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  Kreative Stadt

Risiken und Nebenwirkungen eines Diskurses.

Amsterdam hat es, London hat es schon längst, Wien hat das Potenzial dazu: Die Rede ist vom kreativen Gehalt heutiger Städte, von Creative Industries und Creative Cities. Da Städte schon seit Menschengedenken Orte von Innovation und kultureller Vielfalt waren, ist zu fragen, warum das Konzept Kreativität gerade zum jetzigen Zeitpunkt eine solche Bedeutung entfaltet und in welcher Form es mit der Stadt verknüpft ist.
Nur wenige Jahre nach dem offiziellen Niedergang der New Economy wird Kreativität von lokalen Wettbewerbsstrategen als neue Wertschöpfungsgrundlage für Städte und Regionen gehandelt, durchaus heranreichend an anderen Zukunftssparten wie Biotechnologie und Mikroelektronik. Eine Studie für Wien stellte fest, dass bereits heute ein beachtlicher Anteil der Beschäftigten im Bereich der sogenannten Creative Industries tätig sei. Für die Zukunft werden Wachstumschancen und insbesondere ein auszuweitendes Exportpotenzial ausgemacht.

Der urbane Kreativsektor glänzt durch eine bunte und diffuse Vielfalt an Phänomenen. Angesprochen werden Segmente im erweiterten IT-Umfeld, über Multimedia, Softwareproduktion, Werbung, Film, Architektur, Design bis zu Bildender Kunst. Im Blick sind gleichsam Großunternehmen im Mediensektor, wie KünstlerInnen im herkömmlichen Sinne aber auch und vor allem KleinstunternehmerInnen jedweder Ausrichtung, die einfach auf kreative Weise ihre Ich-AG über Wasser halten. Auch strukturell werden ähnliche Merkmale wie bei der noch in den 90er Jahren gehypten New Economy transportiert: KreativarbeiterInnen sind vor allem jung, flexibel, kreativ.

Be creative!

Kreativität gehört zu jenen Begriffen, die äußerst vage definiert und durchwegs positiv besetzt sind. Gerade darin liegt ein strategisches Potenzial. Im aktuellen Diskurs wird Kreativität zur Norm erhoben (be creative!), welche als kreatives Selbstverständnis (wer wollte nicht kreativ sein) bereitwillig aufgesogen wird. Übersehen wird dadurch leicht, dass mit dem Kreativitätsimperativ nicht nur schöpferische Praxen, wie sie im traditionellen Umfeld von KünstlerInnen vermutet werden, verallgemeinert werden, sondern vielfach auch die dort verbreiteten prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse.

Kreativität ist zunehmend vor allem da gefragt, wo die bisherigen Sicherungs- und Fördersysteme zurückgebaut werden. Im Zuge immer knapperer und restriktiverer Mittelvergabe für nicht-kommerzielle Projekte bedeutet der Zwang zu Kreativität auch den Zwang zu permanenter Innovation, Distinktion, Wettbewerb. Vor dem Hintergrund zunehmender Privatisierung und Individualisierung gesellschaftlicher Risiken, kann Kreativität auch als geschöntes Label für die Fähigkeit des erfolgreichen Managens der Zumutungen neoliberaler Alltagswelten verstanden werden.

Kreativität findet Stadt

Auffällig ist eine explizite Verknüpfung des Begriffs Kreativität mit dem Standort, mit der Stadt. Die Suche nach innovativen Wachstumsbranchen zur Positionierung der Stadt im überregionalen Standortwettbewerb ist inzwischen ein bekannter Bestandteil jedweder Politik. Mit den Creative Industries geraten jedoch jetzt auch die spezifischen soziokulturellen und stadträumlichen Standortanforderungen der Kreativen selber in den Blick. Der Creative Cities Diskurs kann also als komplementärer Hintergrund der Creative Industries verstanden werden.

Die Rolle kreativer urbaner Milieus für die Anziehung innovativer KreativarbeiterInnen wurde mit missionarischem Eifer vom US-amerikanischen Bestsellerautor Richard Florida verkündet. Ein Kreativitäts-Index, gestützt auf einen Gay- bzw. Bohemien-Index, als Maß für Offenheit, Toleranz und Diversität eines Ortes, gibt Auskunft über die Attraktivität der Stadt für Kreative und damit deren Erfolg im Standortwettbewerb. Erstaunlich hieran ist weniger die empirisch fragwürdige Aufstellung einfacher Korrelationen (à la: gleichzeitiger Anstieg von Storchpopulationen und Geburtenraten belegt den Klapperstorch), sondern die Bereitwilligkeit, mit der dieses Diktum von lokalen PolitikerInnen aufgesogen wurde – zu vermuten ist, dass auch Wien nicht verschont bleiben wird.

