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“Einen Möglichkeitsraum kreieren”

Im Mai fand im Rahmen des Ladyfest 07 im Swingerclub Tempel eine Sexparty “for Female queers & Transgenders” statt.

MALMOE sprach mit den Organisatorinnen über Hintergründe und Erfahrungen

Wie kam es dazu, im Rahmen des Ladyfest eine Sex-Party zu organisieren und wer ist die Sex-AG?

Wenn die Sex-AG „spricht,“ artikuliert sich dabei kein einheitliches „Wir“. Somit sind die Motivationen sehr heterogen. Die Idee zur Sex-AG entstand beim Ladyfest-Plenum und die Idee zur Sex-Party dann bereits beim ersten Treffen der AG Sexualität. Da war die Idee der Sex-Party noch sehr unkonkret und schien für manche voller Hürden. Am Anfang standen also die Probleme und die gesellschaftlichen Tabuisierungen im Vordergrund. Der Versuch, sich dem Thema Sexualität anders als durch Workshops zu nähern, kam zum einen durch Erfahrungen und Inspirationen, die einige bereits bei Veranstaltungen wie Queeruption oder bei Berliner Sexpartys gesammelt hatten, zum anderen auch durch Filme in denen Sex-Partys thematisiert wurden.

Für welches Publikum habt ihr die Sex-Party organisiert?

So wie die Einladung zur Sex-Party formuliert ist: „for Female queers & transgenders“. Am Anfang stand die Beobachtung, für wen und was überhaupt Sex-Räume, sexualisierte Räume oder Raum für Sexualität gesellschaftlich vorhanden sind/ist. Uns schien, dass der Raum, in dem lesbischer Sex verhandelt wird, ein stark theoretischer ist und dieser auch nur so an die Öffentlichkeit tritt. Das Heraustreten aus dem Privaten markiert für uns einen entscheidenden politischen Schritt. Zwar wurde am Beginn unserer Arbeit auch ausführlich verhandelt, dass der Raum für alle Geschlechter, Sexualitäten und sexuellen Praktiken offen stehen sollte, da wir nicht mit Ausschlüssen arbeiten wollten. Doch dann sind wir zu der Entscheidung gekommen, dass wir einen Raum schaffen wollen, der explizit lesbischen/transgender/queeren Sex affirmiert und nicht von Sex als allgemeiner Praxis ausgeht und solange ausschließt bis lesbischer Sex übrig bleibt. Des Weiteren waren Bedenken da, dass, sollte der Raum für alle offen sein, sich schnell ein heterosexueller oder auch schwuler Dominanzraum entwickeln könnte. Oder eben auch, dass es zu heterosexistischen Übergriffen kommen könnte. Diese Ängste, die natürlich auch bei der gewählten Einladungspolitik vorhanden bleiben, bedienen nun auch in erster Linie Klischees, die es zu dekonstruieren gilt, darunter auch jenes, dass lesbischer/transgender Sex nur von bestimmten Personengruppen praktiziert werden könne. Aber die Entscheidung kam letztendlich, wie eben beschrieben, als eine politische.

Nach welchen Kriterien habt ihr die Location – den Swingerclub Tempel – gewählt?

Zum einen aus nicht vorhandenen zeitlichen, ökonomischen und finanziellen Kapazitäten, die die Schaffung eines eigenen Raumes zugelassen hätten. Zum anderen aber auch, da wir der Strategie der Aneignung einiges abgewinnen konnten. Die Idee, sich bereits vorhandene Sex-Räume, also in diesem Fall Swingerclubs und Bordelle, anzuschauen, wurde in der AG sehr ambivalent diskutiert. Nachdem einige aus der Gruppe den Tempel besichtigt hatten, konnten wir mit der räumlichen Konzeption jedoch viel anfangen. Die dort vorhandene Ästhetik, ein trashiges „Edel-Playboy-Design“, galt es zu verändern und – im klassischen Sinne – zu besetzen. Wir begannen zu überlegen, wie wir mit relativ wenigen Mitteln den Raum so verändern können, dass es immer noch eine produktive Reibung mit einzelnen Elementen gibt.

Bis vor etwa 10 Jahren gab es in der Lesbenszene auch – wenngleich eher sporadisch – Sex-Partys bzw. Partys, auf denen Darkrooms eingerichtet waren. Kennt ihr diese oder habt ihr davon gewusst? Gab es Anknüpfungspunkte oder war die Sexparty (für euch) etwas Neues?

Die meisten von uns kennen diese stattgefundenen Partys nicht, einige haben vielleicht Anekdoten gehört, die wir dann unter uns weitergegeben haben. Wir denken, dass es sehr wichtig ist diese Dinge zu dokumentieren und die AG-Sexualität kritisiert, dass es so schwer ist, lokale Anknüpfungspunkte zu schaffen, mit denen eine Form von Geschichte geschrieben werden kann. Dabei sollte es sich ja nicht um eine stringente, ungebrochene handeln, aber Sichtbarkeit ist notwendig um Bezüge herzustellen und damit eine politische Handlungsfähigkeit zu entwickeln.

