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  Mao im Elchtest, Folge 1

Was blieb von den Sprüchen aus der "roten Bibel"? Heute: Selbstkritik

„Die Widersprüche innerhalb der Kommunistischen Partei werden mit der Methode der Kritik und Selbstkritik gelöst.“ (Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung, Peking 1967, S. 61)

In China wurde die stalinistische Tradition, innerparteiliche Konflikte mit öffentlicher Selbstkritik der Unterlegenen (häufig mit deren anschließender Liquidierung) zu beenden, in der Kulturrevolution ab 1966 zum Bestandteil einer breit angelegten Kampagne. Der Parteivorsitzende Mao ermunterte die Jugend, revolutionäre Garden zu bilden, und gegen die Herrschaft der Partei-BürokratInnen vorzugehen, und so Erstarrungstendenzen und Wiedererrichtung autoritärer Verhältnisse (und nebenbei nicht zuletzt Maos innerparteiliche Gegnerschaft) zu bekämpfen. Im Zuge dieser Kampagnen wurden Schulautoritäten, lokale Parteikader und GroßbäuerInnen gezwungen, im Rahmen öffentlicher Schandprozeduren „Selbstkritik“ zu üben, und reaktionäre Abweichungen einzugestehen. Die Praxis der Selbstkritik wurde in bescheideneren Dimensionen auch von maoistischen Gruppen in Westeuropa aufgenommen.

Der Sozialhistoriker Berthold Unfried zieht in seinem Buch „Ich bekenne“ Vergleiche zwischen kommunistischen Selbstkritik-Prozeduren und katholischer Beichte sowie aktuellen Talkshow-Formaten. Während die Beichte vor dem Pfarrer eine hierarchische Form hat, eine Offenlegung gegenüber einer Autorität, ist die Selbstkritik eine Selbstthematisierung einer Elite, eine gegenseitige Überwachung unter Gleichen (Parteimitgliedern). Beides sind subjektkonstituierende Praktiken, die über eine bestimmte Form bestimmte Sprechweisen und ein Verhältnis zu sich hervorbringen. Sie sind Einrichtungen gesellschaftlicher Konfliktbewältigung, der Korrektur von Fehlern und Wiedereingliederung von Devianten. Gleichzeitig fehlt in der Selbstkritik das Moment der Schuldtilgung, das die Beichte aufweist. Das zieht nach sich, dass Sündenbekenntnisse im Kollektiv tendenziell in gegenseitigem Terror münden.

Heute bieten Gruppentherapien und Talkshows Foren öffentlicher Selbstkritik. Im Gegensatz zu kommunistischer Selbstkritik und katholischer Beichte fehlen der Talkshow eine gesellschaftsumspannende hierarchische Organisation (Kirche oder Partei) und ein klares verbindliches Normensystem, das die öffentliche Selbstkritik einbettet. Die gesellschaftliche Aushandlung von Normalität ist hier ein offener Prozess, der auch Aspekte der Mediation aufweist, aber von Schauwerten überlagert wird.

Wo heute Normen in beständiger gesellschaftlicher Neuaushandlung begriffen sind, v.a. im Privaten, kann sich Selbstkritik kaum mehr an einem klaren Kanon oder einer externen Autoritätsperson orientieren. Wo noch normative Ansprüche etwa an ein offizielles Amt oder eine öffentliche Rolle (z.B. Pop, Politik, Management) vorhanden sind, da hat sie einen Platz als Sanktionsersatz. So ist öffentliches Bereuen von Fehlleistungen eine Form für Prominente, um ihre Karriere zu retten.

Für alle anderen Lebensbereiche gilt: Jetzt, wo lebenslanges Lernen und permanente Selbstverbesserung zur Anforderung für alle erklärt werden, ist auch Selbstkritik zum Dauerimperativ für alle geworden – aber vor sich selbst und nach dem Kriterium der beständig sich wandelnden Aufgaben, die der Markt stellt.

Mao Faktor: **


online seit 08.08.2008 10:52:36 (Printausgabe 42)
autorIn und feedback : Red.


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/regieren/1681"Mao 2.0" Schwerpunkt in MALMOE



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