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  Zehn Jahre „Bologna“

Entsorgen oder umlenken?

Vor zehn Jahren wurde in Bologna von den europäischen BildungsministerInnen die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraums ausgerufen. Europaweit sollten alle Studiengänge reformiert werden und durch eine Vereinheitlichung der Abschlüsse, die bessere Anerkennung von Studienleistungen und die Förderung der Mobilität ein einheitlicherer Hochschulraum entstehen. Als Allzweckwaffe wurde von den BefürworterInnen dieser Reformen die Einführung gestufter Studiengänge genannt, die die Vergleichbarkeit und gegenseitige Anerkennung erhöhen und die Mobilität durch den modularisierten Studienverlauf fördern sollten. Gerade diese Stufung ist es jedoch, die zunehmend in der Kritik steht. So beklagen sich die Studierenden über zu enge Prüfungsrhythmen, fehlende Durchlässigkeit zwischen Bachelor und Master und fehlende Mobilitätsfenster, um einen Auslandsaufenthalt tatsächlich zu realisieren. Damit stellt sich die Frage: War Bologna von vorneherein der falsche Ansatz oder hat die konkrete Umsetzung die Probleme nach sich gezogen, die durch die Studierenden zu Recht massiv kritisiert werden? Und werden die Probleme gelöst, wenn „Bologna“ wieder abgeschafft wird oder gibt es ein progressives Reformpotential durch diese Umstellung?

Die Bologna-Erklärung an sich ist ein ziemlich unvollständiges Dokument, das auf den Folgekonferenzen immer wieder ergänzt und präzisiert wurde. Die wichtigste Ergänzung dürfte die Aufnahme der sozialen Dimension in den Zielkatalog von „Bologna“ 2001 in Prag gewesen sein. Daran wird jedoch deutlich, dass der Prozess tatsächlich fortentwickelt werden musste: Punkten wie der sozialen Dimension ist nicht von vorneherein der Raum zugestanden worden, der notwendig gewesen wäre, um die Ziele eines europäischen Hochschulraums tatsächlich zu erreichen. Und bis heute fehlen in der faktischen Umsetzung an vielen Stellen entsprechende Bemühungen. Dies ist kein Zufall, sondern auch der Tatsache geschuldet, dass die Bologna-Erklärung zunehmend von der Lissabon-Strategie überlagert wurde. Hierin legten die Staats- und Regierungschefs im Frühjahr 2000 fest, dass die Europäische Union bis 2010 »zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt« gemacht werden soll. Diesem Ziel wurde auch die Hochschulreform untergeordnet, wobei oft verengt auf die sogenannte Arbeitsmarktbefähigung („Employability“) geschaut und umfassende Konzepte vernachlässigt wurden. Die Studienzeit sollte verkürzt und die Praxisnähe gestärkt werden, ohne dass konzeptionell erarbeitet wurde, was tatsächlich die Anforderungen an ein Hochschulstudium in der heutigen Zeit sind. Welche Rolle Hochschulbildung in demokratischen Gesellschaften spielen soll und wie die innere Verfasstheit der Hochschulen dabei aussehen muss? – diese Fragen wurden oft nicht einmal gestellt. Vielmehr wurden die Reformen ohne ausreichende Mitsprache der Studierenden und der Beschäftigten von oben durchgesetzt. Das Ergebnis ist bekannt: Verschulung, Verdichtung und Überfrachtung der Studienfächer und Zweifel an der Berufsperspektive des Bachelors sowie massiver Unmut über die Entscheidungsstrukturen an den Hochschulen bei den Studierenden. Dennoch: Bologna hat auch ein enormes und bisher ungenutztes Reformpotential, zumal viele Probleme der Hochschulen auch schon vor Bologna da waren und nicht durch eine Rücknahme des Prozesses gelöst würden. Vielmehr gilt es, die jetzt einsetzende Debatte über die Reform der Reform zu nutzen –vor allem in den Bereichen Soziale Dimension, Lebenslanges Lernen und Berufsorientierung. Daneben gilt es, die Demokratisierung der Hochschulen auf der Tagesordnung zu halten, die jedoch nicht unmittelbar an die Frage der Studienstruktur gebunden ist.

Soziale Dimension

Die Frage der Aufnahme eines Studiums ist stark mit dem familiären Hintergrund korreliert. Noch immer studieren deutlich mehr Kinder aus sogenannten bildungsnahen Elternhäusern. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. So werden Kinder durch diese Eltern in der Regel stärker gefördert, es sind mehr Ressourcen vorhanden, das Verständnis für eine Bildungskarriere ist größer und die Selbstverständlichkeit, bestimmte Bildungswege bis hin zu einem Studienabschluss zu beschreiten, vorhanden. Kinder, deren Eltern selbst nicht studiert haben, müssen sich oft erst gegen diese durchsetzen und haben – mangels gelebter Vorbilder – oft eine unsichere Einschätzung von einem Studium. Gerade hier hätte die neue Stufung der Studiengänge ansetzen können, indem der Bachelor genutzt wird, ein überschaubares Studium auch für Menschen anzubieten, die bisher vor einem langen Magisterstudium zurückgeschreckt sind. Die Entscheidung für ein Studium könnte erleichtert werden, wenn man bei der Konzeption der Studiengänge eben diese bildungsfernen Schichten mitdenkt und auch kulturell bereit ist, die Hochschulen zu öffnen. Geschehen ist das Gegenteil: Die Studiengänge werden immer weiter geschlossen. Österreich als Land ohne flächendeckende Hochschulzugangsbeschränkungen ist hier weniger betroffen als etwas Deutschland, wo die ersten Daten darauf hindeuten, dass die Anzahl der zulassungsbeschränkten Fächer noch gestiegen ist. Auch die Frage des Übergangs zum Master fällt unter das Stichwort „Soziale Dimension“: Anstatt zu versuchen, das Dogma der Studienzeitverkürzung umzusetzen, indem man Zugänge zum Master beschränkt, ist das Studium auch an dieser Hürde zu öffnen, um möglichst vielen BachelorabsolventInnen einen Zugang zum Master zu ermöglichen.

