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  Erinnerungskultur in Ungarn

Zwischen März 1944 und April 1945 wurden 600.000 ungarische Juden und Jüdinnen vom nationalsozialistischen Terrorregime ermordet. Wie ging die ungarische Gesellschaft mit diesem Verbrechen um?

Zwischen dem 11. und 13. April 1945 ging der 2. Weltkrieg in Ungarn zu Ende – und damit auch die aus rassistischen wie religiösen Gründen verübte Verfolgung. Der Rest des Jahres verging mit einer zermürbenden Bestandsaufnahme: Die moralischen und physischen Folgen mussten wahrgenommen, die Ausmaße von Verlust und Vernichtung erfasst werden. Die angegebenen Opferzahlen wiesen enorme Schwankungen auf, es zeigte sich sogar ein gewisser Optimismus, was die erhoffte große Zahl der noch Zurückkehrenden anbelangte.

Schwierige Rückkehr

Wie reagierte die ungarische Gesellschaft auf all das? Die verschont gebliebene, überlebende jüdische Bevölkerung empfand vor allem tiefe Trauer um die verlorenen Angehörigen. Die jüdische Glaubensgemeinde ließ den Tag der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen am 19. März 1944 zum allgemeinen Trauertag erklären, zumal der genaue Todestag der mehreren Hunderttausend Verschleppten oft nicht festzustellen war.

Von Seiten der nichtjüdischen Bevölkerung muss zwischen offiziellen und nicht offiziellen Stellungnahmen unterschieden werden. Höhere offizielle Stellen zeigten sich objektiv und freundlich, die lokalen Behörden hingegen verhielten sich meist nicht so zuvorkommend gegenüber den heimgekehrten Deportierten. Besonders im Bereich der Rückerstattung von Immobilien und sonstigen Gütern kam es zu Differenzen. Die angeblich "verlassenen" jüdischen Besitztümer waren ja längst verteilt, auseinander getragen oder auf verschiedene Weise enteignet worden. Es gab viele im Land, die sich dabei kompromittierten. Für sie war es äußerst peinlich, wenn die eigentlichen BesitzerInnen oder deren Angehörige plötzlich erschienen.

Die neue ungarische Regierung war bemüht, die Gesetzlichkeit wiederherzustellen. Die rechtswidrigen Maßnahmen der Kriegsjahre gegen Juden und Jüdinnen wurden in mehreren Rechtsvorschriften als Verstoß gegen die Menschlichkeit verurteilt. Bereits am 17. März erließ die Regierung in Debrecen eine Verordnung, die die Judengesetze für verfassungswidrig und gegen die Gesinnung der ungarischen Nation erklärte. 1946 wurde das noch einmal in akzentuierterer Form gesetzlich festgeschrieben, und dem ungarischen Judentum wurde "rechtskräftig" Abbitte geleistet. 1947 wurde die israelitische Konfession wieder in ihren Rechtsstatus als Amtskirche zurück versetzt.

Generell setzte sich aber die ungarische Gesellschaft mit den Geschehnissen nicht auseinander. Sie empfand die jüdische Tragödie nicht in ihrer vollen Tragweite. Die meisten Jüdinnen und Juden waren selber bemüht, sich versteckt zu halten. Viele änderten ihre Namen und begannen ein neues Leben. Sie trauerten still, beinahe insgeheim über ihre verschleppten oder ermordeten Angehörigen, die nur als "die nicht mehr Heimgekehrten" bezeichnet wurden.

Vielerorts kam es zu massiven Streitigkeiten um Wohnungen und anderen Besitz, der vor der Deportation zur Bewahrung anderen überlassen oder einfach "mitgenommen" worden war. Es sorgte für Missbehagen, wenn jüdische BürgerInnen gruppenweise auf der Polizei oder im Gerichtssaal erschienen und wenn sie sich in den linksorientierten Parteien engagierten. Den so genannten Neuantisemitismus nährte auch der nach dem Krieg einsetzende Zusammenbruch der ungarischen Wirtschaft. Außerdem trug die allgemeine Armut zur Stärkung der antijüdischen Gesinnung bei, denn HändlerInnen und Kaufleute, überhaupt die bürgerliche Schicht, der auch Juden und Jüdinnen angehörten, ließ die Notlage schneller hinter sich. Insbesondere die Aktionen gegen Schwarzhändler und Währungsspekulanten waren antisemitisch gefärbt. Selbst der rückständigste Aberglaube (z.B. an Ritualmord) dauerte fort. 1946 führte der zunehmende Antisemitismus zu blutigen Pogromen in Kunmadaras, Miskolc und Özd.
Die unter größten Schwierigkeiten zurückgekehrten "Zigeuner" standen vor einer schwereren, fast aussichtslosen Situation. Ihre zerstörten Behausungen wurden nicht durch neue ersetzt. Die meisten erhielten keine Unterstützung, und die Roma wurden auch bei der Aufteilung der Großgrundbesitztümer übergangen.