Vor und nach der Sex-Party habt ihr einige Male erwähnt, dass es das „Bedürfnis“ danach gäbe. Woraus erschließt sich für euch die „Notwendigkeit“ für ein solches Event?

Wie eben beschrieben sehen wir die Notwendigkeit der Sichtbarkeit von unterschiedlichen Bedürfnissen und Begehrensstrukturen, also das Schaffen eines öffentlich politischen Rahmens. Oder um Rosa von Praunheim zu zitieren: “Raus aus den Toiletten, Rein in die Strassen!“. Ohne eine Trennung von Theorie und Praxis vollziehen zu wollen, wollten wir aus einem rein theoretischen Ansatz heraustreten und eine praktische Ergänzung fokussieren. In der Sex-AG wird das Private als Politisches verhandelt. Fragen und Anliegen, die uns beschäftigt haben waren: Wie lässt sich eine private/persönliche Ebene wieder re-politisieren? Wie lässt sich ein Umgang herstellen, der die Kommunikation (verbal und körperlich) über Sexualität abseits vom besten FreundInnenkreis oder theoretischen Diskursen ermöglicht? Im Grunde waren wir an einem Punkt, an dem wir keine Lust mehr hatten auf das ständige Hirngewichse, bei dem der körperliche Kontakt ausgeschlossen oder sogar tabuisiert ist.

Seht ihr einen Zusammenhang zwischen der seit einiger Zeit anhaltenden Konjunktur des Porno-Themas (Theoretisierung von Porno/Porn Studies an den Universitäten, DIY-Porno-Hype, Porno im Kunstbereich, z.B. auf der documenta) und dem regen Interesse an der Sexparty? Auf welche existierenden Diskurse greift die Sexparty bzw. deren Background zurück?

Sex(party) und Porno sind nicht das gleiche, müssen unterschiedlich verhandelt werden und werden dies auch im feministischen Diskurs. Sicher gibt es Überschneidungen, auch indem die Sexparty teilweise Pornografie verwendet, aber beide bedienen und bieten doch Unterschiedliches an. Der vielleicht vorhandene Hype richtet sich wohl am ehesten an gesellschaftlich noch tabuisierte Themen. Zum einen ist die angestrebte Enttabuisierung wichtig, zum anderen werden dabei Themen konsumierbar, indem sie auch immer in einem gesellschaftskonformen Tenor verhandelt werden. Es geht also nicht immer nur darum, was verhandelt wird, sondern auch wie. Unsere Backgrounds und Zugänge sind sehr unterschiedlich, dennoch lässt sich vielleicht sagen, dass wir Sexualität mit dem Wissen verhandelt haben, dass es sich hierbei immer auch um ein Machtinstrument handelt, und dass Sexualität ein umkämpfter Raum ist, in dem wir die Möglichkeit haben progressiv zu aggieren.

Im Vorfeld der Sex-Party habe ich von einigen Frauen die Kritik vernommen, dass eine Veranstaltung wie diese sexuellen Leistungsdruck propagiere und der generellen „Übersexualisierung“ von Frauen nichts entgegenzusetzen hat. Wie verhält ihr euch zu solcher Kritik?

Die AG-Sexualität hat bereits in ihrer Einladung deutlich gemacht, dass die Sexparty ein Ort ist, bei dem viele Formen des passiven oder aktiven Handelns erlaubt sein sollen, solange sie auf Einverständnis der anderen Beteiligten stoßen. Dabei war Schauen ebenso impliziert wie Ficken. Wir haben von vornherein versucht, einem Leistungsprinzip entgegenzuwirken. Es ging darum, einen Möglichkeitsraum und keinen Leistungsraum zu kreieren, in dem auch Formen von Asexualität einen Rahmen finden konnten.

Im Ankündigungstext zur Sex-Party habe ich vor allem die Überzeugung an sein emanzipatorisches Potenzial rausgelesen. Meine kritische Frage wäre: Birgt denn Sex heutzutage noch dieses Befreiungsversprechen? Und wenn ja, für wen?

Sex konnte und kann sicher keine Gesellschaft befreien, ganz abgesehen davon, dass wir auch nicht an die Kategorie Befreiung, mit all ihren romantischen Implikationen, glauben. Das oft propagierte Befreiungsversprechen hatte zu einer bestimmten Zeit sicher Potenzial, ist heute aber tief in der Gesellschaft verankert und führt eher zu konservativen Äußerungen im Sinne von Heilsversprechung durch Orgasmus, quasi warum die Gesellschaft verändern, wenn ich doch nur einen Orgasmus brauche, damit es mir so richtig gut geht, um das mal etwas kurz und platt zu sagen. Wenn Sex die Gesellschaft also nicht befreien kann, so lässt sich aber durch die Umformulierung dessen, was Sex sein kann, eine Bedeutungsveränderung erzielen, die wiederum auf weitere gesellschaftliche Diskurse wirkt.

