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  Im Afghanistan-Einsatz für Uni und Militär

Wissenschaftler der Freien Universität Berlin forschten in Afghanistan für das Bundesverteidigungsministerium. Kritik am Bundeswehreinsatz dort interessiert sie aber kaum.

Am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU Berlin, genannt OSI, ist der Sonderforschungsbereich 700 ansässig. Der SFB 700 ist ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Konglomerat (neudeutsch: Cluster), an dem verschiedene Forschungsstellen bzw. Professuren beteiligt sind, die meisten davon von der FU. Er trägt den Titel „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit – neue Formen des Regierens?“ und erforscht und kategorisiert instabile Staaten auf dem ganzen Planeten. Diese Tätigkeit und der ihr zu Grunde liegende Ansatz wurden im November 2008 mit einer kleinen Protestaktion im Rahmen europaweiter antimilitaristischer Aktionstage kritisiert.

Damals bestritt Thomas Risse, OSI-Professor und Sprecher des SFB 700, in einem Interview für Uniradio auch auf Nachfrage mehrfach und vehement, was im verteilten Flugblatt behauptet wurde: dass die SFB-Mitarbeiter Jan Koehler und Christoph Zürcher, die schon mehrfach in Afghanistan oder Umgebung geforscht hatten, dies auch für das „Bundesministerium der Verteidigung“ (BMVg) getan hätten.

Nun tauchten aber während der Aktionen am OSI mehrere Kopien einer Studie von Koehler und Zürcher auf, die überhaupt keinen Zweifel über den Forschungsauftrag seitens des BMVg zulassen. Es geht darin um die zivilmilitärische Zusammenarbeit bei Infrastrukturprojekten. Die Studie trägt den Titel „Quick Impact Projects in Nordost-Afghanistan“, wurde im Dezember 2007 fertig gestellt und ist laut Auftragsschreiben des Ministeriums „nur für den Dienstgebrauch“ bestimmt.

Ein Unternehmensmodell

Neben letzterem Fakt waren es zwei weitere, die etliche Studierende misstrauisch machten. Zum einen die Leugnung der Existenz einer derartigen Studie durch Risse. Zum anderen das Verschwinden eines öffentlichen Hinweises auf sie: Auftragsnehmer beim BMVg war das Unternehmen ARC gewesen, dessen Name für „Analysis, Research, Consulting“ steht und das 2001 von Koehler und Zürcher (und anderen, die aber nicht mehr dabei sind) gegründet wurde. Auf dessen Homepage wird das Projekt erwähnt – eigentlich. Zwei Tage nach dem Aktionstag waren nämlich außer der Startseite alle Informationen unter www.arc-berlin.com mit einem Passwort geschützt. Kurz darauf erschien bei Aufruf die Meldung, die ganze Seite sei wegen Wartungsarbeiten nicht verfügbar. Monatelang hieß es schlicht: „Zugriff nicht erlaubt“. Mittlerweile wird wieder ein neues „Team“ präsentiert, und auch die anderen Informationen scheinen alle erhalten geblieben zu sein.

ARC ist nichts weiter als eine Fassade zur Vermarktung der u.a. sozialwissenschaftlichen Kenntnisse Koehlers und Zürchers, u.a. für Bundesministerien und die so genannte „Weltbank“. Wer sich zu seiner Berliner Adresse begibt, findet den Namen des Unternehmens auf dem gleichen Klingelschild wie den Zürchers. Auch ohne sich die im militärischen Kontext erstellten Arbeiten inhaltlich anzuschauen, ist offensichtlich, dass hier ein Fall vorliegt, wo ein unkritisches Verständnis von Sinn und Zweck der Sozialwissenschaften globaler Technokratie und Geschäftemacherei in die Hände spielt, denn bei der Unternehmensvorstellung heißt es: „ARC is committed to bridging the gap between academic research and the needs of businessmen and practitioners in the field.“

Akzeptanzforschung in Afghanistan

Zurück zur BMVg-Studie. An der solle überhaupt nichts verschwiegen werden, sagte Jan Koehler damals auf Anfrage. Das Verschwinden der Homepage sah er in „Wartungsarbeiten“ begründet, und dass SFB 700-Sprecher Risse nichts von der Studie wusste, hielt er für durchaus möglich. Er sei schließlich in diesem Fall in seiner „Freizeit“ in Afghanistan gewesen, er habe ja nur eine halbe Stelle am SFB. Auch der zwischenzeitlich in Ottawa (Kanada) lehrende Zürcher teilte per E-Mail mit: „Die Studie hat mit dem SFB 700 weder organisatorisch noch inhaltlich irgendetwas zu tun.“ Sie geht allerdings teilweise in die Publikationstätigkeit dieser am SFB 700 angestellten Wissenschaftler ein.