Lebenslanges Lernen

Die Versäulung des Bildungssystems – duale und akademische Ausbildung stehen quasi berührungslos nebeneinander – hätte ebenfalls im Zuge der Umstellung aufgebrochen werden können. Das gestufte System böte die Chance, dass Menschen mit verschiedensten Bildungshintergründen zwischen Hochschule und Praxis wechseln könnten. Der ›„klassische“ Weg wäre, nach dem Bachelor in den Beruf zu gehen und nach einiger Berufserfahrung den Master anzuschließen. So könnte die Praxisorientierung der Wissenschaft durch eine Akademisierung der Praxis ergänzt werden. Nur: Weder Hochschulen noch Betriebe sind auf solche Biografien vorbereitet, von Menschen ohne Matura als „Quereinsteigern“ mit Berufserfahrung ganz zu schweigen. In den Betrieben fehlt es an Modellen, wie Menschen ohne große Einbußen des Lebensstandards – denn wer kann sich das, ggf. mit Familie, leisten? – wieder an die Hochschule zurückkehren können. Und den Hochschulen fehlen neben den Kapazitäten auch die kulturellen Voraussetzungen, sich tatsächlich auf Menschen mit Berufserfahrung (und ggf. höherem Alter) einzulassen sowie inhaltlich interessante Angebote für diese „Praktiker“ bereitzustellen. So lange dem so ist, und BachelorabsolventInnen zudem mit einer neuen „Gläsernen Decke“ konfrontiert sind, da sie eben nicht die gleichen Karrierechancen haben wie MagisterabsolventInnen, wird das gestufte System nicht an Attraktivität gewinnen. Hier wird seit Jahren ein enormes Potential des Bolognaprozesses verschenkt.

Praxisorientierung

Wenn Praxisorientierung nur mit „Employability“ übersetzt wird, dann wird auch an dieser Stelle die Chance einer echten Reform nicht genutzt. Zum einen, weil wichtige Ziele von Bildung wie die Befähigung zur Partizipation an demokratischen Prozessen, der Umgang mit gesellschaftlichen Fragen (etwa: soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz) ausgeblendet werden. Zum anderen, weil eine Verkürzung der Praxisorientierung auf das Erlernen konkret anwendbarer Fertigkeiten an der Sache vorbeigeht. Vielmehr geht es um Problemlösungskompetenzen, um die Entwicklung eines Begriffs der »professionellen Relevanz« (Ulrich Teichler), der auch gesellschaftliche Fragestellungen beinhalten muss. Eine qualitative Studienreform hätte genutzt werden müssen, diesen Begriff der professionellen Relevanz zu unterfüttern und auszugestalten. Gleichzeitig ist die Etablierung neuer Lern- und Lehrformen unumgänglich, die über Teamarbeit tatsächlich Problemlösungskompetenzen vermitteln und die wirkliche Einbindung der Lernenden ermöglichen. Es ist hierbei elementar, dass sich die Debatte von einem verengten Blick auf den Arbeitsmarkt löst und unter den genannten Aspekten das Hochschulsystem begreift und umbaut.
Viele Probleme, die heute „Bologna“ zugeschrieben werden, gab es auch schon vor der Reform. Da die Reform an vielen Stellen blind für diese Probleme war – der Blick richtete sich oft auf Studienzeitverkürzungen und Employability – sind diese Probleme jedoch nicht gelöst sondern perpetuiert und zum Teil verschärft worden. Wenn die Studierenden nun zu Recht eine Reform der Reform einfordern, dann sollte das Potential des Bolognaprozesses genutzt werden – ein Zurück vor den Bolognaprozess wäre jedenfalls kaum als Fortschritt zu bezeichnen. Die Soziale Öffnung, das Durchbrechen der Versäulung des Bildungssystems und die Entwicklung des Begriffs einer professionellen Relevanz haben hier als Leitplanken von „Bologna 2.0“ zu dienen.


Weiter lesen: Banscherus, Ulf / Gulbins, Annerose / Himpele, Klemens / Staack, Sonja: Der Bologna-Prozess zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die europäischen Ziele und ihre Umsetzung in Deutschland, Frankfurt


online seit 14.01.2010 11:02:34 (Printausgabe 48)
autorIn und feedback : Klemens Himpele


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1943Schwerpunkt "Protest-Wissenschaft" in Heft 48



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