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  Wenn wir das nicht kriegen, wählen wir die anderen

Das neue Reden im Gemeindebau. Ein Interview mit Christian Tordy, "Gebietsbetreuer"

Der Gemeindebau wird als zentraler Schauplatz des Wiener Wahlkampfs inszeniert. Was passiert dort und was macht das alles für einen Sinn?

Ein Interview mit Christian Tordy, Co-Geschäftsführer der „TGT – Agentur für soziale Arbeit - OG“, die im Auftrag der Stadt Wien drei Jahre lang Gebietsbetreuung für Wiener Gemeindebauten übernommen hat.

Wie sind Sie an drei Jahre Erfahrung mit Mediation im Gemeindebau gekommen?


Die Sache ist aus einem Projekt der Gebietsbetreuung - Stadtentwicklung hervorgegangen. In den Jahren vor 2004 ist man draufgekommen, dass die Probleme im Gemeindebau zunehmen und man mit dem vorhandenen Personal und seiner Ausbildung nicht das Auslangen findet. Man begann deshalb, ab der Auftragsperiode 2004 mehr auf Sozialarbeit zu setzen. Diese erklärt ja Gemeinwesenarbeit als eines ihrer zentralen Arbeitsgebiete. Offenbar waren die Projekterfahrungen so erfolgreich, dass für die Periode 2007 – 2009 die Magistratsabteilung 25 eine Ausschreibung für eine flächendeckende Betreuung der städtischen Wohnhausanlagen durchgeführt hat. Der Auftrag umfasste drei Aufgaben: 1. Erstberatung und Erstauskunft in allen Lebensfragen aus dem Gemeindebau. 2. Bearbeitung von Nachbarschafts- und Nutzungskonflikten. 3. Suche nach Verfahren, die der Prävention von Konflikten dienen. Wir erhielten den Zuschlag für rund ein Viertel der Gemeindebauten in Wien.

Was waren Ihre Erfahrungen? Wie lief die Arbeit ab?

Angefangen haben wir im Winter. Zu Beginn nahmen die an uns herangetragenen Konflikte so überhand, dass kaum an Prävention zu denken war. Im Frühjahr tauchten verstärkt Nutzungskonflikte – wer darf was im Hof – auf. Im Sommer konnten wir dann mit ersten Präventionsansätzen beginnen – Hofveranstaltungen, Suche nach engagierten MieterInnen etc. Aus dieser „Sommertour“ wurden dann Projekte destilliert, z.B. „Nightwatch“, „Fit für den Gemeindebau“, eine Vortragsreihe für neue MieterInnen über geschriebene und ungeschriebene Regeln im Gemeindebau, Müllvermeidung, eine Schulungsreihe für HausbesorgerInnen etc.

Der erste Auftragspunkt –Beratung – wurde von der Auftraggeberin Stadt überschätzt. Pro Tag kamen unter diesem Punkt etwa 7 Personen zu uns, und denen ging es eigentlich meist um Konfliktthemen. Und wenn Beratung eine Rolle gespielt hat, dann für Neuzugewanderte, die unsere Dolmetschtätigkeit bei Behördenangelegenheiten in Anspruch genommen haben.

Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass wir gemütlich durchs Feld gehen werden, de facto sind die KollegInnen im Schweiße ihres Angesichts von Fall zu Fall gehetzt.

Welche Probleme stehen da im Vordergrund?

Mehr als drei Viertel der an uns herangetragenen Konflikte gehören dem Bereich der Nachbarschaftskonflikte an. Hier steht das Thema Lärm im Vordergrund. Der Rest der Beschwerden bezieht sich auf die Nutzung der Gemeinschaftsanlagen, insbesondere auf die Höfe. Artikuliert werden die Konflikte aber nicht über die Nennung des Konfliktbereichs, sondern über ‚die Ausländer’, vor allem türkischstämmige MieterInnen, die ‚keine Ordnung nicht kennen’.

Trotzdem glaube ich, dass diese Art der Betrachtung der Konflikte am Wesentlichen vorbei geht; wie auch der Auftrag an die Gebietsbetreuung Städtische Wohnhausanlagen nur semioptimal definiert war: Mit der expliziten Fokussierung der Arbeit auf ‚Konflikte im Gemeindebau’ hat die Auftraggeberin implizit Rahmenbedingungen geschaffen, die sozialarbeiterisches Arbeiten stark individualisiert haben. Diese Individualisierung wurde nochmals durch die Beschränkung auf den ‚Gemeindebau’ verstärkt. Beide Vorgaben werden den Forderungen nach einer lebensräumlichen, gemweinwesenorientierten Herangehensweise an ‚das Feld’ nicht gerecht.

