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Elegant Slumming Die Entdeckung des Elends in den westlichen Metropolen des 19. Jahrhunderts In den 1890ern, schreibt der Historiker Seth Koven, waren in den Stadtführern von London, der größten Stadt der Welt im 19. Jahrhundert, nicht nur Denkmäler, Kirchen, Theater und Geschäfte, sondern auch Routen zu "philanthropischen Einrichtungen" in den Slum-Districts von Whitechapel und Shoreditch aufgelistet. Mit der Industrialisierung stieg die Bevölkerungszahl in der britischen Hauptstadt enorm an – noch bis 1900 war London mit rund 6,5 Millionen EinwohnerInnen die größte Stadt der Erde. Und im innersten Zentrum des mächtigen British Empire wurden die Elendsviertel, die durch literarische Werke wie Charles Dickens’ "Oliver Twist" Berühmtheit erlangten, zur touristischen Attraktion. "Slumming" nannte sich jenes Phänomen im viktorianischen England, das um 1880 seinen Höhepunkt erreichte: Männer und Frauen der Upper- und Middle-Class fuhren in die Slums, um die Armen zu studieren – im Namen der Wissenschaft, der Wohlfahrt, der Bürgerpflicht und der christlichen Nächstenliebe. Die Neugier an den "dunklen", verborgenen Zonen ging auch einher mit dem Wunsch nach Kontrollierbarkeit: zum einen gefährdeten die großen Cholera-Epidemien in London und anderen Städten im 19. Jahrhundert die "Volksgesundheit", zum anderen herrschte Angst vor sozialen Unruhen. "Go dirty": Der Slum als Freiraum Seth Koven beschreibt "slumming" als "Technik des Sammelns und Organisierens sozialen Wissens". Gebildete Frauen der Elite etwa nutzten dieses Wissen, um neue Berufe im wachsenden Sektor der öffentlichen und privaten Fürsorge zu etablieren und als Expertinnen Autorität auszuüben. Zu dieser Zeit entstanden auch zahlreiche soziale, oft christlich geprägte Einrichtungen und Bewegungen wie z.B. die Heilsarmee. So sehr sich das "Soziale" auf traditionelle weibliche Aufgaben bezog, war die neue "cross class sisterhood" für die weibliche Bourgeoisie eine Möglichkeit, den Erwartungen bezüglich ihrer Gender- und Klassenrolle zu entfliehen und, als Missionarinnen, die die bürgerlichen Werte zu den ArbeiterInnen und Armen brachten, Abenteuer, Unabhängigkeit und Bewegungsfreiheit zu erfahren. Indem sie für die Armen sprachen, gaben sie sich selbst eine Stimme. Sich der weiblichen Armut zu widmen bedeutete für viele Elite-Frauen aber auch, auf legitime Weise Nähe zu anderen Frauen herzustellen, mit ihnen zusammen zu arbeiten und zu wohnen, und damit Männer auszuschließen zu dürfen.Für die "philanthropischen Männer und Frauen", die sich von den Konventionen bürgerlicher Respektabilität befreien wollten, waren Slums also auch ein Ort persönlicher Befreiung und des Experiments. Die Faszination am „Schmutzigen“ hatte aber auch eine starke sexuelle Komponente: Dreck als Signifikant von Armut war ebenso Marker der sexuell "Primitiven" – personifiziert durch die Prostituierte. Slums wurden als Schauplätze schauriger Gewaltverbrechen und sexueller Verkommenheit und Devianz exotisiert, als "HelferInnen" jedoch konnten die gut situierten BürgerInnen ihrer Neugier und (sexuellen) Anziehung unverdächtig nachgehen. Jagd nach der Wirklichkeit Ähnlich den kolonialen "Entdeckungen" brachte das Interesse am Elend zahlreiche künstlerische wie wissenschaftliche Arbeiten hervor. Statistiken und empirische soziologische Studien beflügelten die moderne Stadtforschung, es kursierten Romane (v.a. Fortsetzungsromane erfreuten sich großer Beliebtheit) und Bilder und vermehrt kam das junge Medium der Fotografie zum Einsatz, das die Armut auf neue drastische Weise darstellte und die "soziale Dokumentation" in Form von Lichtbildvorträgen einführte, später kam noch der Film hinzu. "Slumming" wurde auch von einem neuen Stil der journalistischen Sensationsreportage begleitet – inkognito mischte man sich unter die Armen, um in der illustrierten Presse "hautnah" von den tragischen Lebensbedingungen der Unterklasse zu berichten. Doch nicht nur London wurde "entdeckt". In Paris machten sich die Schriftsteller wie Eugène Sue ("Les Mystères de Paris") und später Emile Zola auf die "Jagd nach der Wirklichkeit". In New York zeigte der dänische Polizeireporter Jacob A. Riis in Diashows "ungeschminkte" Bilder aus den Slums. Eminent politisch motiviert war die mehr als 20 Jahre umfassende Dokumentation des Berliner Wohnungselends, die vom Gewerkschafter Albert Kohn erstellt wurde. Nicht weniger brisant waren die "Kriegs- und Revolutionsillustrationen" des österreichischen Marxisten Bruno Frei. Er wollte mit seinen fotografischen Zeugnissen des Wiener Wohnungselends um 1918 die "nichtsahnenden Bürger" aufrütteln. Im Zentrum der sehenswerten aktuellen Ausstellung "Ganz unten. Die Entdeckung des Elends" im Wien Museum am Karlsplatz steht die berühmte Reportage des Journalisten Emil Kläger, der 1904 gemeinsam mit dem Amateurfotografen Hermann Drawe die „Wiener Quartiere des Elends und des Verbrechens“ erkundete. Die beiden waren in "Elendskleidung" unterwegs gewesen und gaben vor, am Leben der untersten Bevölkerungsschicht teilgenommen zu haben. Ihre grellen, spektakulären Bilder von hockenden oder schlafenden Männer im Kanalsystem präsentierten Kläger und Drawe in Lichtbildvorträgen an der Wiener Urania, die vom Publikum gestürmt wurden. An diesem Beispiel entspann sich in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Streit darüber, wie und aus welchen Gründen Armut dargestellt werden könne oder dürfe. So warf die Arbeiter-Zeitung Kläger und Drawe vor, ein Medienspektakel inszeniert und statt des offensichtlichen Elends der Arbeiterschaft bloß hoffnungslose und anrüchige "Jammerexistenzen" vorgeführt zu haben. Literatur Seth Koven, "Slumming: Sexual and Social Politics in Victorian London", Princeton University Press 2006 Ausstellung "Ganz Unten. Die Entdeckung des Elends – Wien, Berlin, London, Paris, New York", Wien Museum Karlsplatz, noch zu sehen bis 28.10., www.wienmuseum.at Zur Ausstellung ist im Verlag Christian Brandstätter ein Katalog mit Beiträgen von u.a. Vanessa R. Schwartz, Seth Koven, Rolf Lindner, Jens Ruchatz, Sophie Slade und Alex Werner erschienen. online seit 18.10.2007 11:36:03 (Printausgabe 39) autorIn und feedback : Vina Yun |
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