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„Ein universelles Gefühl“ MALMOE traf Alice Wu, Autorin und Regisseurin des identities-Eröffnungsfilms "Saving Face" zum Gespräch. Jeden Freitag sitzt Wilhelmina "Wil" Pang, eine junge, aufstrebende Chirurgin und Chinese-American der dritten Generation, in der Metro auf dem Weg nach "Planet China" rund um das Stadtviertel Flushing, wo die zweitgrößte chinesisch-amerikanische Community von New York City angesiedelt ist. Dort leben Wils Großeltern, ergraute Zeugen der Chinesischen Kulturrevolution, sowie ihre Mutter "Ma", eine Witwe in den späten 40ern und ohne Hoffnung auf ein neues Liebesglück. Diese lässt nichts unversucht, um einen geeigneten Mann für ihre Single-Tochter zu finden, doch Wil ist immer "too busy" für romantische Dates und zeigt herzlich wenig Interesse im chinesischen Gen-Pool zu schwimmen. Als sie der schönen wie freimütigen Vivian Shing begegnet, die "out of the closet" ist, gerät ihre Fassade als anständige, pflichtbewusste Tochter zunehmend ins Wanken – bis ihre Ma unerwartet schwanger wird und einen gesellschaftlichen Skandal in der chinesischen Community von Flushing auslöst. Als sich Ma, von allen Seiten geächtet, bei Wil einnistet, lassen sich die "kleinen" Familiengeheimnisse nur mehr schwer bewahren – und erstmals drohen beiden Frauen Risse in der bislang makellosen Fassade. Nur hier auf MALMOE Web: die Langfassung des Interviews mit Alice Wu. Du hast ursprünglich Informatik in Stanford studiert, wann und wie bist du zum Film gekommen? Nach meinem Studium bin ich nach Seattle gezogen und habe dort fünf Jahre lang für Microsoft gearbeitet. Ich habe nie daran gedacht, Filmemacherin zu werden. Allerdings träumte ich als Kind davon Schriftstellerin zu werden, ich habe Bücher geliebt. Meine Eltern waren chinesische Immigranten in den USA, meine Erstsprache ist Mandarin, ich wurde in den Staaten geboren. Wir sind sehr viel umgezogen, daher waren Bücher und Geschichten die einzigen beständigen Dinge. Ich hätte gern geschrieben... aber als Kind von MigrantInnen war ich sehr pragmatisch: Eines Tages würde ich mich um sie kümmern müssen und ein Abschluss in Englischer Literatur hätte mich da nicht weit gebracht. Außerdem bin ich wirklich ein Geek, daher entschied ich mich für Computerwissenschaften. Mein erster Job war also bei Microsoft, wo ich CD-ROMs designt und gemanagt und Websites über Filme und Musik betreut habe. Das war noch vor dem Internet-Hype. Als dieser losging, wurden die Firmen völlig verrückt. Alle haben Leute angeheuert, aber eigentlich gab es wenig zu tun, denn niemand wusste so recht, wie sie damit Geld macht. Während dieser Zeit begann ich mich in meinem Job zu langweilen. Aus Jux habe ich dann einen Schreibkurs an der Berkely-Uni besucht und dort meine alte Leidenschaft für’s Schreiben und für Worte wieder entdeckt. Der nächste Schritt war ein Drehbuchkurs. Ich wusste ja gar nichts über Film. Dort schrieb ich schon die Geschichte für "Saving Face", eine sehr persönliche Geschichte, die ich meiner Mutter widmen wollte. Damals dachte ich mir schon, dass das vielleicht einen besseren Film abgeben könnte als ein Buch. Als ich aufgewachsen bin, war meine Erfahrung mit meinen Eltern und der chinesischen Community, dass sich vieles nicht darum dreht, was man sagt, sondern um das, was nicht ausgesprochen wird. Im Film kannst du das Gefühl vermitteln, jemanden zu beobachten ohne dass sich diese Person dessen bewusst wäre. Ein paar Sekunden lang das Gesicht von jemanden zu sehen, sagt soviel mehr aus als ich auf vielen Bücherseiten hätte sagen könnte. In diesem Moment dachte ich mir also: Das wird ein Drehbuch. Unser Kurstrainer meinte, er wäre an einer Option auf mein Skript interesssiert: Er würde nach Hollywood gehen und versuchen, es dort zu verkaufen. Er sagte mir ehrlich: DrehbuchautorInnen haben in Hollywood nichts zu melden. Und auch wenn es verkauft werden würde – die Charaktere wären nicht asiatisch, sie würden sehr wahrscheinlich nicht lesbisch sein und ganz