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Sexismus und Homophobie im Hip Hop

12 Jahre ist es jetzt her, seit der jamaikanische Dancehall-Star Buju Banton mit “Boom Bye Bye” zum Mord an Schwulen aufrief. Im Jahr 2004 wurde Gründungsmitglied und Sprecher der jamaikanischen Lesben- und Schwulenorganisation J-FLAG (Jamaica Forum For Lesbians All-Sexuals and Gays), Brian Williamson, in seinem Haus in New Kingston umgebracht. J-FLAG und andere internationale Verbände sprachen wegen der Brutalität des Mordes von einem hate crime. Aus Ereignissen wie diesen knüpft sich eine Hexenjagd, deren Parallelen aus jedem zweiten liberalen Feuilleton herauswinken: Die Jagd auf „den sexistischen/homophoben Hip Hop“. Hier findet tatsächlich eine der heftigsten Auseinandersetzungen auf dem Terrain zwischen „Geschlecht“, „Sexualität“ und „Race“ statt.

Zunächst ist die Vorstellung des sexistischen, homophoben Hip Hop verknüpft mit der Projektion, Hip Hop bestehe ausschließlich aus schwarzen männlichen heterosexuellen Körpern. Das hat damit zu tun, was die amerikanische Soziologin und Kulturkritikerin Tricia Rose als „highly visible commercialized rap“ bezeichnet. Nirgends ist die Performanz schwarzer Männlichkeit verbreiteter als im Hip Hop, und dort ist auch die augenfälligste Form der Homophobie verortbar. Im Format des Musikvideos ist diese Verkörperung oft noch augenscheinlicher als in so manchem lyrical content. Schwarze Hip Hop Artists performen hier Bilder von Männlichkeit, die oft an die Gestalt des Gangster oder Traditionen des revolutionären Black Nationalism anschließen. Die Homophobie ist hier im Element der Battlekultur eingebettet. Lyrics und Musikvideos suggerieren dabei, dass jegliche “faggot” niemals Teil der “hood“ sein kann und wird: „for he is not a man“. Gleiches gilt für Lesben, speziell jene, die nicht daran interessiert sind, ihr Lesbisch-sein dem männlichen Blick zur Schau zu stellen. Überhaupt: „Eine Frau, die nicht auf Schwänze abfährt in einer ‚nation’ (gemeint ist die „Black Nation“, Anm.), wo der ‚black dick’ das einzige greifbare Machtsymbol für schwarze Männer darstellt, kann einfach nur eine Verrückte sein“, führt der Journalist und Kulturredakteur des New Yorker „Clamor Magazine“ Kenyon Farrow dieses Paradigma weiter aus. Eine Bedrohung für die „schwarze“, männliche Identität? Die Theoretikerin bell hooks formulierte es in Marlon Riggs Film “Black Is, Black Ain`t” so: „If a black thing is really a dick thing in disguise, we`re in serious trouble.”

Between you, me and liberation (Common)

Es sind nicht nur Mainstream-Artists, die homo- oder transphobe Lyrics droppen. Bekannte Künstler wie Common, die Dead Prez oder Mos Def, die unter dem Prädikat „conscious rap“ gehandelt werden, haben dies abseits ihres politischen Bewusstseins ebenso betrieben, oft verknüpft mit dem Bild der „strong black family“. Homosexualität stört hier die Vorstellung einer essenziellen “schwarzen Erfahrung” bzw. die Konstruktion einer homogen(isiert)en “Black Community”, wie es Denker des Black Nationalism oder die “Nation of Islam” propagieren. Und das für weiße KonsumentInnen eines weißen Musikmarkts, der kontrolliert, welche Bilder sichtbar sind - und welche nicht. Die Repräsentation „schwarzer“ Männlichkeit, „schwarzer“ Körper wird von Weißen für Weiße gemacht. Tricia Rose hat diese Frage oft gestellt: Warum fahren weiße Mittelklassekids so auf den „black cool“ ab, würden es aber nicht ganz so cool finden, selbst schwarz zu sein?
Die Matrix der Gesellschaft, die den backdrop für diese Musikindustrie bildet, ist eine der unhinterfragten Whiteness. Gerade von nicht-weißen TheoretikerInnen und Intellektuellen wird oft kritisiert, dass diese White Supremacy nicht nur die mediale Repräsentation, sondern auch die Selbstdefinition all jener, die nicht weiß sind, mitbestimmt.

