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  Droht die Spittelbergisierung des Brunnenviertels?

Ein Roundtable Gespräch

Das Kunstfestival "Soho in Ottakring" hat sich zu einer fixen Institution im Repräsentationsgefüge des Ottakringer Brunnenviertels etabliert. Allerdings werden nun Befürchtungen lauter, dass der reflexiven Identitätspolitik des Festivals von sozialen Restrukturierungsprozessen das ärmere Publikum geraubt werden könnte. Um der Frage nachzuspüren, ob dem Brunnenviertel nun endgültig die Spittelbergisierung droht, lud MALMOE zum Roundtable-Gespräch.

Am Ende des Textes gibt es ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen.

Es diskutierten:

Omar Al-Rawi:
Wiener Gemeinderat der SPÖ, Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Lobbyist für migrantische UnternehmerInnen

Marc Diebäcker:
Sozialwissenschaftler, von 2001 bis 2005 Leiter des Partizipationsprojektes Agenda 21 im Alsergrund

Wolfgang Förster:
Bereichsleiter für Wohnbauforschung und Gebietsbetreuung im Rahmen der Wiener Stadtverwaltung/MA 50, Delegierter der Stadt Wien/ Republik Österreich zum Komitee für Siedlungswesen der Europäischen Wirtschaftskommission

Bettina Köhler:
Stadtforscherin, früher am Institut für Architektur und Raumplanung der TU, zur Zeit Mitarbeiterin am Journal für Entwicklungspolitik

Ula Schneider:
Künstlerin, Initiatorin von SOHO in Ottakring, lebt und arbeitet im Brunnenviertel.

Moderation:
Jakob Weingartner, MALMOE



SOHO & der Kontext der Kunst

MALMOE:
SOHO ist ein Erfolgsmodell, das mittlerweile als Standortfaktor für die lokale Wirtschaft gefeiert wird und dem Brunnenviertel den Anschluss an den expandierenden, kreativwirtschaftlichen Sektor bringen soll. Auf dem Wohnungsmarkt wird neuerdings sogar der Standort von Mietobjekten mit „Ottakring/SOHO“ angegeben. Beschleicht euch angesichts solcher Dynamiken nicht manchmal die Angst, dass ihr da Geister rieft, die ihr nicht mehr los werden könnt?

Schneider:
SOHO hat 1999 mit meiner Initiative begonnen, KünstlerInnen das niederschwellige Angebot zu machen, ihre Werke in leerstehenden Geschätslokale zu zeigen. Daraus hat sich eine Kooperation mit der Wirtschaftskammer entwickelt, für die Kunst ein gutes Vehikel für ihr Image war. Sie unterstützten SOHO bis 2003 finanziell und mit ihrem know-how. Dann hat die Stadt Wien die Subventionierung übernommen und hat uns ebenso als Aufhänger verwendet, weil SOHO erfolgreich war, viele Leute ins Viertel kamen und dieses imagemässig stark profitieren konnte. Diese Dinge hat man als Kunstprojekt nicht direkt unter Kontrolle, es passieren also Inkorporationen von politische Seite.

Man muss sich also immer wieder überlegen: Hat es einen Sinn so weiterzuarbeiten oder überwiegen die negativen Auswirkungen? Wir versuchen inhaltlich weiterzuarbeiten, auch wenn es als Stadtteilprojekt auf politischer Ebene eine ganz andere Ausstrahlung hat.

Köhler:
Aber wenn ich mir die Frage stelle: Was macht Kunst in diesem Kontext? – da tut sich doch eine riesige Ambivalenz auf. Da finden makrostrukturelle Entwicklungen statt, in denen Kunst plötzlich eine Rolle spielt, die für sie nur schwer steuerbar ist.

Andererseits geht es auch darum, sich konkrete Räume anzueignen und in Alltagspraxen zu intervenieren. Von Institutionen wird aber versucht, diese Ambivalenz auszunutzen und zu instrumentalisieren. Wichtig ist deshalb ein scharfer Blick darauf, was passiert und welche Konsequenzen es hat. Dabei ist auch eine Schärfung von Begriffen zentral. Wir reden auf der einen Seite von Gentrifizierung und Verdrängungsprozessen, auf der anderen Seite werden neutral oder erstrebenswert klingende Begriffe wie soziale Veränderung, Durchmischung, Erneuerung und Renaissance mobilisiert. Deshalb muss man sich fragen: Für wen ist es gut und für wen nicht. Diese Fragen müssen auch den Künstlern gestellt werden.

