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Trademark Barcelona Die Konstruktion einer Metropole Die Stadt Barcelona hat in den letzten Jahren grundlegende Veränderungen auf ökono - mischer und territorialer Ebene durchlebt. Ein Blick auf die Hintergründe dieser Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf den Alltag der EinwohnerInnen Barcelona war das gesamte 20. Jahrhundert hindurch der industrielle Motor Kataloniens sowie des gesamten spanischen Staates. Wirtschaft und Handel der Stadt waren zunächst von der Textilbranche, dann von der Metallindustrie geprägt und entwickelten sich rund um Fabriken und Werkstätten. Diese Industrie brachte einerseits eine sehr starke ArbeiterInnenklasse hervor, die in wichtigen revolutionären Momenten mitwirkte, andererseits eine Bourgeoisie, die ihr Kapital rasch zu vermehren wusste. Auf territorialer Ebene hat sich Barcelona zu Beginn des letzten Jahrhunderts zahlreiche Gemeinden einverleibt, die jetzt die Stadtviertel bilden, von denen aktuelle soziale Kämpfe ihren Ausgang nehmen. In den 70er Jahren zeigte Barcelona wie viele Städte mit industrieller Tradition Anzeichen einer strukturellen, produktiven und urbanen Krise. Diese deutete auf den Niedergang des fordistischen Modells der Massenproduktion und das Ende stabiler Arbeitsverhältnisse hin und ging mit zur selben Zeit stattfindenden radikalen ArbeiterInnenstreiks einher. Die Antwort der Eliten bestand darin, diese Krise in ihrem eigenen Sinne, also im Interesse des Marktes, zu lösen. Das hieß, eine Industriestadt in eine Dienstleistungsstadt zu verwandeln, deren Ökonomie zunehmend von unsicheren Arbeitsverhältnissen, neuen Technologien und sozialer Prekarität geprägt wurde. Die Olympischen Spiele von 1992 boten Gelegenheit, das neue, postindustrielle Barcelona zu kreieren. Die alte Industrie wurde in die Vororte verbannt und damit einhergehend die Infrastruktur eines Verkehrsnetzes geschaffen, das den aus 36 Gemeinden bestehenden Großraum Barcelona verbindet. Obwohl die direkt mit den Olympischen Spielen in Zusammenhang stehenden Investitionen auf dem Sektor der Telekommunikation lanciert wurden, erlebte neben dem Tourismus der private Bausektor durch das Errichten von Messegeländen, Schnellstraßen und neuen Stadtvierteln den größten Aufschwung. Barcelona stand nun, ausgehend vom Motto „Stadt des Wissens, der Kreativität und der Kultur“ kurz davor, den Sprung zur Metropole zu schaffen. Die Konsequenzen für die Bevölkerung ließen nicht auf sich warten. Ab den 90ern erhöhten sich die Mietpreise jedes Jahr um ein Vierfaches der Löhne. Die Bevölkerung ist heute gezwungen, 60% ihres Einkommens für Mietausgaben aufzuwenden. Es gibt weder eine soziale Wohnpolitik, noch Wohnbauunterstützung oder -förderung, und der Großteil der Bevölkerung (80%) sucht den Ausweg in Hypotheken mit dreißigjähriger Laufzeit, um sich einen Wohnraum zum Marktpreis kaufen zu können. Mehr als 30.000 leer stehende Wohnungen machen zwar die Immobilienspekulation zur lukrativen Kapitalanlage, der Zugang zu Wohnraum gerät jedoch zum Hauptproblem für die niederen und mittleren Bevölkerungsschichten. Diese Entwicklung wird begeleitet von tiefgreifenden urbanistischen Umstrukturierungen. Vor allem die zentralen Viertel leiden unter Barcelonas Ausrichtung auf den Tourismus. In den drei Stadtvierteln der Ciutat Vella, der Altstadt – El Born, El Gòtic und El Raval – werden die ärmeren Bevölkerungsschichten zugunsten der Errichtung von Hotels, Museen und des Immobilienerwerbs von ausländischen Investoren in die Peripherie verdrängt. Zehntausende Leute werden durch Gentrifizierungsprozesse, durch die Inbeschlagnahme der Viertel durch höhere Schichten, ausgeschlossen. In den Küstenvierteln passiert dasselbe durch die Errichtung von Einkaufszentren und unternehmensorientierter Infrastruktur, getarnt als Initiativen des „Friedens und der Multikulturalität“ (Forum der Kulturen, 2004). In proletarischen Vierteln werden tausende Hektar abgerissen, um technoindustrielle Komplexe der neuen immateriellen Wirtschaft hochzuziehen (wie im High-Tech-Viertel Poble Nou oder im Distrito 22@), oder Raum für einen neuen