Doch zunächst zum zeitlichen Ablauf: Im Februar 2007 wurde eine repräsentative Haushaltsbefragung mit Hilfe afghanischer Nichtregierungsorganisationen durchgeführt, in der die Einstellungen der nordostafghanischen Bevölkerung hinsichtlich der militärischen Präsenz und infrastrukturellen Hilfe seitens der Besatzungsmächte ermittelt wurden. Der BMVg-Studie liegen Forschungsaufenthalte in Afghanistan im April, Juli, August und September des selben Jahres zu Grunde, im März wurden bereits Interviews in Deutschland geführt. Die Haushaltsbefragung mündete in das im Oktober veröffentlichte „Working Paper No. 7“ des SFB 700, wurde aber erst, ohne Hinzuziehung weiterer Daten, am 6.2.2008 durch eine Pressekonferenz in den Massenmedien platziert. Gemeinsam mit SFB-Sprecher Thomas Risse wurde damals von Koehler und Zürcher unter großem Medienecho verkündet, die Bundeswehr sei in Afghanistan beliebter, als das in Deutschland bis dahin gemeinhin angenommen worden sei. Die BMVg-Studie trägt das Datum 20.12.2007. In der März-Ausgabe 2008 der Fachzeitschrift „Entwicklung und Zusammenarbeit“ erschien dann ein Artikel von Zürcher, Koehler u.a., der auch Erkenntnisse enthält, die im Rahmen der Studie für das Verteidigungsministerium gewonnen worden waren. Das bezieht sich konkret auf die 52 Interviews mit „internationalen Stakeholdern“ in Afghanistan (in der Originalstudie hieß es übrigens „internationale und afghanische Stakeholder“) und die 10 „Fokusgruppen- Interviews“. Bezeichnenderweise wird in einer Art Post Scriptum zu diesem Artikel mit dem Titel „Breite Daten-Basis“ zwar der Zeitraum von im Rahmen des SFB 700 durchgeführten Haushaltsbefragungen angegeben, aber zu all den späteren Erhebungen, die eben zur breiten Daten-Basis führten, keine Zeiträume genannt. Klaus Wehrberger, stellvertretender Abteilungsleiter bei der DFG und dort für die Sonderforschungsbereiche verantwortlich, sagt auf Anfrage, dass bei Publikationen Transparenz bezüglich der Quellen erwünscht sei, wenn auch außeruniversitäre Forschung eingeht.

Kritische Ergebnisse geheim

Doch von formalen Fragen abgesehen: Neben dem Punkt, dass den Militärs durch die Auftragsstudie eine Menge Erkenntnisse zu der afghanischen Bevölkerung, den Möglichkeiten ihrer Befriedung etc. zugänglich gemacht werden, wäre an der Studie v.a. zu kritisieren, dass die (z.T. durchaus kritischen) Erkenntnisse zur Rolle der Bundeswehr und anderer deutscher Institutionen vor Ort nicht an die Öffentlichkeit kommen.

Auf eine weitere Anfrage per E-Mail, ob er denn nicht für die Veröffentlichung der Studie sei, antwortete Zürcher, das sei er schon. Außerdem sei die Studie „bereits in einigen Ausschüssen des Bundestags vorgestellt“ worden und er selbst habe die Ergebnisse „in zahlreichen Vorträgen und Fachgesprächen im Inund Ausland“ besprochen.

Laut Paul Schäfer, verteidigungspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, wurde die Studie Ende April 2008 im Verteidigungsausschuss „kurz thematisiert“. Generell sei sie zur Informationsgewinnung hilfreich. So werde für ihn u.a. deutlich, „wie eng diese Art der Wiederaufbauhilfe an die militärische Präsenz gekoppelt wird, und wie die Bundeswehr von der Einbindung in die Vergabeprozesse profitiert.“ In wissenschaftlicher Hinsicht fand er die Studie im Dezember 2008 nicht problematisch.
Geheim ist die Studie übrigens nicht. Laut Jan Koehler erhielten einzelne, fachlich interessierte Personen sie auf Anfrage beim BMVg. Dieses teilte dazu nach über dreiwöchiger „Bearbeitungszeit“ für die simple Anfrage kurz mit: „Die Studie wurde auf Anfrage allen Interessierten zur Verfügung gestellt.“ Koehler selbst würde sie am liebsten ins Internet stellen, darf aber nicht. Zumindest das ist bereits erledigt – die Studie ist seit Ende November über das Internet-Portal Indymedia zu haben.