In Amsterdam beispielsweise wird die Instrumentalisierung von Kunstprojekten noch intensiver betrieben, dort hat die Stadtverwaltung sogenannte „Brutplätze“ eingerichtet, wo vorher bekämpfte Besetzungen von alten Industriegeländen jetzt gefördert werden, mit dem Ziel das Viertel attraktiv zu machen. Später werden die Leute auch wieder ausgetauscht.

Ethnic Entrepreneurs

MALMOE:
Omar Al-Rawi, von ihnen stammt die markante Aussage: „Das Brunnenviertel wird das nächste Notting Hill“. Im Brunnenviertel machen „ethnic entrepreneurs“, die sich auf das neue, mittelständische Publikum re-orientieren, grosse Profite. Besteht nun die Gefahr, dass es im Brunnenviertel zu einer sozialen Differenzierung kommt, die auch die Klassenunterschiede zwischen den MigrantInnen selbst weiter auseinandertreibt? Notting Hill wird von SozialwissenschaftlerInnen ja als Beispiel dafür angeführt, wie einige migrantische Geschäftsleute von Aufschwung und Kapitalinflux profitieren, während andere migrantische Geschäftsleute und vor allem ArbeiterInnen durch steigende Mieten und Preise verdrängt werden.

Al-Rawi:
Als migrantischer Politiker gerät man oft in den Rechtfertigungsdruck, was man gegen Ghettoisierung tut. Notting Hill gilt da als kosmopolitisches Ideal, als schöne Marktgegend, wo es zwar in den 70er Jahren Ausschreitungen gab, die aber heute für ihre schwarze Bevölkerung, ihren Karneval und ihr karibisches Flair bekannt ist. Ziel der Stadt ist es, durch Sanierung der Häuser und des öffentlichen Raumes ein junges, studentisches Publikum reinzubekommen, die Bohème anzuziehen, um einen multikulturellen, kosmopolitischen Bezirk zu haben, anstatt einer sozialen Monokultur.

Kreative Cluster

MALMOE:
Bettina Köhler, Sie setzen sich kritisch mit der Ansiedlung sogenannter „Kreativer Cluster“ auseinander. Allerdings scheinen sich doch im Freihausviertel, rund um das Museumsquartier und am Spittelberg innovative Kreativszenen entwickelt zu haben, die als urbane Impulsgeber für die Wiener Wirtschaft fungieren. Welche Folgen könnte die allmähliche Ansiedlung dieser mittelständischen Kreativszene für die soziale Zusammensetzung des Brunnenviertels haben?

Köhler:
In den letzten 10 Jahren hat sich in der Frage, was urbaner Raum sein soll und was in ihm stattfindet, viel verändert - grade durch den Diskurs der kreativen Stadt. Verstehen wir Wohnraum als Faktor für die Sozialpolitik oder als Mittel zum wirtschaftliches Wachstum? Er war zwar immer beides, aber es hat durch seine Rekommodifizierung eine starke Veschiebung der Prioritäten stattgefunden, was sich auch in diesem Cluster-Diskurs ausdrückt. Über allem schwebt die omnipräsente Forderung nach dem Standortwettbewerb, in dem Wien sich positionieren muss. Der Diskurs der kreativen Stadt ist stark auf die gebaute Umwelt fokussiert, aber die Leute, die aus dem Blickfeld verdrängt werden tauchen höchstens am Rande in Statistiken auf. Aber gerade der Fokus auf die Leute, die in den Vierteln wohnen, ermöglichen es, solche Prozesse anders zu bewerten.