Um 1946 wurden die ersten Gedenktafeln zur Erinnerung an die Verschleppten und Ermordeten enthüllt. Sie gingen fast ausschließlich auf Initiative jüdischer Organisationen zurück.

Weiter leben

Die verbliebene jüdische Bevölkerung versuchte weiterzuleben. In einigen Gemeinden wurde das Glaubensleben intensiv fortgesetzt. Die größte Aktivität zeigten die vom Ausland unterstützten jüdischen Hilfsorganisationen, aber auch die geistige Elite erwachte zu einem Neuanfang: Kulturabende und Matinees wurden veranstaltet, bei denen auch die Schrecken der vergangenen Jahre zur Sprache kamen. Als Nachwirkung der Judenverfolgungen entfaltete sich eine recht starke Zionistenbewegung, die besonders bei den jungen Menschen viele AnhängerInnen fand. Sie richteten ihr Augenmerk auf die Zukunft, verwiesen aber immer wieder auf die tragischen Erlebnisse der Vergangenheit, deren logische Schlussfolgerung einzig und allein die Gründung des Jüdischen Staates sein könne. "Auf einem Friedhof ist kein Neubeginn möglich" lautete ihre Devise, die ihre Gedenkveranstaltungen leitmotivisch verfolgte. Viel sagend war auch die Kopfzeile einer ihrer Publikationen: "Dir ist's passiert".

Die öffentliche Meinung hatte sich geteilt. Viele waren der Ansicht, die Leidensgeschichte der Juden und Jüdinnen bilde lediglich einen Anteil der allgemeinen Kriegsleiden, sie sei nur eine Episode gewesen. "Jeder hat gelitten" hieß es, um sich von der Verantwortung für die Opfer und den moralischen Folgen der Judenverfolgung freizusprechen. Diese Auffassung fand in öffentlichen Gesprächen Eingang, in geschmacklosen Witzen ("die Juden wurden gevierteilt, jetzt sind sie viermal so viel wie zuvor") und selbst in Zeitungen. Das Presseorgan der Kommunisten Szabad Nèp (Freies Volk) forderte die jüdischen Überlebenden auf, beim Zurückverlangen ihrer Wohnungen mehr Geduld zu zeigen. Ein führender Funktionär der Nationalen Bauernpartei äußerte in einem Zeitungsartikel, der Opferbereitschaft könne sich niemand entziehen, nicht einmal unter dem Vorwand zuvor durchgemachter Qualen. Sein Kollege in der Parteiführung, der Schriftsteller Peter Veres erklärte, "wir brauchen weder die Schwaben noch die Juden". Der Kommunist Erik Molnár beschwerte sich darüber, dass Juden und Jüdinnen unter Bezugnahme auf ihren Leidensweg Sonderrechte erhalten sollten.

Die Kirchen verhielten sich janusköpfig. Mit tiefster Pietät gedachten sie nun der Opfer des Völkermordes, besonders wenn es sich um konvertierte, getaufte Juden und Jüdinnen handelte. Auf Initiative des reformierten Bischofs Lászlo Ravasz wurde vom Synodalrat im Mai 1946 verordnet, jedes Jahr an einem Sonntag einen Bußgottesdienst abzuhalten, denn die Kirche habe sich nicht mit voller Courage für die schuldlos Verfolgten eingesetzt. Einige Kirchenorganisationen setzten sich mit ihrer eigenen Vergangenheit kritisch auseinander und zogen sogar die Konsequenzen. In Nyiregyháza zum Beispiel hielten es die Kirchenväter für angebracht, aus Anlass des Gedenkens an die Opfer die jüdischen Überlebenden um Verzeihung zu bitten. Die vor Ort beschlossene Geste blieb jedoch nur schöne Absicht, denn sie stieß bei der Kirchenführung der Reformierten auf Ablehnung.

