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  Den Geist lebendig halten

Cultural Studies-Forscher Dick Hebdige im Interview


Sein Buch „Subculture: The Meaning of Style" (1979) stellte einen Meilenstein in der Beforschung jugendlicher Subkulturen dar. Susi Wang und Katarzyna Winiecka sprachen im MALMOE-Interview mit Dick Hebdige über die Beschäftigung mit Jugendkultur, die Anfänge der Cultural Studies und die Arbeit innerhalb von Institutionen.

Wie kamen Sie dazu, sich mit Jugendkulturen zu beschäftigen?

Ich fing an über Subkulturen zu schreiben, als ich am Birmingham Center of Contemporary Cultural Studies studierte. Ursprünglich studierte ich englische Literatur. In meinem letzten Studienjahr belegte ich Cultural Studies als Wahlfach. In meiner Dissertation schrieb ich darüber, wie ich in London in den späten 60er Jahren aufgewachsen bin. Als Teenager hing ich mit einer Gruppe von Kriminellen in Pubs in Südlondon ab, darüber schrieb ich dann – und über die Art und Weise, wie sie auf spielerische Weise mit Sprache umgingen. Stuart Hall mochte meinen Zugang zu Cultural Studies. So hatte ich das Glück, einer der ersten Studierenden zu sein, die einen Einfluss darauf hatten und definierten, was man unter Cultural Studies verstehen kann. Hall hatte eine Vorstellung davon, was er tun wollte: anglo-amerikanisch-europäischempirische Zugänge zu Kultur mit theoretisch fundierten Anschauungsweisen zu verbinden. Daraus entstand ein Intensivkurs, der vom französischen Strukturalismus über die Frankfurter Schule bis zur strukturellen, funktionalen Soziologie reichte, aber es ging auch um Ethnografie, wie sie in den 20er Jahren in der Chicago School entwickelt wurde – dort wurde zu Jugendkriminalität geforscht. Das wurde dann auch einer der Schwerpunkte, genauso wie Jugendkulturen.

Eines der Dinge, die wir – Tony Jefferson, John Clark, Angela McRobbie und andere – zu studieren begannen, war die Verwendung von Symbolen und symbolisch aufgeladenen Gegenständen. In meiner Dissertation gab es ein Kapitel zu Reggae Rastafarians und Rude Boys, eines zu den Gangstertypen im brutalen Teil von London. Mich interessierte die Art und Weise, wie Menschen filmische Formen und Erzählungen leben, wie tragische Gangstergeschichten in einer sehr melodramatischen Weise nachgelebt werden, aber auch der Stellenwert der Fantasie im organisierten Verbrechen. Dies führte mich dann weiter zu meinem Kapitel, welches sich mit dem Zusammenspiel von Subkulturen, verbrecherischem Verhalten und Sprachgebrauch beschäftigte. Ein Teil beschäftigte sich auch mit den Mods. Mich interessierten Mods, weil ich selbst im Südwesten von London aufgewachsen bin. Ich besuchte eine Schule in Shepherd’s Bush. Die Sex Pistols, die jünger waren als ich, und auch The Who, kamen alle von dort. Mein Zugang dazu war ein sehr persönlicher. Meine eigene kulturelle Formation war von den Mods geprägt. Das war gleichsam meine Subkultur.

Wie kam es dann zur Veröffentlichung von „Subculture“?

Terence Hall, der Herausgeber einer Buchreihe, wollte, dass Stuart etwas zu Jugendkulturen schreibt, speziell über schwarze Kultur. Stuart meinte, ich solle das machen. In gewisser Weise ernannte er mich dazu, was eine große Ehre war. Aber ich sagte, dass ich kein Buch über schwarze Kultur schreiben kann. Ich bin ja nicht schwarz. Ich dachte aber, dass ich über die Geschichte von Jugendkulturen in der Nachkriegszeit schreiben könnte, die diese als Vermittlungsversuche und mediatisierte Antworten auf die Idee einer schwarzen Präsenz in Großbritannien verhandelt. Das war etwas, das im Center davor noch nie gemacht wurde. Ich war etwa 26 Jahre alt, als ich den Buchvertrag bekam. Stuart Halls Herangehensweise war damals sehr direkt und fördernd. Er machte keine Unterschiede zwischen Studierenden und Lehrenden. Das war nach ’68 und ein ganz anderes Modell vom Studium im Vergleich zu heute.

