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Aufruhr auf Ebene p Park Fiction in Hamburg Aus einer Position der Unterlegenheit heraus haben im Hafenrandverein organisierte AnwohnerInnen die millionenschwere Bebauung des Elbhangs in St. Pauli verhindert und stattdessen einen selbstverwalteten Park mit Blick auf die Elbe durchgesetzt. Zugleich konnte mit Park Fiction ein radikal beteiligungsorientiertes Planungsverfahren durchgesetzt werden. Dieser Text, verfasst von zwei der InitiatorInnen, ist Teil des sozialen, politischen und künstlerischen Park Fiction Prozesses und soll Perspektiven für weitere Aktivitäten im urbanen Feld eröffnen. Sanssoucis Parks haben als Bezugspunkt das Paradies und versprechen ein glückliches Leben befreit von der Arbeit, abseits des Alltags. Ein solches Versprechen aufgreifen, heißt auf St. Pauli, dem Stadtteil mit der ärmsten Wohnbevölkerung der westlichen BRD, eine subversive Forderung erheben. Schließlich versucht die herrschende Klasse genau diesen Menschen beizubringen, sich mit einem Leben im Elend abzufinden, um mit einer arm-aber-ehrlich-Propaganda die gigantischen Umverteilungsprozesse ideologisch zu überwölben. Wem gehört die Stadt? Park Fiction ist Kunst im öffentlichen Raum aus einer BenutzerInnenperspektive heraus - als praktische Kritik an Stadtplanung als Ausdruck und Mittel staatlicher Macht und wirtschaftlicher Interessen. Von vornherein war für den Hafenrandverein und die beteiligten KünstlerInnen klar, daß KünstlerInnen genausowenig ein Privileg auf die Gestaltung des öffentlichen Raums in Anspruch nehmen können, wie Behörden oder ArchitektInnen. Zumal auf St.Pauli, das nicht nur mit dem schlauen Kampf um die besetzten Hafenstrassenhäuser auf eine feine Tradition sturer Unerbittlichkeit gegenüber dem staatlichen Kontrollanspruch über den städtischen Raum zurückblicken kann. Diese urbanen Praxen setzen wir im folgenden in Bezug zur Verstädterungsthese von Henri Lefèbvre. Kritische Zone In seinem Buch „Die Revolution der Städte“ (La revolution urbaine, 1972) unterteilt Henri Lefèbvre die Stadt in drei Ebenen: Die oberste Ebene [die globale Ebene G] ist die abstrakteste: die Ebene der institutionellen Macht, des Staates. Für diese Institutionen ist Stadt nicht Ziel, sondern Mittel und Schauplatz von Interessen. Die Stadt fällt der Industrialisierung, der vom Staat [Ebene G] freie Hand gelassen wird, zum Opfer. Heute geht dieser Prozess weiter, hat sich jedoch verfeinert. Die Entwicklung der Städte folgt der Entwicklung des Kapitals, sich neue Märkte außerhalb der eigentlichen Industrieproduktion zu erschließen und damit immer größere Bereiche des Lebens und der Städte der Logik der Profitmaximierung zu unterstellen. Beispiele dafür: die Blockierung des Straßenraums durch die Ware Auto, die systematische Entwohnung der Innenstädte in den 60er und 70er Jahren, die Umwandlung ehemals öffentlichen Raums in von Privatunternehmen kontrollierte halböffentliche Zonen. Aufruhr auf Ebene p Die zweite Ebene M [Straßen, Plätze, öffentliche Gebäude wie Schulen usw.] liegt zwischen der Ebene G [Museen, Autobahnen, Kasernen, Flughäfen, Monumente...] und der untersten , dritten Ebene p [wie privat], der Ebene des Wohnraums. Diese dritte Ebene ist es, in der zu unrecht etwas Geringfügiges gesehen wird. Jedoch genau diese Ebene ist es, der die Veränderung, die Revolution der Städte entspringt. Stadt wird Subjekt Auf diesem Gedanken, von Lefèbvre in den 70ern formuliert, baut Hoffmann- Axthelms Buch und Idee der ”3. Stadt” auf. Kerngedanke: die Stadt muß vom Objekt zum Subjekt werden. Sie soll nicht mehr Gegenstand der Veränderung durch ihr feindlich gegenüberstehende Mächte sein, sondern Subjekt der Veränderung werden - also die Richtung aus sich heraus entwickeln und selbst zur Akteurin werden. Die Revolution geht von der Wohnung aus Lefèbvre interpretiert einen Satz Hölderlins: das „menschliche Wesen” könne nur als Dichter leben. Die Beziehung des „menschlichen Wesens” zur Welt, zur „Natur”, zu seinen Begierden, zu seiner Körperlichkeit, hat ihren Ort im Wohnraum, realisiert sich dort und wird dort ablesbar. Es sei ihm unmöglich, etwas zu bauen, eine Bleibe zu haben in der es lebt, ohne etwas, das sich vom Alltag unterscheidet, das über es selbst hinausweist: seine Beziehung zum Möglichen wie zum Imaginären. Dieser Wunsch ist noch in der elendesten Hütte, noch in der tristesten Neubauwohnung in [zum Beispiel