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Interview mit dem feministisch-queeren Künstlerinnenkollektiv LTTR

Das feministische queere Künstlerinnenkollektiv LTTR hat mittlerweile die fünfte Ausgabe des gleichnamigen, jährlich erscheinenden Magazins herausgegeben. Arbeiten von LTTR (das Akronym stand bisher unter anderem für Lesbians To The Rescue, Lesbians Tend To Read und Lacan Te - aches To Repeat) sind derzeit in der Generali Foundation zu sehen, wo die Gruppe Mitte Februar ein Radical Read-In veranstaltete. K8 Hardy, Ginger Brooks Takahashi, Emily Roysdon und Ulrike Müller waren auch in der Galerie Artmosphere zu Gast, um ihre Arbeit vorzustellen.

„Performen, was wir wollen - anstatt gegen das zu protestieren, was wir nicht wollen“. Wie würdet ihr diese Parole etwas näher beschreiben?

Emily: Es macht einen Unterschied, eine Protestgruppe zu sein oder eine Gruppe, die Politik in ihrem Inneren verortet. Flexibilität ist Teil unseres Projekts, in der Lage zu sein, in verschiedene Räume einzutreten und an einer Reihe unterschiedlicher Projekte zu arbeiten. Wir stellen einen Kontext her und an uns selber die Aufgabe, buchstäblich das zu performen, was wir haben wollen. Oder für unsere Community haben wollen. Das ist überhaupt kein utopisches Modell. Vielmehr heißt es, eine Ermächtigung zu organisieren, die es uns ermöglicht, anders miteinander umzugehen anstatt mit den Schultern zu zucken und uns auf tradierte Rollen und Kommunikationsformen zu verlassen. Es gibt uns viel Kraft, miteinander zu sprechen, einen Zusammenhang herzustellen, und mit diesen Erfahrungen dann später raus in die Welt zu gehen. Für mich ist dieser Zugang sehr hilfreich.

Ulrike: Die Frage, die LTTR stellt, ist: „Was können wir hier und jetzt füreinander tun?“ Was können wir, die Anwesenden innerhalb einer bestimmten Situation herstellen? Wie interagieren wir und basierend auf dem Wissen, dass Beziehnungen niemals völlige harmonisch sein können, nicht einmal zwischen FreundInnen und schon gar nicht zwischen Liebenden? Wie gehen wir mit all den sich überschneidenden Wünschen, mit Widersprüchen und Konflikten um? Wir haben also mit der ethischen Frage danach zu tun, wie wir tatsächlich einen feministischen Umgang miteinander entwickeln und soziale Strukturen aufbauen und erweitern.

Wie ist es für euch, in Wien zu sein? Fühlt es sich anders an?

Emily: Im Grunde ist es radikal anders. Gestern in der Galerie Artmosphere hatte ich viel Spaß daran zu beobachten, wie anders die Diskussion lief. Welche Dinge erklärt werden mussten, in einer Gruppe von Leuten, die offensichtlich interessiert und engagiert sind. Nach Wien zu kommen bringt die Strategien zum Vorschein, mit denen wir arbeiten. Es ist leicht gesagt, dass hier andere Dinge notwendig sind, als die, die anderswo für uns Sinn machen. Es gibt andere Fragestellungen und eine ganz andere Geschichte. Es gibt viel, worüber nachzudenken ist und gleichzeitig ist es ganz schön hart. Wir kommen ja her mit einem Projekt, jetzt mal abgesehen vom Austausch. Also funktioniert es für uns auch auf diesem Level, damit haben wir ja auch eine Geschichte. Nach fünf Tagen bist du natürlich müde. Aber es war sehr gut bisher. Wir waren im lesbischen, feministischen Archiv hier in Wien und das war der erste richtige Schlag ins Gesicht für mich. Ich habe Respekt für diese Organisation. Sie sind offensichtlich an den gleichen Dingen interessiert, mit denen wir uns beschäftigen, etwa historische feministische Texte, und trotzdem gibt es einen großen Unterschied zwischen uns. Mich hat aber schockiert, dass uns mit unseren genderqueeren Identitäten so etwas wie Feindseligkeit entgegengebracht wurde und nicht etwa Neugier und Interesse. Ginger: Es gab kaum Platz für unsere Begeisterung und Neugier in Bezug auf die Dinge, an denen wir Interesse hatten. Es war wirklich anders.