In diesen ersten Nachkriegsjahren wetteiferten die neuen, noch im Aufbau befindlichen ungarischen Parteien um ihre künftigen Mitglieder. Um diese Zeit geschah es auch, dass die so genannten kleinen Pfeilkreuzler, d.h. die einfachen Mitglieder der früheren faschistischen Pfeilkreuzlerpartei, von ihren Verbrechen freigesprochen oder diese als unbedeutend hingestellt wurden. Man entließ sie aus den Internierungslagern, und die sich zur Massenorganisation formierende Kommunistische Partei nahm sie auf. So gesehen ist es verständlich, warum die Erinnerung an den Terror der Pfeilkreuzler sehr bald für eine rein jüdische Angelegenheit gehalten wurde. Trauerveranstaltungen blieben dadurch ausschließlich im Rahmen des damals noch regen jüdischen Gemeindelebens und gelangten nicht an die Öffentlichkeit.
Die zionistischen Organisationen wurden aufgelöst. Anlass dazu bot die Gründung Israels. Die jüdischen Führungspersönlichkeiten hatten daraufhin zu verkünden, durch die Entstehung des neuen Staates wäre ihr Ziel erreicht.

Totschweigen

Das Jahr 1948 brachte Ungarn die kommunistische Machtergreifung. Bis 1956, in der so genannten Rákosi-Ära, gab es offiziell keine Judenfrage mehr in Ungarn. Gedenken konnte man nur sowjetischer Helden und kommunistischer Märtyrer, bei Staatsfeiern durfte man allein Stalin und seine ungarischen Schüler hochleben lassen. So beschränkte sich die Erinnerung an die Verfolgung auf ein Mindestmaß, selbst diese wenigen Gedenkfeiern blieben ausschließlich innerhalb der jüdischen Gemeinden. An den Jahrestagen fanden Trauergottesdienste statt, außerdem entsandte die Glaubensgemeinde große offizielle Delegationen nach Oswiecim (Auschwitz). Ansonsten hielt man es für besser, die Tragödie der über eine halbe Million ungarischen Juden und Jüdinnen totzuschweigen.

Die offiziellen Stellen gingen gleichzeitig gegen jede Erscheinungsform des Antisemitismus mit Härte vor. Selbst das Wort "Jude" wurde aus dem öffentlichen Gespräch getilgt, man sprach eher von "Verfolgten". Das hatte zur Folge, dass der Holocaust generell zu den faschistischen Grausamkeiten hinzugerechnet, ihnen untergeordnet wurde. Man erkannte die Verluste an, verschwieg die Opferzahlen nicht, nur hatte man vergessen hinzuzufügen, dass es Juden und Jüdinnen waren. Politisch und rassistisch Verfolgte wurden unter einen Hut gebracht, Gewicht und Rolle der ersteren ungleich stärker herausgehoben. Fest steht allerdings, die Roma-Deportation war noch viel mehr in die Schleier der Vergessenheit gehüllt, über ihr Schicksal sprach überhaupt niemand.

Um diese Zeit erschienen keine Publikationen, keine Memoiren mehr zum Thema. Das Gemeindeblatt Üj Elet widmete sich dagegen öfter der Schreckenszeit der Verfolgung und unterstrich dabei stets die ewige Dankbarkeit, die der großen Sowjetunion und dessen Generalissimus Stalin zu gelten habe. In der Kopfzeile wurde das Tagesblatt nicht mehr als jüdisch gekennzeichnet; es wurde zu einer religiösen und antifaschistischen Wochen- bzw. Monatszeitschrift, eigentlich zu einem Instrument der Volksfront.

Die Tätigkeit der amerikanischen Hilfsorganisation Joint wurde in Ungarn eingestellt. Mehr Zionisten kamen als "imperialistische Agenten" ins Gefängnis. Die Auswanderung bot keine mögliche Alternative mehr. Bis in die 60er Jahre wurde die Entvölkerung der Glaubensgemeinden in der ungarischen Provinz eine Tatsache. Synagogen wie auch jüdische Friedhöfe verschwanden. Ihre Steine fielen mancherorts zusammen mit den Gedenktafeln dem Eifer örtlicher Steinmetzmeister zum Opfer.
Die Emigrations- und Auswanderungsflut der Jahre 1956/57 beeinträchtigte die Intensität der Erinnerungsarbeit, ließ die jüdischen Gemeinden in Ungarn zusammenschrumpfen.