Wie sind Sie in Ihrer Forschung mit der Diskrepanz einer Sicht von innen – als Teil einer Formation – und einer von außen – als distanzierter Beobachter – umgegangen?

In den 20er Jahren war dies ein klassisches Verhandlungsthema. Leute gingen damals in den Dschungel und wurden zu „Eingeborenen“. Es gab die Vorstellung, nicht mehr objektiv forschen zu können, weil man sich mit dem Umfeld zu sehr identifiziert. Aber wer glaubt denn heute so etwas noch? Ich denke, es geht hier mehr um Zuordnungen und Zugehörigkeiten. Wir werden in Familienstrukturen hineingeboren, was aber nicht heißt, dass wir Teil davon bleiben müssen. Denn wir bilden Netzwerke, und daraus entsteht eine bestimmte Formation – nennen wir es Subjektivität oder ein Leben. Selbst mit 16, 17 Jahren wird man von irgendetwas verführt, das man eigentlich nicht richtig versteht. In diesem Alter entstehen starke Eindrücke. Ich selbst entschied, mich in das nächste Ding zur Hölle, das ich finden konnte, zu schmeißen. Man versucht dann zu schwimmen und sich treiben zu lassen. Das Ganze ist viel komplexer als diese Innen- oder Außensicht. Ich denke, wir müssen Formen der Zugehörigkeit viel nuancierter angehen.

Wie gestaltete sich Ihre Beziehung zu Punk?

Bei meinen Studien zu Punk war ich älter. Ich war ungefähr fünf Jahre älter als die Sex Pistols, und das ist viel, wenn man jung ist. Ich ging immer in Clubs und hörte ständig Musik. Da ich in Birmingham war, wurde ich immer als ein _Cockney_ gesehen, was besonders glamourös war. Es war nicht so, dass ich mit Professoren herumhängen und über die Leute sprechen wollte. Ich bevorzugte immer, mit meinen Freunden abzuhängen. Und meine Freunde tendierten nie dazu, Professoren zu sein – auch jetzt nicht.

Aber Sie sind jetzt selbst auch Teil einer Institution …

Es ist ja nicht so, dass es eine rohe Version einer Kultur dort draußen gibt, und gebildete Leute hier drin sind. Ich glaube nicht, dass man in irgendeiner Weise in der Lage ist, spezielle Formen von Autorität zu beanspruchen, nur weil man in einer Institution ist. Es gibt innerhalb einer Institution immer die Vorstellung, dass man Teil einer professionellen Kultur, im Grunde einer Art Bourgeoisie, ist. Aber ich fühle mich nicht als Teil davon. Ich liebe es natürlich, in einer Institution zu sein, aber ich stamme nicht aus der Institution. Der ganze Punkt meiner Arbeit innerhalb von Institutionen besteht darin, nicht vor dieser schleichenden Einladung zu kapitulieren. Denn oft wird diese Umgebung nur allzu bequem. Ich glaube, die Akademie muss etwas lockerer darin werden, was sie unter einem intellektuellen Diskurs versteht. Das ist wirklich die Diskussion, bei der ich das Gefühl habe, dass die Institution undurchdringlich und unveränderlich ist.

Gehen Ihnen die ständigen Fragen zu Subkulturen manchmal auf die Nerven?

