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  Unirdische (Traum-)Welt

„Paradise Later“ - eine Fimrezension

Wer sich den Kurzfilm „Paradise Later“ anschaut, braucht eine Denkpause. Die Botschaften bohren sich wie ein Schraubstock in die Gedankenwelt. Sie wollen nicht an den elendigen Drehort, und trotzdem sind Sie neugierig? Dann steigen Sie ein in das Boot! Vom Wasser aus ist das Schicksal der Müllmenschen ohnehin nicht so nah.

Der Erzähler, ein Handelsdelegierter, heißt Sie als „geehrte Mitglieder der Gesellschaft“ an Bord willkommen. Die Mitreisenden geraten in den Strudel des Gedankenstromes eines Gefangenen des Wirtschaftssystems. Was wird er dem Vorstand seines Unternehmens berichten, wenn er aus diesem Nichts zurück kehrt?

Die apokalyptische Landschaft befindet sich am Rande einer Metropole in den Tropen Indonesiens. Von den Bäumen hängt Unrat wie Lametta herab und Verpackungen treiben auf dem trüben Wasser. Fischer werfen ihre Netze nach Verwertbarem oder Essbarem aus. In den Rand- und Zwischenzonen der indonesischen Metropolen leben immer mehr Menschen in größter Armut von den Abfällen der Konsumgesellschaft.

Der logozentrische Blick des Erzählers, der alles versteht und einordnet, ohne einen offenen Dialog zuzulassen, legt sich als spürbare Arroganz über die Aufnahmen. Die durch den Soundtrack unwirklich anmutende Atmosphäre bricht kurz auf, als versuchten sich die „realen“ Geräusche und Stimmen der Umgebung gegen die Allmacht der Stimme zu wehren. So sehen die Mitreisenden erstmals die Menschen, die auf diesem kargen Landstrich leben.

Regisseur Ascan Breuer stellt Textpassagen von Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ in einen Zusammenhang mit dokumentarischen Bildern. Breuer nutzt den über 100 Jahre alten Text von Joseph Conrad mit einigen Abänderungen als zeitgenössischen Kommentar.

Der Film fokussiert auf die verlogene Einstellung, mit der sich der Handelsreisende lange Zeit über die tristen, wuchtigen Eindrücke hinweg tröstet. Er gibt zu, dass er bis zu dieser Bootsfahrt dachte: „Bis jetzt dachte ich, wenn ich euch zeige, dass in mir etwas steckt, aus dem man Profit schlagen kann, wird die Hochachtung, die man mir entgegenbringt, grenzenlos sein.“

Doch plötzlich wacht er auf und erkennt, dass die „Vergötterung von Effizienz“ nicht das ist, was die Welt rettet. Der wohl durch das bisherige Wegsehen ausgelöste Phantomschmerz geht als „monströses, freies Etwas“ mit ihm um. Seine Anklage spitzt sich dementsprechend zu: „Wir saugen das Land aus, und nur das. Wir sind Eroberer, und dafür reicht rohe Gewalt - wie kann man darauf stolz sein, wo doch unsere Stärke nur ein glücklicher Zufall ist, der sich aus der Schwäche anderer ergibt. Wir krallen uns, was wir kriegen können, möglichst viel. Es ist einfach Raub unter Anwendung von Gewalt, Mord im großen Stil und ohne mildernde Umstände, von Leuten verübt, die blindlings handeln, was typisch ist für all jene, die im Dunkeln tappen - rücksichtslos, aber nicht kühn; gierig, aber nicht verwegen; und grausam, aber nicht mutig, bar jeder Voraussicht, kein bisschen ernsthafte Absicht (und es kümmert uns auch nicht, dass das die unbedingte Voraussetzung ist für die Ernte dieser Erde). Einzig diesem Land seine Schätze entreißen, das wollen wir (mit ähnlich wenig Skrupel belastet wie Einbrecher, die einen Safe knacken).“

Es ist kein Traum, in den sich die/der ZuseherIn begibt, sondern Apathie, die sich über den Schmerz des Erzählers legt. Dieser müde Blick lindert zwar die Angst des Handelsreisenden. Aber der Hunger, der – wie der Handelsreisende beobachtet - den Müllmenschen jegliche irdische Grundzüge und Skrupel nimmt, bleibt bestehen. Was ist mit den Skrupeln der mitreisenden KonsumentInnen und Wirtschaftstreibenden? Haben sie ihre Skrupel verloren? Sitzen wir bereits alle in einem Boot?




Film-Premiere ist am Mittwoch 13. Jänner 2010 um 19 Uhr im Wiener Top-Kino


online seit 05.01.2010 10:15:43 (Printausgabe 48)
autorIn und feedback : Ute Mörtl




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