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Im Förder-Netz der Widersprüche Die Stadt Wien hat ein neues Fördermodell für Netzkultur. Während sich die Wiener Netzpioniere "Public Netbase" mit der dieser Tage erfolgten Umbenennung in "Netbase" offenbar auf schlankere Zeiten und Fördertöpfe einstellen, haben sich andere Szene-ProtagonistInnen unter dem Label "netznetz.net" vorgenommen, künftig auf das Förderwesen in Wien Einfluss zu nehmen. "netznetz ist ein kollaborativer Prozess zur Sichtbarmachung der Netzkultivierenden im elektronischen Raum Wien, Österreich und wwwweit darüber hinaus", so die Selbstdarstellung der Initiative. Entstanden aus dem Wunsch, die Netzkulturszene zu organisieren und der als Dominanz empfundenen Stellung der Public Netbase (der vielfach ein "Alleinvertretungsanspruch" der Szene vorgeworfen wurde) etwas entgegenzusetzen (vgl. MALMOE 21), machte sich die Gruppe zuletzt daran, mit der Stadt in Verhandlung über ein reformiertes Fördermodell für den Bereich "Neue Medien" zu treten. Mit Erfolg: Am 8.7. präsentierte Kulturstadtrat Mailath-Pokorny ein auf netznetz-Überlegungen basierendes neues Fördermodell. Das Modell sieht vier Förderbereiche vor, mit unterschiedlichen Entscheidungsmodi: Während "Microgrants" Neueinsteigern und Kleinprojekten wie bisher Förderungen (1-3.000 Euro) durch das Magistrat zuerkannt werden sollen, sollen 90% der Fördermittel für größere Projekte, Infrastrukturdienste und eine jährliche Szene-Veranstaltung vergeben werden – und zwar auf Basis von Abstimmungen innerhalb der Szene. Den Kern der Projektförderung macht ein so genanntes "Reputationssystem" aus. Hier wird ein aus der Netzkultur (etwa in der kollaborativen Entwicklung von Software, in elektronischen Tauschbörsen, bei Ebay etc.) bekannter Mechanismus aufgegriffen, und soll zum Beurteilungskriterium für Förderwürdigkeit mutieren: Nach bestimmten Kriterien (neben Sympathie z.B. Transkulturalität, Mobilität etc.) soll die Community untereinander Punkte vergeben, die zur Basis von Förderungen für die "Besten" werden. Damit klinkt sich netznetz in einen Trend ein, der die Creative Industries-Politik der Stadt Wien bereits kennzeichnet: Die kollektive Einbeziehung der Geförderten in die Ausgestaltung der Förderpolitik. Während das bislang eher in Form von Vor-Sondierungen in Form von Open Space-Konferenzen zum Bedürfnisse-Abtasten geschah, geht das netznetz Modell weiter – hier wird Partizipation an der formalen Entscheidungsfindung gefordert. Doch das Modell hat nicht nur FreundInnen. Neben Widerständen in der Stadtverwaltung hat der Vorschlag auch szeneintern kontroversielle Diskussionen ausgelöst. Während das netznetz-Modell eine stark antimonopolistische Stoßrichtung hat (durch regelmäßige Gruppenevaluation soll verhindert werden, dass sich ungerechtfertigt Förder-Routiniers gegenüber der Stadt etablieren), wurde die Frage gestellt, ob das Reputations-basierte Modell nicht ein System der "Freunderlwirtschaft" etabliert, das ein ebenso perfektes Kartell bilden kann. Die Überlegung, dieser Gefahr durch diverse institutionelle Absicherungsmaßnahmen im Abstimmungssystem zu begegnen, könnte wiederum das Exklusions-Problem bloß verlagern: Durch Errichtung überkomplizierter und aufwändiger Prozeduren, an denen teilnehmen muss, wer dauerhaft Fördergeld bekommen möchte, werden unsichtbare Barrieren für Neuankömmlinge aufgebaut. Und während die Vorstellungen von netznetz stark vom Prinzip des kollaborativen Arbeitens und der Vernetzung als positivem Leitgedanken und Organisationsmodell geprägt sind, wären die Implikationen dieser Formanforderungen für die Inhalte der Arbeit genauer zu überlegen: Die Gefahr einer Bevorzugung von "Konsenskunst" zuungunsten von kritischen Projekten ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man davon ausgeht, dass Kritik oft erst durch Abstand, ja Distanz zur gesellschaftlichen Normalität bzw. der jeweiligen "Szene" möglich wird. Wenn dann "Vernetzung" als gesellschaftlich ohnehin hegemoniales Organisationsmodell zum Fetisch und Förderkriterium erhoben wird, könnte es für Kritik enger werden. Auch das Verhältnis zur Stadt ist Fragen ausgesetzt: Gliedert sich die Netzkulturszene, während andere Subszenen und Projekte sich über Vereinnahmung durch die Stadt beklagen, mit ihrer Initiative freiwillig als unbezahlt-outgesourcter Beirat in den Verwaltungsapparat ein? Oder handelt es sich um selbstbewusstes Einfordern von Mitsprache? Das neue könnte jedenfalls zu einem interessanten Experimentierfeld für das Spannungsfeld von Demokratisierung und Gesellschaftskritik werden. online seit 08.07.2005 14:19:52 (Printausgabe 27) autorIn und feedback : Tommi Settergren Links zum Artikel:
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