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  „Zerbrechlichkeit habe ich gesucht“

Beim diesjährigen identities Queer Film Festival in Wien präsentierte Kirsi Marie Liimatainen ihren Kinofilm "Sonja". MALMOE traf die Regisseurin zum Gespräch.

Die 16-jährige Sonja ist in ihre beste Freundin Julia verliebt. Für Julia hat die Suche nach einem Freund - und nach dem ersten Sex, so wie er in Jugendzeitschriften beschrieben wird - Priorität. Sonja, von ihren Eltern sowieso unverstanden, leidet und hofft vergeblich. Nach dem Sommerurlaub bei ihrem Vater an der Ostsee zieht sie schließlich die Konsequenzen...

Exklusiv auf MALMOE Web: die Langfassung des Interviews mit Kirsi Marie Liimatainen.


Was hältst du von den Reaktionen des Wiener Publikums auf deinen Film "Sonja"?

Ich war sehr positiv überrascht. Ich bin mit dem Film auf so vielen Festivals gewesen. Manchmal schaue ich den Film gar nicht mehr an und flüchte einfach. Aber gestern habe ich gedacht, nein, ich bleibe, weil mich diese Stimmung interessiert. Ich hab gespürt, wie die Leute lachen, dann waren sie wieder total ernst. Und ich selbst hab den Film wieder anders wahrgenommen, das ist immer unterschiedlich, je nach Publikum. Die Fragen nach dem Film waren super, man hat gemerkt, dass die Leute neugierig waren und der Film den Frauen gefallen hat. Für mich war es purer Erfolg, kann ich sagen, und ich bin sehr glücklich. Schließlich macht man Filme für andere Menschen.

Bei welchen Festivals ist der Film noch gelaufen?

In Deutschland beim Max-Ophüls-Filmpreis in Saarbrücken, bei den Grenzlandfilmtagen in Selb, beim Filmfestival Schwerin, beim Exground-Filmfestival Wiesbaden, dann bei einigen Gay & Lesbian Filmfestivals: Hamburg, München, Hannover. Auch im Ausland: in Schweden beim Jugendfilmfestival Wettbewerb, in Miami und in Kairo bei den Debütfilmwettbewerben. Jetzt gerade läuft er auch beim Gay & Lesbian Filmfestival in New York und beim Spielfilmfestival in Helsinki und demnächst auch in Hong Kong. Im finnischen Fernsehen war er auch zu sehen.

Kommt er auch ins reguläre Kinoprogramm?

Der Film ist mein Abschlussfilm von der Filmhochschule. Wir haben einen Verleih gefunden, aber alles mit Minibudget. Die haben von Anfang an gesagt, sie werden keine Werbung machen. Aber sie haben den Film trotzdem ins Kino gebracht, vor allem in Berlin, und da gab es auch gute Kritiken in allen Zeitungen. Das war für mich sehr wichtig. Aber dadurch, dass es keine Werbung gab, ist der Film dort nur 3 Wochen gelaufen und danach nur in anderen einzelnen Städten in Deutschland.

"Sonja" wurde des öfteren mit Valeska Grisebachs "Sehnsucht" verglichen bzw. in die "Berliner Schule" eingereiht, wo mit LaiendarstellerInnen versucht wird, filmisch näher an der Lebensrealität zu bleiben. Stellst du dich absichtlich in diese Tradition?

Es kam für mich als Überraschung – als schöne Überraschung. Ich habe zum ersten Mal im "Filmdienst" gelesen, dass mein Film zur Berliner Schule gehört, selber wusste ich das gar nicht. Ich hab mich nicht so viel mit der Berliner Schule auseinandergesetzt und auch nicht gedacht, dass mein Film dazu gehört. Grisebachs „Sehnsucht“ habe ich nicht gesehen. Wenn da Ähnlichkeiten sind mit so einer guten Gruppe, bin ich glücklich, ich hab nichts dagegen. Ich mache meine Filme sehr persönlich und arbeite sehr intuitiv. Ich komme selber aus einem Plattenbau, aus einer armen Familie und mein Weg zur Schauspielschule in Finnland war sehr lang. Danach habe ich als Schauspielerin gearbeitet, und mein Weg zur Filmhochschule hat auch wieder sehr lange gebraucht.

Du hast bei der Filmvorführung erwähnt, dass der Film stark autobiografisch ist. "Sonja" ist in Berlin-Marzahn angesiedelt, du selbst bist aber in Finnland aufgewachsen und bist erst später nach Berlin gekommen, um Regie zu studieren. Hätte denn "Sonja" als "finnnischer Film" anders funkioniert?