Außerdem gibt es ständige urbane Prozesse der Deinvestition und Reinvestition. Der Begriff der Verslumung ist sehr heikel, wenn er dazu dienen soll, eine neue Aufwertungswelle in Gang zu setzen und zu rechtfertigen. Aufwertung hat immer mit Verdrängung zu tun. Es kommen neue Menschen zu tun, andere gehen ab und es verändern sich Preisstrukturen. ist nicht gefeit und die Motoren, die solche Prozesse beschleunigen sind auch in Ottakring präsent. Der Transmissionsriemen Kultur ist d in einem Dilemma, wie er sich verhalten soll. Da greift der Diskurs der Kreativen Stadt, in dem die Aufwertung durch symbolische Handlungen in Gang gesetzt wurde.

Gentrifizierung und Marktzwänge

MALMOE:
Der Begriff der Gentrifizierung wird in Wien nicht besonders gerne gehört. Dieses Phänomen kann sich nach Meinung der Stadtverwaltung hier nicht entfalten, weil ein rigoroses Mietrecht und die Werkzeuge der Sanften Stadterneuerung arme MieterInnen vor den ausbeuterischen Kräften des Kapitalismus schützen. KritikerInnen verweisen allerdings auf das Beispiel des ehemals proletarisch, heute bürgerlich geprägten Spittelberges, der profitträchtig und mit staatlicher Subventionierung gentrifiziert wurde. Kann die Stadtverwaltung eine ähnliche Entwicklung im Brunnenviertel verhindern?

Förster:
Ich habe mich immer gegen den Begriff der Gentrifizierung gewehrt, weil er aus der amerikanischen Stadtplanungsdiskussion kommt, wo die Stadtentwicklung weitgehend ohne öffentliche Einflußnahme dem privaten Markt überlassen wird. Ich war hingegen lange Zeit beim Stadterneuerungsfond, der die geförderten Sanierungen im Gürtelbereich betreut hat. Dort haben wir uns sehr genau angeschaut: Wer ist von den vorherigen BewohnerInnen dort verblieben, wer ist aufgrund der Sanierung ausgezogen. Das hat ein klares Bild ergeben, dass es in geförderten Sanierungshäusern zu keiner Verdrängung gekommen ist, sehr zum Unterschied zu den Privatsanierungen, wo dies tatsächlich passiert.

Die Aufwertungstendenzen in Vierteln wie dem Brunnenviertel sind allerdings beabsichtigt. Natürlich steigt dort über einen längeren Zeitraum auch der Wert der Wohnungen und im Falle der Wiedervermietung sind sie nicht mehr unbedingt orientiert an der Zahlungsfähigkeit der dort ansässigen Bewohner, sondern an einem zahlungskräftigeren Publikum. Es geht aber nur um denjenigen Wohnraum, der ohnehin leer steht oder neu geschaffen. Wenn man das als Gentrifizierung bezeichnet, na dann findet sie statt. Ich sehe es aber als positiv, dass es gelungen ist, in diesem Gebiet mit öffentlichen Investitionen die privaten Investitionen anzukurbeln, sodass letztere heute überwiegen.

Den Spittelberg würde ich nicht als Beispiel für Gentrifizierung heranziehen, weil diese nach gängiger Definition die Verdrängung der vorhandenen Bevölkerung bedeutet. Zum Zeitpunkt der Aufwertung gab es dort aber gar keine Bevölkerung mehr, weil die Stadt Wien dieses Gebiet ursprünglich abreissen und neu bebauen wollte.

Wie kann die Stadtplanung bei Verdrängung gegensteuern? Ganz offen: nur in einem bedingten Ausmaß. Sie kann versuchen, gewisse Entwicklungen des Marktes durch Anreize, Subventionen und Zwangsmaßnahmen abzubremsen oder zu steuern. Aber wir leben halt in einer Marktwirtschaft und sie kann mit Sicherheit nicht verhindern, dass es in der Stadt Veränderungen gibt, weil die Stadt nunmal ein Abbild von sozialen Gegebenheiten ist, die sich in ihr wiederspiegeln.

Kunst als weicher Standortfaktor im Städtewettbewerb

Marc Diebäcker:
Wir haben in Wien einen dramatischen Anstieg von Sozialhilfe-Richtsatzempfängern, Leuten die prekär arbeiten etc. - um 40.000 allein in den letzten 3 Jahren. Die können sich steigende Mieten einfach nicht leisten, also kommt es in der Stadt selbstverständlich zu Verdrängung, auch in ehemals segregierten Gebieten wie dem Brunnenviertel.