In den gegebenen Strukturen hat es uns einige Zeit gekostet, die unterschiedlichen Konfliktebenen mit den Konfliktparteien aufzudröseln, auf eine Sachebene zu bringen und gegebenenfalls individuelle oder semi-strukturelle Lösungswege anzumoderieren, zu begleiten und gelegentlich auch – recht direktiv – vorzuschlagen. Immer dann, wenn sozialräumliche Lösungen gefragt waren, - etwa wenn Ausweichmöglichkeiten für fußballspielende Jugendliche gesucht wurden – haben sich die Beschränkungen des politischen Apparats gezeigt: Es gibt kaum Schnittstellen zwischen den politischen Ressorts.

Die große Frage hinter all den Alltagsproblemen ist „Wem gehört der Gemeindebau?“ In den 20er Jahren wurde er für Arme und Bedürftige geschaffen. Verhandelt wird es heute eher im Sinne der Bremer Stadtmusikanten: Wem gehört das Haus? Viele Familien wohnen seit Generationen hier, haben den Status der ‚sozialen Bedürftigkeit’ längst verlassen, machen aber keine Anstalten, auszuziehen. Im Gegenteil: Sie betrachten den Bau als ‚ihren’ Bau und sie werden dabei – direkt oder indirekt – von der Politik unterstützt. Diese Personen interpretieren ein Gleichbleiben der sozialen Bedürftigkeit unter den übrigen BewohnerInnen als Verslummung der Wohnhausanlage.

Das zweite große Thema ist, dass sich die ‚gewöhnliche GemeindebaumieterIn’ als KönigsmacherIn versteht und viele Jahre lang darin von politischer Seite unterstützt wurde. Das geht bis zum Wunsch, die Wohnung vererben zu können. „Und wenn wir das nicht kriegen, dann wählen wir halt die anderen“, wird gesagt.

Und hier sind wir beim – aus meiner Sicht – eigentlichen Thema: Die Hoffnung der BewohnerInnen - und auch der Stadt - ist, dass die Gebietsbetreuung das irgendwie wieder richtet.

Bloß: Das, was die Gebietsbetreuung da richten soll, ist von professionell agierenden SozialarbeiterInnen nicht zu reparieren: Wir können weder der SPÖ ihren Einfluss auf den Gemeindebau sichern noch den MieterInnen die guten alten Zeiten wiederherstellen, als sie mit Hilfe der Partei, und die Partei mit ihrer Unterstützung, die Herren im Gemeindebau waren. Beide: MieterInnen und Partei haben die Überfuhr in die neuen Zeiten verpasst. Und beide: Partei wie MieterInnen hoffen, dass, wenn sie nur lange genug die Augen vor der sozialen Wirklichkeit verschließen, sie eines Tages aufwachen und alles ist so, wie sie es aus jener Zeit kannten, als sich ihre Realitätskonstruktionen verfestigt haben.

Damals wurde der Gemeindebau de facto über die Parteisektionen beschickt und das Wohlverhalten der MieterInnen über das Gespann: Sektion, Hausmeister und Hausinspektor kontrolliert. Mit dem Aufbruch in den 1970er Jahren wurde das System als bevormundend, einengend und korrupt empfunden; mit Ende der 1970er Jahre wurde auf ein allgemein anerkanntes transparentes Vergabesystem im Gemeindebau umgestellt. Heute bekommen die Bezirksvorstände zwar die Listen der WohnungswerberInnen, mitreden können sie aber kaum noch – und für die Vielzimmer-Wohnungen gibt es einfach keine ÖsterreicherInnen (mehr), die die Kriterien erfüllen.

Vor diesem Hintergrund werden die an uns herangetragenen Probleme verhandelt. In der Bearbeitung der Fälle aber ist es ‚einfach’: Über die Jahre haben sich die MieterInnen neben den formellen eine Unzahl von informellen Regeln ausgemacht. Mit wem zu reden ist, um die Waschküche zu benutzen, wie die Klopfstange zu benützen ist, wie Schuhe vor der Wohnungstür positioniert werden müssen etc. Hier funktioniert der Gemeindebau wie ein Dorf: Auffällig wird, wenn sich eine/r nicht an diese Regeln hält. Diese Person gilt dann als Störenfried. Wir haben deshalb Projekte initiiert, um solche informellen Regeln transparent zu machen.