Das ist schwer zu sagen. Ich habe in meinem Leben bisher erst drei Filme gemacht und alle auf Deutsch. Und ich kann nicht sagen, wie die in Finnisch gewesen wären, ich hätte das Drehbuch in meiner Muttersprache geschrieben, ich hätte in meiner Muttersprache inszeniert.
Möglicherweise hätte ich, wenn ich den Film in Finnland gemacht hätte, die Handlung zurück in die 80er Jahre versetzt. Die Ästhetik wäre aber dieselbe so geblieben, denn daran bin ich einfach interessiert: der Versuch zu visualisieren, wie es jemandem innerlich geht, diese kleinen Momente im Leben. Ok, man sagt, Skandinavien ist tolerant. Aber Finnland ist schon konservativer als Schweden, da ist immer noch viel zu tun. Als ich Schauspielerin war, haben mir die TV-Produzenten gesagt, dass ich in Interviews nicht sagen darf, dass ich eine Freundin habe. Ich solle sagen, dass ich noch einen Mann suche. In der finnischen Regierung sitzen ja auch religiöse politische Gruppen, die benutzen ständig die Bibel als Beweis gegen Schwule und Lesben. Es gibt noch vieles, wogegen man anzukämpfen muss.

Was hat sich deiner Wahrnehmung nach für junge Mädchen verändert, seit Du selbst 16 warst und dein Coming-out hattest?

Als mein Film im finnischen Fernsehen lief, gab es eine gute Kritik in einer Zeitung, aber da stand auch: "Brauchen wir heute noch so einen Film?" Wenn ich böse bin, sage ich, das war ein älterer weißer bürgerlicher Mann, der kann sowas natürlich fragen. Ich hab mit jungen Mädchen in Finnland gesprochen und verfolge z.B. auch die Musikszene, und es ist schon lockerer geworden. Ich merke das auch an meiner jüngeren Schwester, sie ist 26. Durch sie verstehe ich auch, dass die nächste Generation toleranter ist. Die geht z.B. einfach leichter um mit Geschlechtergrenzen, was ist Mann, was ist Frau, darüber bin ich auch sehr glücklich. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es noch immer schwierig ist einfach ein Mensch zu sein, ohne sich ständig definieren zu müssen, z.B. im Berufsleben. Meine FreundInnen und ich sind natürlich ein bisschen älter, wir mussten sehr viel darum kämpfen, dass man das sein darf, was man ist.

Also im privaten ist es einfacher als im Berufsleben?

Im Berufsleben, aber auch im Alltag. Ich habe einen Test gemacht: Meine Freundin – sie ist Deutsche – und ich waren zu Weihnachten in Finnland, und ich hab ihr gesagt, Hand in Hand laufen, in Finnland – naja. Sie war natürlich total schockiert, und fragte, wieso? Ich hab gesagt, ok, wir machen es, wir probieren es. Nach fünf Minuten hat sie ihre Hand weggenommen und gesagt, ich schaffe es nicht, die Blicke zu ertragen. Und das war in der Hauptstadt, in Helsinki! In Finnland ist man nicht gleich aggressiv, aber die Blicke! Das war für sie zu viel.

Die Szenen, in denen Sonja bei ihrer Mutter oder bei ihrem Vater ist, wirken sehr bedrückend. Man hat das Gefühl, das Konzept „Familie“ funktioniert überhaupt nicht.

Natürlich habe das ich hier zugespitzt. Mich interessiert allgemein, warum die Menschen einander nicht begegnen und aneinander vorbei kommunizieren. Man sagt nicht, was man möchte, dann bereut man es, dann ist man vielleicht 70 und man ist immer noch bitter gegenüber den eigenen Eltern, weil man hat nicht den Mut gehabt.
Als ich jung war, habe ich meine eigenen Eltern angeschaut und mich gefragt, muss ich wirklich so werden? Heißt das, erwachsen zu werden? Ich weiß nicht, ob ich das will. Und als ich diesen Film gemacht habe, habe ich versucht, mich zu erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als ich 16 war. Da ist eine Distanz zwischen den Generationen. Heute bin ich eng befreundet mit meiner Mutter, aber als ich 16 war, war das nicht so.

Die beiden Hauptdarstellerinnen, Sabrina Kruschwitz als Sonja und Julia Kaufmann als Julia bringen genau das auch sehr authentisch rüber. Sie hatten ja vorher so gut wie keine Schauspielerfahrung und wurden von dir bei einem Casting ausgewählt.

