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Spiel, Satz und Sieg

Alexander Marcus’ Electrolore

Diesmal hat man es wirklich geglaubt: Das wird groß, nein, riesig. Eine Million Clicks für „Papaya“ auf YouTube sowie über 2.000 Kommentare können schließlich nicht lügen. Spiegel, taz und FAZ haben sich bereits in Stellung begeben, und Alexander Marcus, seit einem Jahr unangefochtener Spitzenreiter in der Disziplin „Größtes Web 2.0-Massengeheimnis“, prophylaktisch zum Kulturphänomen wie zur Nervensäge der deutschen Musikszene erklärt.

Im November 2006 stellte Marcus den Clip zu „Ciao Ciao Bella“ online, in dem er in einer tristen Neubau-Wohnung eine extra unscheinbare, extra korpulente junge Frau anbetet und zu einem blubbernden minimalen Acidtrack-Unterbau bestens abgeschaute G.G.-Anderson-Paraphrasen nachstellt. Das ist die offizielle Beschreibung – dahinter befinden sich noch Details wie eine ausgefeilte Breakdance- Choreografie, ein sardonisches Dauerlächeln, das direkt aus der Chris-Cunningham-Hölle ausgeborgt zu sein scheint, und eine in die Jahre gekommene Yuppie-Gelfrisur samt rosa Hose. Die Zeichen spielen verrückt und die Verwirrung war groß – nichtsdestotrotz waren das Italo-Disco-artige Groovemonster „1,2,3“ und vor allem die Herointraumsequenz „Papaya“ noch größere Treffer, die die ZuseherInnen abwechselnd zu Begeisterungsstürmen wie schlimmsten Hasstiraden hinrissen.


Ein akribischer Entwurf

Marcus erfand den Musikstil „Electrolore“, eine Mischung aus Electro und eben deutschsprachiger Folklore (für viele gleichbedeutend mit Schlager, was schon einmal ein großer Fehler ist), und wäre man ein schlichtes Gemüt, könnte man das Ganze mit abgeklärter Handbewegung in die Ecke von Guildo Horn oder Micky Krause räumen, oder überhaupt mit der bösen, bösen Ironiekeule – wer heute noch behauptet, dass Ironie tot ist, lebt selbst seit 10 Jahren nicht mehr – schwingen. Noch simpler kann man es sich mit der Vermutung machen, dass Marcus die Verzweiflungstat des nicht übermäßig erfolgreichen House-Produzenten Felix Rennefeld war und ist. Doch jeder Mensch, der sich mit der Fragmentierung der Welt in Zielgruppen und klar voneinander abgesteckten Nischenmärkte noch nicht abgefunden und bequem darin eingenistet hat, kann sich der Faszination und Akribie, mit der die Figur Alexander Marcus entworfen wurde, nur schwer entziehen. Dabei geht es weniger darum, ob das nun „ernst gemeint“ oder nicht ist (das hätte zuletzt vor 30 Jahren einen Unterschied bedeutet) oder die Hits der heute gängigen Erklärungspraxis „So schlecht, dass es schon wieder gut ist“ entsprechen – viel wichtiger ist: Die Beats und Sounds klingen perfekt nach jemanden, der unbedingt am Puls der Zeit sein möchte, und trotzdem fünf Jahre zu spät kommt; die Sprache gibt sich bewusst jugendlich („Wer jetzt nicht mitzieht, ist voll daneben“, „Gute Laune auf Knopfdruck – da fühlt man sich nicht free“) und wirkt doch nur wie der peinliche Onkel im protzigen Leasing-Wagen, der sich bei seinen Teenager-Neffen anbiedern möchte; und Gestus und Habitus haben das ganze Elend des 80er-Jahre-Schlagers auf eine Art und Weise intus, die die ironischen Anleihen eines Andreas Dorau genauso kennen wie die abgetakelte Verlogenheit der volkstümlichen Szenerie. In dieses Bild passt auf perverse Weise schlussendlich auch eine handzahme Gastperformance des Berliner Vulgärrappers Frauenarzt.

Mit den handgemachten Billigvideos wird Alexander Marcus schließlich endgültig zum selbsternannten Superstarfighter, der sich ohne Industrie im Rücken, aber mit der bewussten Überwindung – durch Zur- Schau-Stellung – der eigenen Lächerlichkeit zur allgemeingültigen, schamfreien Identifikationsfigur hochstilisiert. Die Fähigkeit, all diese Dinge sichtbar darzulegen und somit zum ersten Mal zum Punkt der Auseinandersetzung zu machen, bleibt eine Pionierleistung, die Alexander Marcus niemand mehr nehmen kann: in dieser Hinsicht ist „Electrolore“ das beste und wichtigste deutschsprachige Album seit der ersten Blumfeld-Platte. Auch wenn es in den offiziellen deutschen Charts vorerst nur für Platz 90 gereicht hat.


Alexander Marcus „Electrolore“ (Kontor Records)


online seit 27.08.2008 13:45:03 (Printausgabe 42)
autorIn und feedback : Maximilian Freudenschuss


Links zum Artikel:
www.alexander-marcus.com



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