Hochgeschwindigkeitszug zu schaffen. Die Metropole Barcelona entsteht durch die Zerstörung des bisherigen urbanen Raumes, nur die reicheren Viertel werden davon verschont. Diese materiellen Restrukturierungsprozesse werden von ideologischen und diskursiven Prozessen begleitet, die einen imaginären Stadtraum projizieren. Diese positionieren einerseits Barcelona auf dem Weltmarkt und machen es für internationale Investoren interessant, andererseits erzeugen sie auch internen Konsens in der Bevölkerung. Die Kreierung der Marke Barcelona basiert auf der Konstruktion eines differenzierten Mythos, der auf lokaler und globaler Ebene beharrlich eingetrichtert wurde. Attraktive Faktoren wie Modernität, kulturelle Kreativität, solidarische und partizipative Werte, soziale Vitalität und Lebensqualität wurden auf symbolische Art und Weise mittels großer Events (Olympische Spiele, Forum 2004) vermarktet. Diese nehmen ihren Ursprung einerseits in einer kulturellen Vermarktung (durch Architektur, Design, das Gaudí-Jahr, Miró, Picasso), andererseits in einer Art städtischen Patriotismus des Typs „Barcelona ist die beste Stadt. Du bist die/der Beste, weil du in Barcelona lebst“. Doch in Wirklichkeit dienen diese Attraktivitätsfaktoren dazu, andere Praktiken zu kaschieren. So bedeutet „Modernität“ die Errichtung von Einkaufszentren, Hotels und Luxusappartments, wo früher die ärmere Bevölkerung wohnte. Ebenso steht „Vitalität“ in Wirklichkeit dafür, dass alles, auch unser Leben, käuflich wird. „Solidarität und Partizipation“ sind Kampfansagen gegen das Modell Barcelona selbst. Und schließlich die „Lebensqualität“: die Einkommen sind niedrig, die Mieten teuer, aber die Sonne scheint und wir haben doch Strand und Fiesta. Die Konstruktion der kapitalistischen Metropole weckte in den letzten zehn Jahren jedoch auch Widerstände. Nachbarschaftliche Kämpfe gegen urbanistische Pläne, die Vervielfachung der Hausbesetzungen, autonome soziale Zentren und lokale Initiativen in den Vierteln haben versucht, die Zwangsräumungen und Abrisse zu bremsen. Zur Zeit bildet sich in Barcelona eine starke Bewegung, die weit über einzelne AktivistInnen hinausgeht und die kürzlich Demonstrationen mit 20.000 Personen hervorgebracht hat. Dieses Engagement wird begleitet von einer wichtigen sozialen Bewegung und von lokalen Gruppierungen in den Vierteln, wird jedoch auch mit starker Repression beantwortet. Wo vor einigen Jahren noch von Vielfalt und Multikulturalität die Rede war, wird jetzt eine Ideologie der Sicherheit propagiert und MigrantInnen stigmatisiert. Wo früher von Kreativität die Rede war, spricht man jetzt von Bürgersinn. Wo früher von Freiheit, kollektiver Ausdrucksmöglichkeit und Feiern die Rede war, spricht man jetzt vom Missbrauch des öffentlichen Raums. So wurden vor einigen Jahren von der Stadtverwaltung Gesetze beschlossen, die den sozialen Gebrauch des öffentlichen Raums, sprich: die Armut und die Widerstände der sozialen Bewegung, bestrafen. Darunter fallen: das Übernachten auf der Straße, Trinken auf der Straße, organisiertes Essen im öffentlichen Raum, das Spielen auf Plätzen, Betteln und Prostitution, unangemeldete Demonstrationen, Plakatieren, Graffitis sprühen und Flyer verteilen. Durch diese Gesetze wird die soziale Kontrolle verstärkt und Widerstände erschwert. Alles wird der Legalität unterworfen, die Beschlüsse sind der legale Arm einer Privatisierung des öffentlichen Raums einer Stadt, die nach einem Image nach außen hin rekonfiguriert wurde, dabei allerdings die Sozialpolitik für ihre BewohnerInnen vergessen hat. All diese Maßnahmen, von der kapitalistischen Modernisierung rund um die Olympischen Spiele bis zum Sicherheitsdrift der letzten Jahre, wurden in Barcelona von privaten Kapitalinvestoren und linken Stadtregierungen im besten Einvernehmen umgesetzt. Ivan Miro ist Soziologe, Aktivist in der Assemblea de Barri de Sants und Co-Autor des Buches „Barcelona marca registrada. Un model a desarmar“ (Virus Editorial, 2004) Übersetzung: Gudrun Rath online seit 18.09.2007 11:27:32 (Printausgabe 38) autorIn und feedback : Ivan Miró Links zum Artikel:
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