Ich habe drei Monate gecastet. Ich hab geguckt, wie die Kommunikation zwischen den Jugendlichen und mir funktioniert, das war die erste Sache. Dann hab ich geguckt, ob die Leute sich öffnen können, ob sie z.B. Mut haben, zu zeigen, dass sie schüchtern sind, sowas interessiert mich. Wenn sie eine zu dicke Schale aufgebaut haben, kann das nicht funktionieren. Zerbrechlichkeit habe ich gesucht in allen Jugendlichen. Wir haben dann gar nicht geprobt, meistens nur gesprochen. Ich habe einen Schutzkreis gebaut und immer wieder gesagt, man muss sich auf den Moment konzentrieren, und die Sachen passieren lassen, es gibt keine Fehler. Dann spielt man plötzlich nicht mehr, man existiert. Und dann kommen alle Berührungen, die Gestik und Mimik von selbst, ohne dass ich sage, mach jetzt das und das.

Und für die Schauspielerinnen hat das auch funktioniert?

Ja. Auch die erwachsenen professionellen Schauspieler haben gesagt, dass sie sehr viel von den Dreharbeiten profitiert haben.

Aus Frust, dass sich ihre beste Freundin sich vom nächstbesten Kerl entjungfern läßt, bietet sich Sonja dem Nachbarn ihres Vaters, einem bereits ergrauten Gigolo, für ihren ersten Sex an. Bei diesen Szenen rieselt einer die Gänsehaut über den Rücken. War das wirklich notwendig?

Alle haben das gefragt. Manche haben sich auch über die Darstellung der Eltern aufgeregt, besonders Eltern um die 40, 50 sind aufgestanden und haben gefragt, ob das mein Bild von Eltern sei. Und ich antworte jetzt auch wieder: Ich habe zugespitzt, was passieren kann. Beim Casting haben mir viele Mädchen erzählt, ihr erstes Mal mit einem älteren Mann passierte. Aber es war beabsichtigt, ja – das Gefühl wäre nicht dasselbe gewesen, wenn es ein Mann um die 20 gewesen wäre oder der eigene Freund, da hättest du keine Gänsehaut gehabt.

Von allen Männerfiguren kommt nur Sonjas kleiner Halbbruder, der "noch kein Mann" ist, noch halbwegs gut weg.

Ja. Das heißt nicht "Männer sind schlecht", sondern das ist meine Zuspitzung und meine Aussage. Es gibt genügend Filme für Männer, genügend Filme für Jungs. Ich wollte, dass es ein Mädchenfilm wird, und zeigen, was könnte im schlimmsten Fall passieren? Es könnte eben auch so passieren.

Im Film geht Sonja immer wieder voll bekleidet ins Wasser, wenn ihr alles zu viel wird. Woher kommt dieses Motiv?

Das kommt auch aus meinem eigenen Leben. Ich bin selbst in den See gegangen, mit allen Klamotten an, weil ich sauer auf meinen Freund war, weil er so langweilig war. Ich wollte mich befreien. Damit habe ich eine Metapher in den Film gebaut. Und die Leute interpretieren das alle anders, für manche ist es Flucht, für manche ist es Schutz durch die Natur. In der finnischen Kunst werden oft Seele und Natur miteinander verbunden. Das habe ich in anderen Szenen auch versucht: Die Natur beschreibt immer, wie Sonja sich fühlt, oder sie geht in die Natur.

Es erinnert auch an Suizid...

Wir geben unterschiedliche Signale und haben das Motiv so gewählt, dass es den Tod beschreibt – z.B. ist der Baum beim See kahl. Die Szenografin und die Kamerafrau, die haben sich da viel Arbeit gemacht. Alles ist durchgedacht: Stein, Beton, Steilküste, Gras... die wirken auf einer emotionalen Ebene.

Welche Filme wird man in Zukunft von dir sehen?

Es wird wahrscheinlich ein kleines Fernsehspiel geben, eine Liebesgeschichte von einem achtzehnjährigen Jungen und einer vierzigjährigen Frau. Und einen Dokumentarfilm plane ich auch, das ist aber noch geheim...


Interview: Claudia Saller


Sonja
Deutschland 2006, Farbe, 73 min
Regie & Buch: Kirsi Marie Liimatainen, Kamera: Yoliswa Gärtig, Schnitt: Ronny Bischoff, Musik: Friedemann Matzeit
Mit: Sabrina Kruschwitz, Julia Kaufmann, Nadja Engel, Christian Kirste, Joachim Lätsch


Kirsi Marie Liimatainen
Geboren 1968 in Tampere. Sie studierte Theater und Drama an der Universität von Tampere. Von 1991 bis 1999 arbeitete sie in Finnland als Schauspielerin für Film, Fernsehen und Theater, danach studierte sie Regie an der der Konrad Wolf Academy für Film und Fernsehen. 2003/2004 nahm sie an der Résidence du Festival Cannes teil. Sie führte Regie bei den Filmen Modlicha (2001) und Frühlingshymne (2002).





online seit 15.07.2007 19:13:51 (Printausgabe 38)
autorIn und feedback : Claudia Saller


Links zum Artikel:
www.identities.at



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