Die Organisation GLAAD (Gay and Lesbian Alliance Against Defamation) setzte sich wiederholt gegen homophobe Äußerungen im Hip Hop zur Wehr (beispielsweise gegen Eminems Lyrics und seine Grammy-Nominierungen). Dabei wurde „schwarzen“ AktivistInnen nicht zuletzt vorgeworfen, sich für weiße Schwule, Lesben und Transgen¬der zu verkaufen und auf die “schwarze Solidarität” zu pfeifen. Während afroamerikanischen Lesben, Schwulen und Transgenders also die Zerstörung der schwarzen Familie und die Schwächung der „schwarzen Gemeinschaft“ vorgeworfen werden, müssen sich weiße Lesben und Schwule mit ihrem “Weißsein” (und den damit verbundenen Privilegien) in den allerseltensten Fällen auseinander setzen. Schwul, lesbisch oder trans zu sein, war für „Schwarze“ also doppelt schwierig.

Coming out of the closet

Doch bald wurde klar, rechnete man die Zahl der prozentuellen Anteile von Lesben, Schwulen oder Transgender an der Gesamtbevölkerung auf die Hip Hop Community hoch, musste theoretisch genau dieser Prozentsatz von Leuten IM Hip Hop schwul, lesbisch oder transgender sein. Legendär jener unbekannte Major Artist, der 1997 unter dem Pseudonym „Jamal X“ den Artikel „Confessions of a Gay Rapper“ verfasste. Damals wurde klar, dass Homosexualität im Hip Hop ganz einfach existiert. „Shock Jock“ Wendy Williams war eine der ersten, die darauf Bezug nahm, als sie in ihrer Gossip-Radioshow „The Wendy Williams Experience“ „Confessions of a Gay Rapper“ verlas und in Folge ständig betonte, dass Hip Hop im Grunde zu 95% aus Lesben und Schwulen bestände. Viele Rapper baten sie damals, sie bloß nicht damit in Verbindung zu bringen, was sie natürlich ignorierte, obwohl sie niemanden unfreiwillig aus dem „closet“ zerrte.

Letztlich ging es aber doch ums Coming Out: Immer mehr KünstlerInnen oder Persönlichkeiten, nicht zuletzt Wendy Williams, bekannten sich zu ihrer Homo- oder Bisexualität. In Folge entstanden immer mehr queere Hip Hop Crews und -Labels, Queercorps, die Rainbow Flava Crew, Sugartruck Recordings aus San Francisco oder Money Talks Records in NY, die die engen Verknüpfungen von Hautfarbe, Geschlecht und Sexualität thematisieren und so u. a. den Kampf um die Repräsentation von „Blackness“ vorantreiben.

Mitte der 90er entdecken dann umgekehrt die Gay Clubs den Hip Hop. Doch egal, wie viele Stimmen von Black Divas über die Beats aller möglichen Gay Clubs gemixt wurden, was bleibt, ist die Aneignung von Versatzstücken schwarzer Kultur. Die intrakulturelle Dynamik von LGBT Communities ist jedoch nicht unkompliziert: z.B. überschneiden sich folgende Gruppen höchstens teilweise: DJs, die heterosexuell konnotierten Mainstream Hip Hop in “Gay” Clubs auflegen; lesbische, schwule oder transgender KonsumentInnen von Mainstream Hip Hop und andererseits die dezidiert queere Hip Hop Szene. „Das ist eben oft bedingt durch unser aller Unfähigkeit, unser Verhältnis zur heteronormierten Hegemonie zu befragen und wie dadurch unsere Wünsche und Bedürfnisse geformt werden“, wie es der queere Hip Hop Künstler Juba Kalamka formuliert.

Verbündete oder Feinde?

