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  Es wird kälter

Wieder cool: Der Kalte Krieg ist zurück – zumindest in der Popkultur

Ein weltpolitischer Schlagabtausch hat dieses Jahr ein ganz besonderes Jubiläum in Erinnerung gerufen: Vor 60 Jahren begann laut offizieller Geschichtsschreibung der „Kalte Krieg“ zwischen USA und Sowjetunion, und endete 1991 – zumindest vorläufig. Als Russlands Präsident Putin bei der traditionsreichen Münchner Sicherheitskonferenz im Februar nach Jahren der Partnerschaft im Antiterrorkampf gegen die USA vom Leder zog und ihr unilaterales, aggressives weltpolitisches Agieren kritisierte, machte die Rede von einer Rückkehr des Kalten Krieges in politischen Kreisen die Runde.

Putins Rede wurde als eine Antwort auf US-Verteidigungsminister Robert Gates interpretiert, der vor dem Kongress die militärische Aufrüstung in Russland und China als Bedrohung für die USA bezeichnet hatte. Nach NATO-Osterweiterung, Ausstieg aus dem ABM-Vertrag, US-Pipelines in Zentralasien und Sponsoring für allzu bunte Revolutionen im ehemaligen Territorium hatten diese Aussagen in Russland für große Empörung gesorgt. Dass die USA nun Raketen vor der Haustür Russlands, in Polen und Tschechien, stationieren wollen, legt da noch eins drauf.

Raketen, Öl und Ego

Dass Russland dagegen so vehement kontert, hängt mit einem erstarkten Selbstbewusstsein der jüngsten Zeit zusammen, das sich aus mehreren Quellen speist: Die diplomatischen Kontakte zu Jordanien, Quatar, Palästina, Indien und China sind intensiv wie schon lange nicht. Die Einkünfte aus dem Ölgeschäft steigen dank des hohen Ölpreises rasant. Das Demonstrieren außenpolitischer Stärke wird auch durch die innerhalb von einem Jahr anstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen induziert. Auf die wachsende Kritik an undemokratischen Zuständen in Russland und an der Tschetschenien-Politik reagiert die Kreml-Führung deshalb mit zunehmend supermächtiger Zurückweisung. Michael Gorbatschow ist der prominenteste Beobachter, der den USA einen „Gewinnerkomplex“ vorwarf und zugleich vor einem neuen Kalten Krieg warnte (auf deutsch in der Zeitschrift Cicero 3/2007).

Auch in den Geschichtswissenschaften leben die Macht- und Siegerspielchen wieder auf: schon seit längerer Zeit ist eine verstärkte Beschäftigung mit dem Thema Kalter Krieg zu verzeichnen. Unter anderem kommt es zu einer Wiederauflage der Anfang der 90er abgeführten Debatte, wer denn nun für das Ende des Kalten Krieges verantwortlich gewesen sei: Hat Reagan die Sowjetunion zu Tode gerüstet und so zum Aufgeben gezwungen? Oder hat die Vernunft in der Person Gorbatschows gesiegt, der den ersten Schritt gemacht und einen Schlussstrich unter das Wettrüsten gezogen hat? Die Frage, wer denn nun gewonnen hat, war damals auch in der Linken etwa in Deutschland umstritten, zwischen jener Fraktion, die den US-Sieg konstatierten, und jenen, die den Sieg der Friedensbewegung und „Gorbi“ als deren ersten Mann feierten. Heute feiert der Kalte Kriegs-Historiker John Lewis Gaddis Reagan als weitsichtigen Staatsmann, der für das Ende der Blockkonfrontation hauptverantwortlich sei, andere Historiker betonen eher strukturelle Faktoren. Wie diese Frage bewertet wird, ist nicht bloß von historischem Interesse, sondern hat auch Implikationen für die Einschätzung aktueller und künftiger Strategien weltpolitischen Agierens: Abschrecken oder Verhandeln? Falke oder Taube? Friedens- oder Machtdemonstrationen? Von einer Rede über eine Wiederkehr des Kalten Krieges in der Geschichtsforschung ist zumindest bislang nichts bekannt. Aber dass darüber so eifrig publiziert wird, gibt Anlass für Aufmerksamkeit.