Auch um sie einer Neuaushandlung zugänglich zu machen?

Ja. Wobei Aushandlungsprozesse Zeit in der Vorbereitung brauchen. Um neue Regeln auszuhandeln, müssen erst einmal die alten mit ihrer zum Teil langen Geschichte gewürdigt werden.

Laut der von der Stadt veröffentlichten Ergebnisse der MieterInnenbefragung spielen Nachbarschaftskonflikte eine untergeordnete Rolle. Warum dann der Fokus auf Mediation und der Kampagnentitel „Durchs Reden kommen die Leut z’samm“?

Wir haben eine Statistik gemacht. 30-40% der Gemeindebauten werden durch Nennung von Konflikten auffällig. Selbst hoch gefährdete Konfliktbauten haben nicht mehr als 12% betroffene Parteien. Quantitativ spielen Konflikte also eine geringe Rolle. Aber sie können eine große Auswirkung haben, was den Umgang damit und das Reden darüber betrifft. Es entstehen urban legends, die von Mund zu Mund, von einem Bau zum nächsten über Jahre weitergetragen werden. Jede Befragte sagt, sie kenne jemand, der bezeugen könne, dass „die Türken“ jede Wohnung kriegen, die sie wollen, und letztes Jahr einen Hammel im Hof geschlachtet hätten. Gegen diese Konstruktionen anzugehen war eine unserer Aufgaben.

Wie wird das gemacht?

Sich einen Zettel zu Hand nehmen und signalisieren, dass jetzt dieser Beschwerde bis auf das letzte genannte Argument nachgegangen werden wird. Dabei signalisieren wir die Bereitschaft, solange nachzufragen, bis alle für uns relevanten Informationen erhoben sind: Wer hat wann, wo, wie was gemacht? Zu 99% kommt man beim beharrlichen Nachfragen d’rauf: Die Geschichte stimmt einfach nicht.

Nützt das etwas?

Für den Einzelfall ist dieses Vorgehen hoch wirksam. Eine beliebte Strategie des Wohnbaustadtrats ist es, mit einer Heerschar von Verantwortlichen aufzutauchen, die dann auf eine handvoll MieterInnen trifft. Als erstes wird großes Lob für die Anlage ausgesprochen – das nimmt schon einen Großteil der Aggression raus. Wenn sich dann doch noch welche beschweren, dann werden die Probleme von den ExpertInnen nachrecherchiert und versprochen, sich mit Lösungen oder Antworten zu melden. Das beeindruckt.

In aller Regel haben wir ein anderes Verfahren als Standardvorgehen gewählt: Erstens, wir nehmen die gemeldeten Probleme nachvollziehbar ernst. Zweitens beziehen wir eine pädagogisch-aufklärerische Position: z.B. treten wir der Beschimpfung von AusländerInnen bestimmt entgegen – das wär’ das pädagogische –, oder wir versuchen im Sinne der Allparteilichkeit Entscheidungen, Entscheidungswege oder die Hintergründe für eine bestimmte Gemengelage zu erklären bzw. transparent zu machen. Last but not least versprechen wir all unseren GesprächspartnerInnen, sie über die Bearbeitung ihrer Anliegen laufend zu informieren. Und daran halten wir uns auch.

Unsere Erfahrung ist, dass wenn man den Leuten auf gleicher Augenhöhe begegnet, man mit ihnen alles verhandeln und ihnen alles sagen kann.
Wessen Interessen kommen bei diesen Angeboten vor – nur die der angestammten ÖsterreicherInnen?

Wir selbst haben 50% MitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund. Bei öffentlichen Veranstaltungen reden uns nur die ‚Einheimischen’ an. Unsere Aufgabe ist es, die am Rande stehenden anzusprechen. Die MigrantInnen sagen „Unsere Nachbarn gehen uns auch auf den Geist, aber mit Nachbarn muss man halt auskommen.“ Auf Nachfrage kommen sie mit ähnlichen Beschwerden wie auch die Einheimischen – Lärm, Schmutz, mangelnde Einhaltung von Putzzeiten etc. Nur dass sie sich nicht von selbst darüber beschweren würden. Wenn wir das weitertragen, führt das immer wieder zu „Aha“-Erlebnissen bei der Mehrheitsbevölkerung. Dann suchen wir nach Verfahren, wie die Leute zusammenkommen.