1970 setzte Huey P. Newton in einer Rede die „gay rights“ auf die politische Agenda der Black Panther Party, in einer Zeit als die LGBTIQ (Lesbian Gay Bisexual Transgender Intersexual Queer) Bewegung noch in den Kinderschuhen steckte. Newton forderte die Bewegung dazu auf, von homophober Sprache Abstand zu nehmen, betonte die Wichtigkeit der Bezugnahme auf die Bewegung der Homosexuellen und nannte Homosexuelle einmal die „möglicherweise am stärksten unterdrückte Gruppe in Amerika“. Alycee Lane und William B. Kelley, 2 prominente Gay Rights-AktivistInnen, priesen die Panthers als erste Nicht-LGBT, „schwarze“ Organisation und politische Gruppe, die den Kampf von Homosexuellen und „Schwarzen“ in Zusammenhang brachte und ihre Zusammenarbeit forderten. Aber dennoch: LGBT Community in den USA, das bedeutete lange Zeit: weiß und männlich. Und nicht-weiße AktivistInnen hatten durchwegs mit Rassismus zu kämpfen.

Der tiefe Graben zwischen Interessen der LGBTIQ und denjenigen „schwarzer“ Civil Rights AktivistInnen wurde beispielsweise an der Debatte um die Homo-Ehe deutlich sichtbar. Es gelang der christlich-fundamentalistischen Rechten in Amerika erfolgreich, das Thema an der Sollbruchstelle zwischen den beiden zu nutzen, indem sie erfolgreich die Homophobie in der „schwarzen“ Community und den Rassismus der LGBTIQ gegeneinander ausspielte. “Die Leute, die Schwule und Lesben nicht heiraten sehen wollen, sind genau dieselben Leute, die Rosa Parks auf die hinteren Plätze im Bus schicken wollten“, wird Jason West, der weiße Bürgermeister von New Paltz, NY, zitiert. „Es sind diese Vergleiche, die black folks ankotzen. Die Wut schwarzer Heteros mag sich auf homophobe Art und Weise ausdrücken, wahr ist aber, dass Schwarze es satt haben, dabei zuzusehen, ihre Angelegenheiten von Weißen hijacken zu lassen, und nichts dafür zu bekommen. Schwarze Nicht-Heteros teilen diese Wut; unserer Blackness, unserer politische Rethorik und unseres Kampf für die Zwecke anderer Leute beraubt zu werden. Die (ideologische) Entführung von Rosa Parks für ihre Kampagnen ignoriert die Tatsache, dass weiße Schwule und Lesben, die in Montgomery und sonstwo lebten, vielleicht ohne weiteres schwarze Leute auf die hinteren Plätze im Bus schickten.“

Die Gleichsetzung von “gay rights” mit “civil rights” und damit einen kleinen Rutsch der LGBT Community nach rechts datiert Kenyon Farrow auf der Website www.illegalvoices.org mit Anfang der 90er. „Der Vorstoß des HRC (Human Rights Campaign) und ein paar anderen weiß dominierten Organisationen zur Gleichsetzung dieser Bewegungen beinhaltete zu mehrere Dinge:

1) Die Black Community hatte genug von der kulturellen Aneignung des weißen Gay Movements und die straighte Black Community fing an, nicht-heterosexuelle Zusammenhänge in Frage zu stellen ...

2) Die „weiße“ christlich-fundamentalistische Rechte bekam Rückenwind und bildete Beziehungen mit schwarzen Geistlichen, die von ihren Kan¬zeln herunter die „gay rights“ verurteilten ...

3) Aus diesem Versuch des Mainstreaming ent¬stand ein Szenario der Gleichsetzung von schwul/lesbisch mit reich/weiß. Das bedeutete, dass die Repräsentation von schwarzen oder sozial schwachen Nicht-Heteros bei Jerry Springer passierte und deshalb als „unredlich“, „gewalttätig“ und „krankhaft“ markiert ist.“ Diese Politiken verschweigen die Tatsache, dass Weiß-sein privilegiert und gerade die Vereinigten Staaten auf Basis dieser Privilegien entstanden sind.



online seit 23.01.2006 15:07:25 (Printausgabe 29)
autorIn und feedback : Katharina Morawek


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/tanzen/1059



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