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Reproduktion? Deproduktion!

Sarah Diehl, Herausgeberin der Anthologie „Deproduktion. Schwangerschaftsabbruch im internationalen Kontext“, im MALMOE-Interview

In „Deproduktion“ werden historische Entwicklungen und gegenwärtige Politiken in verschiedenen Ländern sowie persönliche Erfahrungsberichte und mediale Verhandlungen zum Thema Abtreibung zusammen geführt. Kannst du etwas zum Entstehungsprozess der Anthologie erzählen?

Bei meiner Arbeit an der Anthologie „Brüste Kriegen“, die Kurzgeschichten und Interviews rund um die Frage „Wie werden Kinder zu Frauen?“ beinhaltet, wurde mir klar, dass man anhand des Themas Abtreibung viele Probleme in der Reproduktionsarbeit aufzeigen kann. Mir fiel aber auch auf, dass das Thema komplett unterrepräsentiert ist und es vor allem keine deutschsprachigen Publikationen gibt, die sich dem Thema in einem internationalen Kontext annehmen.

Obwohl etwa ein Drittel aller Frauen weltweit in ihrem Leben wenigstens eine Abtreibung hat, ist deren Erfahrung immer noch kein Thema, das gesellschaftlich Raum einnimmt. In der Literatur, in Spielfilmen und in der Kunst gibt es nur sehr rare Beispiele für eine Auseinandersetzung mit der Thematik. Frauen haben oft nur die Möglichkeit ihre Erfahrungen mit Abtreibung im Zerrspiegel der moralischen, religiösen und politischen Kämpfe zu erleben.

Die Debatten um Abtreibung sind ja von einem hohen Maß an Bigotterie geprägt: Frauen wird die Verantwortlichkeit für ihre Gebärfähigkeit und ihre Kinder aufbürdet, Mittel zur Familienplanung werden ihnen aber untersagt. Eine Studie der WHO besagt, dass weltweit alle sieben Minuten eine Frau an einem medizinisch nicht fachgerecht durchgeführten Abbruch stirbt, da die gesetzlichen Bestimmung ihres Landes diesen verbieten. Damit sind unsichere Schwangerschaftsabbrüche der Hauptgrund für die Sterblichkeit von schwangeren Frauen. Zugleich ist Abtreibung in vielen Ländern ein lukratives Geschäft geworden, weshalb ÄrztInnen oft gar kein Interesse an deren Legalisierung haben, da illegale Abbrüche wegen der Erpressbarkeit der Frauen ein gutes Nebeneinkommen gewährleisten.

Es kann auch nicht darum gehen, Abtreibung unter allen Umständen als befreiend für die Frau darzustellen, denn oft werden Schwangerschaftsabbrüche auch notwendig, damit andere Probleme wie z.B. ökonomische Abhängigkeit, Armut, Prekarität, soziale Stigmatisierung und die Diskriminierung von Behinderung nicht verhandelt werden müssen.

In der Anthologie merkst du kritisch den „generation gap“ beim Thema Schwangerschaftsabbruch an, etwa dass sich die jüngere Generation von Feministinnen mehr für z.B. Queer Theory interessiere als für die reproduktiven Rechte von Frauen ...

Ich vermute Berührungsängste gegenüber einem Thema, das so sehr an den körperlich-biologischen Vorgängen zu kleben scheint. Wenn Schwangerschaft für unsere Gesellschaft als ultimativer Beweis biologischer Weiblichkeit fungiert, fasst man Themen, die so sehr nach determinierter Körperlichkeit riechen, nur mit Fingerspitzen an – obwohl der Schwangerschaftsabbruch diese Konstrukte gerade unterläuft.

Ein anderer Grund mag sein, dass die Zweite Frauenbewegung der 1970er Jahre, die gemeinhin mit dem Kampf gegen den §218 assoziiert wird, auch mit essenzialistischen Konzeptionen von neuer Mütterlichkeit und der Idealisierung biologischer Weiblichkeit in Verbindung gebracht wird. Zudem wird Queering normalerweise mit der Überschreitung der Geschlechtergrenzen verbunden – und nicht mit einer heimlichen Verweigerung innerhalb einer Geschlechterrolle. Das Thema Abtreibung ist aus dem Sumpf der Vorurteile gegenüber der alten Frauenbewegung bislang nicht ans Licht der zeitgenössischen Gender Studies geholt worden.

In der Einleitung zur Anthologie schlägst du auch vor, das Thema Abtreibung verstärkt mit der Dekonstruktion herrschender Geschlechterrollen zusammen zu denken. Wie kann eine antiessenzialistische Perspektive auf reproduktive Politiken aussehen?

Die Institution der Heterosexualität bezieht ihre natürliche Legitimation vor allem aus der zweigeschlechtlichen Reproduktion. Diese zu unterlaufen, die gesellschaftliche Konstruktion von Mütterlichkeit und Väterlichkeit zu hinterfragen und sich dem „natürlichen“ Schicksal und der heterosexistischen Arbeitsteilung durch einen Schwangerschaftsabbruch zu verweigern, sind für die Dekonstruktion der Kategorie Gender sehr hilfreiche Tools.

Ein biologistisches Konstrukt wie der „Mutterinstinkt“ kann angesichts der Abbruchzahlen nicht aufrechterhalten werden. Die Einforderung einer geschlechtergerechten Arbeitsteilung in der Pflege und Erziehungsarbeit kann durch die selbstverständliche und nicht moralisch verklärte Einforderung des Abbruchs unterstützt werden, da sie Frau emotional weniger erpressbar macht.



Sarah Diehl (Hg.in): „Deproduktion. Schwangerschaftsabbruch im internationalen Kontext“, Alibri 2007





online seit 11.03.2008 18:08:38
autorIn und feedback : Interview: Vina Yun




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