Was würde das heißen?

Dass nicht nur 60jährige ÖsterreicherInnen zu Veranstaltungen kommen, sondern wir eine Durchmischung haben. Und dass sich von uns angestoßene Kommunikation verselbständigt.

In einer Anlage, wo sich seit Jahren harte Fronten zwischen Einheimischen und türkischen BewohnerInnen herausgebildet haben, haben wir zuerst über Wochen und Monate mit beiden Seiten einzeln gesprochen, dann kam es zu einer ersten MieterInnenversammlung mit ca. 100 Leuten, in deren Verlauf die Fetzen geflogen sind. Die ÖsterreicherInnen haben geschimpft, die TürkInnen haben ihr Verhalten verteidigt und Verfehlungen der ÖsterreicherInnen konkret benannt. Sie wurden nicht gehört. Dann steht eine Türkin auf und sagt „Ihr lasst eure Hunde auf unsere Kinder los!“ Worauf eine stark beleibte, offensichtlich österreichisch-stämmige Frau aufsteht und fragt „Wer hat seinen Hund auf dein Kind gehetzt?“ In einer sehr emotionalen Rede hat sie es geschafft, in ihrem Wiener Herzen den Platz für Hunde und Kinder herzuzeigen, und der herzlosen Hundehalterin Watschen anzudrohen. Mit einem Mal ging es um Gemeinsamkeiten in den Ansprüchen an nachbarschaftliches Zusammensein. Wir hatten dann noch mehrere Wochen mit der Wohnhausanlage zu tun, aber das Eis war gebrochen. Immer wieder geht es in unserer Arbeit darum – oft komische – Gemeinsamkeiten zu finden.

Die Stadt Wien will die Gebietsbetreuung jetzt selber machen und gliedert die Aufgaben in Wohnservice Wien ein. Warum? Wie bewerten Sie das?

Der größte Vorzug der Integration dieser Angebote ist zweifellos in dem zentralistischem Ansatz zu sehen: Eine große Anbieterin arbeitet mit anderen großen Einrichtungen zusammen. Hier können sich die Organisationen auf gleicher Augenhöhe begegnen. Auf organisatorischer Ebene können über die Standorte unterschiedliche Verfahren gleichzeitig ausprobiert werden und good-practice-Modelle im Anschluss wienweit kommuniziert und integriert werden.

Politisch gesehen erspart man sich mit dieser Lösung alle paar Jahre eine Ausschreibung mit ungewissem Ausgang und man schaltet das Unternehmerisch-Wirken-Wollen in den einzelnen Organisationseinheiten aus. Gleichzeitig sichert sich die politische Auftraggeberin mit dieser Lösung ihren – ungeteilten – Einfluss auf die Organisation und ihr Wirken.

Weiters freut mich, dass unser Motto: „von der Mediation zur Prävention“ in die Außendarstellung der neuen Organisation offensichtlich eingeflossen ist.

Jetzt gibt es aber auch ein paar Schönheitsfehler, die ich gerne erwähnen mag:

Die erste Anmerkung, die ich gerne loswerden möchte, betrifft die Zielgruppe: In den paar Jahren unseres Wirkens haben wir viel Zeit und Energie darauf verwendet, den unterschiedlichen Interessengruppen unsere allparteiliche Haltung zu versichern. Es hat uns viel Kraft gekostet, jene Gruppen anzusprechen, die sich von der Mehrheit und der politischen Willensbildung ausgeschlossen gefühlt haben. Diesen marginalisierten Gruppen wird mit dieser Konstruktion der Zugang erschwert. Hier wird die neue Organisation gefordert sein, passende und glaubwürdige Angebote zu entwickeln.

Meine zweite Anmerkung bezieht sich auf die Politik: Sie nimmt sich über diese Konstruktion die Möglichkeit der politischen Kontrolle. In Zukunft betreibt der Wohnbaustadtrat über seine PR-Organisation das Mediationsangebot im Gemeindebau. Alleine diese Konstruktion würde es verdienen, ein Weilchen darüber zu meditieren. Jetzt aber möchte ich eher auf eine politische Gepflogenheit in Wien abzielen: Noch nie hat eine politische MandatarIn in dieser Stadt ‚ihre’ Organisation abgeschossen, wenn sie mit deren Leistung nicht einverstanden war. Im Gegenteil: Wenn es so nicht funktioniert, dann funktioniert es halt mit mehr von dem selben. Auf Deutsch: Sollten die in Zukunft 100 MitarbeiterInnen nicht das gewünschte Ergebnis bringen, wird man halt mehr MitarbeiterInnen beschäftigen. Wenn das nicht reicht, löst man die Organisation trotzdem nicht auf, sondern beschäftigt externe SpezialistInnen, die die Arbeit der anderen erledigen sollen.

