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Es gibt keinen diskursiven Raum ... ...für SexarbeiterInnenrechte Ein Gespräch mit Faika Anna El-Nagashi von der Organisation LEFÖ über die mediale Stigmatisierung des Bereiches Sexarbeit durch den Begriff „Zwangsprostitution“ und die Konsequenzen für ihre Arbeit im Jahr der Alpen-EM. Welche Auswirkungen durch die Fußball-EM erwartet ihr für den Bereich Sexarbeit? Seit Februar 2007 arbeiten wir an einer Kampagne für das Fußball-EM Jahr 2008. Anfangs war das mit einiger Unsicherheit verbunden auf Grund der Erfahrungen mit Kampagnen zur Fußball-WM 2006 in Deutschland. Seit damals waren wir auch in Österreich mit einer Reihe von Medienanfragen beschäftigt und mussten uns hauptsächlich um eine Art „Schadensbegrenzung“ bemühen, also immer und immer wieder versuchen, eine differenzierte Position zu Sexarbeit zu vermitteln. Der für uns sehr problematische Begriff der „Zwangsprostitution“ ist im medialen und öffentlichen Diskurs leider zentral geworden. Dieser Begriff erfüllt gleichzeitig verschiedene Funktionen: Er stigmatisiert den Bereich der Sexarbeit und versperrt die Sicht auf Sexarbeit als legitimen Arbeitsbereich, indem er nur den Bereich von Zwang und Gewalt fokussiert, der in jedem Erwerbsarbeitskontext existieren kann. Die Verschiebung im Diskurs, die dadurch entsteht, führt dazu, dass Rechte für SexarbeiterInnen nicht im Zentrum der Diskussion stehen. Rechte und eine Ermächtigung bedeuten für uns auch, gegen Zwang oder Gewalt – von welcher Seite auch immer – vorgehen zu können. Uns geht es in LEFÖ darum, auch die strukturellen Bedingungen zu betrachten, wobei wir Sexarbeit als Bereich der Erwerbsarbeit verstehen. Je prekärer sich die Rahmenbedingungen gestalten, umso schwieriger ist es, zu einer abgesicherten Verhandlungsposition zu gelangen, um bessere, sichere Arbeitsbedingungen einfordern zu können. Oder Gewalt, Zwang, Ausbeutung ansprechen, anzeigen und bekämpfen zu können - mit derselben Rechtmäßigkeit, wie es auch in anderen Bereich möglich wäre, ohne sich als SexarbeiterIn ein „selber Schuld!“ zuzuziehen und ohne dass dadurch Sexarbeit als per se gewalttätig diffamiert wird. Gewalt ist weder Normalität, noch Teil der Arbeitsplatzbeschreibung. In keinem Beruf. Du hast die Erfahrungen mit der WM in Deutschland und die verschiedenen Kampagnen in diesem Zusammenhang angesprochen. Welche Konsequenzen habt ihr daraus für eure Kampagne in Österreich gezogen? Verschiedene Studien kommen bei der Evaluation der Kampagnen, die in Deutschland 2006 stattgefunden haben, zu einem sehr ähnlichen Ergebnis: Die Art und Weise, wie viele Kampagnen durchgeführt wurden, haben den Bereich Sexarbeit stark stigmatisiert und SexarbeiterInnen geschadet. Sie haben zum Teil respektlose Bilder zu Sexarbeit produziert. Sie haben mit Zahlen operiert, die völlig unrealistisch waren und die Bereiche Frauenhandel und Sexarbeit miteinander vermischt haben („40.000 Zwangsprostituierte“). Es gab verstärkt Polizeikontrollen gegen Sexarbeiterinnen, im Besonderen gegen Migrantinnen, die dann – wenn sie im Opferdiskurs nicht partizipieren konnten oder wollten – sehr schnell zu „Täterinnen“ gemacht wurden, z.B. zu so genannten „illegalen Migratinnen“. Wir sehen diese Kampagnen auch in Zusammenhang mit der Legalisierung von