sicher würden sie im Film kein Mandarin sprechen. Daraufhin machte ich ihm noch mal deutlich, wie ich den Film sehe. Er riet mir daraufhin meinen Job zu kündigen und sofort nach New York oder L.A. zu ziehen und selbst zu lernen, wie man einen Film macht. Sechs Wochen später zog ich nach NY. Ich hatte genug Geld gespart und mir 5 Jahre gegeben, um meine Idee zu verwirklichen. Und tatsächlich stand ich am Ende dieser 5 Jahre in der ersten Woche bei den Dreharbeiten für den Film. Ich hatte wirklich viel Glück. Du hattest vor "Saving Face" überhaupt keine Filmerfahrung? Nein. Als ich nach New York kam, war das allererste, Filmschnitt zu lernen, bei Alan Oxman, der auch schon für die Filme von Todd Solondz gearbeitet hat. Filmschnitt ist ja auch auf einem Computer... Er sagte mir: Geh nicht zur Filmschule. Das war ein guter Rat. Auf einer Filmschule hätte ich vieles einfach nicht gelernt. Nach drei Jahren fühlte ich mich bereit, mein Skript herauszuholen und macht bei einem Drehbuchwettbewerb mit. Einer der Juroren blieb mit mir in Kontakt, und stellte mich dann wieder jemandem vor, und so ging es weiter, so ist "Saving Face" zustande gekommen. Der Film wurde ja von Sony Classics gekauft. Wie waren deine Erfahrungen mit einem Major-Distributor? Sony Classics is wunderbar. Sie waren auch meine erste Wahl. Sie geben auch unbekannten FilmemacherInnen eine Chance, ihnen geht es wirklich um den Film, nicht um den Umsatz. Die andere Seite der Medaille ist, dass es nur wenig Geld für Marketing gab, es war alles sehr grassroots. Wenn Distributoren Filme kaufen, sagen sie oft, ändere dieses und jenes, aber bei Sony Classics hat man nichts dergleichen von mir verlangt. SF lief in den USA am Memorial Weekend Ende Mai an, was ein großes Risiko ist, weil da alle großen Sommerfilme rauskommen. Mein Film war eine Art Gegenprogramm, und die Leute von Sony Classics sagten mir „Die Leute werden lieber deinen Film sehen als 'Madagaskar'". Sie waren wirklich großartig. Heißt das, dass du immer die volle Kontrolle über deinen Film hattest, z.B. auch darüber, wie er präsentiert wird? Es lag an mir, inwieweit ich miteinbezogen sein wollte. Manchmal habe ich schon Dinge in Frage gestellt. Marketing ist keine sehr lustige Sache. Aber FilmemacherInnen sind selbst nicht unbedingt die besten, wenn es darum geht, den Film zu vermarkten... ich dachte mir schon oft, oh, das ist so vereinfachend, da sollte noch dieses und jenes drinnen sein, aber letztzlich wusste ich, dass mein Film in guten Händen war. In SF steht ein asiatisches – und nicht etwa ein "mixed" – lesbisches Paar im Mittelpunkt, über weite Strecken hört man Mandarin. Wie haben denn die chinesisch-amerikanischen Communitys auf deinen Film reagiert? Anfangs war ich echt besorgt. Wenn es draußen so wenig gibt, tendiert man ja dazu, sehr hart mit sich selbst zu sein. Und alle sind dann besonders kritisch gegenüber dem oder der Filmemacherin. Zugleich wusste ich, dass ich, als ich die Geschichte schrieb, meinen Erfahrungen treu bleiben musste – mit "treu" meine ich aber nicht "faktisch". Ich bin nicht in New York aufgewachsen, ich bin zwar lesbisch, aber meine Mutter war nicht schwanger, das war alles erfunden. Aber die Gefühle sind echt. In meinem Fall war ich wirklich überrascht. Ich hatte mit viel Kritik gerechnet, aber die chinesischen Zeitungen liebten den Film! Da waren diese Reporter, die sagten: "Es ist so wichtig für unsere Community Toleranz zu zeigen!" oder "Ausgrenzung ist ja so schlecht!" (lacht). Ich dachte ja eher, sie würden kommen mit "Du hast Schande über uns gebracht!" und dass ich nie wieder ein chinesisches Lokal werde betreten können (lacht). Eine meiner favourites stories ist diese: Eine Freundin meiner Mutter, eine ziemlich konservative Frau, heulte sich durch den Film durch und rief danach ihre Tochter, mit der ich auch befreundet bin, an und sagte: "Mama wollte dich nur wissen lassen, dass Mama kein Problem damit hat, wenn du lesbisch bist!" (lacht). Mit bestimmten Erwartungen, wie das Publikum