Aufbrüche

In den 60er Jahren begann sich dann die Lage etwas zu entspannen. In Sachen Kirchen und Religion kam es ebenfalls zu Lockerungen, was die Forschung an der Geschichte einzelner lokaler Gemeinden ermöglichte.
Zum 40. Jahrestag. 1984/85 wurden etliche Gedenktafeln enthüllt, die allerdings ohne Ausnahme die übliche Inschrift trugen. Die Ungarische Akademie der Wissenschaften bildete eine separate Arbeitsgemeinschaft zur Forschung und Aufarbeitung der Geschichte des ungarischen Judentums. Es fanden mehrere wissenschaftliche Seminare und Konferenzen statt. Unter Ägide der Akademie erschien die Studiensammlung "Ungarn 1944". Dass an der wissenschaftlichen Beratung zum Thema "Jüdische Bevölkerung im Ungarn des 20. Jahrhunderts" bereits Forscher aus Israel teilnehmen durften, bedeutete eine weitere Lockerung.

Indessen nahm der Verband der durch das Naziregime Verfolgten seine Tätigkeit auf und arbeitete praktisch in Symbiose mit der seit jeher hoch präferierten Organisation der ehemaligen Sowjetpartisanen und kommunistischen Widerstandskämpfer zusammen. Unter ihrer Schirmherrschaft fanden zahlreiche – stark durchpolitisierte–Veranstaltungen und einige Gelegenheitsausstellungen statt. Der jüdische Widerstand war allerdings ein Tabuthema, darüber zu sprechen oder zu schreiben galt als unangemessen.

Ein Vorzeichen des politischen Systemwechsels in Ungarn war die Gründung verschiedener jüdischer Organisationen. Während 1985 selbst Mitglieder regelmäßig zusammentreffender jüdischer Privatgesellschaften etwa durch polizeiliche Vorladungen behelligt wurden, konnten sich 1989 mehrere jüdische Vereinigungen konstituieren: so die Gesellschaft für Ungarisch-Israelische Freundschaft, der Jüdische Kulturverein Ungarns (die Nummerierung der Mitgliedsausweise begann in Erinnerung an die Opfer bei 600.001) oder die Zionistische Organisation.

Eine weitere Folgeerscheinung der politischen Umwälzungen war die Forderung nach gerechter Entschädigung. Mit Anlauf der Entschädigungsprozedur – die bescheidenen Zuwendungen wurden aus öffentlichen Geldern finanziert – erhielt die Erinnerungsarbeit, die Heraufbeschwörung des jüdischen Traumas einen gesamtgesellschaftlichen Charakter. Plötzlich entsannen sich selbst solche Menschen ihrer Herkunft, die bislang keinerlei Kontakt zum Judentum unterhielten und alles daransetzten, ihre Wurzeln möglichst zu verdecken und zu vergessen.

Der 50. Jahrestag bildete einen neuen Höhepunkt der Auseinandersetzung. 1994 erschienen unzählige Bücher und Publikationen zum Thema, und im Budaer Burgschloss wurde die Gedenkausstellung "Judenverfolgung 1944" eröffnet. Verschiedene Schulprogramme und Landeswettbewerbe halfen der Jugend, die traurigen Ereignisse der Vergangenheit näher kennen zu lernen. Ab dieser Zeit wurden auch die bislang vernachlässigten, verödenden jüdischen Friedhöfe in mehreren Ortschaften der ungarischen Provinz in Ordnung gebracht, oft sogar unter freiwilliger Mitarbeit der OrtsbewohnerInnen.