Es gibt im Prinzip folgenden Interessenskonflikt: die eine Gruppe – Immobilienhändler, Projektentwickler, Unternehmer, Lokalpolitiker - hat das Ziel, den Boden- und Tauschwert einer Immobilie zu erhöhen oder zu halten. Dagegen gibt es die Gruppe von BewohnerInnen, unmittelbar betroffenen NutzerInnen, denen ist das nicht so wichtig, die hätten gerne Lebensqualität, Gebrauchswert und Zweckmäßigkeit. Diese Interessenslagen prallen aufeinander.

Wien befindet sich außerdem ebenso in der Städtekonkurrenz wie alle andern Städte. Kunst und Kultur wird gerade in Dienstleistungsstädten wien Wien gerne als weicher Standortfaktor herangezogen: „Es gibt hier Kultur und Großprojekte wie das Museumsquartier, Begrünung und schöne öffentliche Freiräume, wir sind sauber und sicher“. Sicherheitspolitik und jede Menge Kameras sind ebenso wichtig für dieses Konzept, denn Armut muss ins Private verdrängt werden. Darüberhinaus muss jede Stadt die postmoderne Subkultur in ihr Marketing einbinden. Berlin ist hip, weil es dort den Prenzlauer Berg gibt und die Studis da hinziehen. So ähnlich wird auch SOHO genutzt, als alternatives Vorzeigeprojekt, der von der Politik als weicher Standortfaktor ausgespielt wird.

Da muß sich jeder Sozialabeiter im Viertel fragen: Wenn ich nur Partizipation mache, damit die Leute sich besser fühlen, sich aber strukturell nichts ändert, ist dann meine Rolle nicht ähnlich wie diejenige eines Künstlers, der merkt, er ist der Hauptfaktor für eine weiche Standortpolitik?

Öffentliche Sanierung als Motor für Gentrifizierung?

MALMOE:
Oberamtsraat Haas von der MA50 räumte in einem Interview ein: „Jede von Kategorie D auf Kat. A aufgewertete Wohnung kommt dem Mieter durch die steigenden Betriebskosten und die grössere Wohnfläche auf ein vielfaches teurer. Sie brauchen also leere Wohnungen oder müssen Leute loswerden, wenn sie sanieren wollen.“ Treiben öffentliche Subventionen für Privatsanierungen die Gentrifizierung voran?

Förster:
Man muss bei den Wohnungen unterscheiden, ob es sich um Altmieter handelt, oder ob neue Mieter einziehen. Die neu geschaffenen oder nach der Sanierung leer stehende Wohnungen werden natürlich teurer gegenüber den bisherigen Wohnungen niedrigeren Standards. Immer noch unter der Marktmiete, weil sie einer stärkeren Mietzinsbeschränkung unterliegen, aber doch teurer und das führt natürlich auch zu einer gewissen sozialen Veränderung in einem solchen Gebiet. Aber gerade wenn diese nicht im Zusammenhang mit einer Verdrängung steht, hat sie aus Stadtsicht etwas positives, weil sie Ghettoisierung und Armutsviertel verhindert und zu einer besseren sozialen Durchmischung führt.

MALMOE:
Sie sagen also, dass durch das Mietrecht klare Plafonds eingezogen wurden. Eine Studie hat allerdings in der 90ern über Volkszählungsdaten ermittelt, dass in Wien die real gezahlten Mieten ein Vielfaches über den Richtmietzinsen liegen. Versagen die Werkzeuge der Sanften Stadterneuerung dabei, Gentrifizierung zu stoppen, weil Profite auf dem Wohnungsmarkt an den Gesetzen vorbei lukriert werden?

Förster:
Anfang der 90er ist nach dem Fall des eisernen Vorhangs eine Migrationswelle über Wien hereingebrochen, die zu extremen Mietsteigerungen und Spekulation führte. Der Wohnungsmarkt war darauf nicht vorbereitet, die Politik überrascht. Das ist aber kein Argument gegen die Sanfte Stadterneuerung, sondern eher dafür, weil die Mieten bei öffentlich sanierten Häusern weit darunter liegen. Der Einfluss der Stadt hat aber auch seine Grenzen. Die Stadt Wien kann den Kapitalismus nicht abschaffen. Sie kann nur versuchen zu regulieren, aber dies stößt in der Gesellschaft auf Akzeptanzschranken.