reagieren wird, liegt man also immer falsch. Dein Film wurde öfters mit Komödien à la "My Big Fat Greek Wedding" verglichen und als "culture clash comedy" bezeichnet. Was hältst du davon? Einerseits bin ich geschmeichelt, denn "My Big Fat Greel Wedding" war in den USA ein gigantischer Smash-Hit... daher: warum nicht? Aber Leute vergleichen "Saving Face" auch mit z.B. "Kissing Jessica Stein". Ich denke, das wichtige daran ist, Grenzen beim Publikum zu überschreiten. Ich hatte gehofft, dass mein Film alle möglichen Menschen, unabhängig von ihrem kulturellen/biologischen Geschlecht oder sexuellen Orientierung darin etwas für sich finden. Interessanterweise können gerade solche spezifischen Erfahrungen universell gefühlt werden. Im diesjährigen identities Filmfestival werden auch einige New-Queer-Cinema-Klassiker wiedergezeigt, z.B. von Todd Haynes. Beziehst du dich in irgendeiner Weise auf New Queer Cinema, ist das für dich ein relevanter Bezugspunkt? Ich weiß zwar nicht, wie sich New Queer Cinema genau definiert. Aber mein Leben wurde sicherlich beeinflusst von Filmen wie "Go Fish" oder "Paris Is Burning". Was ich wirklich liebe, sind Geschichten. Natürlich wäre es schön, wenn mein Film da mit dabei ist. Wie sehr gleicht denn die Hauptfigur Wilhelmina Pang der Person Alice Wu? Diese Frage lässt sich auf zwei Arten beantworten. Erstens: Ich bin lesbisch und meiner Mutter sehr verbunden. Es war extrem schwierig mich bei ihr zu outen, sie hat mehrere Jahre nicht mit mir gesprochen. Jetzt verstehen wir uns wieder und stehen uns näher als zuvor. In der Zeit dazwischen ging es auch darum, dass sie ihr eigenes Leben anschaute und Entscheidungen traf. Ich habe sozusagen meiner eigenen Mutter beim Erwachsenwerden zugesehen. SF war mein Versuch ihr zu sagen, dass es nicht zu spät ist und sie das, was sie will, noch immer erreichen kann, egal wie alt sie ist. Das Zweite ist: Als Michelle Krusiec (Darstellerin von Wilhelmina Pang, Anm.) mit der Arbeit an ihrer Rolle begann, war sie sehr flowy und girly... und ich sagte, nein, das ist eine Person, die eher steif und zurückhaltend ist. Also begann Michelle einfach mich und meine Bewegungen zu imitieren! (lacht) Das habe ich erst im Laufe der Dreharbeiten rausgefunden. Das war natürlich der Running Joke am Set. Dein Film kommt als leichte, romantische Komödie im Stil des klassischen Hollywood daher und nicht etwa als Drama, was die Story ebenso hätte nahelegen können. Hast du von Anfang an gewusst, wie du den Film anlegen möchtest? Ich kann nicht sagen, dass mir das so bewusst war, ich kannte ja das Filmvokabular nicht, ich war nie auf einer Filmschule. Ich hätte also nicht sagen können, ich will eine altmodische romantische Komüdie machen. Als ich aufwuchs, habe ich viel ferngesehen, und das einzige, was ich sehen durfte waren, neben chinesischen und koreanischen Seifenopern, diese alten Hollywood-Filme. Es kommt also nicht ganz überraschend. Allerdings wusste ich von Anfang an, dass das, was ich schreibe, Humor haben musste. Humor ist entwaffnender als Schmerz. Eine 48-jährige Frau, die schwanger und von ihren Eltern verstoßen wird – das allein ist schon dramatisch, gleichzeitig auch ziemlich absurd. Das passiert dir vielleicht, wenn du 15 oder 17 bist. Es ist also komisch und traurig zugleich. Interview: Vina Yun Saving Face USA 2005, Farbe, 97 min, amerikanisch/mandarin OmeU Regie und Buch: Alice Wu, Kamera: Harlan Bosmajian, Schnitt: Susan Graef, Sabine Hoffmann, Musik: Anton Sanko Mit: Michelle Krusiec, Joan Chen, Lynn Chen, Jin Wang, Guang Lan Koh, Jessica Hecht u. a. Alice Wu Geboren und aufgewachsen in San José, Kalifornien, lebt in New York City. Sie schloss ihr Informatikstudium an der Stanford University ab. 2002 führte sie beim Kurzfilm "Trick or Treat" Regie, "Saving Face" ist ihr erster Spielfilm. Derzeit bereitet sie "Foreign Babes in Beijing" vor. online seit 15.07.2007 19:24:29 (Printausgabe 38) autorIn und feedback : Vina Yun Links zum Artikel:
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