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  Fair Music:

Ein Denkraum

Bei der diesjährigen Ars Electronica wurde erstmals der „Fair Music“-Award verliehen. Die Preisträger Tonga.Online, female:pressure, Freibank Music Publishing und das Plattenlabel Extraplatte erhielten die Auszeichnung für ihr Engagement für „Fairness“ und „Gerechtigkeit“ in der Musikindustrie.
Ausgangspunkt für den von mica – Music Austria ins Leben gerufenen Award sind die ungleich verteilten Marktverhältnisse in der Musikindustrie, die schnell erklärt sind: 75 Prozent der globalen Marktanteile der Musikindustrie werden von den vier Majors Universal, EMI, Sony BMG und Warner kontrolliert. Sie stellen zwanzig Prozent des existierenden weltweiten Musikrepertoires. Die Indies umfassen in ihrer Gesamtheit etwa die Größe eines Majors, sorgen aber für 80 Prozent des Musikrepertoirs. Beim Verkauf einer CD verdient der/die MusikerIn – wenn überhaupt – rund einen Euro. Das sind umgerechnet sechs Prozent des Großhandelspreises. Die globalen Musikverkäufe bewegen sich bei ungefähr 30 Milliarden US-Dollar, deren 94 Prozent sich 30 der insgesamt 192 OECD-Staaten teilen. Für den globalen Süden bleiben sechs Prozent übrig.

Die „Fair Music“-Initiative will nun in Kooperation mit dem Internationalen Musikrat, NGOs und Interessensverbänden Standards für musikalische Produkte einführen, die den „Schutz künstlerischer Freiheit“, die „Etablierung fairer Regeln“ im Musikleben und die „Erhaltung kultureller Vielfalt“ gewährleisten. Wie diese Standards aussehen sollen, weiß bislang jedoch noch niemand so genau. Einen ersten inhaltlichen Rahmen wie eine allgemeine Orientierung bieten die von der UNESCO erlassene Konvention zum „Schutz kultureller Vielfalt“ sowie die Fair-Trade-Abkommen.

Bei der Podiumsdiskussion im Wiener net.culture.space im September 2007, an der neben Peter Rantasa (mica) u.a. Susanne Kirchmayer (female: pressure), Sascha Kösch (de:bug) und Celia Mara teilnahmen, zeigten sich die unterschiedlichen Ausgangspunkte von MusikerInnen, KomponistInnen und DJs deutlich. Während Kirchmayer für die Förderung des internationalen Charakters in der elektronischen Musik eintrat, zeigte Kösch die Vor- und Nachteile der Digitalisierung in der Musikindustrie auf, die zwischen Umsatzentgang und neuen Release-, Vernetzungs- und Einkommensmöglichkeiten für MusikerInnen oszillieren. Neben diesen Verschiebungen machte die in Brasilien geborene und in Österreich lebende Musikerin Celia Mara auf die strukturellen Barrieren aufmerksam, die es ihr erschweren, von der Musik ihr finanzielles Überleben zu sichern ohne dabei halbnackt auf der Bühne zu stehen. In Brasilien basiert der Musikmarkt auf Mafia-ähnlichen Strukturen; in Österreich hingegen schränken der mangelnde Zugang zu Subventionen, die jährlichen Ansuchen um die Aufenthaltsgenehmigung sowie die rassistischen Strukturen in der Musikindustrie, die sich u.a. in dem Verlangen zeigen, dass MusikerInnen aus Brasilien Samba spielen sollten, ihren musikalischen Output ein.

Dieser kleine Einblick zeigt nur im Ansatz die diffizilen Verflechtungen zwischen Musikindustrie, den Interessen der Majors und der Staaten des Nordens, welche u.a. zwar den freien Finanzfluss zwischen Staaten wie global agierenden Plattenkonzernen gewährleisten, gleichzeitig aber die Mobilität von Millionen von Menschen – unter ihnen auch MusikerInnen – gezielt mit Gesetzen und unter Anwendung des staatlichen Gewaltmonopols einschränken. Hier auch nur eine kleinste Verschiebung in Richtung „Fairness“ und „Gerechtigkeit“ zu bewirken, ist ohne Zweifel eine Herausforderung für „Fair Music“. Wenn es der bislang noch jungen Initiative gelingt, zumindest eine Diskussion über die hierarchischen Machtverläufe zwischen Nord und Süd, Produktion, Distribution und Verkauf von Musik in den Diskurs einzuführen, wäre zumindest ein erster Denkraum für mögliche Verbesserungen geschaffen.



online seit 03.11.2007 18:07:02 (Printausgabe 39)
autorIn und feedback : Rosa Reitsamer


Links zum Artikel:
www.fairmusic.net



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