Kitsch- ] Objekten verkapselt. Aus der Wohnung auf die Straße Von diesen verkapselten Wünschen gehen also die Vektoren aus: die Stadt wird zum Subjekt. Aber: Wo finden sich denn Anzeichen dafür, dass die Veränderung stattindet, der Quantensprung bevorsteht? Der subjektive Faktor Während Lefèbvre 1970 auf seiner Suche nach dem revolutionären Subjekt Nietzsche zitiert, übersieht er schlichtweg, dass Feministinnen zum selben Zeitpunkt das Private als politisch auf die Tagesordnung setzen, in Theorie und Praxis. Und nicht, um im Sinne von Gleichberechtigung den öffentlichen, männlich bestimmten, globalen Normraum mit weiblichen Körpern zu füllen, sondern um ihn zu verändern. Quantensprünge Dann, Ende der 70er, bricht plötzlich und unvermutet eine Bewegung aus, die sich über fast alle Großstädte Europas ausbreitet, in der sich der Wunsch nach revolutionärer Veränderung, wortwörtlich vom Wohnraum ausgehend, vehement Geltung verschafft: die Bewegung der Hausbesetzungen. Machtvoll meldet in dem Moment der Wohnraum seine Ansprüche an: vom Wunsch anders zu leben angetrieben, werden allein in Berlin über 200 Häuser besetzt, Prozesse der Aneignung in Gang gebracht, große Wohngemeinschaften gebildet, Kinderläden gegründet, das Leben auf andere Beine gestellt. Auf dem Höhepunkt der Kämpfe um die Hafenstrasse stehen die Barrikaden bis ins Rotlichtviertel, Radio Hafenstrasse sendet rund um die Uhr, die Stadt muss im Fall einer Räumung der tätowierten Häuser mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen rechnen. Und all das geht nicht aus Arbeitskämpfen hervor, wie noch die der Industrialisierung entsprechenden sozialen Bewegungen, sondern es wird - zwar an diese Kämpfe anknüpfend - vom Wunsch nach selbstbestimmtem Leben und Wohnen angetrieben. Öffentlichkeit Der Hafenrandverein für selbstbe - stimmtes Leben und Wohnen in St. Pauli forderte einen von den AnwohnerInnen selbst geplanten Park. Eine angeeignete Fläche steht im Gegensatz zum „neutralen”, öffentlich d.h. anonym gestalteten Staatsraum, ebenso wie zum privatisierten Raum, der sich als öffentlicher Raum ausgibt, aber über die sich aus dem Privateigentum ergebenden Ausschlüsse funktioniert, über rassistisch oder ökonomisch motivierte Ausgrenzung von Personen, Beschränkungen von Handlungsmöglichkeiten. Die im Zuge der Privatisierungswelle um sich greifenden private-public-partnerships vereinigen in sich die hässlichsten Eigenschaften beider Welten. Die Kunst im öffentlichen Raum steht damit vor der Entscheidung, Agentin welcher Anforderungen sie sein will. Ein widerständiges Potenzial ist insoweit gegeben, als der Kunst eine Restautonomie gegenüber Homogenisierungstendenzen zugestanden wird. Fraglich dabei ist, ob diese Widerständigkeit im Namen eines überkommenen Kunstbegriffs, der auf Vorstellungen einer privilegierten KünstlerInnensubjektivität basiert, noch ohne weiteres beansprucht werden kann. Oder umgekehrt gesagt: eine solche Vorstellung schreibt vorhandene Ausschlüsse fest, und gerade die diesem KünstlerInnenbild entstammenden Werke ließen sich in den Achtzigerjahren wieder als Repräsentationskunst im staatlich-wirtschaftlich- nationalen Interesse dienstbar machen. Etwas Besseres Über das gemeinsame Interesse und konkrete Ziel haben sich Allianzen zwischen Leuten mit unterschiedlichen Hintergründen hergestellt. Die KünstlerInnen - wie auch die Landschaftsarchitektin - beteiligen sich also an einem laufenden Prozess, in dem wesentliche Ansprüche bereits formuliert sind, arbeiten also nicht unter der Bedingung eines durch staatliche Kunstinstitutionen erteilten Auftrags, sondern als Mitglieder einer AnwohnerInneninitiative, die sich selbst ermächtigt hat, staatlicher Planung entgegenzutreten. Park der Zugänglichkeit, Planungsprozess der Zugänglichkeit Im Kunstbereich erarbeitetes Wissen, das eine Anschlussfähigkeit zu den hier aufgeworfenen Problemen besitzt, kann einen anderen, zusätzlichen Blickwinkel verschaffen und den Prozess radikalisieren. Vor allem geht es aber darum, Strategien zu entwickeln, einen Planungsprozess so zu gestalten, dass er für Leute, die aufgrund kultureller und gesellschaftlicher Vorkehrungen wie auch Lebenserfahrung, für gewöhnlich von der aktiven Gestaltung der Öffentlichkeit ausgeschlossen sind, zugänglich wird. online seit 28.08.2007 10:44:39 (Printausgabe 38) autorIn und feedback : Christoph Schäfer und Cathy Skene |
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