MALMOE:
Die Sanfte Stadterneuerung hat den Anteil an Substandardwohnungen massiv gesenkt: zwischen 1971 und 2001 von 33% auf 7%. Für Buczolich entsteht dadurch „das Dilemma jeder Stadterneuerung, nämlich dass die veralteten Wohnquartiere eine wichtige Funktion in der Wohnungsversorgung einnehmen.“ Saniert die Stadt an den Bedürfnissen der ärmeren Bevölkerung vorbei?

Förster:
Ende des 20. Jh zu sagen, die einzige Möglichkeit, Einkommensschwache unterzubringen, ist es, menschenunwürdige Wohnverhältnisse beizubehalten – dieses Argument habe ich immer für zynisch gehalten. Daher war unser Ansatz, diese Wohnungen mit öffentlicher Förderung sanieren zu lassen und über Mietzinsbeschränkungen einen zeitgemäßen, leistbaren Wohnstandard zu schaffen.

Die Substandard-Wohnungen sind außerdem ja nur bei Überbelegung billig. Das ist ja typisch für den freien Markt, dass dort, wo viele Menschen eingezogen sind, die ihre Rechte als Mieter nicht wahrnehmne konnten, die teuersten Mieten eingehoben wurden.

Strukturelle Verdrängung

Frage aus Publikum:
Ich glaube es handelt sich um ein Mißverständnis, wenn sie sagen es gibt keine Verdrängung, weil individuell keine Leute verdrängt werden. Auch wenn niemand mit Zwangsmaßnahmen aus der Wohnungen geworfen wird, strukturell wird doch verdrängt, wenn man aufwertet, das muss ihnen doch klar sein! In dem Moment, wo zum Beispiel das Brunnenviertel aufgewertet wird und die Leute „freiwillig“ ausziehen, weil sie, ihre Kinder oder Verwandten sich keine grösseren Wohnungen mehr leisten können, dann handelt es sich nach meinem Verständnis schon um eine aktive Politik. Aus dem Brunnenviertel sollen bestimmte Leute ausziehen oder zumindest nicht nachziehen und die jungen Bobos, die da im AnDo ihren Café Latte trinken, sollen hinziehen und die zugesperrten Geschäfte übernehmen. Junge Galerien und Creative Industries, das hat ja nichts mehr mit der Bevölkerung zu tun, die ursprünglich lebt.

Förster:
Da ist die Frage, von welcher Bevölkerung wir da sprechen. Wenn wir von MigrantInnen sprechen, die sind in diesem Raum realtiv dominant und ich habe nicht den Eindruck, dass die verdrängt werden. Besonders was die Geschäftsleute betrifft.

Vorhandene Bewoher werden mit Sicherheit nicht gezwungen, aus einem öffentlich sanierten Haus auszuziehen. Auch wenn die sich geringe Mieterhöhungen nicht leisten können, gibt es auch für MigrantInnen die Wohnbeihilfe. Dass der Zuzug von Einkommensschwachen gebremst wird, stimmt, aber das war genau die Absicht. Man will eine soziale Durchmischung schaffen. Alle sollen die Möglichkeit haben, ihren Wohnort frei zu wählen.

Eine urbane Trickle-down-Theorie?

MALMOE:
Die Festwochen veranstalten mittlerweile am Yppenplatz und der migrantische Faktor wird als softer Standortfaktor für Wien immer wichtiger. Allerdings stieg im Brunnenviertel, diesem potentiellen „Notting Hill von Wien“ der Quadratmeterpreis für den Kauf von Eigentumswohnungen zwischen 2001 und 2006 um 13,8%, mehr als das Dreifache des Wiener Durchschnitts von 4,2%.