Die dritte Anmerkung, die mir dazu einfällt, bezieht sich auf ein berufspolitisches Phänomen: In den letzten 10 bis 15 Jahren konnte man eine deutliche Professionalisierung der Sozialen Arbeit beobachten: Die latzhosentragenden SozialarbeiterInnen haben ihren Rückzug angetreten, der scharfe Wind knapper Sozialbudgets hat auch die hintersten Winkel der freien Trägerorganisationen durchblasen und sie gezwungen, ihre Angebote „marktkonform“ auszurichten. Eine der Folgen davon war, dass sich das Verhältnis der Profession zur Politik geändert hat: Letztere wurde in die Gestaltung von Angeboten integriert. Offensichtlich fühlt sich jetzt die Politik in der Lage, sozialarbeiterische Angebote aus dem eigenen Organisationsumfeld anzubieten; in Wien hat das vor fast 20 Jahren der WAFF vorgemacht, der FSW ist vor ein paar Jahren gefolgt und jetzt kommt das Wohnbau-Ressort dazu. Das schmerzt für den Berufsstand der SozialarbeiterInnen.

Das Projekt „Nightwatch“ geht auf Ihre Initiative zurück. Was wird nun daraus?

Es entstand aus der Anregung von BewohnerInnen, die uns aufforderten, am Abend vorbeizuschauen, dann würden die Probleme sichtbar werden, von denen sie uns immer wieder berichteten, die wir tagsüber aber nie in Augenschein nehmen konnten. Mit der Nightwatch hatten wir zwar viele Kontakte am Abend, mussten aber feststellen, dass nach 21Uhr der Gemeindebau einem Friedhof gleicht. Mit einigen wenigen „Problemgruppen“ – jugendliche Mopedbegeisterte, HundebesitzerInnen etc. – führten wir Gespräche und wiesen sie auf das Ruhebedürfnis der BewohnerInnen hin, und fanden dann meist eine gute Lösung.

Die Nachtschicht hatte jedoch den unerwarteten Effekt, dass sie den Eindruck vermittelte, die Leute bräuchten bloß bei uns anrufen, und wir kämen vorbei und würden Störenfriede abstrafen. So betrachtet haben wir damit das Anspruchsdenken der BewohnerInnen weiter befördert, muss ich selbstkritisch sagen.

Jetzt soll die Nightwatch flächendeckend über Gemeindebauten in Wien ausgebreitet werden. Gibt man damit nicht den Stimmen recht, die von einem Sicherheitsproblem reden?

Seit jeher ist die Stadtwache ein Lieblingsprojekt der ÖVP, und die SPÖ will das ebenso lang verhindern. Was sich hier über die Hintertür einschleicht, ist eine Art fraktionierte Stadtwache, die nicht so genannt wird. Das hat nichts mit Sicherheitsproblemen zu tun, weil Gemeindebauten sehr sicher sind. Was erreicht werden soll, ist die Gemeindebau-MieterInnen ruhig zu stellen und wieder an die SPÖ zu binden. Dabei scheut man auch nicht davor zurück, die FPÖ rechts zu überholen. Die Durchführung hat Züge des so-tun-als-ob und passiert auffällig kurz vor den Wahlen. Das ärgert die Leute. Fünf OrdnungsberaterInnen werden es nicht schaffen, „Ordnung“ herzustellen.

Gibt es vor Ort Indizien für Selbstorganisation, selbst geschaffenes Wissen, und wie verträgt sich das mit der Ordnungsberatungs-/Mediations- etc. Offensive der Stadt? Werden MieterInnenbeiräte aktiviert?