Ulrike: Für mich ist es besonders spannend, weil ich lange Zeit in Wien gelebt habe. Ich bin vor fünf Jahren weggegangen und jetzt sehe ich, wie sich Wien verändert. Und ich habe mich sicher auch verändert. Eine meiner Beobachtungen ist, dass die österreichische Normalität, die bedeutet, ein/e weiße/r BürgerIn der Mittelklasse zu sein, auf vielen Ebenen unter Druck gerät. Ich hatte Begegnungen mit Leuten, die dem nicht entsprechen und mit dieser Mehrheitsgesellschaft auch nichts zu tun haben wollen. Andererseits gab es auch Begegnungen, die mich stark daran erinnern, wie mein gelebtes Modell von Queerness einfach nicht in schwul/lesbische Politik in Wien hineinpasste. Deswegen bin ich sehr froh, Teil von LTTR zu sein und dieses andere Modell des Denkens und Lebens von Identität zu teilen. Ich habe österreichische Identitätspolitk als gewaltvoll und ausschließend erlebt, etwa dass du nichts ausprobieren konntest, sondern dich entscheiden musstest. Du konntest dich nicht für eine Nacht einfach frei mit etwas assoziieren und es dir am nächsten Tag vielleicht anders überlegen, das war politisch nicht o.k. Du musstest eine Haltung und eine Meinung haben, fast wie ein Parteibuch. Das wird mittlerweile auch in Frage gestellt, aber es ist immer noch da.

Ginger: Das ist das genaue Gegenteil von dem, wie wir vorgehen. Man sieht den Ausgaben unserer Zeitschrift an, dass wir lange Zeit intensiv daran arbeiten und viele Entscheidungen treffen. Das stimmt auch. Was unsere Live-Events betrifft, ist aber das Gegenteil der Fall. Wir bitten Leute zu performen, deren Arbeit wir nie vorher gesehen haben. Es gefällt uns, diese Situationen zu schaffen, wo Leute zusammen etwas Neues ausprobieren. Das läuft nie nach einem Plan.

Ulrike: Aber es wird von einem kontinierlichen „Spirit“, einer Begeisterung, getragen. Mich haben die Erlebnisse in Wien wieder einmal darauf aufmerksam gemacht, dass wir vier zwar die Zeitschrift herausgeben, aber nie LTTR sein können. Das Projekt beruht auf einer großen und wachsenden Anzahl von Menschen, FreundInnen und die FreundInnen von FreundInnen, Leute denen du vielleicht näher kommst, Fremde, die vielleicht zu FreundInnen werden.

Wie sieht es mit eurer Finanzierung aus? Habt ihr dafür ein kollektives Modell? Wie schafft ihr es dabei, nachhaltig politisch-künstlerische Arbeit zu machen?

Ginger: Erstens kriegt keine von uns Geld für ihre Arbeit. Es geht vielmehr darum, dass wir es einfach machen wollen. Die Freude daran macht es nachhaltig. Wenn du etwas wirklich machen willst, dann wirst du auch einen Weg finden, es zu tun. Zweitens geht es darum, ein unterstützendes gemeinschaftliches Modell aufzubauen, wo das Heft verkauft wird und das Geld wieder in die Produktion zurückfließt.

Ulrike: Inzwischen bekommen wir auch immer wieder ein bisschen Geld von Kunstinstitutionen. Wir können jetzt komplette Sets mit den ersten drei Ausgaben für einen höheren Preis verkaufen. Es wird also mit der Zeit einfacher...

Emily: Manchmal sind wir alle zusammen völlig pleite. Das schafft einen unglaublichen Druck. Auch wenn sich das Heft ökonomisch sozusagen von selbst erhält und unabhängig ist, erleben wir trotzdem nach wie vor diesen großen Druck und darauf habe ich auch keine Antwort parat.

Ulrike: Wir sind alle in der gleichen Situation und verstehen, dass wir manchmal zurückstecken müssen. Das müssen wir immer wieder verhandeln, weil es dafür nicht so schnell eine Lösung gibt. Das ist ein anderer Aspekt von LTTR als nicht-utopisches Unterfangen. Es ist sehr pragmatisch – es gibt diese realen Bedingungen, und wir müssen uns überlegen, wie wir damit umgehen. Wie wir die Dinge arrangieren und was hintangestellt werden kann und was nicht, um ganz einfach die Miete bezahlen zu können.

Emily: Ich denke, es hat mit der Entscheidung zu tun, wo du deine Arbeit reinsteckst. Das ist auch mein Verständnis davon, Künstlerin zu sein. Es präsentiert sich nicht als Entscheidung. Mein Leben hat mit dieser Arbeit zu tun. Das ist keine Frage.


Der Titel dieses Interviews wurde dem „Call for submissions“ für die neue Ausgabe des Magazins LTTR entnommen.




online seit 09.07.2007 10:08:42 (Printausgabe 37)
autorIn und feedback : Interview: Eva Egermann und Katharina Morawek


Links zum Artikel:
www.lttr.org



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