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  Ohne Urheberrecht ...

... keine künstlerische Existenz. Offener Brief von Ludwig Laher und Gerhard Ruiss zur „Anti-Urheberrechtsaktion“.

Sehr geehrte Frau Mokre!

MIT ÄUSSERSTEM BEFREMDEN nehmen wir zur Kenntnis, dass Sie, wie im STANDARD von 26.1.2012 zu lesen, als Unterzeichnerin einen Text mittragen, der auf besonders perfide Weise gegen die Interessen der Kunstschaffenden polemisiert. In aller Schärfe weisen wir die Unterstellung zurück, dass wir uns als IG Autorinnen Autoren von der Kulturindustrie vorschicken lassen, um deren überholte Geschäftsmodelle noch ein paar Jahre abzusichern. Was würden Sie sagen, zeihten wir Sie in aller Öffentlichkeit zum Beispiel der Komplizenschaft mit jenen Geräteherstellern, die sich gegen eine Festplattenabgabe an die Urheberinnen und Urheber stemmen?

Seit fünfzehn Jahren dürfen wir uns von Leuten wie Ihnen belehren lassen, die Urheberrechte wären überholt und letztendlich auch nicht in unserem eigenen Interesse, sondern nur in dem der Konzerne. Seit fünfzehn Jahren wissen Leute wie Sie als Alternative zu den bestehenden Verhältnissen nichts anderes anzubieten als das schwammige Gerede von einem neuen Gesellschaftsvertrag, der zwischen den Kulturschaffenden und dem Publikum auszuhandeln wäre. Warum legen Sie kein diskutables Modell dafür vor, wenn Ihnen die derzeitige Praxis so zuwider ist? Warum arbeiten Sie darauf hin, dass etwa wir Autorinnen und Autoren unsere Rechte und damit unsere Existenz preisgeben müssen, ohne auch nur im Ansatz zu verraten, wie denn die „grundsätzliche Neuordnung der Praxis im Urheberrecht“ ausschauen könnte?

ES WIDERSPRICHT DER WISSENSCHAFTLICHEN Redlichkeit, in einem gewaltigen Rundum- schlag unhaltbare Sätze wie diesen zu formu- lieren: „Die Verwertungsindustrie vertritt im besten Fall die Interessen der kommerziellen Superstars, aber nicht die der unabhängigen oder gar innovativ arbeitenden Künstler“. Ers- tens einmal ist es hanebüchener Unsinn, im Zusammenhang mit Verwertungsgesellschaf- ten wie der österreichischen Literar-Mechana von Industrie zu sprechen, zweitens vertritt man dort redlich nicht nur die Interessen der wenigen literarischen Superstars, son- dern jene Tausender Mitglieder der IG Auto- rinnen Autoren, die sehr wohl unabhängige und innovativ arbeitende Künstlerinnen und Künstler sind.

Während der Amtszeit des jetzigen Vorsitzenden des UNESCO-Fachbeirats Kulturelle Vielfalt Ludwig Laher als Präsident des Europäischen Künstlerrates ECA wurde von den Kunstschaffenden 2007 alles daran gesetzt, das Vorhaben der EU-Kommission zu verhindern, in Europa den freien Wettbewerb im Bereich der Rechteverwertung via Verwertungsgesellschaften durchzusetzen, die bestehenden, gut funktionierenden nationalen Strukturen zu zerschlagen und der tatsächlichen Verwertungsindustrie eine Bresche zu schlagen, die wir genauso kritisieren wie Sie. Aber eine Unterscheidung zwischen Äpfeln und Birnen ist Ihnen anscheinend zu mühsam.

AUCH DIE IG AUTORINNEN AUTOREN selbst hat sich in der jüngeren Vergangenheit mehrmals, übrigens durchaus erfolgreich, mit kommerziellen Riesen wie Google angelegt, die sich unserer Werke bemächtigen wollten. Widerstand gegen die Rechteusurpation der Global Player ist das eine, wer sich aber dafür stark macht, etwa illegale Downloads von urheberrechtlich geschützten E-Books eines mittelgroßen österreichischen Verlages mit der Kraft des Faktischen zu rechtfertigen, einen Popanz aufzubauen und solch einen Verlag zum Gottseibeiuns zu stilisieren, wer den Enteigneten schließlich nahelegt, einen neu- en Gesellschaftsvertrag mit den Enteignern, den illegalen Gratislesern auszuhandeln, argumentiert zynisch und gegen die Intentionen der UNESCO-Konvention für kulturelle Vielfalt. Deshalb ist auch unser Vertrauen in Ihre Tätigkeit im Fachbeirat Kulturelle Vielfalt der UNESCO schwer erschüttert.

Es spricht im Übrigen für sich, dass Ihre Polemik namentlich von allerlei Kulturvermittlern und Kulturwissenschaftlern beiderlei Geschlechts getragen wird, nicht aber von Künstlerinnen und Künstlern.

Mit freundlichen Grüßen
Ludwig Laher, Autor, Vorstandsmitglied der IG Autorinnen Autoren
Gerhard Ruiss, IG Autorinnen Autoren

online seit 20.04.2012 10:59:41 (Printausgabe 58)
autorIn und feedback : Ludwig Laher und Gerhard Ruiss


Links zum Artikel:
malmoe.org/artikel/widersprechen/2394Die Antwort von Monika Mokre



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