Kurt Smetana (Gebietsbetreuung Ottakring):
Ja, Gott sei Dank findet in letzter Zeit im Grätzl dieser Aufwertungsprozess statt, wo wir Neubauten und Dachgeschoßausbauten reinsetzen können. Nur dadurch, dass in diesem Segment der Quadratmeterpreis steigt, ist gewährleistet, dass eine funktionale soziale Durchmischung passiert. Diesen Prozess wollen wir sogar verstärkt fortsetzen, denn wir brauchen die Verdichtung im oberen Bevölkerungssegment, damit das Viertel überhaupt eine Chance hat zu überleben. Die Kaufkraft der Brunnengasse nimmt immer mehr ab, die Überlebenschance der Händler wird immer geringer. Da sind wir dabei, auf verschiedenen Ebenen umzupolen.

MALMOE:
Die Gebietsbetreuung versucht also, pockets für eine bessergestellte KäuferInnenschicht zu schaffen, die Kapital ins Viertel bringen sollen. KritikerInnen würde da wohl eine Parallele zur berühmten ↑Trickle-down-Theorie der neoliberalen 80er-Jahre Reaganomics vermuten, in dessen Verlauf die Armen indirekt von den Steuerreduktionen der Reichen und ihrer infolgedessen gesteigerten Investitionsbereitschaft profitieren…

Bettina Köhler:
Die Forderung nach sozialer Durchmischung in diesem Kontext ist ja oft eher ein Vorwand, um schwächere Gruppen loszuwerden – anstatt deren Probleme vor Ort zu lösen, etwa mit sozialpolitischen Maßnahmen. Die entstehenden Jobs, Wohnungen sind meist nicht für die Leute, die bisher dort lebten. Gerade im urbanen Raum zeigt sich doch immer wieder sehr deutlich, dass die Hoffnung auf ↑trickle-down nicht funktioniert, sondern eine gewaltige Umverteilungsmaschinerie antreibt: von ‚unten nach oben’ und von konkreten Alltagsräumen hinzu abstrakten Räumen der Kapitalakkumulation. Ohne eine klare Positionsbeziehung und Benennung dieser Mechanismen und grundlegenden Interessensgegensätze laufen Kräfte die vorgeben ausgleichend zu intervenieren Gefahr als Katalysator für diese Prozesse zu wirken.



Glossar

Sanfte Stadterneuerung
Urbanes Renovierungskonzept, das sich in Wien während den 70er Jahren aus der Protestbewegung am Spittelberg gegen die autoritäte Planungspolitik der Stadtverwaltung entwickelt hat. Herzstück ist die Subventionierung von Privatkapital in der Renovation von gründerzeitlichen Häusern. Außerdem wurden in den sozialen Brennpunkten der Stadt Gebietsbetreuungen eingerichtet, welche Aufwertungsprozesse begleiten und als regulierender Entschärfungspuffer dienen sollen. Mit Hilfe der Sanften Stadterneuerung gelang es der Stadt, den Immobiliensektor wieder zu einem lukrativen Investitionsfeld zu machen. Soziale Verdrängung soll durch ein Bündel an regulativen Prinzipien und ein striktes Mietrecht verhindert werden. KritikerInnen räumen ein, dass dadurch zwar kurzfristige Gentrifizierungsprozesse verhindert werden können, verweisen allerdings auf die längerfristige und indirekte Verdrängung sozial diskriminierter StadtbewohnerInnen aus ihren angestammten Wohnumfeldern.

Gentrifizierung
Ursprünglich marxistisch geprägtes, stadtsoziologisches Theoriebündel aus dem anglo-amerikanischen Raum, das sich mit der Verdrängung der BewohnerInnen eines traditionellen ArbeiterInnenviertels durch einen Aufwertungsprozeß im Dienste der Mittel- und Oberklasse beschäftigt. Hängt eng zusammen mit Desinvestitions- und Investitionszyklen à la longue durée. Breite Rezeption und Adaption des Konzeptes für eine Vielzahl von urbanen Kontexten auf der ganzen Welt. In den letzten Jahren ist allerdings beobachtbar, dass die Gentrifizierungsforschung immer weiter vom Fokus auf die Opfer dieses Restrukturierungsprozesses abkommt. Stattdessen wird ihr kritisches Potential nivelliert, um ein pragmatisches Stadtplanungswerkzeug zu schaffen, das sich auf die Schaffung von Wohnraum für eine globalisierte urbane Elite orientiert.

