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  „Damit andere Leute kommen“

Bürgerbeteiligung in Wien Brigittenau Live...

Samstag, 11 Uhr, Nordwestbahnhof, Wien Brigittenau. Etwa 40 Menschen versammeln sich bei einem Seiteneingang des Frachtenbahnhofs, um das Gelände in Begleitung von BezirkspolitikerInnen - darunter sogar Bezirksvorsteher Lacina persönlich - und ExpertInnen zu begehen: Bürgerbeteiligung ist angesagt. Gegen die Novemberkälte werden heiße Maroni und Bratkartoffeln – selbstverständlich gratis – angeboten, in einer Pause schenkt Lacina Kirschpunsch aus, der „was kann“ und den nicht nur ich aufgrund der Uhrzeit, sondern auch 2 Frauen aufgrund ihres moslemischen Glaubens auslassen müssen – heißen Tee suchen wir vergebens. Und mein Witz in Richtung Lacina, was wir davon halten sollen, dass wir hier abgefüllt werden, kommt gar nicht gut: Bürgerbeteiligung ist eine ernste Sache.

Als der Nordwestbahnhof 1872 eröffnet wurde, lag er nicht nur am Stadtrand, es musste aufgrund der notorischen Überschwemmung auch Sumpfland aufgeschüttet und bebaubar gemacht werden. Heute schneidet er einen Teil des 20. Bezirks vom Rest der Innenstadt ab, und die Idee, das Areal aufzugeben und zu bebauen oder die Gleisanlagen zu überbauen, ist nicht neu. Als wir vor 6 Jahren in ein Haus direkt am Rand des Bahnhofs gezogen sind, hieß es, die Bauarbeiten seien seit Jahren geplant und nie sei etwas weitergegangen, es bestehe aber kein Anlass zur Sorge, dass wir in Bälde eine Großbaustelle vor der Nase haben würden oder aufgrund einer „Wertsteigerung“ mit höheren Mieten rechnen müssten. Nun scheint es aber, dass die neuen ÖBB ihre Angelegenheiten in jeder Hinsicht regeln wollen: Das Gelände ist der Verwaltung der ÖBB Immobilien GmbH unterstellt, die es möglichst gewinnbringend „abgeben“ will.

Gleich am Beginn der Begehung erklärt ein „beteiligter Bürger“ ganz ungefragt, denn wir wollen heute nur informiert werden, seinen Standpunkt. Was schön wäre, meint er, wäre eine Kleingartensiedlung oder ein großer Park mit Freibad usw., aber da das nur Geld koste und nichts einbringe, werde es so etwas wohl nicht spielen. Der eloquente Herr von der Stadtteilplanungsabteilung MA 21A mit dem deplatziert wirkenden Kärntner Dialekt widerspricht: Nichts sei unmöglich, wir befinden uns am Beginn eines „Diskussionsprozesses“, einer „Ideenfindung“, einer „Grundlagenerstellung“, es werden „Hypothesen“ aufgestellt, um zu einem „Leitbild“ zu kommen. Phrasen. Da der 20. Bezirk als Ziel 2-Entwicklungsgebiet der EU gilt, wird diese den Umbau auch zur einem Gutteil subventionieren. Den Rest übernimmt die Stadt Wien bzw. nicht namentlich genannte Investoren. Das Frachtengeschäft der Rail Cargo Austria, einer ÖBB-Teilgesellschaft, wird in die Freudenau oder nach Inzersdorf verlegt, Arbeitsplätze gingen auf diesem Weg nicht verloren, glaubt der anwesende Cargo -Leiter. Dafür verspricht die Bebauung nicht nur 10.000 Wohnungen, sondern auch 10.000 neue Arbeitsplätze. Von den anwesenden „beteiligten BürgerInnen“ sind vor allem die Bezirks-Grünen und deren SympathisantInnen doch recht begeistert von der Idee, hier einen Nutzungsbereich für eher gehobenere Einkommensschichten anzulegen, weil dann, wie es eine Frau ausdrückt, auch „andere Leute“ hierher ziehen. Nicht schwer zu erraten, was diese Leute von uns unterscheiden soll: keine ArbeiterInnen, keine MigrantInnen, keine Leute, die den 20. als Bezirk mit relativ günstigen Mieten und einer Infrastruktur für vor allem türkische MigrantInnen schätzen. Was uns hier tatsächlich (gerade noch) „fehlt“, sind Leute, die gleich die Polizei rufen oder Bürgerinitiativen bilden, wenn Jugendliche allabendlich an Ecken herumstehen, mit ihren Autos an Sommerabenden durch die Gassen cruisen oder wenn Fenerbahce gegen Galatasaray ein wenig zu laute Kundgebungen verursacht. Ohne die offensichtlichen Probleme der durchaus sichtbaren Armut im 20. schönreden zu wollen und ohne die teilweise sehr männlich geprägte Bezirkskultur auszublenden, ist klar, dass Gentrifizierung (Verbürgerlichung) keines dieser Probleme lösen, sondern nur verdrängen wird – Delogierung im übertragenen, aber auch tatsächlichen Sinn, nennt das eine MALMOE-Kollegin.

