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  Im Kurs 50+

Es muss nicht Bio sein ... Erlebnisbericht von fünf Wochen AMS-Kurs

Zwei Projektförderungen abgelehnt, einige kleine Jobs auf Honorarnote – so sieht das vergangene Jahr aus der Sicht des AMS aus, also ab in einen Kurs. Den soll ich mir selbst aussuchen. Ich brauche eine Website, also suche ich mir einen Kurs aus, in dem ich die Website nicht nur erstelle, sondern auch lerne, wie ich sie administrieren kann. Das Institut hat schon oft mit dem AMS zusammengearbeitet. Nur – ab dem 1.1.2011 darf ein Kurs nur noch unter 1.500 Euro kosten, und da ist „mein“ Kurs nicht drin ... Ich werde also in einen anderen Kurs geschickt: „Als Vorbereitung auf die Pension“, so meine Betreuerin. Das sitzt. Pension? Wie bitte? Ich mache Filme ... Fünf Wochen Kurs mit Leuten, die auf die Pension vorbereitet werden, ab 50 Jahren. Wie sinnvoll ist das?

Nach einer „Orientierungswoche“, die im Rückblick eigentlich das Schlimmste am ganzen Kurs war, folgen vier Wochen vierstündige Workshops zu verschiedenen Themen: Pensionsrecht, Selbstständigkeit (ab 50?), Rhetorik, Bewerbungstraining, aber auch Alternativmedizin oder richtige Ernährung und ein wohltuend kritischer Vortrag über die Leiharbeit. Wie mir eine Frau von 54 erzählte, habe sie in den fünf Wochen viel gehört, was sie bisher nicht wusste (ohne Ironie). Das Problem lag nicht in den Inhalten, die vermittelt werden sollten, sondern an der Zusammensetzung der Gruppe. Wahllos zusammengewürfelt – vom AMS so geschickt, ohne eine Möglichkeit der Einflussnahme durch das Institut – Männer und Frauen im Alter von 50 bis 63, ehemalige ArbeiterInnen und Angestellte, Leute mit akademischer Bildung und Leute, die nicht lesen und schreiben können, wie sich schon am ersten Tag herausstellt, als wir diverse Formulare ausfüllen sollen.

Das Institut beschäftigt viele TrainerInnen, die Deutsch nicht als Muttersprache haben – das soll sich positiv auf die TeilnehmerInnen aus unterschiedlichen Ländern auswirken. Wie sinnvoll ist aber ein Rhetorikkurs für jemanden, der wie ein 62-jähriger Herr aus Polen, ganz teilnahmslos in der letzten Reihe sitzt und beim Nachfragen, ob er alles verstanden hat, nur sagt: „Nix verstehen“. Ob er wirklich nichts versteht oder nur seine Ruhe haben will, bleibt ungeklärt. Ein anderer Teilnehmer, 63 Jahre und aus Bosnien, geht nach 35 Jahren bei einer Firma, die Asbestverkleidungen herstellt, in Juni in Pension. Warum muss er jetzt in einem Kurs sitzen und Bewerbungstraining machen?

Professionell optimistisch

Die meisten TrainerInnen waren nett, mehr oder weniger bemüht und manche klar sehr gut qualifiziert, andere UmsteigerInnen aus anderen Berufen (z.B. Animateurin im Tourismus). Beim Einzelcoaching, als ich mit meinem Trainer über den Kurs spreche und sexistische Bemerkungen der TeilnehmerInnen beklage, wird mir aber auch vermittelt, wie schwierig es für die TrainerInnen ist, sich täglich zu motivieren und auch noch motivierend vor einer Gruppe aufzutreten, die, wenn man ehrlich ist, eigentlich keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat. Mein Einzelcoach quält mich nicht und findet sogar einen Website-Kurs, den das AMS auch noch zahlt und an dessen Ende ich eine schöne Website habe (www.zuzana-brejcha.at). Was hat sich das AMS eigentlich erspart, warum konnte ich nicht gleich den angestrebten Kurs machen?

Einige TrainerInnen sind allerdings so professionell optimistisch, dass es unerträglich ist. Besonders eine Trainerin kommt jeden Tag „super drauf“ in den Kurs, versprüht gute Laune und zeichnet sich durch Bemerkungen aus, wie: „Wenn man arbeitslos oder in Pension ist, muss man ja nicht das 45te Paar Schuhe kaufen“, oder sie erzählt voller Begeisterung von diversen Sozialmärkten. Besonders ins Herz geschlossen habe ich sie für die Bemerkung (Kurs „Richtige Ernährung“): „Wenn man kein Geld hat, muss man ja nicht Bio essen.“ Die gleiche Trainerin fällt mir immer wieder auch durch andere Äußerungen auf: „Diese Frau, die eigentlich ein Mann ist, diese wie heißt sie doch – Alice Schwarzer –, die findet, dass Frauen im Berufsleben benachteiligt sind. Ich finde das nicht. Wieso gehen eigentlich Frauen schon mit 60 in Pension?“ Und sie erinnert daran, dass Frauen schon ab 60 bei den Wiener Linien einen Pensionistenfahrschein bekommen (Workshop „Pensionsrecht“). Nicht nur Männer pflichten ihr bei, und eine Frau meint: „Wir haben uns jetzt lang genug nur mit Frauen beschäftigt, es ist an der Zeit, dass wir uns auch um die armen Männer kümmern“.