Uneingeschränkte Aufmerksamkeit war ja auch ein wesentliches Merkmal dieses Kalten Krieges – mehr noch als das Ausbleiben einer offenen militärischen Aktion, die sich lediglich stellvertretend auf andere Erdteile verschob, während die nördlichen Staaten weiterhin offiziell ihre diplomatischen Kontakte pflegten. Im Kalten Krieg gab es keine „Orchideenfächer“: jeder Flecken Land war im Blockdenken geostrategisch verwertbar und jede Disziplin potenziell eine ideologische Waffe. Wissens- und Bilderproduktion standen dabei natürlich in der ersten Reihe. Im Kombischlag wurden sie zu ideologischen Charmebolzen und Publikumslieblingen für mehrere Kalter-Kriegs-Dekaden, wie Star Trek und James Bond bezeugen. Achtzehn Jahre nach „Lizenz zum Töten“ holt nun aber die Popkultur zum Erstangriff aus und macht sich den Kalten Krieg zum Sujet.

Die kalte (Retro-)Welle

Blickt man auf gegenwärtige popkulturelle Erzeugnisse, so braut sich schon seit einiger Zeit so etwas wie eine Vorahnung einer Rückkehr von Elementen des Kalten Krieges zusammen. Verstreute erste Anzeichen waren schon das Video zu „River below“, vom ersten Album der Teenie Rocker Billy Talent, wo es um J.Robert Oppenheimer ging, den Vater der Atombombe – vielleicht dem zentralen Fetischobjekt des Kalten Krieges -, und wie Massenvernichtungswaffen auf ihre Erfinder zurückschlagen. Rückgriffe auf die 40er Jahre, noch dazu politisch codierte, waren in der Popmusik bislang eher selten. Bezugnahmen auf die Zeitspanne zwischen der Mitte der Vierziger bis zu den frühen Sechzigern wurden in den letzten Jahren aber zu einem zentralen Vehikel für das regierungskritische US-Kino. George Clooneys „Good night, and Good Luck“ nahm die McCarthy Ära als Metapher für Zensurtendenzen unter Bush II ins Visier. “The Good German” von Steven Soderbergh blickte vieldeutig – bis zynisch - auf die Wurzeln des Kalten Krieges in den Trümmern Berlins 1945 zurück, um zu zeigen, wie Machtinteressen sich über moralische Überlegungen hinwegsetzen. In „Good Shepherd“ zeichnete Robert De Niro anhand des Porträts eines CIA-Manns, der eine zentrale Rolle bei der Kubakrise 1962, einem Höhepunkt des Kalten Krieges, spielt, das Klima der Paranoia nach, das sich aus einer weltpolitischen Konfrontationssituation im Inneren ausbreitet.

Der Rückgriff auf historische Ereignisse dient in diesen Filmen wohl v.a. dazu, metaphorisch einen kritischen Kommentar zur US-Politik der Gegenwart abzugeben. Dass die Wahl dabei zuletzt so häufig auf die Zeitspanne der Frühphase des Kalten Krieges fiel, hat natürlich auch mit ästhetischen Entscheidungen auf der Suche nach noch nicht so abgegrasten Feldern im Rahmen einer scheinbar nicht enden wollenden Retro-Schleife zu tun. Dafür spricht etwa, dass selbst Christina Aguileras aktuelles Video „Candyman“ auf einem Militärflughafen in den 40er Jahren spielt – die Ästhetik ist die gleiche, aber von Kaltem Krieg keine Spur, alles Feelgood-Pop. Doch auch die politische Codierung der Retroästhetik ist im Kommen: Die US-Band „Cold war kids“ führt derzeit in die seit Jahren die Popmusik dominierende Sixties-Retroecke eine Nuance ein – statt der üblichen Swinging London 1966-Partylaune wird der Kalte Krieg-Höhepunkt Früh-Sechziger thematisiert, von einer Band mit einem der originellsten Namen seit langem. Texte und Video sparen auch nicht mit Referenzen auf die Zeit und ihre Aufladung mit einer Atmosphäre der Angst. Auch die College-Rockband „Fall Out Boy“ trägt nicht nur Atomkriegs-Bezüge im Bandnamen, sondern kommt in der Single „This Ain't a Scene, It's an Arms Race“ auch noch auf das Wettrüsten zu sprechen.

Amüsement und Klima

Angst ist das Stichwort. Denn die Beschäftigung des Pop mit der Ära des Kalten Krieges hat natürlich mit der Faszination einer auf den ersten Anschein vergleichsweise einfachen und übersichtlichen bipolaren Welt, der überdimensionalen Bedrohung Atomtod, die diese Zeit beherrschte, und des Nervenkitzels der Geheimdiensterei unter der eisigstarren Oberfläche des Friedens zu tun. Oft gepaart mit einem Amüsement über die aus heutiger Sicht oft absonderlichen Züge gesellschaftlicher Verhältnisse und öffentlicher Kommunikation, wie sie etwa in den in Trashconnaisseur-Kreisen so beliebten Atomkriegsgefahr-Propaganda-Filmchen der US-Regierung aus der Frühzeit des Kalten Krieges zu sehen sind.