Das emanzipatorische Potenzial einer Sexparty lässt sich darin finden, dass es hier die Möglichkeit gibt, das eigene Begehren zu thematisieren, dass über Kategorien wie „Fremdgehen“, „Besitz“, „Betrug“, „Vertrauensbruch“ und das eigene Verhältnis hierzu und das daraus entstehende eigene Handeln soweit kritisch reflektiert wird, dass es möglich ist dieses zu verändern und umzugestalten. Also die eigenen durch heterosexistische Diskurse produzierten sexuellen Abhängigkeiten in Frage zu stellen und zu durchbrechen.

Das Manifest zur Sex-Party beginnt mit dem Satz: „Weil es Begehren abseits und neben der Zweierbeziehung gibt“. Ich finde es interessant, dass ihr gleich zu Beginn auf ein bestimmtes Beziehungsmodell Bezug nehmt und diesem den promiskuitiven Sex gegenüberstellt.

Wir stellen der Zweierbeziehung nicht den promiskuitiven Sex gegenüber, der Begriff ist an dieser Stelle unangebracht, da er sich auf medizinische, religiöse und moralische Disziplinierungsversuche bezieht. Die Zweierbeziehung verstehen wir als eine Kategorie, in der sich gesellschaftliche Diskurse manifestieren. Uns geht es darum, das Begehren nicht in dieser Konstellation einzusperren, sondern Begehren freizusetzen, zu erweitern und Lust zu erleben, die jenseits von heteronormativen und regulierenden Prinzipien anfangen oder sich trainieren kann. Das Manifest sagt nicht „mit allen ficken und die Welt wird gut“, sondern richtet sich explizit an ein Zulassen von Möglichkeiten, die jede Person für sich entdecken kann. Uns ist es egal, in welchem Verhältnis die BesucherInnen zueinander stehen, wichtig ist einzig die Kommunikation darüber, was gemocht und begehrt wird.

Die Regeln, die ihr für die Sex-Party aufgestellt habt, spiegeln ein Bild von Sex wider, das u.a. sehr „clean“ rüberkommt (no drugs, kritischer Umgang mit Alkohol, safer sex etc.). Wie seht ihr das?

Wie schon an anderer Stelle angeführt, ist Sexualität ein Diskurs, mit dem Gesellschaft produziert und auch ein kapitalistisches System stabilisiert wird. Dabei gilt es, bestimmte Normabweichungen, wenn sie schon nicht zu verhindern sind, dann doch kontrollierbar zu machen. Dazu gehört auch der Swingerclub als kontrollierbares Sexparadies (wir distanzieren uns vom System Swingerclub), aber eben auch medizinische Diskurse sowie z.B. Geschlechtskrankheiten auch immer ehelichen Sex implizieren. Die Forderung nach „cleanen“, wie du es nennst, Räumen, heißt auch immer die Forderung nach gesellschaftlich anerkannten Räumen, in denen wir die gleichen Sicherheiten und Aufklärungen verlangen, wie sie, in diesem Falle, heterosexuellem Sex zugänglich sind. Zum Beispiel ist die Aufklärung über Safer Sex unter Frauen wesentlich weniger öffentlich als bei anderen sexuellen Praktiken. Es gilt also auf beiden Ebenen zu arbeiten, zum einen den gesellschaftspolitischen Zusammenhang von Geschlechtskrankheiten und Normierungen radikal zu diskutieren und die Forderung nach geschützten Räumen zu artikulieren.

Wir haben die Regeln genauer definiert, um den BesucherInnen das Sicherheitsbedürfnis, soweit es da ist, geben zu können. Also nicht da anzusetzen, wo eh schon alle cool und locker sind, sondern da, wo gesellschaftliche Ängste und Sicherheiten noch wirken. Bei vielen der Regeln geht es um einen sozial-sensiblen Umgang, den wir von den Besucherinnen einfordern, dieser verlangt in erster Linie die Akzeptanz der unterschiedlichsten Konstitutionen aller Anwesenden.

Sind für die Zukunft weitere Sex-Partys geplant?

Geplant nicht, aber angedacht.


Kontakt: sexag@lnxnt.org


online seit 16.08.2007 14:30:33 (Printausgabe 38)
autorIn und feedback : Fragen: Vina Yun


Links zum Artikel:
plone.ladyfestwien.orgDas Sexparty-Manifest zum Nachlesen



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