Feministisch realistisch

Als ich mich als Feministin deklariere, ernte ich seltsame Blicke. Ich bin aber auch so schon durch meine Kritik an diversen Äußerungen aufgefallen. Ich habe versucht zu thematisieren, dass eine so reiche Gesellschaft wie Österreich Menschen vor der Armut bewahren sollte und dass die von unserem Trainer in der „Orientierungswoche“ so hoch gepriesene super soziale Absicherung so toll nicht ist. Der Trainer – ein Russe – vergleicht dann Österreich mit Russland und da steigen wir deutlich besser aus ... auch mit der bedarfsorientierten Mindestsicherung: 744 Euro zwölfmal im Jahr – die Armutsgrenze liegt irgendwo bei 950 Euro ... Man sagt mir, dass ich mit meiner pessimistischen Einstellung nicht weiter komme und dass ich verbittert bin. Ich nenne das gesellschaftskritisch und realistisch.

Auch wenn sich das Institut eigentlich um ein abwechslungsreiches Programm bemüht und die Stimmung in der Gruppe meist gut ist, bleibt natürlich die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Kurse. Für viele TeilnehmerInnen – wenn es schon ein Kurs sein muss – würde ein Deutsch- oder Alphabetisierungskurs mehr Sinn machen. Die Trainer tun alle so, als ob die TeilnehmerInnen nur die richtige Einstellung, den richtigen Lebenslauf, das gut geführte Bewerbungsgespräch brauchen würden, und dann hätten die Leute noch eine Chance auf einen guten Job. Sie erwähnen nicht, dass es zu diesem Bewerbungsgespräch gar nicht kommt.

Und viele der TeilnehmerInnen, vor allem die aus „höheren“ Positionen, können sich schwer damit abfinden, dass sie nicht gebraucht werden und erzählen, wie wichtig ihre Positionen waren oder wie groß die eigene Firma war. Überraschenderweise sind ja etliche im Kurs, die früher selbstständig waren. Es fällt auch auf, dass anwesende Frauen ihre – durchwegs schlechter bezahlten Jobs - schon lang vor dem Fünfziger verloren, während die Männer offenbar erst so um die 55 nicht mehr gebraucht werden. Und dass Frauen mit dem Verlust des Jobs lockerer umgehen („Ich kann mich jetzt mehr um meinen Mann kümmern“). Als Hobbys angesprochen werden und der Einwand kommt, dass man für fast alles Geld braucht, wird man angewiesen, dass man ja auch im Wald spazieren kann. Statt Urlaub in Ägypten ab auf die Donauinsel.

Schmackhaft anspruchslos

Ich habe meine fünf Wochen nun hinter mir. Man war von der Seite des Instituts bei der Einteilung der Workshops nett zu mir, und ich konnte sogar zur Diagonale fahren. Während die anderen TeilnehmerInnen entweder am Vormittag oder am Nachmittag im Kurs waren, holte ich die Zeit dann an ganzen Tagen auf. Ich habe nichts Neues gehört und keine Freundschaften geschlossen. Als jemand aus dem Kunstbereich war ich eine klare Außenseiterin. Wie sagte ein Teilnehmer in Anzug und Krawatte so schön? „Künstler sind immer dann am kreativsten, wenn sie hungern ... Unseren Künstlern geht es zu gut.“

50+ absolviert. Eine nette Frau erzählte mir am Gang, als wir auf die Trainerin warteten, dass ihre Betreuerin vom AMS ihr den Kurs wie folgt schmackhaft machte: „Sie sind arbeitslos, geschieden und 55. Vielleicht lernen sie im Kurs jemanden kennen ...“ Natürlich einen Arbeitslosen, damit frau schön dort bleibt, wo frau hingehört. Nur keine Ansprüche. Es muss nicht Bio sein. Und fünf sinnlose Wochen meines Lebens? Mein Gott, ich bin ja arbeitslos ...

online seit 21.05.2011 10:46:04 (Printausgabe 54)
autorIn und feedback : Zuzana Brejcha




Die Schweiz …

… das Meinungs­forschungsinstitut für Europa: Der Politologe Dominik Hangartner über die Schweizer Einbürgerungspolitik und Demokratie
[24.06.2014,Interview: Beat Zimmerwald]


Still not loving …


… „Schleppereiprozess“: Am 06. Mai 2014 wurde der Prozess gegen die acht wegen „Schlepperei im Rahmen einer kriminellen Vereinigung“ (MALMOE 66) Angeklagten am Landesgericht Wiener Neustadt fortgesetzt
[18.06.2014,Anita Rep]


Montag allein reicht wohl nicht

Verschwörungstheorien sind en vogue. Sie gedeihen im Internet, werden aber seit einigen Wochen in Deutschland und Österreich auch auf der Straße verbreitet
[02.06.2014,Nikolai Schreiter]


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