Der Reiz der Retro-Angst ist dabei vielleicht gerade, dass zumindest in der Nostalgie das Unbehagen überwunden scheint. Man sich trotz all der Zwiegestalten und Grauzonen dennoch auf den Rahmen verlassen können will – und sei es nur die gute alte Schwarz-Weiß-Ästhetik Hollywoods.

Alle drei dramatischen Elemente – Angst, Atom und Sondertum – fusionieren im Konflikt mit dem Iran und erklären vielleicht, woher unter viel medialer Aufmerksamkeit eine Eskalationsspirale ihr Moment und popkulturelle Produkte ihre Inspiration erhalten.

Das Szenario einer irrationalen Atommacht lässt, trotz einer völlig anderen weltpolitischen Lage, Ängste wieder aufkommen, die sehr bezeichnend waren für die letzten Jahrzehnte. Neben den „Ostermärschen“ gegen die atomare Aufrüstung waren auch gerade die medialen Produkte Zeugen von diesem kollektiven Bedrohungsgefühl. Die Atomangst verhalf Filmen wie „Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben“ (1963) und „The Day After“ aus dem Jahre 1983 an den Höhepunkten des Kalten Krieges zu Welterfolgen. Die atomare Auslöschung war in den 80ern auch ein beliebtes Material für die Popmusik.

Die Antwort auf die Frage, ob dies alles eher einer distanzlosen Nostalgie zuzurechnen ist, oder sich als eine unbewusste Vorahnung einer Wiederauflage alter Zeiten entpuppt, ist noch nicht abzusehen: Vieles spricht aber hierbei für das erste, insbesondere bei Aguilera und Soderbergh. In diese Richtung argumentiert auch der Filmkritiker Peter Körte in der FAZ: „The Good German ist, was man vornehm ein Pastiche nennt, eine Hommage, ein Zitatenspiel, das sich irgendwann erschöpft hat, wenn der Reiz der kunsthandwerklich perfekten Nostalgie verbraucht ist. Dann merkt man, dass da recht wenig zu erzählen ist, dass die Wiederkehr der seriellen Studioproduktion als Unikat nicht funktioniert - und fragt sich, ob es da nicht entschlossener gewesen wäre, gleich ein Remake von Casablanca zu drehen, wenn man schon George Clooney und Cate Blanchett hat.“

Den Begriff Pastiche hat der Philosoph Frederic Jameson weiterentwickelt, um damit gegenwärtige kulturelle Phänomene im Spätkapitalismus beschreiben zu können. Er meint damit, dass u.a. in heutigen Filmen die Intention der Distanzierung und Aufklärung nicht mehr vorhanden ist. Trotzdem wird das innovative und kritische Potenzial beispielsweise der Filme aus den 50er und 60er Jahre sich angeeignet. Diese Filme besitzen aber nicht die Offenheit eines sog. postmodernen Films und sind dann nur noch die Imitation eines Originals, das entschwunden ist. Hierbei findet der nostalgische Versuch statt, sich einer verlorenen Vergangenheit wieder anzunähern.

Wenn dieser Trend nicht bald als rein modisches Gimmick wieder verschwindet, wird er gezwungen sein, sich weiterzuentwickeln. Vielleicht dann doch noch in eine Richtung, die versucht, die Beschäftigung mit der Zeit des Kalten Krieges als eine kritische Betrachtung im Sinne einer Genealogie der Gegenwart zu leisten: Als Suche nach jenen unterirdischen Kälteströmen, die das Tauwetter in eine neue Eiszeit verwandeln können, wenn sie hervorbrechen. Während zwar alle über den Klimawandel sprechen, aber sich etwas ganz anderes darunter vorgestellt hatten.

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PARTY

MALMOE zu Gast bei FM4 Millieu Kess
Sonntag, 20.5. 21h Elektro Goenner (Mariahilferstr.101, 1060 Wien)

"Kalter Krieg im Kinderzimmer"

Kalter Krieg im Plattenkoffer: DJ Boris vs. DJ Beatnik

Visual-Programm: Supermaechte auf der Jagd nach dem inneren Feind - Devianz im Zeichentrick

Nu Pagadi vs. Snagglepuss
Shadoks vs. Gibis





online seit 14.05.2007 12:17:22 (Printausgabe 37)
autorIn und feedback : Katharina Ludwig, Erk Schilder, Beat Weber


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/regieren/1419



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