Schlechter forschen, besser leben

Beide, Koehler und Zürcher, offenbarten sich übrigens generell als Überzeugungstäter. Sie wollten der afghanischen Bevölkerung helfen, und zwar nicht ideologisch motiviert, sondern auch auf der Grundlage ihrer eigenen Empirie zu dieser Bevölkerung. Die sei eben mehrheitlich für das Engagement der ausländischen Mächte. Eine anderweitige Anmerkung in der Studie selbst sei nicht verallgemeinerbar, so Koehler. Er sei zwar der Ansicht, dass Staaten normalerweise aus harten Interessen heraus handeln und nicht aus Menschenfreundlichkeit. Dass Deutschland die Bundeswehr in erster Linie zum Wohle der deutschen Wirtschaft nach Afghanistan geschickt habe, hielt er aber für eine lächerliche und ideologische These. Alleine schon, da es kaum etwas zu holen gebe. Die Rolle der Bundeswehr sah er nicht kritisch, weil die nur im Rahmen eines Schutztruppen- Mandats aktiv sei. Die BMVg-Studie betrachtete er übrigens nicht als wissenschaftliches Werk, da sie eine Evaluation sei.

Den hier zur Debatte stehenden Forschungen liegt jedenfalls ein geradezu peinlich unkritisches Selbstverständnis zu Grunde, wie bei mehreren, auch öffentlichen Anlässen festgestellt werden konnte. Am OSI hieß es zwar immer wieder als Reaktion auf Kritik an der Ausrichtung des SFB 700, er sei doch total heterogen und keine Kritik dürfe verallgemeinert werden. Doch diese angebliche Differenziertheit machte sich in entscheidenden Punkten bisher nie bemerkbar.

Tiefpunkt der Textproduktion aus SFB 700-Kreisen ist sicherlich die BMVg-Studie, und zwar, v.a. da sie nicht wirklich veröffentlicht wurde. Dabei ist ihr Inhalt auch für die nicht-fachliche Öffentlichkeit sehr interessant, da sie ein kritisches Licht auf die Tätigkeiten deutscher Institutionen in Afghanistan wirft. An ihr ist erkennbar, was droht, wenn sich Politikwissenschaft der Kritik der Waffen nur oberflächlich oder gar nicht widmet und dabei vordringlich, direkt oder indirekt, der Politikberatung dienen soll und nicht der zivilgesellschaftlich orientierten kritischen Reflexion des Beobachteten. Der vorliegende Fall ist des Weiteren ein Beleg dafür, dass sich von unkritischer, also schlechter Wissenschaft allemal besser leben lässt, als von prinzipiell gesellschaftskritischer. Der SFB 700 war nämlich 2007 mit seinem Antrag auf ein im Rahmen der von der Bundesregierung aufgelegten „Exzellenzinitiative“ finanziertes so genanntes „Exzellenzcluster“ gescheitert, die erhofften Millionen kamen nicht an die FU. Ein Militärministerium wird aber immer genug Geld für Forschungsaufträge haben und kann somit der Querfinanzierung von Forschung dienen. Wie gesehen, konnten Zürcher und, mehr noch, Koehler (nämlich zusätzlich im Ende November 2008 von ihm auf der Homepage des SFB 700 veröffentlichten „Working Paper 17“) bei der Auftragsarbeit erhobene Daten in anderen Veröffentlichungen ausschlachten. Das wird allgemein auch in Zukunft zusätzlich zu der Verdienstmöglichkeit ein Anreiz für derlei Kooperationen sein. Die Bundeswehr ist zur Legitimation und Erfüllung ihrer im Vergleich zu früher veränderten Aufgaben sowieso bemüht, in verschiedenste soziale Bereiche auszustrahlen und dauerhafte Verbindungen zu knüpfen.


online seit 19.10.2009 10:59:47 (Printausgabe 47)
autorIn und feedback : Ralf Hutter


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1912Schwerpunkt "Gesichertes Wissen" in MALMOE Nr. 47



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