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Nach dem Club der Kater?

Eine Bestandsaufnahme der Wiener Freetekno Szene zur Freeparade 2008.

Die letzte Euromayday in Wien verwandelten sie dank zahlen- und dezibelmäßiger Überlegenheit in eine Freetekno-Parade. Letztes Silvester musste die Polizei angesichts hunderter wildentschlossener TänzerInnen ihren Einsatz gegen eine Freeparty am Rande Wiens abbrechen. Und Anfang Juli gab es die Freeparade am Wiener Ring, als die Szene die langlebigste Demo aus der Zeit der Bewegung gegen Schwarz-Blau feierte. Das Crustpunk Update (ein eingeschwärzter Camouflage-Look) der Freetekno Szene hat zwar den Höhepunkt seiner modischen Alltagspräsenz überschritten, unter der Oberfläche ist die Community aber extrem lebendig und aktiv. Und dabei so politisch wie kaum eine andere Musikszene.

Freie Parties – freie Menschen

Der Ursprung dieser Verbindung liegt im Konzept der Freeparty: Eine Feier zu repetitiven Beats, die ohne Türsteher und Eintrittskarten auskommt, und den Idealen von Community und Selbstbestimmung folgt. Dabei orientiert sich die Szene nach wie vor am Spiral Tribe, dem prototypisch nomadischen Freetekno Soundsystem. Deren legendärer Status liegt in den frühen 90ern mit Festen, Protesten und vor allem dem Widerstand gegen den britischen Criminal Justice Act (einem klassischen Anlassgesetz, das unter anderem Freeparties kriminalisierte), begründet. „Unsere Events wachsen durch Leute, die ihre eigene Realität kreieren. Du lebst auf den Parties in einer speziellen Spiral-Zeit, in einer Spiral-Realität, du lebst im Moment. (…) Alle, die kommen, werden ein Teil davon, sie kreieren, bestimmen die Atmosphäre“, so der Spiral Tribe. Ironischerweise war die Temporäre Autonome Zone des ansonsten durch und durch technologiekritischen Hakim Bey die Paradereferenz (1). Allerdings auch wenig überraschend, geht es bei ihm doch um das temporär-lokale außer Kraft Setzen der herrschenden Ordnungen, mit dem Ziel unvorhersehbare Begegnungen und Erfahrungen möglich zu machen, Räume zu schaffen, in denen eine andere, selbstbestimmte(re) Form der Gemeinschaft antizipiert werden kann. In der Lesart der Szene: Die Freeparty. Doch „immer dort, wo diese Gegenkultur bestimmte vorgegebene Grenzen nicht mehr beachtete, wurde von Seiten des Staates, von Seiten des Establishments zurückgeschlagen“, so der Autor von „Cybertribe Visionen“, Wolfgang Sterneck.

In England war das der bereits erwähnte Criminal Justice Act, aber auch in Kontinentaleuropa änderte der Gesetzgeber entweder die rechtlichen Rahmenbedingungen, sodass sich Soundsysteme mit den Behörden arrangieren mussten, um nicht die Beschlagnahmung ihres Equipments zu riskieren. In anderen Ländern, so auch in Österreich, legten die Behörden einfach die bestehenden Gesetze immer strenger aus. „Glimpflich kommt man eigentlich fast nie davon. Durch die steigende Repression wird mittlerweile die gesamte Szene samt Umfeld und ihren BesucherInnen kriminalisiert. Es werden alle gesetzlichen Möglichkeiten ausgeschöpft, von Besitzstörungs- über Ruhestörungsklagen und so weiter. Die können da recht kreativ sein“, so die Freeparade OrganisatorInnen. In den Lokalteilen der österreichischen Zeitungen häufen sich mittlerweile die Meldungen von Räumungen. Was am KurbelWave Video von 2003 (ein persönlicher Favorit, und leicht im Internet zu finden) noch in „Widerstand! Widerstand!“-Rufen endete, führte bei größeren Veranstaltungen in der Vergangenheit zu teils exzessiver Gewalt der Exekutive. Negative Highlights sind da das deutsche Southtek 2004, oder das tschechische Czechtek 2005. Manche Wiener Soundsysteme flüchteten deswegen in die Clubs. Nicht ohne Kritik, zum Beispiel von den Freeparade OrganisatorInnen: „Mit der Rückkehr in die Clubszene hat der Hype vor zwei bis drei Jahren dann auch seinen traurigen Höhepunkt erreicht.“

