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  Wie die Regulierung die Richtung wechselt

Rezension des Transitmigration-Sammelbands "Turbulente Ränder"



Noch ein Buch über die neuen Grenzen Europas. Noch eins, das uns von den unüberwindlichen Festungsmauern erzählt, mit denen die Staaten der Europäischen Union die neue Migration abzuwehren gedenken? Noch ein Buch, das uns mit erschütternden Geschichten aufrütteln möchte? Das mehrjährige Forschungs- und Ausstellungsprojekt TransitMigration schlägt mit dem Sammelband „Turbulente Ränder“ eine andere Perspektive vor. Gemeinsam ist den darin versammelten Beiträgen, dass sie sich kritisch mit konventionellen Repräsentationsmustern befassen, wie sie um den Begriff der „Migration“ zirkulieren.

Das Projekt entzieht sich forschungstheoretisch einem methodologischen Nationalismus, der in den Mainstream-Wissenschaften noch dominant ist und Migration als eine unilineare Bewegung der Abreise aus einem und der Ankunft in einem anderen nationalen Container beschreibt. Statt dessen betont TransitMigration den transnationalen und damit multidirektionalen Charakter der Migration, der heute in einem globalisierten Kapitalismus neu verhandelt wird. Indem die Bedeutung der migrantischen Netzwerke betont wird, zeigt sich, dass Migration nicht als das riskante Unternehmen atomisierter Individuen bezeichnet werden kann, die den Push- und Pullfaktoren der Arbeitsmärkte wie Marionetten einer unsichtbaren Hand folgen, sondern als kalkulierte Strategien heterogener Akteursgruppen, die ihr eigenes Projekt ins Spiel bringen und deren Wissen mit den staatlichen Apparaten, die zu ihrer Kontrolle angetreten sind, um den entscheidenden Vorsprung konkurriert.

Die Positionspapiere der der EU nahestehenden think tanks gehen daher auch davon aus, dass nur ein pragmatischer Umgang mit der festzustellenden Unkontrollierbarkeit der Migration deren Steuerung ermögliche. In diesem Zusammenhang ist der Versuch zu verstehen, die Orte der Steuerung dem Schengenraum vorzulagern. Diese Exterritorialisierung der Souveränität muß jedoch selbst schon als Effekt der globalen Bewegung der Migration betrachtet werden, die die Grundlagen, auf der Souveränität bisher funktionierte, in Frage stellt.

In diesem Zusammenhang kommt auch das Lagerregime ins Spiel, das an der südosteuropäischen Grenze eine unglaubliche Dichte erreicht hat. Entgegen einem an Agamben orientierten Blick auf die Lager betont TransitMigration allerdings, dass die Lager heute weniger der Abschottung, sondern eher der Filterung dienen. Das Lager als Ort einer neuen biopolitischen Grenze produziert die nackte Arbeitskraft, die so von den Orten ihrer Reproduktion und ihrer Rechte entkoppelt wird. TransitMigration hat jedoch nicht nur die südund osteuropäischen Grenzregionen, zu denen es bisher wenig Forschung gibt, untersucht, sondern auch die innereuropäischen Wissens-, Blick- und Bildregime, die Migration als Objekt und als Problem erst erzeugen.

„Das Wort Transit bedeutet hindurchgehen, aber auch darüber hinausgehen“, beginnt der Beitrag zur „Autonomie der Migration“, der die zentralen methodologischen Paradigmen des Forschungsprojektes zusammenfasst. Das Projekt „TransitMigration“ hat die Tür zum Wartesaal der Geschichte aufgestoßen, in den die Migration verbannt war und öffnet die Fläche für eine andere Erzählung, in der die Migration ein unumkehrbares Phänomen markiert. Bleibt zu wünschen, dass sein Beitrag eine breite LeserInnenschaft findet.



TRANSIT MIGRATION Forschungsgruppe (Hg.): „Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas“, [transcript]-Verlag


online seit 09.07.2007 10:46:57 (Printausgabe 37)
autorIn und feedback : Michael Willenbücher


Links zum Artikel:
www.transitmigration.org



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