Allein hier im Grätzel Zwischenbrücken wurden in den letzten Jahren mehrere Bürokomplexe hochgezogen, die zum Teil bis heute halbleer sind; wenn Wohnungen gebaut werden, sind es Genossenschafts- oder Eigentumswohnungen, die für einen großen Teil der Bezirksbevölkerung unleistbar sind. Eine gewissen Resistenz gegen den ersten groß angelegten Gentrifizierungsversuch – den Millenniumstower samt Millennium-City – ist zwar erkennbar, da die Anzug und Kostüm tragenden Angestellten im (privaten) Tower wie Aliens wirken und den Bezirk abends nach dem einen oder anderen Cocktail fluchtartig zu verlassen scheinen. Und es ist auch beruhigend festzustellen, dass die Bezirksjugend die Millennium-City fest im Griff hat. Aber gleichzeitig zeigt sich dort auch, dass die geschaffenen Arbeitsplätze bezirksspezifisch rassistisch verteilt worden sind: die guten Anstellungen in den Tower-Büros für die einen, die Jobs im Service und bei der Security für die anderen.

A propos, die grüne Bezirksrätin, mit der ich bei der Begehung verabredet bin und die in den 60er Jahren vom Nobelbezirk Hietzing kommend in der Brigittenau gelandet ist, sieht zwar ein, dass sich die „Ärmlichkeit eines Arbeiterbezirks“, wie sie ihn damals, als es noch über 70 Fabriken hier gab, kennen gelernt hat, von den MehrheitsösterreicherInnen hin zu den MigrantInnen verschoben hat. Allerdings erzählt sie mir zum Thema „passend“ auch gleich Geschichten von „Problemhäusern“, die sie bei Begehungen gesehen hat. Abgewohnte, nicht sanierte Mietshäuser, die sich für die Besitzer offenbar nicht für Investitionen eignen und deren BewohnerInnen sich in ihrer Not an die Bezirksvorstehung wenden müssen. In einem solchen Haus habe sie dann die Wohnung einer „ausländischen“ Familie gesehen: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sauber es dort war!“

Die Brigittenau ist tiefrot. Bei den Wahlen voriges Jahr bekam die SPÖ 56%, die FPÖ 16%, die bürgerlichen Parteien ÖVP und Grüne teilen sich mit je 12% Platz 3 und stehen damit beide auf verlorenem Posten. Von den 16% FPÖ-WählerInnen abgesehen also eine nicht unangenehme Situation. Allerdings, so die grüne Ex-Hietzingerin, gehe Bezirksvorsteher Lacina nächstes Jahr in Pension und dann rücken „hoffentlich andere SPÖler“ nach. Die keine Wurzeln mehr im „alten“ Arbeiterbezirk Brigittenau haben? Die gemeinsam mit den Grünen „andere Leute“ anziehen wollen? Die ein Image verwirklichen wollen, das mehr Geld bringt? Wo dann nur noch für „integrationswillige“ und „geschäftstüchtige“ MigrantInnen (siehe „Durch die Quartiere des Elends und Verbrechens“) Platz ist? Ende November geht es mit dem „Bürgerbeteiligungsverfahren“ zum Nordwestbahnhof weiter. MALMOE bleibt dran.


online seit 18.12.2006 10:27:27 (Printausgabe 35)
autorIn und feedback : Sylvia Köchl


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1307Schwerpunkt: Das Ende der ArbeiterInnenbezirke in Wien



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