Die Neugründung der zionistischen Organisationen rückte Selbstrettung und Widerstand der Juden und Jüdinnen während der Schreckenszeit in den Vordergrund der wissenschaftlichen Forschung. 2003 wurde diesem bisher stiefmütterlich behandelten Themenkreis eine Sonderkonferenz gewidmet.
Die Verfolgung der ungarischen Roma und Sinti erhielt ebenfalls mehr Aufmerksamkeit. Zum Andenken an die Opfer fand vor einigen Jahren in der Nacht vom 2. auf 3. August vor dem ungarischen Parlament eine öffentliche Totenwache statt. Mehrere Dokumentarfilme behandelten ihre Schicksalstragödie, und in 6 Ortschaften der ungarischen Provinz wurde an die verschleppten oder von ungarischen Gendarmen getöteten Roma und Sinti mit einem Denkmal erinnert.

Ein anhaltend lebhaftes Echo (aber auch etwas Polemik) erregte die Auszeichnung des Schriftstellers Imre Kertesz mit dem Nobelpreis für Literatur. Seine Romane fanden seither in zahlreichen ungarischen Schulen Eingang in den Lehrstoff. Sein preisgekröntes Werk wurde mit staatlicher Unterstützung verfilmt und ist heuer in den Kinos angelaufen.

Ausblick

Bei der Erörterung des Themas Erinnerung und Erinnerungsarbeit in Ungarn muss man feststellen: Das Ausbleiben einer konsequenten Auseinandersetzung mit der Frage nach der historischen Verantwortung fördert den so genannten Geschichtsrevisionismus. In den 90er Jahren verbreitete sich wieder die früher gern verlautbarte Ausrede – jeder habe gelitten. Im Klartext: Die Tragödie des Judentums wird mit den Kriegsopfern, die Aufopferung der zum waffenlosen Militärdienst verschleppten Juden mit dem im Feuergefecht gefallen Soldaten unter einen Hut gebracht. Für diese Denkweise ist Auschwitz eine Art Gulag, die beispiellose Grausamkeit der Todesfabrik wird dabei verschwiegen oder gar geleugnet.

Die oft gebrauchten relativierenden, kleinlich vergleichenden Behauptungen trüben häufig die klare Sicht der neuen Generationen, oft sogar die der LehrerInnen. Die Verantwortung der ungarischen Seite wird gern auf die Deutschen abgewälzt. Für alles, heißt es in dieser Auffassung, sei der Satan, Eichmann und sein Sonderkommando, verantwortlich. Viele spielen mit den Zahlen gleichsam ein Geländespiel, was in Wirklichkeit eine Manipulation der Verlustziffern bedeutet.

Sicher vernimmt man gelegentlich auch in Ungarn Meinungsäußerungen darüber, man habe schon genug von Holocaust und Massenvernichtung gehört, man hätte schon das ewige Gedenken satt. Hin und wieder begegnet man gar der Leugnung oder Relativierung der wahren Geschehnisse. Gewisse Zeitungen – früher waren es Hunnia oder Szent Korona (Heilige Krone), neuerdings Magyar Forum und Üj Demokrata – bringen wiederholt Artikel, die sich bemühen, die Opferzahlen zu verringern und die Verantwortung der ungarischen Gesellschaft zu verwischen. Und die junge ungarische Demokratie steht recht ratlos diesem Phänomen gegenüber, rätselt herum, wie viel sie noch tolerieren könne und wogegen sie mit gesetzlichen Mitteln auftreten solle. Die öffentliche Meinung weist die Hasspropaganda und ihre praktischen Erscheinungsformen jedoch zumeist energisch zurück.

Zurückschauend auf 6 Jahrzehnte der Erinnerung an die Verfolgung durch die Nationalsozialisten können wir feststellen, dass Ungarn nach einer 40 Jahre währenden schwierigen Periode in den vergangenen 15 Jahren neue Ergebnisse und Erfolge aufweisen kann. Es kann zwar nicht behauptet werden, dass die ungarische Erinnerungsarbeit frei von gewissen Mängeln und Fehlern sei, doch der Großteil der Gesellschaft begegnet dem Thema mit einem gesunden Realitätssinn und empfindet Mitleid mit den Opfern.
Szabolcs Szita, Budapest


Langfassung auf www.gedenkdienst.at


Zur Geschichte der Shoah in Ungarn siehe Raul Hilberg "Die Vernichtung der europäischen Juden", Fischer TB 1994, Bd. 2, S. 859-926.






online seit 01.11.2005 17:50:27 (Printausgabe 28)
autorIn und feedback : Szabolcs Szita, Budapest


Links zum Artikel:
www.gedenkdienst.at



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