Störsignale – Tekno subversiv

Darüber hinaus hat der gesteigerte behördliche Druck auch einen Rückzug in die Nische gebracht. „Die Leute, die damit begonnen haben, haben sich zurückgezogen und machen zwar regelmäßig, aber relativ intime Parties, davon wissen halt kaum Leute. Nur die, die schon vor 10 Jahren angefangen haben mit dem Sound und dem ganzen Denken, das dazugehört,“ so ein Soundsystem DJ. Es feiert laut den OrganisatorInnen der Freeparade aber auch ein politischerer Zugang sein Comeback: „Kommerzielle Projekte der vergangenen Jahre erwiesen sich großteils als Sackgasse. Immer öfter kommt es zu Vernetzungen und Zusammenarbeit (mit anderen AktivistInnen) – so zum Beispiel bei der Euromayday, der Anti-Bush-Demo, (…) zu Infoständen auf Parties und Soundsystem DJs, zuletzt bei der Hausbesetzung in der Spitalgasse. Da ist schon eine starke Verbindung da und viele unterstützen andere Freiraumbewegungen. Im Gegensatz dazu wächst aber auch die Kluft zwischen ihnen und den Profiteuren und deren Konkurrenzdenken.“

Tekno / Breakcore Produzent Christoph Fringelis Frage, ob es sich bei den Freeparties nun um ein „Feld proletarischer Autonomie oder einfach eine anarchische Lumpenkulturindustrie, die ihre eigenen Starsysteme und Konformismen erfand“ handelt, verweist auf die Probleme im Selbstverständnis der Freeparties, wonach jede/r tun und lassen kann was er / sie will. Die Schwierigkeit, auch nur temporär Konsens herzustellen bei einer mittlerweile so inhomogenen Szene führt dann fast zwangsläufig zu strukturellen Problemen. „Es konnten sich Hierarchien bilden und nicht nur der Druck von außen (…) sorgte für einen Burn-Out. Der rechtsfreie Raum, der bei einem illegalen Festival kreiert wird, kann sehr schnell in ein Recht des Stärkeren umschlagen“, so Fringeli. Auch in Wien ist die Szene formal zwar offen, aber mehrheitsösterreichisch dominiert. Ihr maskulin-martialisches Auftreten und Handeln erschwert Frauen sowohl aktive als auch passive Partizipation, andere soziale Stratifizierungsmerkmale liegen gar unter der Wahrnehmungsgrenze. Selbst die sonst so optimistischen Freeparade-OrganisatorInnen müssen anerkennen „dass sich die Szene in dieser Hinsicht leider nicht allzu progressiv zeigt. Mangelnde Kritikfähigkeit und Selbstreflexion stellen schon ein Problem dar. Die Rollenverteilung Männer = DJs / Checker, Frauen = Bardienst / Spenden sammeln, wird leider nur selten aufgebrochen und in Frage gestellt.“ Mit der Freeparade wollen sie auch dagegen ein Zeichen setzen. (cp)




Fußnote:

(1) Zu ebendieser frühen (Polit-)Geschichte der Freetekno Szene erschien in MALMOE 34 ein Text von Christoph Fringeli („Repetitive Beats & unkontrollierte Räume“, ungekürzt auf nospaceisinnocent.org).




online seit 22.07.2008 14:53:33 (Printausgabe 42)
autorIn und feedback : cp


Links zum Artikel:
www.freeparade.org



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