Ich werde immer zu Subkulturen befragt, will das aber nicht, weil ich sie lebe. In gewisser Weise bin ich noch immer von den Lektionen geprägt, die ich als Jugendlicher gelernt habe. Ich vertrete noch immer dieselben Thesen. Ich habe auch nach wie vor eine Aversion gegen die Idee einer „Position gegenüber Subkulturen“. Ich will kein Zoologe von exotischen Jugendkulturen sein. Und ich will nicht Hipster-Vater sein oder ein Spion, der junge Leute beobachtet. Ich hänge gerne mit jungen Leuten ab, da ich es liebe zu lernen, was so los ist, und ein Gefühl der Dringlichkeit zu spüren. Mich interessieren Dinge im Entstehen. Das hält meinen Geist ein wenig jünger. Aber ich behaupte nicht, es zu verstehen. Ich möchte grundsätzlich keine geheimen Sprachen dekodieren. Ich denke, es ist wichtig für junge Leute, einen Raum zu haben, der von Erwachsenen nicht zu Tode verstanden wird.

Ihr Buch „Subculture“ ist aber nach wie vor eine wichtige Referenz. Es ist wahrscheinlich schwierig, diesem Vermächtnis zu entkommen.

Nun ja, es ist wie ein alter Rock‘n’Roller zu sein oder so ähnlich. Du kommst in eine Stadt, du machst das Rock-Ding, oder du versuchst es zu tun. Du wirst sogar in Bars mitgenommen und verbringst eine gute Zeit. Ich beklage mich nicht, aber es bedeutet, dass dein erster Song dein einziger Hit war. Dieses Buch ist das eine Ding, das die Leute kennen. Ich habe andere Sachen geschrieben, aber die hatten nie diesen Einfluss. Deshalb bin ich so was wie ein One-Hit-Wonder. Das ist aber okay. Ich hatte den Hit, und das ist gut.

Wie erklären Sie sich die anhaltende Wirkung von „Subculture“?

Ich glaube, das hat viel mit der Art und Weise, wie „Subculture“ geschrieben ist, zu tun. Ich glaube nicht, dass es großartige Literatur ist, aber es ist auch keine Soziologie oder nur Journalismus. Ich begreife mich als Autor und nicht als Akademiker. Vielleicht als Intellektueller, aber vor allem als Autor. Ich habe eine Kunstform: das Schreiben. Darin bin ich gut, und darin habe ich investiert. Ich spiele mit Sprache, und die Sprache spielt mit mir. Deshalb interessieren mich Genet und Barthes, und nicht nur die Soziologen. Das ist meiner Meinung nach auch der Grund, warum viele Leute, die mein Buch gelesen haben, auch dessen Leidenschaft mögen, deshalb wollen sie ein wenig vom David Bowie-Ding. Es ist nicht bloß die Wahrheit, sie wollen etwas Kunst und etwas Künstlichkeit. Ich glaube, das habe ich immer zu erreichen versucht.

Roland Barthes ist eine sehr wichtige Figur für mich. Er schaffte es, sich in jedem seiner Sätze als Person einzubringen. Seine Art zu schreiben hat Eleganz und Anmut. Ich mochte das und auch wie er sagte, er sehe die Notwendigkeit, Dinge wieder zu verwerfen. Das bedeutet nicht, die Dinge, die man sagt, gleich wieder wegzuwerfen. Aber wenn man bemerkt, dass das, was man gesagt hat, gebraucht und missbraucht wird und sich in eine Form von toter Macht verwandelt, dann muss man sich davon distanzieren. Barthes hat das die ganze Zeit getan. Er versuchte kontinuierlich, neue Wege für möglicherweise dieselben Dinge zu finden. Das ist es, was wichtig ist beim Schreiben. Es bedeutet den Geist lebendig zu halten.

Dick Hebdige ist einer der Pioniere der Cultural Studies. Er studierte in den 1970er Jahren am Birmingham Center for Contemporary Cultural Studies. Seine Publikationen inkludieren „Subculture: The Meaning of Style“ (1979), „Cut ‘n’ mix: Culture, Identity and Caribbean Music“ (1986) und „Hiding in the Light: On Images and Things“ (1987). Hebdige lebt seit 1992 in Kalifornien, wo er an verschiedenen Universitäten unterrichtet hat. Derzeit ist er Direktor des Arts and Interdisciplinary Program am Palm Desert Campus der University of California Riverside.


online seit 14.05.2009 11:18:22 (Printausgabe 45)
autorIn und feedback : tanzen




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