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Von Amts wegen Scheitern

Der scheidende Kanzler und die Karriereberatung

Gut möglich, dass Alfred Gusenbauer Ende Juni ein wenig durch die Karriere-Beilagen der Tageszeitungen geblättert hat. Im „Kurier“ wäre er auf einen ungewöhnlichen Aufmacher gestoßen, der ihn wohl interessiert hätte: Das Scheitern. Anlass war das Erscheinen des Buches „Die Kraft des Scheiterns“ von Gerhard Scheucher und Christine Steindorfer: Ein Pamphlet für größere gesellschaftliche Akzeptanz von beruflichem Misserfolg. Die AutorInnen behaupten, Scheitern sei in Europa tabuisiert, während in den USA eine „Kultur der zweiten Chance“ bestehe, und Misserfolge fast zum guten Ton gehörten. Weil aber auch hierzulande die Arbeitswelt immer schnelllebiger und die Karriereverläufe immer brüchiger würden, könne Scheitern nicht länger als Ausnahme betrachtet werden. Deshalb sei ein gesellschaftlicher Wandel vonnöten, Scheitern müsse zugelassen und die Gescheiterten nicht verachtet werden.

Was ist da los? Die Verherrlichung des Scheiterns war bislang der Kunstboheme vorbehalten, die es als Gegenmodell zur spießigen Erfolgsgesellschaft hochhielt. Wie kommt es, dass das Scheitern nun einen Platz in der Karriereberatung gefunden hat?

Das Versprechen sozialen Aufstiegs durch Bildung und Leistung, das der sozialdemokratischen Reformpolitik der 70er Jahre zugrunde lag, ist brüchig geworden, in der Arbeitswelt werden Kontinuität und gute Bezahlung zum Minderheitenprogramm. Für eine wachsende Zahl wird Prekarisierung zur bestimmenden Realität. Wer hier noch an die alten Versprechen glaubt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Bekanntschaft mit dem Scheitern machen.

Wenn in den letzten Jahren Scheitern zum Thema in Lebensberatungsbüchern wird (denn das oben genannte Werk von Scheucher/Steindorf ist nur das letzte einer ganzen Phalanx von Veröffentlichungen zum Thema, mit Titeln wie „Schöner scheitern“, „Lässig scheitern“, „Kunst des Scheiterns“ etc.), dann geht es aber anders als in der Kunst nicht um die Attraktivierung einer Gegenwelt der Leistungsverweigerung. Wenn die Arbeitswelt nichts mehr zu versprechen hat außer Schinderei, könnte ja daraus der Schluss gezogen werden, es lohne sich gar nicht mehr, sich anzustrengen. Doch diese Literatur instrumentalisiert im Gegensatz dazu die Rede vom Scheitern und deutet sie um, um erst recht Akzeptanz für die Verhältnisse zu sichern. Statt sich enttäuscht von der Leistungsgesellschaft abzuwenden, soll trotz wiederholtem Scheitern immer wieder weitergemacht werden, weitergelernt, weiterbemüht, weitergedient. Misserfolge seien schon vorher einzukalkulieren und sollen nicht als Enttäuschungen erlebt werden. So können sie auch nicht zum Hemmschuh dauerhafter Leistungsbereitschaft werden. Das liegt auf einer Linie mit seit Jahren getrommelten Forderungen nach einer „Unternehmer- bzw. Gründerkultur“, also einem unternehmerfreundlichen Umfeld, in dem die gesellschaftliche Akzeptanz von BankrotteurInnen eben auch dazugehört.

Was hätte Gusenbauer aus der Lektüre dieser Literatur lernen können? Das hämisch herbeigeschriebene Scheitern des Bundeskanzlers scheint das in der Pro-Scheitern-Literatur gepflegte Urteil zu bestätigen, hierzulande herrsche eine Kultur, in der Gescheiterte stigmatisiert werden. Im Fall der gescheiterten SP-Kanzlerschaft findet auch der Ratschlag Anwendung, trotz Misserfolg nicht aufzugeben. Vielleicht nicht unbedingt bei der Person Gusenbauer selbst, deren berufliche Zukunft zu Redaktionsschluss ungewiss war, aber auf jeden Fall bei der SPÖ, deren weiteres Antreten bei Wahlen außer Diskussion steht. Dieser Fall zeigt auch etwas anderes deutlich: Das Scheitern zu akzeptieren, muss man sich leisten können. Das kann eine Großpartei eher als ein Individuum am Arbeitsmarkt. Das Scheitern einer Partei hat hingegen drastische Folgen für die Verwirklichung der Hoffnungen und Ansprüche ihrer WählerInnenschaft. Die sozialen Konsequenzen des individuellen Scheiterns am Arbeitsmarkt sind demgegenüber weitaus schwächer, dafür sind die individuellen Konsequenzen mitunter existenzbedrohend.

Einer Arbeitswelt, die berufliches Scheitern vorprogrammiert und die Konsequenzen daraus individualisiert, bietet eine Philosophie des glücklichen Scheiterns das Akzeptanz schaffende Placebo. Das trägt wiederum zur Zementierung von Werthaltungen bei, die jeden Anflug politischen Gegenwinds zum Scheitern verurteilen, selbst wenn er so lau daherkommt wie die SPÖ.


online seit 08.07.2008 14:37:37
autorIn und feedback : Tommi Settergren




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