Außenbezirke trennt. Clubs und Bars wie B72, rhiz, Chelsea oder Q finden sich entlang der U-Bahn- Linie 6, sie waren alle gleichermaßen in das Gentrifizierungsprojekt „Urban Wien Gürtel Plus“ (1995 bis 2000) eingebettet. Neben der Entdeckung dieses Gebiets durch die Stadtpolitik zeigt auch der Tourismusverband Interesse an den Gürtellokalen und bewirbt sie mit dem Slogan „Unter der U-Bahn pulsiert die Nacht“. Jenseits des Gürtels im 16. Bezirk, rund um den Brunnenmarkt und den Yppenplatz, findet sich auch die sog. Balkanmeile, die mit den „In-Lokalen“ am Gürtel wenig gemeinsam hat, außer dass auch hier von 1997 bis 2003 Gentrifizierungsprojekte durchgeführt wurden.

Im Wesentlichen besteht die „Balkanmeile“ aus einigen kleinen Bars und Clubs, in denen ihre Gäste „Pink TV“ (ein serbisches TV-Programm) sehen können. Im Vergleich zu den Veranstaltungsräumen des ersten Clusters werden diese Clubs und Bars weder von der Stadt subventioniert, noch wird ihr Bau oder Umbau mit staatlichen Geldern finanziert. Mediale Aufmerksamkeit erhält die „Balkanmeile“ dennoch durch die Gentrifizierungsprojekte, das multikulturelle Kunstspektakel „Soho in Ottakring“ und die aufstrebende „ethnische Ökonomie“ der Gegend.

Dass der Diskurs über Multikulturalismus die Beziehung zwischen der „Balkanmeile“ und der Öffentlichkeit strukturiert, wird mit der derzeitigen Popularität der „Balkanmusik“ und ihren Musikfestivals nochmals deutlicher, denn die Veranstalter_innen der Balkan- Musikfestivals fordern die Selbstpräsentation von Wien als „Musikstadt“ heraus. In den Programmankündigungen der Festivals referieren die Organisator_innen zunächst auf die Begriffe „Balkan“ und „Orient“ und deren musikalische Traditionen, um in einem nächsten Schritt mit Verweis auf Metternich Wien als eine „Metropole“ mit einer spezifischen musikalisch- geografischen Lage und als eine „Brücke zwischen Ost und West“ zu beschreiben. Die Versuche, „Balkanmusik“ in das imaginäre (Selbst-)Bild von Wien als „Musikstadt“ einzuschreiben, mag für Veranstaltungslokale wie dem Klub Ost und für Musikfestivals wie Salam. Orient, Ost Festival oder In Between zwar eine erfolgreiche Marketingstrategie sein – um die Popularität der „Balkanmusik“ zu erhöhen; eine heterogene Publikumsschicht findet sich dort weniger. Die Balkanmusik-Festivals ziehen Besucher_innen unterschiedlichen Alters an, aber nicht unterschiedlicher Klassenzugehörigkeit, denn anzutreffen sind dort vor allem Festivalbesucher_innen der Mittelschicht, die sich die durchwegs hohen Eintrittspreise leisten können.

Migrationspolitik und Gentrifizierungsprozesse sind für die Beziehung dieser Musikszenen zur Öffentlichkeit bestimmend und sie kommen zunehmend mit den Diskursen über Multikulturalität und Wiens musikalischem Erbe in Kontakt.

Festivalisierung und Kommerzialität

Der dritte und letzte Cluster bezieht sich primär auf Musikfestivals wie FM4 Frequency, Nova Rock Festival, Nuke Festival und Urban Arts Forms, deren Popularität hinsichtlich ihrer Besucher_innenzahl wie der Berichterstattung unbestritten sind. Bei näherer Betrachtung dieser Musikfestivals lässt sich ein eindeutiger Trend hin zu großen Festivalveranstaltungen und der Monopolisierung der Veranstaltungstätigkeit erkennen. Beispielsweise zeichnen die beiden Firmen Nova Music und Musicnet für die Veranstaltung dieser genannten Musikfestivals verantwortlich, und etwa 70 Prozent aller DJ- und Band-Bookings in nahezu allen Wiener Veranstaltungsräumen (Chelsea, B72, Museumsquartier, Flex etc.) sind in deren Hand. Im Unterschied zu den „subkulturellen Unternehmer_ innen“ des ersten Clusters haben sie ihr soziales und kulturelles Kapital nicht für die Verhandlung von Subventionen mit der Stadt Wien eingesetzt, sondern verhandeln mit Banken, Spirituosenfirmen, Brauereien und Handyfirmen. Mit mehr finanziellen Ressourcen als viele der kleinen Veranstalter_innen können sie problemlos die höchsten DJ- und Bandgagen bezahlen und ihre Mitbewerber_innen ausstechen.

Neben diesen Festivals werden beispielsweise das Donauinselfest und das Rock-Against- Racism-Festival vom Planet-Music-Macher Josef Sopper und seinem Team organisiert und veranstaltet. Josef Sopper stand in den letzten Jahren aus unterschiedlichen Gründen immer wieder im medialen Rampenlicht, zuletzt durch die Übernahme der Leitung der Szene Wien, um diesem Veranstaltungslokal mit Heavy-Metal-Konzerten zu einer größeren Auslastung zu verhelfen oder durch das Buchen von Bands mit sexistischen, rassistischen und antisemitischen Texten, die teilweise im letzten Moment durch öffentlichen Druck verhindert wurden.

Der entscheidende Faktor für die Beziehung zwischen diesen Musikszenen und der Öffentlichkeit sind die Wiener Kulturpolitik zur Unterstützung von Monopolisierung und Kommerzialisierung von Veranstaltungsräumen. Der Trend zu großen Musikfestivals macht einerseits den Richtungswechsel der Veranstaltungsorganisator_ innen weg von staatlicher Unterstützung hin zu kommerziellen Sponsoren deutlich; andererseits zeigt sich die Monopolisierung und Kommerzialisierung beispielhaft am Wechsel der Leitung der Szene Wien. Der Zugang und die Partizipation dieser Musikszenen und Clubkulturen an der Öffentlichkeit stehen in einem breiteren gesellschaftlichen Kontext, weil sich hegemoniale Ideologien und die Politik der Stadt Wien (teilweise) mit den Interessen der Clubbetreiber_innen und Festivalveranstalter_innen mit dem Ziel überschneiden, eine hauptsächlich weiße Mittelklassejugend für die Veranstaltungsräume und Events zu gewinnen. Jugendliche mit Migrationshintergrund bleiben tendenziell exkludiert, nicht zuletzt, weil Musikszenen, Jugend- und Clubkulturen entlang von Klasse, Ethnizität und Staatsbürgerschaft aufgeteilt sind/werden.



online seit 27.05.2009 09:51:49 (Printausgabe 45)
autorIn und feedback : Rosa Reitsamer


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/tanzen/1863Interview mit Tobias Rapp über Techno in Berlin
www.malmoe.org/artikel/tanzen/1869Kampfplatz Tanzfläche? Ein Gespräch mit Fluc und quote über deren Umzug ins brut



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