Notting Hill
Ehemaliges ArbeiterInnenviertel im Westen Londons. Slumgegend in der Nachkriegszeit, war Notting Hill neben Brixton einer der zentralen Schauplätze der so genannten race riots in den späten 50er Jahren. Während der 60er Epizentrum der britischen Black Power Bewegung, der karibisch geprägte Notting Hill Carnival mausert sich von Repräsentation eines neuen migrantischen Selbstbewußtseins zu einer internationalen TouristInnenattraktion. Ein umfassender Gentrifizierungsprozeß treibt das migrantische Klassenspektrum im Zuge der 80er auseinander und die Mietpreise in die Höhe, das Konzept der „ethnic entrepreneurs“ wird seitdem von einer Vielzahl von Stadtverwaltungen als best practice der In-Wert-Setzung der Multikulturalismus angestrebt.

Kreative Stadt
Schlagwort für ein spätkapitalistisches Stadtplanungsmodell, das um postfordistische, wissensbasierte Produktionsformen angeordnet ist. Einen zentralen Stellenwert nehmen dabei sogenannte „softe“ Standortfaktoren wie eine innovative Kunstszene und ein hohe Lebensqualität (Grünraum, Sicherheit, auf mittelständische Nachfrage spezialisierte Nahversorgung) ein, die als Lockmittel für die neuen Dienstleister der Kreativwirtschaft fungieren sollen. Oft wird eine intensive, staatliche Subventions- und Regulationspolitik auf bestimmte urbane Zonen konzentriert, um diese in Kreative Cluster zu verwandeln, die als Inkubatoren für eine expandierende Kreativwirtschaft dienen sollen. KritikerInnen werfen dem Konzept der Kreativen Stadt vor, es unterwerfe die gesamte urbane Kultur einer Stadt einer extensiven Kommodifizierungslogik, auf Kosten einer umfassenden Sozialpolitik des Ausgleichs zentrifugaler Kapitalkräfte.

Brunnenviertel
Grätzl in Ottakring, zwischen Ottakring Straße und Thaliastraße, Feßtgasse und Gürtel gelegen. Historische ArbeiterInnengegend, Schauplatz einer massiven Desinvestitions- und Spekulationswelle seit den späten 70er Jahren, seitdem migrantisch geprägt. Rahmen für das alljährliche Kunstvestifal SOHO in Ottakring, davon angetrieben in jüngster Zeit Ansiedlung einer Kunst- und Kreativszene rotierend um den Yppenplatz, die von Befürchtungen eines Gentrifizierungsprozesses begleitet wird.

Trickle-down-Theorie
In erster Linie rhetorisch ausgerichteter Ansatz des „laissez-faire“, der sich während den 1980er Jahren im Verlauf der neoliberalen Revolution unter der Schirmherrschaft Reagan-Administration in den USA als wirtschaftspolitisches Dogma durchsetzte. Prinzip nach Adam Smith: „Es ist die große Vermehrung der Produktion in allen möglichen Sparten als Folge der Arbeitsteilung, die in einer gut regierten Gesellschaft jenen universellen Reichtum verursacht, der sich bis zu den niedrigsten Bevölkerungsständen verbreitet.“ (aus: Wealth of Nations, 1776). Österreichische Entsprechung: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut.



online seit 20.07.2007 10:38:24 (Printausgabe 38)
autorIn und feedback : Jakob Weingartner


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1453MALMOE-Schwerpunkt Heft 38: Kreative Bourgeoisierung
www.malmoe.org/artikel/alltag/1421Text aus Malmoe 37 über Gentrifizierung von Ottakring



Macht keinen Blödsinn!

Ideologie, Kalter Krieg und sogar die Geschichte: Allerhand scheint zu Ende gegangen zu sein, in Italien.
[28.04.2008,Ingo Lauggas]


Es gibt keinen diskursiven Raum ...

...für SexarbeiterInnenrechte
[27.03.2008,MS]


Reproduktion? Deproduktion!

Sarah Diehl, Herausgeberin der Anthologie „Deproduktion. Schwangerschaftsabbruch im internationalen Kontext“, im MALMOE-Interview
[11.03.2008,Interview: Vina Yun]


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