Every Culture needs its subculture

"Every Culture Needs Its Subculture": Der paradigmatische Spruch des ehemaligen Bürgermeisters von Amsterdam verweist auf die Bedeutung von Ungeplantem und Subversivem für die Entstehung von Kreativität. Hierin liegt das neue Dilemma. Kreativität als ökonomische Ressource soll gefördert werden, lässt sich aber nicht planen. Sie kann nur durch Kontextsteuerung ermöglicht werden. Hier kommt der urbane Kontext ins Spiel.
Phänomene, die zuvor als Nebeneffekte urbaner Entwicklungen mit Mühe toleriert, meist in Folge verdrängt wurden, werden nun zum Standortfaktor deklariert. Die Stadt Amsterdam hat im Zuge dieser Logik die Leistungen ihrer reichhaltigen Artisten- und Squatter-Szene entdeckt und unterhält seit einigen Jahren ein spezielles "Brutplatzprogramm": Ehemals autonome Kulturzentren in besetzten Lagerhallen und innerstädtischen Wohnhäusern, die noch zuvor Repressionen und Räumung zu erwarten hatten, werden zu so genannten „Brutplätzen“ (broedplaatsen) ernannt. In diesem Rahmen erhalten sie städtische Zuschüsse, damit sie kreative Personen, Diversität und ein innovatives städtisches Umfeld "ausbrüten".

Diese zur Schau getragene Toleranz ermöglicht neue Sichtweisen, bleibt jedoch widersprüchlich, instrumentell und scheinheilig. Projekte und KünstlerInnen sind in dieser Logik solange gut, wie sie dem Standort dienen. Gefördert werden die Guten und Nützlichen. Gleichzeitig werden zur Bekämpfung der bedrohlichen Potenziale von Kreativität revanchistische Politiken verschärft: Privatisierung öffentlicher Räume, Ausweitung von Kontroll- und Überwachungsstrategien, Ausschluss unerwünschter Personengruppen etc.

Wiederbeleben - inwertsetzen

Das kreative Potenzial von Stadtteilen wird immer häufiger auch mit dem emphatisch verwendeten Begriff „Wiederbelebung“ entdeckt und erschlossen. Bemerkenswert ist dabei die diskursive Abwesenheit der "weniger kreativen" Bevölkerungsgruppen. Aufwertung und damit zwangsläufig Verdrängungseffekte gegenüber einkommensschwächeren Gruppen (also Gentrifizierung), werden nicht mehr als bedauerliche Nebeneffekte, sondern als (Planungs-)Programme diskutiert. Ein kritischer Umgang ist vor allem deshalb schwierig, da Aneignungnungsprozesse, Aufwertung und Verdrängung fast zwangsläufig Hand in Hand gehen. Die Schwierigkeit, hier einen Weg zu finden, zeigt sich nicht zuletzt bei Projekten wie dem Wiener "Soho in Ottakring".

Kreative Schrumpfung

Das Konzept der kreativen Städte erinnert bisher jedoch noch immer an pulsierende Metropolen, wo KünstlerInnen und IT-Worker in dynamischen Stadtteilen eine fröhliche produktive Symbiose eingehen. Inzwischen wird es jedoch auch im Bezug auf die von PlanerInnen und ForscherInnen in letzter Zeit vermehrt ausgemachten „schrumpfenden Städte“ diskutiert. Der Begriff klingt gleichsam wie das Eingeständnis einer Gesellschaft, die nach wie vor auf Wachstum setzt, dass dessen Früchte nicht mehr überall im Territorium angeboten werden. Gefragt sind hier Konzepte, wie sich jene von soziökonomischem Niedergang geplagten Städte mit Kreativität wieder selbst aus dem Sumpf ziehen, oder zumindest diesen kreativ, d.h. sozialverträglich managen können – selbstverständlich kostenneutral.
Solange Kreativität jedoch auf Marketingkonzepte und die Bewältigung gesellschaftlich produzierter Mängel reduziert wird, bleibt sie eine Zumutung. Die positive Konnotation des Begriffs macht eine kritische und differenzierte Auseinandersetzung über Nebeneffekte und weitergefasste Gestaltungsspielräume schwierig und notwendig.


Quellen:
Bröckling, Ulrich (2004): Kreativität. In: Bröckling, Ulrich; Krasmann, Susanne; Lemke, Thomas (Hg.): Glossar der Gegenwart. Frankfurt, Suhrkamp. 139-144.






online seit 06.04.2005 10:25:26 (Printausgabe 25)
autorIn und feedback : Bettina Köhler


Links zum Artikel:
www.creativeindustries.at
www.impulsprogramm.at
www.departure.at
www.creativwirtschaft.at
www.sohoinottakring.at
www.creativeclass.org
www.broedplaatsamsterdam.nl
www.shrinkingcities.com



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