Das berühmteste aller Nachbarschaftszentren in Wien ist das Schöpfwerk. De facto findet dessen Arbeit jedoch ohne die BewohnerInnen des Schöpfwerks statt. Die Aktionen des Zentrums interessieren in der Regel niemand außer die VeranstalterInnen. Wenn man sich deren Website anschaut, haben sie alle Literatur zum Thema Partizipation gelesen. Offenbar wird diese Literatur der Lage aber nicht gerecht. Wie sonst ist es zu erklären, dass es heute an diesem Ort immer noch ein von Profis betriebenes Nachbarschaftszentrum braucht? Vielleicht ist es eher so, dass sich die Leute Nüsse für Partizipationsangebote interessieren. Das ist offenbar ein Thema der Eliten, die der Partizipation so gegenüberstehen wie einst den „edlen Wilden“. Die Betroffenen haben anderes zu tun. Die Leute wollen schnelle Entscheidungen.

Wenn ich gleich dabei bleiben darf: Weil die Leute schnelle Entscheidungen verlangen und die PolitikerInnen von den BürgerInnen gewählt werden wollen, versprechen die PolitikerInnen schnelle Entscheidungen. Somit opfern die handelnden PolitikerInnen ihre vorbildlichen Ideen einem machterhaltenden Kalkül. Ein gutes Beispiel dafür ist das MieterInnenmitbestimmungsstatut für den Gemeindebau, das zur Selbstorganisation ermutigt. Es darf beispielsweise die Hausverwaltung abgewählt, oder in MieterInnenversammlungen ein MieterInnenbeirat gewählt werden, der dann in der Folge die Anliegen der MieterInnen gegenüber der Hausverwaltung vertreten darf. An dem Statut ist nichts falsch. Im Alltagserleben ist es aber mühsam, zu von der Mehrheit getragenen Entscheidungen zu gelangen, wenn der Abstecher über ‚die Politiker’ so viel einfacher scheint. So gesehen behindern die gegebenen Strukturen die Entfaltung von Teilhabeprozessen.

Hinzu kommt, dass die angebotenen Verfahren zur Teilhabe im Großen und Ganzen den bürokratischen Notwendigkeiten des Verwaltungsapparats entsprechen, nicht aber kleinteilig organisierten ehrenamtlichen Gemeinschaften.

Es ist ähnlich wie bei Problemen mit Jugendlichen, wo gefordert wird, die sollen doch einen Sprecher wählen. Bis das passiert und der Prozess auf Schiene gestellt werden kann, sind die Betroffenen dem Problem längst entwachsen.

Andere Formen der Partizipation werden aber nicht zugelassen.

MieterInnenversammlungen sind auf vorgegebene Verrechnungseinheiten (eine bestimmte Anzahl von Bauabschnitten und Wohnparteien) festgelegt, was aber oft nicht den Ausschnitten entspricht, auf denen Organisationsbedarf besteht: Die Stiege 11 interessiert sich nicht für den kaputten Aufzug der Stiege 13.

Trotzdem entstehen Netzwerke. Manche konnten wir fördern; beispielsweise durch die Einrichtung von Stammtischen für MieterInnenbeiräte. Oder im Vorfeld der Gründung von MieterInnenbeiräten: Unserer Erfahrung nach entstehen MieterInnenbeiräte überwiegend aus der Auseinandersetzung über konflikthaft besetzte Themen. Gelingt es, Strukturen für die Bearbeitung dieser Themen zu finden, haben sich auch schon Netzwerke gebildet. Wenn sie dann noch einen MieterInnenbeirat wählen, haben sie uns an der Backe.
Selbstverständlich braucht es für nicht jedes Anliegen eine formale Struktur. Manche Netzwerke sind so kleinräumig und flüchtig organisiert, dass wir mit unserer Organisationsstruktur schon viel zu groß wären: Wie sich zum Beispiel die MieterInnen auf der Stiege 4 die Nutzung ihrer Waschküche einteilen, ist uns so lange egal, bis darüber Beschwerden bei uns einlangen.

Gilt das auch für MigrantInnen?

In informellen Netzwerken sind sie durchaus integriert, auf Ebene der MieterInnenbeiräte oder anderen hoch organisierten Netzwerken eher nicht. Das ist sicher noch eine Herausforderung sowohl für die Gemeinwesenarbeit und mehr noch für politische Parteien. Migrantische Netzwerke laufen auch nicht über den Gemeindebau, sondern über Kulturvereine, da sind sie gut vernetzt.




online seit 07.12.2009 10:57:26 (Printausgabe 48)
autorIn und feedback : BW


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/alltag/1967Hausmeister is back. Gemeindebau-Offensive der Stadt Wien



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