Sexarbeit in Deutschland seit 2002 als backlash-Bewegung, die versucht die erreichte Anerkennung und Legalisierung nach Möglichkeit und auch durch eine sensationalistische massenmediale Öffentlichkeit zu destabilisieren. Wie ist es dazu gekommen, dass ihr euch für eine Kampagne während der Fußball-EM in Österreich entschieden habt? Die Studien zeigen ja nicht, dass es keinen Handlungsbedarf gibt! Was die Studien aufgezeigt haben, war: so nicht! Es wäre ein großer Fehler, in scheinbar legitimiertes Nichtstun zu verfallen. Sexarbeit ist in Österreich nach der Rechtssprechung immer noch sittenwidrig. Mit der Fremdenrechtsnovelle von 2005 hat sich die Situation von migrantischen SexarbeiterInnen dramatisch verschlechtert. SexarbeiterInnen erfahren nach wie vor sexistische und rassistische Gewalt, werden illegalisiert und kriminalisiert. Das ist Thema in unseren Kampagnen. Aber die Frage, die wir uns stellen müssen, ist „Was ist die Absicht hinter einer Kampagne?“ Und die Absicht hinter den meisten deutschen Kampagnen war nicht die Stärkung von SexarbeiterInnen. Das Thema war eine Skandalisierung und die Herstellung eines öffentlichen Diskurses, der in scheinbarer Sorge um Opferobjekte bereitwillig die moralistische Abwertung von Sexarbeit übernimmt. Wir haben bereits im Frühjahr 2007 die erste bundesweite Kampagne in Österreich für die Rechte von SexarbeiterInnen organisiert. Heuer werden wir sie begleitend zur EURO 2008 um einen Monat „verlängern“, um die Erwartungen an das Thema für einen Menschenrechtsdiskurs nutzen zu können und ihnen innerhalb eines klaren inhaltlichen Rahmens entgegenzutreten. Gleichzeitig wissen wir, dass es bestimmte reale Veränderungen für SexarbeiterInnen zur Zeit der EM geben wird, bezüglich Arbeitsplatz und Arbeitsmöglichkeiten, Sperrgebietsverordnungen oder Polizeikontrollen, Mietpreiserhöhungen für Zimmer oder Wohnungen oder eine verstärkte negative öffentliche Resonanz. Das sind auch die Bereiche, in denen wir mit der Kampagne aktiv sein werden. Einerseits durch allgemeine Veranstaltungen zur politischen und persönlichen Auseinandersetzung mit Sexarbeit und andererseits durch Informations-, Unterstützungs- und Vernetzungsangebote für Sexarbeiterinnen. Eckdaten der Kampagne: „SexarbeiterInnen haben Lust… auf ihre Rechte!“ bundesweite Kampagne für die Rechte von SexarbeiterInnen 2008 8. März 2008 | Internationaler Frauentag bis 2. Juni 2008 | Internationaler Hurentag (verlängert bis 29. Juni 2008) Literaturtipps: „Die Erklärung der Rechte von SexarbeiterInnen in Europa“ wurde 2005 auf der Europäischen Konferenz zu Sexarbeit, Menschenrechte, Arbeit und Migration verabschiedet und findet sich unter: www.sexworkeurope.org Doezema, Jo (1998): Forced to Choose, Beyond the Voluntary v. Forced Prostitution Dichotomy. In: Kempadoo, Kamala; Doezema, Jo (ed.): Global Sex Workers - Rights, Resistance and Redefinition. New York and London (Routledge). Schuster, Martina; Sülze, Almut (2006): Zwangsprostitution, Sexarbeit, Menschenhandel und die WM 2006 – Gutachten zu Kampagnen zu Prostitution und Menschenhandel in Deutschland im Umfeld der Fuballweltmeisterschaft der Männer 2006. Wien. online seit 27.03.2008 12:57:24 (Printausgabe 40) autorIn und feedback : MS Links zum Artikel:
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