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„Wir nennen es Wachsen“ Die gesellschaftliche Elite stählt ihren Nachwuchs fürs Heranwachsen im Neoliberalismus mit Techniken aus der Reformpädagogik und aus kommunistischen Waisenhäusern Der PISA-Schock hat in Österreich und Deutschland den Kulturkampf um Gesamtschulen und Vorschulerziehung neu aufflackern lassen. Linke BildungsreformerInnen hatten das Thema längst als Niederlage abgehakt, als die Gesamtschule plötzlich mit neuem Schwung auf die Bühne trat - diesmal allerdings getrieben von einer neoliberalen Agenda, die eine Qualität, Diversität und Breite des Arbeitskräftepools einfordert, die vom traditionellen System nicht mehr geliefert werden kann. Weniger beachtet als die schulpolitische Debatte, setzt der Aufschwung von alternativen Erziehungstechniken mit Andockpotenzial an neoliberale Tugenden allerdings schon in der Krabbelstube ein. Ideale aus postfordistischen, immateriellen Arbeitswelten wie Selbstbestimmung, Selbstdisziplin, Individualismus werden state of the art schon in der Kleinkinder-Aufzucht. Sie drängen die strikten Checklisten (nach wie vor abgedruckt zum Beispiel im staatlichen Mutter-Kind-Pass) zurück, mit denen Entwicklungsfortschritte normiert und ihr Ausbleiben zur rechten Zeit pathologisiert wurden („Was, Ihr Kind kann noch nicht krabbeln?!“). Ganz oben auf der Hitliste von Eltern, die Geld, Zeit und/oder kulturelles Kapital in ihre Kinder investieren können und wollen, stehen derzeit zwei Methoden, die schon vor Jahrzehnten in kommunistischen Waisenhäusern und Kinderspitälern entwickelt wurden: Das Prager Eltern-Kind-Programm (PEKiP) und das Bewegungsentwicklungs-Programm der österreichisch-ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler. PEKiP beruht auf Arbeiten des Prager Psychologen Jaroslav Koch, die seit den 1970ern vor allem in Deutschland under diesem griffigen Titel popularisiert und vermarktet werden. Pikler gründete 1946, nach dem Untergang des Horthy-Faschismus, ein Säuglingsheim in Budapest, wo sie ihre Prinzipien entwickelte und anwendete. Die beiden Methoden, die sich hauptsächlich auf die motorische und kognitive Entwicklung von Neugeborenen und Babies im ersten Lebensjahr konzentrieren, sind durchaus unterschiedlich. Pikler propagiert unter dem Motto „Lasst mir Zeit“ ein Vertrauen in die autodidaktischen Fähigkeiten des Säuglings, das Uneingeweihten wie Vernachlässigung erscheinen könnte, und verbietet fast jeden unterstützenden Eingriff durch Eltern oder ErzieherInnen. PEKiP dagegen umfasst auch Spiele und Anregungen, die Aktionen der Kinder aufgreifen und weiterführen. Dennoch basieren letztlich beide auf der Annahme, dass Babies über einen inneren Entdeckungs- und Bewegungsdrang verfügen, der sie letztlich besser und nachhaltiger lehrt zu sitzen/krabbeln/gehen etc. als dies Eltern oder ErzieherInnen durch Hilfsmittel und Hilfestellungen ihnen je beibringen könnten. Beide wenden sich auch dagegen, Eltern und Babies unter den kinderzimmertayloristischen Druck zu setzen, bestimmte Fähigkeiten zu fixen und immer gleichen Terminen vorweisen können zu müssen. Sie unterscheiden sich darin drastisch von Gerätschaften und Gymnastikübungen, mit denen Babykörper noch in den 1980ern malträtiert wurden, um den Zeitplan der fälligen Entwicklungsschritte durchzupeitschen. Beide werden deshalb häufig verglichen mit der Klassikerin der Reformpädagogik des frühen 20. Jahrhundert, die spätestens mit Kita oder Kindergarten für Eltern unausweichlich wird: Maria Montessori. Hatten Montessori-Einrichtungen in den 1970ern und 1980ern noch eine leicht freakige Aura (keine Schulnoten! Kein Stundenplan!), so dürfte es heute mindestens im vorschulischen Bereich schwer sein eine Einrichtung zu finden, die sich nicht in irgendeiner Weise auf die Prinzipien der italienischen Pädagogin bezieht. (Umso interessanter ist das schmutzige kleine Geheimnis der Montessori-Bewegung, über das bis heute kaum jemand bescheid weiss: die Begeisterung der Mussolini-Faschisten für ihre neue Methode und die Kaltblütigkeit, mit der Montessori sich auf dieses Spiel einliess.) Unter ihrem Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“ basiert Montessoris Erziehungsmethode ebenfalls darauf, die kindliche Neugier und Aktivität als Produktivkraft und insbesondere auch als Quelle der Disziplin zu entdecken. Nach Montessori lernen Kinder nicht einfach nur Mathe, Lesen und Handarbeiten wie und wann sie wollen. Sie sollen insbesondere auch - natürlich aus eigenem Antrieb - Sekundärtugenden wie Ordnung und Sauberkeit lernen. Dass dieser Akzent auf Eigenverantwortung besser in die Ära der immateriellen Arbeit passt, liegt auf der Hand. online seit 23.06.2008 10:38:25 autorIn und feedback : Ribo Kader |
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